Die Flucht überlebt – und dann?

Caroline Stollmeier am 27. November 2014

„In Deutschland gibt es auch Armut. Wir brauchen keine Flüchtlinge hier!“ So oder so ähnlich denken anscheinend viele Menschen in unserem Land. Flüchtenden stehen sie mindestens skeptisch, manchmal aber sogar offen ablehnend gegenüber. Die Don Bosco Volunteers in Münster haben genauer hingeschaut und sind überzeugt, dass mehr Wissen um die wahre Situation auch zu einem differenzierteren Urteil über die Fremden in unseren Städten führt. Deshalb haben sie Anfang der Woche zu einem Informations- und Diskussionsabend unter dem Motto „geflohen, geduldet, abgeschoben – Münsters Flüchtlinge zwischen Hoffnung und Ausgrenzung“ eingeladen.

Die Aula des Von-Detten-Kollegs war an diesem Abend mehr als gut gefüllt mit engagierten, neugierigen, aufgeschlossenen jungen Menschen. Insbesondere als S. aus Indien, der seit März diesen Jahres in Europa ist und inzwischen in einem benachbarten Männerflüchtlingsheim lebt, schüchtern, aber offen seine Geschichte erzählt, ist es mucksmäusschenstill im Raum. Alle wollen lernen, wollen verstehen, wollen helfen.

Tatsächlich wird schnell klar, dass die Situation der Flüchtlinge kompliziert ist, und dass es leicht ist zu einem falschen Urteil zu kommen, wenn man nicht genügend Fakten kennt. Beispielweise wird deutlich, dass „Armut“ in den meisten Fällen nicht der Grund für die Flucht ist, sondern konkrete, bedrohliche Konflikte. Auch stimmt es nicht, dass „alle Menschen nach Europa wollen“. Der größte Teil der geschätzt 45 Millionen Menschen weltweit, die zur Zeit auf der Flucht sind, bleiben in der Nähe ihrer Herkunftsregionen. Und wenn man alleine auf Deutschland schaut, dann liegen wir mit dem Verhältnis von Asylanträgen zur Einwohnerzahl im europäischen Vergleich gerade mal im unteren Mittelfeld.

In den letzten Jahren starben schätzungsweise 25.000 Menschen beim Versuch, Europa zu erreichen, die meisten von ihnen ertranken im Mittelmeer. Veranschaulicht wurde diese unvorstellbare Zahl durch eine über 40 m lange Tapetenrolle, die die Don Bosco Volunteers mit Informationen über die Verstorbenen beschrieben und im Treppenhaus ausgerollt hatten.

Das Bild, das vom Umgang mit Flüchtlingen in unserem Land gezeichnet wird, ist nicht schön. Die Veranstalter empfehlen als Einstieg in das Thema den Film „Abschiebung im Morgengrauen“. Die Abschiebung ist ein Schicksal, das Flüchtlinge auch nach Jahren in Deutschland noch ereilen kann, wenn sie lediglich „geduldet“ sind.

Die Bearbeitung der Asylanträge und die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolgs hängen von auf den ersten Blick undurchschaubar vielen Faktoren ab. Besonders wichtig sind bestimmte Fristen bzw. deren Ablaufen, aber auch der einzelne Mitarbeiter in der Ausländerbehörde hat anscheinend großen Einfluss auf den Einzelfall. Natürlich spielt auch der Grund für die Flucht eine große Rolle. Es muss eine strukturelle Verfolgung und nicht „nur“ eine persönliche Bedrohung vorliegen. Auch religiöse Verfolgung ist in den meisten Fällen schwer nachzuweisen und gilt deshalb praktisch nicht als Grund für Asyl. Wer wirksam etwas Sinnvolles für Flüchtlinge in Deutschland tun möchte oder gar eine Abschiebung verhindern möchte, der braucht quasi Insiderwissen.

Sprachkurse werden beispielsweise erst für Flüchtlinge bezahlt, die schon eine höhere Bearbeitungsstufe erreicht haben. Davor haben die Menschen praktisch keine Möglichkeiten deutsch zu lernen, es sei denn es gibt Organisationen oder Initiativen, die das kostenlos anbieten. Ohne Sprachkenntnisse ist es natürlich noch schwieriger, sich im Behördendschungel zurecht zu finden.

Flüchtlinge können sich in den allermeisten Fällen nicht aussuchen, in welcher Stadt sie untergebracht werden (und aufgrund der Residenzpflicht dürfen sie sich auch nicht weit davon entfernen). Oft kennen sie dort niemanden. Schön, wenn es dann Organisationen gibt, die diese Menschen an einem Ort persönlich willkommen heißen und bei den ersten Schritten behilflich sind.

Sind die Flüchtlinge erst in den Unterkünften (und das sind oft genug Container oder baufällige Gebäude), sind sie meistens sich selber überlassen. S. berichtet davon, dass er sich überwiegend in seiner Unterkunft aufhält, sein Essen kocht und höchstens ab und zu eine Runde mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt.

Um Geld geht es in den meisten Fällen vorrangig nicht. Auch S. antwortet auf die Frage, was er sich im Moment am meisten wünscht, bescheiden, dass das eine Verlängerung seines Visums um ein Jahr ist.

Es ist nötig, vom Vorurteil weg und zum Einzelfall hin zu schauen, damit wir sehen, dass sich in unserem Umgang mit Flüchtenden grundsätzlich etwas ändern muss.

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