Kurze Wege

Caroline Stollmeier am 24. September 2014

Jetzt wird es hier auch mal wieder persönlich… Gerade habe ich in der Zeitung gelesen, dass NRWs konfessionelle Grundschulen nun einfacher in Gemeinschaftsgrundschulen umgewandelt werden sollen. Die Begründung ist mal wieder „Diskriminierung“.

Also, kleine Kinder dürfen nicht diskriminiert werden, indem man ihnen zumutet eine vielleicht etwas weiter entfernte Grundschule zu besuchen, damit sie unbehelligt von Religion aufwachsen können. Und Lehrer und Schulleiter dürfen nicht diskriminiert werden, weil sie die falsche oder keine Konfession haben, und sich deshalb auf bestimmte Stellen nicht bewerben können.

Hier stellen sich mir gleich mehrere Büschel Nackenhaare auf. (Zumal die Berichterstattung mal wieder große handwerkliche Defizite aufweist.) Aber dieser Artikel soll jetzt auch nicht 40 Seiten lang werden…

Unsere Kinder besuchen eine städtische Grundschule. Weil es hier keine konfessionelle Grundschule gibt. Das ist aber kein Problem. Wenn man möchte, dass die Kinder mit Gott in Berührung kommen, dann kann man das in der Familie und in der Gemeinde wahrscheinlich sowieso viel besser, als es die Schule bzw. die Lehrer können. Zumal im Religionsunterricht hauptsächlich über allgemeine gesellschaftliche Themen gesprochen wird (was übrigens beim letzten Elternabend als besonderer Bonus vorgestellt wurde).

Es geht ohne konfessionelle Grundschulen. Das sieht man ja alleine auch schon daran, dass es außerhalb von NRW kaum noch andere Bekenntnisschulen gibt. Aber zum Thema „Diskriminierung“ habe ich eine ganz andere Meinung!

Meine Erfahrungen sind natürlich nicht repräsentativ. Aber wenn ich im Gespräch mit anderen Eltern mal erwähne, dass wir am Sonntag in die Kirche gehen (was wir bei weitem nicht jede Woche tun), weil unsere Tochter gerne  im Kirchenchor mitsingt, dann werde ich angeschaut, als würde ich meinen Kindern Gewalt antun oder Vergleichbares. Und das sind dann Eltern, die ihre Kinder selber auf einen katholischen Kindergarten geschickt haben…

Am letzten Samstag war mein Mann beim „Marsch für das Leben“ in Berlin. Obwohl sie natürlich nicht nur christlich ist, endet diese Demonstration für das Lebensrecht – vor allem der ungeborenen Menschen – traditionell mit einem ökumenischen Gottesdienst. In diesem Jahr wurde der Abschlussgottesdienst von Gegendemonstranten allerdings massiv gestört. Hier wurden friedliche Menschen an der freien Religionsausübung gehindert – DAS nenne ich Diskriminierung!

Wenn Menschen nicht (mehr) an Gott glauben, ist das zunächst eine persönliche Entscheidung. Es ist ihr Recht, keiner Konfession anzugehören. Aber es ist nicht ihr Recht andere Menschen in ihrer Religionsfreiheit einzuschränken – vor allem, wenn diese Menschen sich friedlich und im Einklang mit geltendem Recht bewegen, wie Christen das in der Regel tun.

In unserer Gesellschaft werden „humanistische“ Kräfte immer stärker, die vor allem eins eint: der Hass auf jede Form von Religion (sie nennen das: Religionskritik). Eine Sache ist, dass viele Humanisten selbst Atheisten sind. Eine ganz andere Sache ist, dass sie alle Menschen, die an einen Gott glauben, grundsätzlich für intellektuell minderbemittelt halten und auch nicht müde werden, diese Ansicht unters Volk zu bringen. Diesen Leuten möchte ich am liebsten sagen: „Hey, ich verstehe Euch! An diesem Punkt war ich auch schon – vor etwa zehn, fünfzehn Jahren. Aber inzwischen bin ich weiter.“

Aber um auf die Diskriminierung zurück zu kommen… (Eigentlich hasse ich diesen Ausdruck, weil inzwischen alles und jeder diskriminiert sind. Aber ich habe ja auch nicht davon angefangen.) Wenn man in unserer Gesellschaft die Augen auf macht, dann sieht man, dass viele Menschen aufgrund ihres Glaubens diskriminiert werden. Und zwar nicht, weil sie den „falschen“ Glauben haben, sondern weil sie überhaupt einen Glauben haben.

Und falls das hier jetzt aus Versehen jemand liest, der nicht religiös ist, dann fasse sich diese/r jetzt bitte mal kurz an die Nase. Wahrscheinlich ist Ihr Nichtglaube das Ergebnis eines harten, langen, inneren Prozesses, an dessen Ende Sie sich zu der Gewissheit durchgerungen haben, nun endlich alles verstanden zu haben. Und an dieser logischen Erkenntnis möchten Sie jetzt selbstlos andere Menschen teilhaben und sie nicht länger in Verblendung und Irrglaube dämmern lassen?

Okay, Sie haben auf alles eine Antwort. Aber versuchen Sie doch bitte für einen kurzen Augenblick meine zu sich durchdringen zu lassen: Der Weg ist nicht zu Ende an dem Punkt, an dem Sie jetzt stehen. Aber Sie müssen sich selber entscheiden, ob Sie weiter gehen wollen oder nicht. Genau so, wie meine Kinder später ihren eigenen (Glaubens-) Weg gehen sollen. Sie sollen Gott jetzt kennenlernen, damit sie einen Kompass oder meinetwegen ein GPS-Gerät fürs Leben haben und wissen, wie man damit umgeht. Ob sie es später dann benutzen oder nicht, ist ihre Sache.

Wir lehren unsere Kinder Toleranz und Empathie aber auch Selbstbewusstsein gegenüber anderen Menschen (selbst gegenüber Ignoranten). Wir brauchen nicht unbedingt Bekenntnisschulen, um diese Dinge zu vermitteln, die uns wichtig sind. Aber wir brauchen eine Gesellschaft, die Freiheit nicht nur fordert, sondern auch gewährt. Wer glaubt, dass er nicht glaubt, der darf das genau so wie jemand der glaubt. Und die Gesellschaft besteht aus Ihnen und mir. Wenn wir nicht den Unterschied machen, wer denn dann?

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Ein Kommentar zu “Kurze Wege”

  1. Claudia Sperlicham 24. September 2014 um 16:56

    Ich sehe ein Problem darin, daß die konfessionellen Schulen staatlich finanziert werden. Damit gibt die Kirche ein ziemlich großes Stück Einfluß an den Staat ab. Allerdings wäre die Alternative eine kirchliche Privatschule ganz ohne staatlichen Zuschuß, die sich nur halten könnte, wenn sie richtig teuer wäre. Und “christliche Erziehung nur für Kinder reicher Eltern” kann ja keine Option sein.

    Klar ist: Dieser Staat will die Kirche nicht. Klar ist auch: Überall dort, wo die Kirche zurückgedrängt wird, wird das Leben härter und ungerechter als vorher. (Zur Probe nehme man drei Weltkarten, eine mit Angaben über Christenverfolgung, eine nach politischen Systemen sowie Häufigkeit von Folter und Todesstrafe aufgeschlüsselte und eine mit bildungsrelevanten Angaben.)

    Völlig unklar ist mir, was ich als Laie tun kann, außer mich in jeder Gemeinde bestenfalls als Phantast, schlimmstenfalls als Fanatiker bezeichnen zu lassen, wenn ich laut überlege, ob man die Sonntagsschule wieder einführen könnte. Ich sehe kommen, daß es eine immer schärfere Kluft geben wird zwischen wenigen religiös und anderweitig gebildeten Menschen, die unterbezahlt oder ehrenamtlich soziale Dienste leisten, und vielen religiös gar nicht und anderweitig mäßig gebildeten Menschen mit unterentwickeltem sozialen Gewissen.

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