Wie Kaiser Hadrian die Homosexualität des Judas vertuschen ließ

Harald Stollmeier am 28. November 2014

Buchbesprechung: Daniel Frown, Eine Sünde für die Engelsburg, aus dem Amerikanischen von Thomas Müller

Judas ist unter Christen der Inbegriff des Verräters. Kaum bekannt ist aber, dass er bis ins zweite Jahrhundert hinein darüber hinaus auch noch als homosexuell galt. Das war ein großes Missionshindernis vor allem in der römischen Oberschicht. Erst eine Bereinigung des Lukasevangeliums auf dem Konzil von Eboracum (129 oder 130) hob diesen Konflikt auf und öffnete der römischen Kirche den Weg zur Weltherrschaft.

In seinem spannenden Sachbuch entwickelt Daniel Frown, Dozent für spätantike Frühscholastik an der University of Notre Dame, eine revolutionäre These: Ihr zufolge verdankt das Christentum seinen Durchbruch dem römischen Kaiser Hadrian, der in diesem Zusammenhang bislang als desinteressiert galt.

Frown beruft sich dabei einerseits auf Erkenntnisse des nordnorwegischen Paläographen Per Fraus-Dolus (bekanntgeworden mit seinem Beitrag zur Erschließung der Ibn-Fadlan-Manuskripte), der bereits 1978 in einem weitgehend unbeachteten Aufsatz ein Fragment aus dem 22. Kapitel des Lukasevangeliums publizierte. In der heutigen Fassung lautet Vers 3: „Es war aber der Satan gefahren in den Judas, genannt Ischarioth, der das war aus der Zahl der Zwölfe.“

Im Fragment von Fraus-Dolus heißt es anstelle von Ischarioth „Eromenos“, womit normalerweise der jüngere Partner einer päderastischen Paarung bezeichnet wird. Fraus-Dolus vermutet auf dieser Grundlage, dass Judas ursprünglich als homosexuell beschrieben wurde und erklärt damit die besonders scharfe Verurteilung im Sündenkatalog des Apostels Paulus. Ob Judas tatsächlich homosexuell gewesen ist, lässt Fraus-Dolus ausdrücklich offen (zitiert nach Frown S. 77): “Paulus kannte weder Jesus noch Judas persönlich. Aber er kannte Lukas persönlich.”

Frown will in den lateranischen Archiven in Rom (die Päpste residierten ursprünglich im Lateran) einen sehr kurzen Bericht über das Konzil von Eboracum entdeckt haben. Der bislang unpublizierte Bericht beschreibt ein “Concilium occultum” und spricht von der “rehabilitatio apostolis Iudae in re contra naturem”, von einer Messe für den ertrunkenen kaiserlichen Schützling Antinoos und von einem “imperium contra Iudeos”. Konkret sei “Eromenos” durch “Ischariot” ersetzt worden. “Dieser Beiname war immer ein Schwachpunkt in der Charakterisierung des Judas”, schreibt Frown (S. 185), “denn den so benannten Herkunftsort Queriot in Judäa verbindet mit Judas, der wie alle anderen Apostel Galiläer war, nichts.”

Frown erschließt aus diesen Indizien ein Bündnis der noch schwachen römischen Kirche mit dem homophilen Kaiser Hadrian. Der Preis für die letztlich geringfügige Änderung der Lehre sei die Parteinahme des Kaisers für die Christen und gegen die in dieser Frage intransigenten Juden gewesen.

Für Frowns These spricht die grausame Zerstreuung des jüdischen Volkes nur wenige Jahre später; anders als in der populären Geschichtsschreibung meist angenommen geschah diese Vertreibung nicht unter Vespasian sondern erst unter Hadrian. Damit war der hartnäckigste Rivale der katholischen Kirche im Kampf um die religiöse Vorherrschaft im römischen Reich beseitigt.

Frowns Fazit (S. 357): “Es ist unter diesen Umständen unerheblich, ob Hadrian sein Mausoleum der römischen Kirche bereits in seinem Testament oder erst posthum vermachte. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Päpste ihre Weltherrschaft nicht vom Lateran sondern von der Engelsburg aus antraten. Es ist nur zu passend, dass sie die Verbindung zur Engelsburg auch vom Vatikan aus immer, auch baulich, wahrten.”

Engelsburg

Die Engelsburg – Kaiser Hadrians Vermächtnis an die katholische Kirche (Foto: Caroline Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Lesenswerte Bücher | 7 Kommentare

7 Kommentare zu “Wie Kaiser Hadrian die Homosexualität des Judas vertuschen ließ”

  1. Claus Hilbigam 29. November 2014 um 1:25

    Unabhängig von der Frage, um die es im Artikel eigentliche geht…
    “Judas ist unter Christen der Inbegriff des Verräters.” – dazu habe ich inzwischen eine etwas andere Meinung: Ohne Judas’ sogenannten Verrat wäre Jesus nicht gekreuzigt worden und hätte damit seine Aufgabe, für die er von Gott in die Welt gesandt wurde, d. h. seinen Opfertod, gar nicht erfüllen können. Judas wäre demnach also eigentlich kein Verräter, sondern ein (wichtiges) Rädchen im Getriebe des göttlichen Plans…
    Ich gebe zu, dass ist nicht meine eigene Idee, sondern Ergebnis der Lektüre eines Romans (Titel ist mir leider entfallen), aber ich finde doch, darüber kann man mal nachdenken 😉

  2. Jürgen Haaseam 29. November 2014 um 11:37

    “…Judas … ein (wichtiges) Rädchen im Getriebe des göttlichen Plans…” – ist doch eigentlich logisch, aber logisches Denken war, ist und bleibt wahrscheinlich nicht so sehr verbreitet

  3. Harald Stollmeieram 29. November 2014 um 11:50

    Ich glaube, es war Walter Jens, der die These von der Notwendigkeit des Judas vortrug und seine Heiligsprechung anregte. Das war ein anregendes Buch, aber ich fürchte, die Auslieferung eines Menschen an seine Feinde ist in sich böse, und wie man es dreht und wendet, es wird doch keine gute Tat daraus.
    Erfahrungsgemäß übrigens findet sich für eine böse Tat immer einer, der sie ausführt; das ist jedenfalls eine der meistgenutzten Ausreden: “Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte es ein anderer getan.”

  4. Claus Hilbigam 30. November 2014 um 3:33

    Jetzt könnte man aber noch mal provokativ nachhaken: Wenn Judas quasi in Gottes Auftrag handelte, wer ist dann der “Böse”? 😉

    Der Roman, den ich ansprach, beruhte auf dem apokryphen “Judas-Evangelium”, wenn ich mich recht erinnere.

  5. Harald Stollmeieram 30. November 2014 um 9:42

    Wie gesagt: Ich bezweifle, dass Judas in Gottes Auftrag handelte. Manchmal denke ich sogar: Wie hätte es wohl ausgehen können, wenn die Menschen in der Umgebung Jesu ihm wirklich gefolgt wären? Andererseits haben ihn ja vor der Auferstehung nicht einmal die Apostel verstanden.
    Die Überlegungen zur Entlastung des Judas haben zwei Voraussetzungen. Die erste: Der Opfertod Jesu war erlösungsnotwendig. Das scheint zu stimmen, auch wenn ich es nicht in vollem Umfang verstehe. Die zweite: Man darf in sich Böses tun, um Gutes zu erreichen. Das halte ich für falsch, und der Apostel Paulus schreibt es im Römerbrief auch ganz deutlich, dass man das nicht darf.
    Das Judasevangelium zeigt, dass frühe Christen die Heilsnotwendigkeit des Verrats diskutiert haben. Allerdings erschließt sich das aus den vier kanonischen Evangelien m. E. nicht: Jesus sagt ja selbst, dass man ihn jederzeit im Tempel antreffen konnte und hätte festnehmen können. Alles was Judas geleistet hat, war die Verhaftung ein wenig leichter zu machen. Und alles, was Jesus, wenn Judas treu geblieben wäre, hätte tun müssen, wäre in Jerusalem zu bleiben und zu predigen. Irgendwann hätten sie ihn schon geholt.

  6. Claudia Sperlicham 1. Dezember 2014 um 9:08

    In diesem Zusammenhang sollte man zwei Namensänderungen nicht unerwähnt lassen.
    Daniel Frown hat später seinen Familiennamen geändert, indem er die labiale statt der aspirierten Form nutzte. In seinem Tagebuch schreibt er: “Die harte Form meines Namens ist mir zu hart, die aspirierte zu windig.” Es ist allerdings gut möglich, daß die Änderung auch auf Grund familiärer Animositäten stattfand; Frown konnte seinen Urgroßonkel, nach dem er hieß, nicht leiden.
    Fraus-Dolus soll sich später wegen Animositäten mit anderen Forschern in Gynt umbenannt haben.
    Hadrians großzügiges Testament beruht übrigens nach neuerer Erkenntnis auf einem Mißverständnis; er hielt Maria für eine Verkörperung der Venus, neben Victoria der einzigen Frau, der er besonders zugetan war.
    Für die These über die Engelsburg spricht der von Lucius I. überlieferte Stoßseufzer “Ich bin ein Gefangener, seit ich Papst bin”.

  7. Harald Stollmeieram 10. Dezember 2014 um 10:19

    Nur für alle Fälle:
    Das Konzil von Eboracum ist nicht nur außerhalb von Fachkreisen praktisch unbekannt. Sondern auch innerhalb von Fachkreisen. 😉

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel