Das Turiner Grabtuch: Widerlegt es die Auferstehung?

Harald Stollmeier am 1. Mai 2014

Das Turiner Grabtuch zeigt Vorder- und Rückseite eines Gekreuzigten und auch sein Gesicht. Seit es Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankreich auftauchte, hat es polarisiert: Für die einen ist es das echte Leichentuch Christi, für die anderen ein wenn auch schwer zu erklärendes mittelalterliches Kunstwerk. Der englische Kunsthistoriker Thomas de Wesselow legt in seinem Buch Das Turiner Grabtuch und das Geheimnis der Auferstehung (Original: The Sign) eine Lösung für dieses Rätsel vor, und für die Entstehung des Christentums gleich mit.

Gründlich arbeitet de Wesselow Argumente für die Echtheit des Grabtuches heraus und widerlegt die Argumente dagegen, auch die C14-Messung von 1988, die ein Alter des Tuches von (nur)  ca. 700 Jahren ergeben hatte. Zu den Argumenten für die Authentizität gehört, dass die Darstellung des Gekreuzigten nicht zur mittelalterlichen Vorstellung von Kreuzigungen passt, sehr wohl aber zur inzwischen bekannten historischen Realität von Kreuzigungen im römischen Reich. Das gilt namentlich für das Durchbohren der Unterarme anstelle der Handflächen, für die Wunden, die durch die Geißelung entstanden sind und für die Abschürfungen an beiden Schultern durch das Tragen des Kreuzbalkens – in mittelalterlichen Darstellungen trägt Jesus das ganze Kreuz, nicht nur den Balken.

Für de Wesselow ist klar: Es handelt sich um das Grabtuch eines Juden (wegen der Spuren der Leichenwaschung), der im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt mit einer Dornenkrone bzw. einer Dornenhaube auf dem Kopf gekreuzigt wurde und ganz sicher (wegen Hinweisen auf Leichenstarre) dabei starb. Und tatsächlich ist uns nur ein einziger Fall überliefert, auf den diese Beschreibung passt: die Hinrichtung von Jesus Christus.

Für die Entstehung des Abbildes liefert de Wesselow unter Berufung auf den Grabtuchexperten Ray Rogers eine plausible, rein naturwissenschaftliche Erklärung: eine Maillard-Reaktion zwischen dem Körpereiweiß des Verstorbenen und den Kohlehydraten im Leinen. Maillard-Reaktionen kennt man aus der Küche; sie erklären beispielsweise die knusprige Bräunung eines Bratens. Mehr oder weniger übernatürliche Erklärungen wie Strahlungsbräunungen infolge von „Auferstehungsenergie“ lehnt de Wesselow ab; er ist entschlossen, es ohne Wunder zu schaffen, und er schafft es.

Er schafft es auch ohne Auferstehung. Seine „Grabtuchtheorie“ zur Erklärung der Entstehung des Christentums ist von verblüffender Einfachheit. Ihr Kern: Die Person auf dem Grabtuch ist nicht eine Spur des Auferstandenen, sondern der Auferstandene selbst. Sowohl die Auferstehungsberichte in den Evangelien als auch das Auferstehungsbekenntnis im 1. Korintherbrief lassen sich mit dieser These in Einklang bringen. Insbesondere eignet sich dafür die ausführliche Erläuterung des Apostels Paulus am Ende des ersten Korintherbriefes zum Wesen des Auferstehungskörpers, der himmlisch, nicht irdisch sei und ganz anders als der sterbliche Körper. Auch die in den Evangelien wiederholt auftauchende Unfähigkeit der Jünger, Jesus sogleich zu erkennen, stützt die „Grabtuchtheorie.“ De Wesselows wichtigste Quelle ist aber das apokryphe Petrusevangelium, das einzige Evangelium übrigens, dass die Auferstehung selbst beschreibt.

De Wesselow beschreibt das Szenario durchaus nicht abschätzig. Er beschreibt aufgrund eigener Erfahrung, dass man in der Nähe des Grabtuchs das Gefühl bekommen kann, nicht allein zu sein. Es ist einleuchtend, dass die Frauen und auch Petrus bei der Entdeckung des Abbildes auf dem Grabtuch an ein Wunder glaubten, und zumindest vorstellbar, dass sie aus dieser Entdeckung auch dann auf eine „Erhöhung“ des Gekreuzigten geschlossen hätten, wenn der Leichnam noch im Grab gewesen wäre (was de Wesselow annimmt). Anders wäre es ja auch nicht vorstellbar, dass sich so viele der Auferstehungszeugen für ihr Bekenntnis zu Tode foltern ließen.

Die Erscheinungen des Auferstandenen laut Paulus in 1 Kor 15,3-9 (erst dem Kephas, dann den 12, dann über 500 Brüdern auf einmal, dann allen Aposteln und schließlich ihm selbst als einer unzeitigen Geburt) wären dann jeweils Vorführungen des Grabtuches gewesen. Dabei sei das Grabtuch über Land gebracht und zwischenzeitlich in Damaskus deponiert worden, wo Saulus/Paulus versucht habe, es zu beschlagnahmen, und dabei bekehrt worden sei. Später habe man das Grabtuch nach Edessa gebracht, wo es Jahrhunderte später als „Mandylion“ wieder aufgetaucht und nach Konstantinopel überführt worden sei, von wo es beim 4. Kreuzzug geraubt worden sei. Schon in Edessa sei es recht bald weggeschlossen worden, worauf sich die nach und nach die Vorstellung von der Auferstehung als Wiederbelebung des Leichnams, ergo vom leeren Grab, etabliert habe. Diese sei dann in die Evangelientexte (anders als in den 1. Korintherbrief) eingeflossen.

Dass in den Texten niemals die Rede von einem Bild ist, ficht de Wesselow nicht an. Er erklärt das mit einer von der unsrigen stark abweichenden Wahrnehmung von Bildern zu jener Zeit und unter gläubigen Juden, um die es ja damals ausnahmslos ging. Obwohl diese Einschätzung angesichts der beträchtlichen Hellenisierung des Heiligen Landes zu weit gehen dürfte, ist es erlaubt anzunehmen, dass das Grabtuch als wundersam und „nicht von Menschenhand“ entstandenes Bild großen Eindruck gemacht haben muss.

Trotzdem stößt de Wesselow hier an seine Grenzen. Denn während manches in den Evangelien und den Paulusbriefen tatsächlich verblüffend gut zur „Grabtuchtheorie“ passt, gibt es eben auch Elemente, die ganz und gar nicht passen. Ganz besonders gilt das dafür, dass der auferstandene Christus in den Evangelien spricht und isst, nicht zu reden vom leeren Grab. Wesselows Lösung, hier ausnahmslos nachträgliche Verfälschungen zu erkennen, bezieht einen großen Teil ihrer Legitimation aus der Einschätzung, die Evangelien seien samt und sonders erst nach dem Jüdischen Krieg und der Zerstörung der Jerusalemer Gemeinde entstanden. Diese Einschätzung ist aber keineswegs unbestritten. Hugo Staudinger beispielsweise (Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien, Seite 40-43) sieht in einem Markus-Fragment mit Absätzen aus dem Jahr 50 einen Beleg dafür, dass zumindest dieses Evangelium bereits lange vor der Zerstörung des Tempels existierte, und zwar als redaktionell bearbeiteter Text; der betreffende Papyrus7Q5 stammt übrigens aus dem im Jahr 68 versiegelten Qumran-Rollen.

The Sign von Thomas de Wesselow ist ein anregendes Buch, besonders wenn man noch nicht viel über das Grabtuch gelesen hat. Der Verfasser argumentiert belesen und kreativ, und mit dem Grabtuch kennt er sich aus. Außerdem gelingt es ihm, eine Erklärung für die Entstehung des Christentum zu finden, die ohne eine übernatürliche Ursache auskommt. Auf den ersten Blick ist diese Erklärung so plausibel, dass es dem gläubigen Leser kalt den Rücken hinunterläuft – besonders bei der Vorstellung, dass der so grausam gemarterte Christus in Wirklichkeit tot geblieben sein sollte.

Gar so weit kommt es am Ende nicht, weil der Verfasser mit den frühchristlichen Quellen doch allzu großzügig umgeht. Es ist nicht überzeugend, wenn man alles, was nicht passt, für gelogen erklärt oder zumindest für einen Irrtum wegen des großen Zeitabstandes, gleichzeitig aber den jedenfalls größeren Zeitabstand des Petrusevangeliums (Entstehung wohl in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, sogar nach de Wesselows eigener Schätzung also mindestens 50 Jahre später als die synoptischen Evangelien) für so belanglos hält, dass man ihn nicht einmal erwähnt.

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2 Kommentare zu “Das Turiner Grabtuch: Widerlegt es die Auferstehung?”

  1. Peter Endersam 1. Mai 2014 um 15:20

    Vielen Dank für diesen ausführlichen und klug geschriebenen Kommentar!

  2. DMam 2. Mai 2014 um 10:13

    Leider wird auch hier wieder die aktuellen Erkenntnisse bzw. das Wissen über das andere Schweißtuch (Manoppello) außer acht gelassen. Siehe hierzu u.a. Paul Badde “Das göttliche Gesicht” sowie “Das Grabtuch von Turin”.
    Dass dieses deckungsgleiche Antlitz ausgerechnet heute auftaucht, muß die Turiner Grabtuch Bücherschreiber ungemein stören.

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