Monatsarchiv für Dezember 2014

Wie Weihnachten erträglich wird

Harald Stollmeier am 24. Dezember 2014

Glühwein mag ich nicht, mochte ihn eigentlich nie. Genaugenommen mag ich auch keine Weihnachtsmärkte. Wenn ich früher mit meinen Freunden hinging, war es wegen der Freunde. Weihnachten selbst mochte ich damals auch nicht so gern. Erst vier Wochen Vorfurcht, dann drei Tage Gruppenhaft, in denen ich den himmelweiten Abstand zwischen der Familie, wie sie sein sollte, und der Familie, wie sie war, bis in die letzte Faser meines Herzens zu spüren bekam. Nie werde ich vergessen, wie Richard von Weizsäcker uns am Bildschirm darüber belehrte, dass wir nun “das Fest der Familie” feierten. So viel Zuckerguss gibt es auf der ganzen Welt nicht, wie man brauchen würde, um diese Erfahrung zu versüßen.

Damals war Weihnachten nicht für mich; Weihnachten war für die Menschen, die glücklich waren. Damals schrieb ich:

hinter hellen fenstern
hoher alter bürgerhäuser
hör’ ich den klang des klaviers
ahne die ahnungsvollen
kleinen knaben
die mit eisenbahn und dampfmaschine
traumversunken spielen

Heute finde ich Weihnachten immer noch nicht süß. Aber heute berührt es mich mit Wärme. Heute habe ich Anteil daran. Das ist einerseits ein Geschenk und hat damit zu tun, dass ich einer Frau von einzigartiger intellektueller Redlichkeit begegnet bin, die dann auch noch meinen Heiratsantrag annahm.

Andererseits musste ich für die Annahme dieses Geschenkes, die immer noch nicht abgeschlossen ist, erst einmal reif werden. Heute weiß ich, dass diese Reifung bereits damals begann, als ich im Elternhaus den Baum schmückte, nicht weil es andere gewollt hätten, sondern damit er geschmückt war. Später übernahm ich mehr Verantwortung, kochte, organisierte, brachte sogar zweimal zerstrittene Familienmitglieder wieder miteinander ins Gespräch.

Im November 2000 starb mein Vater. Im Advent 2000 schrieb ich ein Weihnachtsgedicht und machte daraus meine eigenen einfachen Weihnachtskarten.

Weihnachten

im wetterumtosten
winter des nordens
reifen orangen
ganz ohne schutz

frost wo ist dein fangzahn
frost wo ist dein sieg
wer freunde hat wie meine
fürchtet kälte nimmermehr

2001 schrieb ich ein neues Weihnachtsgedicht, diesmal explizit christlich, und explizit zuckergusskritisch:

Weihnachten I

unter dem Zuckerguss
da hat weihnachten wucht
denn das kreuz auf golgatha
ist aus krippenholz erbaut
und das liebe jesuskind
ist von anfang an der herr

Damals beschloss ich: Das mache ich jedes Jahr. Und das ist mir gelungen. Gelungen finde ich auch die Gedichte selbst, die seit 2006 zudem auf den Weihnachtskarten stets von einem Foto begleitet sind, das meine Frau beisteuert; in diesem Jahr kam das Foto sogar zuerst.

Nicht alle meine Weihnachtsgedichte sind harmonisch: Weihnachten XI ist sogar brutal in seiner Disharmonie von Melodie (“Morgen, Kinder, wird’s was geben”) und Text:

Weihnachten XI

Frohe Kinder singen mit mir Lieder,
Stechen eifrig Plätzchen aus,
Und ich träume alte Träume wieder,
Träum’ vom warmen Elternhaus,
Das vor Jahren mir zerbrach,
Welch ein bodenloser Weihnachtstag.

Singet, Kinder, singet ohne Sorgen,
Und stellt Eure Teller auf,
Freut Euch auf den nächsten Weihnachtsmorgen,
Freut Euch jedes Jahr darauf,
Denn als Treue ich versprach,
Dachte ich an jenen Weihnachtstag.

Jedes Gedicht beleuchtet eine andere Facette von Weihnachten. Inzwischen sind es fünfzehn (elf davon in Buchform veröffentlicht), und sicher werden es mehr. Eines Tages, so Gott will, werden es vierzig sein, und wer weiß, vielleicht kann dann ein wohlwollender Theologe anhand meiner Gedichte erklären, was Weihnachten bedeutet.

Schon heute aber weiß ich, dass die Gedichte mir selbst geholfen haben zu verstehen, was Weihnachten bedeutet. Und heute ist Weihnachten für mich. Ich gehöre dazu. Weil ich verstanden habe, was Christus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 30-37) auf die Frage antwortet, wer “mein Nächster” ist.

Christus beantwortet diese Frage nämlich gar nicht. Er schildert das Verhalten des Priesters, des Leviten und des Samariters und fragt dann, wer von diesen nun “der Nächste dessen gewesen ist, der unter die Räuber gefallen ist.” Christus würde mich folglich auch nicht fragen, ob Weihnachten zu mir passt, sondern ob ich zu Weihnachten passe – indem ich bereit bin, Nächster zu sein.

Darauf gibt es nur eine richtige Antwort: Ja, ich will. Und deshalb wünsche ich allen Menschen von Herzen gesegnete Weihnachten. Gott sei Dank.

Unsere Weihnachtskarte 2014

Unsere Weihnachtskarte 2014

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Die mosaische Unterscheidung: Rechts und Links sind die falschen Begriffe

Harald Stollmeier am 21. Dezember 2014

Totalitäre Ideologien kommen ohne Gewalt nicht aus.

Totalitäre Ideologien kommen ohne Gewalt nicht aus.

Auf den ersten Blick sind Nazis/Faschisten und Kommunisten die schärfsten Gegner, die man sich denken kann. Ebenso unversöhnlich stehen einander deutsche Rechtsradikale und Islamisten mit und ohne Migrationshintergrund gegenüber, und zwischen Letztere und Kommunisten passt ebenfalls ein Minenfeld. Aber wer sich vom Grundgesetz aus fragt, wer von diesen ihm näher, wer ferner steht, der sollte das bleiben lassen.

In Wirklichkeit haben diese drei Ideologien (und es gibt noch mehr, für die das ebenfalls gilt) weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: Misstrauen gegenüber der Wall Street, den USA, Israel, die Vorstellung, einer weltumspannenden Verschwörung gegenüberzustehen, an der “die Juden” zumindest beteiligt sind, all das findet man bei allen drei. Ihre Unversöhnlichkeit untereinander ergibt sich aus ihrer größten Gemeinsamkeit: Alle haben einen totalitären Anspruch. Alle dulden keine anderen Götter neben sich. Erst recht keine anderen totalitären Götter.

Jan Assmann (Die mosaische Unterscheidung, absolut lesenswert) sieht im Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus, für den er Echnaton (cum grano salis = Moses) verantwortlich macht, einen Verlust an allgemeiner Toleranz: Mit dem Monotheismus kommt die Ausschließlichkeit in die Religion, und mit ihr der Religionskrieg.

Theologisch hat Assmann wohl nicht Recht (Immerhin hat sich Ratzinger die Mühe gemacht, ihn zu widerlegen). Aber politikwissenschaftlich ist Assmann eine Bereicherung: Sein Polytheismus lässt sich als Projektion der Offenen Gesellschaft verstehen, und der Verweis auf das theologisch unbefriedigende Heidentum bildet die gleichzeitige Gegnerschaft zahlreicher totalitärer Ideologien sowohl untereinander als auch und vor allem zur Offenen Gesellschaft ebenso genau wie umfassend ab.

In der heidnischen (nord-) germanischen Mythologie gab es kein Rechts gegen Links. Das Weltbild war vielmehr konzentrisch. Ganz innen (und ganz oben) war Asgard, das Land der Götter. Darum herum lag das Land der Menschen, Midgard, der Mittelgarten ( = Mittelerde), der mittlere eingefriedete Bezirk, die Welt der Ordnung. Außerhalb dieser Welt lag Utgard, die Außenwelt, das nach außen unbegrenzte Land des Chaos, der Riesen und der Ungeheuer.

So ist das: Die Offene Gesellschaft, das Land der Menschenrechte, des Rechtsstaats und des Grundgesetzes, ist Midgard/Mittelerde. Alle totalitären Alternativen kommen aus Utgard. Und da sollen sie bleiben.

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Zukunft, ich will Dich!

Caroline Stollmeier am 4. Dezember 2014

Liebe Zukunft,

ich hätte Dir schon längst mal schreiben sollen… Weißt Du noch, als ich in der Schule gefragt wurde, wie ich mir Dich vorstelle? Oder wie ich erfahren habe, dass man bei jedem Vorstellungsgespräch souverän erklären soll, in welcher Position man sich selber in zehn Jahren sieht? Jetzt mal im Ernst, das ist doch eine der schwierigsten Fragen, die einem gestellt werden können! Man hat keine Ahnung, wie der nächste Tag, die nächste Woche aussehen wird, wie man sie überleben soll (jetzt mal rein bildlich gesprochen) und dann fragt Dich jemand: wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?

Die Frage an sich ist ja vielleicht noch gerechtfertigt. Klar sollte man mal darüber nachdenken, wie man sich Dich vorstellt, was man sich wünscht, welche Hoffnungen man hat. Klare Ziele helfen einem ja oft, das Richtige zu tun. Aber es war ja nie nur diese Frage. Es schwang immer auch noch ein bedrohlicher Unterton mit. So nach dem Motto: Hab’ heute bloß keinen Spaß, sonst bereust Du es morgen! Oder ein ganz praktisches Beispiel: da verdient man sein erstes eigenes Geld und schon kommt einem jeder mit der Altersvorsorge an. In solchen Momenten hast Du mich ganz schön genervt, das kann ich Dir sagen!

Genau so planlos wie ich in langen Phasen meines Lebens war, waren auch viele Leute um mich herum. Sie haben es nur besser versteckt. „Kinder? Ja, sicher. Aber erst in fünf oder zehn Jahren.“ Und fragst Du fünf Jahre später, kriegst Du die gleiche Antwort auf diese Frage. Und selbst wer dachte, er weiß wie Du aussiehst, musste einsehen, dass alles anders kommt, als man das vielleicht geplant hat. Ausbildung, Studium und dann mit Anfang 30 doch noch mal etwas ganz Neues? Das ist doch keine Seltenheit mehr! Was sagst Du eigentlich dazu?

Inzwischen bin ich ein paar Jahre weiter. Ich habe jetzt drei Kinder. Und inzwischen geht es für mich noch weniger um meine eigene Zukunft. Wenn ich jetzt über Dich nachdenke, dann geht es eigentlich immer nur darum, was Du für meine Kinder bereit hältst. Und das ist eine ständige Gratwanderung. Natürlich will ich nicht leichtsinnig und verantwortungslos sein. Aber da ich doch sowieso nicht wissen kann, welche konkreten Probleme auf meine Familie zukommen werden, versuche ich, mich nicht zu sehr verrückt zu machen. Das heißt erstens: Ich vertraue mir selbst und meinen Kindern und versuche ihnen nicht zu sehr aufs Auge zu drücken, was ich selber am besten finde. Und zweitens löse ich die Probleme dann, wenn sie auftreten. Oft habe ich dabei schon erlebt, dass Probleme gar nicht auftauchen, die Andere haben.

Kinder und Du, das ist ja sowieso ein Thema für sich. „Kinder sind Zukunft“ wird doch so oft gesagt. Aber natürlich haben auch Menschen ohne Kinder eine Zukunft. Und meine Beobachtung ist, dass diese Menschen nicht weniger über Dich nachdenken. Sie tun es nur unter anderen Voraussetzungen. Wo ich fast immer ein „Wir“ denke, denken sie ein „Ich“. Und das ist manchmal sehr bedrückend. Sie kennen Dich nämlich auch nicht besser als ich. Aber sie müssen alleine mit Dir fertig werden. Das ist nicht leichter.

Hey, Zukunft, ich glaube, Du bist das Schreckgespenst unserer Zeit. Weil so viele Horrormärchen über Dich erzählt werden. Ist Dir das eigentlich klar? Jeder wünscht sich und jedem anderen eine gute Zukunft. Aber was wir bei jedem Blick in die Zeitung, das Internet oder vor die Haustür sehen, sind Ungewissheit, Bedrohungen, Rückschläge und Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte.

Uns wird von Anfang an gesagt, dass wir selber für Dich verantwortlich sind. Aber allzu oft stoßen wir an die Grenzen dessen, was wir beeinflussen können. Wir sind ja alle nicht blöd. Deshalb erkennen wir diese Zwickmühle: wir können Dir nicht sagen, was Du tun sollst und selber bestimmen können wir auch nicht alles. Und da helfen uns auch keine Ratschläge der älteren Generation, deren Lebensweg quasi von Anfang an vorgegeben war, die weniger Freiheit kannte, aber eben auch weniger Unsicherheit. Ich muss regelmäßig aufpassen, keine für mich untypische sprachliche Entgleisung zuzulassen, wenn ich so etwas höre wie „wer arbeiten will, der findet auch Arbeit“ oder „wer entlassen wird, der muss doch etwas ausgefressen haben“. So ist unsere Zeit einfach nicht (mehr)!

Aber andererseits: Wer sagt eigentlich, dass immer die schlechteste aller Möglichkeiten eintreten wird? Klar, wenn ich daran glaube, dann kommt es oft so. Und ich kann hinterher sagen: das habe ich doch gleich gewusst! Das ist gar kein Problem. Aber soll ich Dir mal etwas verraten, Zukunft? Das funktioniert auch anders herum! Wenn ich davon ausgehe, dass etwas klappen wird, dass ich etwas hinkriegen werde oder dass ich bei etwas erfolgreich bin, dann tritt das ganz oft auch ein. Ja, ich kann Vieles nicht selber steuern, aber mit etwas Übung doch etwas sehr Wesentliches, nämlich mein Herz und meine Gedanken. Und damit habe ich großen Einfluss darauf, ob Du mir schön oder häßlich erscheinst.

Ich persönlich habe ein ganz großes Problem mit diesem pauschalen „Du bist selbst verantwortlich für Deine Zukunft“. Heißt das dann umgekehrt, dass man niemandem helfen muss, wenn er in Not gerät (auch wenn er sich vielleicht anfangs selbst in den Schlamassel reinmanövriert hat)? Oder heißt das, dass ich für immer verloren habe, wenn mal so richtig etwas schief gelaufen ist? Das kann doch wohl nicht sein! Das ist nicht die Gesellschaft, in der ich leben möchte. Das ist nicht die Welt, in der ich leben möchte. Und zum Glück ist es ja auch nicht so. Die Gesellschaft besteht aus ganz vielen „Ichs“, und wenn ich anfange Dich im Rahmen meine Möglichkeiten zu gestalten, dann wird schon nichts Häßliches dabei raus kommen. In diesem Sinne sage ich: Zukunft, ich will Dich! Wir sehen uns!

Deine Caroline

P.S. Dies ist mein Beitrag zur Adveniat Blogparade #ichwillzukunft Und natürlich wünsche ich mir den Weltfrieden…

Ich will Zukunft!

(Bild: Adveniat)

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Alle gegen Sklaverei?

Caroline Stollmeier am 3. Dezember 2014

Heute haben zahlreiche religiöse Führer aus der ganzen Welt, darunter auch Papst Franziskus, eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, nach der die moderne Sklaverei – also Menschenhandel, Zwangsarbeit, Zwangsprostitution, Organhandel sowie jede Beziehung, die gegen die Grundüberzeugung verstößt, dass alle Menschen gleichwertig sind und die gleiche Freiheit und Würde haben – ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist und als solches von jedem und allen Nationen anerkannt werden muss. Alle Mitglieder dieses Global Freedom Network bekennen sich damit zu dem Ziel, die moderen Sklaverei bis 2020 und für immer abzuschaffen.

Dies ist das erste Mal in der Geschichte, dass sich ein solches Bündnis zur Abschaffung der Sklaverei gebildet hat. „Wir verpflichten uns hier und heute, innerhalb und auch jenseits unserer Glaubensgemeinschaften alles in unserer Macht Stehende zu tun, um uns gemeinsam für die Freiheit all jener einzusetzen, die Opfer von Sklaverei und Menschenhandel sind, um ihnen ihreZukunft zurückzugeben. Heute verfügen wir über die Möglichkeit, das Bewusstsein, die Weisheit, die Innovationskraft und die Technologie, um dieses Gebot der Menschlichkeit und der Moral zu erfüllen“, heißt es in der Erklärung.

Das Global Freedom Network läd ausdrücklich „die Mitglieder aller Glaubensgemeinschaften und Menschen guten Willens in aller Welt“ zu spirituellen und praktischen Aktionen ein, die das Ziel haben die moderne Sklaverei abzuschaffen. Also auch Menschen außerhalb der Religionsgemeinschaften.

Ein globales Problem verlangt nach einer globalen Lösung. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist dabei die Verantwortung nicht länger zu delegieren, sondern sie selber zu übernehmen. Denn jeder Einzelne kann ein kleiner (oder vielleicht auch großer) Teil dieser Lösung sein. Jetzt ist die Zeit, für alle, die aufrichtig gegen die Abschaffung der modernen Sklaverei in all ihren unheilvollen Ausprägungen sind, aktiv zu werden. Gemeinsam. Eine gute Idee bleibt eine gute Idee – egal wer sie vorgetragen hat.

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