Die mosaische Unterscheidung: Rechts und Links sind die falschen Begriffe

Harald Stollmeier am 21. Dezember 2014

Totalitäre Ideologien kommen ohne Gewalt nicht aus.

Totalitäre Ideologien kommen ohne Gewalt nicht aus.

Auf den ersten Blick sind Nazis/Faschisten und Kommunisten die schärfsten Gegner, die man sich denken kann. Ebenso unversöhnlich stehen einander deutsche Rechtsradikale und Islamisten mit und ohne Migrationshintergrund gegenüber, und zwischen Letztere und Kommunisten passt ebenfalls ein Minenfeld. Aber wer sich vom Grundgesetz aus fragt, wer von diesen ihm näher, wer ferner steht, der sollte das bleiben lassen.

In Wirklichkeit haben diese drei Ideologien (und es gibt noch mehr, für die das ebenfalls gilt) weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: Misstrauen gegenüber der Wall Street, den USA, Israel, die Vorstellung, einer weltumspannenden Verschwörung gegenüberzustehen, an der “die Juden” zumindest beteiligt sind, all das findet man bei allen drei. Ihre Unversöhnlichkeit untereinander ergibt sich aus ihrer größten Gemeinsamkeit: Alle haben einen totalitären Anspruch. Alle dulden keine anderen Götter neben sich. Erst recht keine anderen totalitären Götter.

Jan Assmann (Die mosaische Unterscheidung, absolut lesenswert) sieht im Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus, für den er Echnaton (cum grano salis = Moses) verantwortlich macht, einen Verlust an allgemeiner Toleranz: Mit dem Monotheismus kommt die Ausschließlichkeit in die Religion, und mit ihr der Religionskrieg.

Theologisch hat Assmann wohl nicht Recht (Immerhin hat sich Ratzinger die Mühe gemacht, ihn zu widerlegen). Aber politikwissenschaftlich ist Assmann eine Bereicherung: Sein Polytheismus lässt sich als Projektion der Offenen Gesellschaft verstehen, und der Verweis auf das theologisch unbefriedigende Heidentum bildet die gleichzeitige Gegnerschaft zahlreicher totalitärer Ideologien sowohl untereinander als auch und vor allem zur Offenen Gesellschaft ebenso genau wie umfassend ab.

In der heidnischen (nord-) germanischen Mythologie gab es kein Rechts gegen Links. Das Weltbild war vielmehr konzentrisch. Ganz innen (und ganz oben) war Asgard, das Land der Götter. Darum herum lag das Land der Menschen, Midgard, der Mittelgarten ( = Mittelerde), der mittlere eingefriedete Bezirk, die Welt der Ordnung. Außerhalb dieser Welt lag Utgard, die Außenwelt, das nach außen unbegrenzte Land des Chaos, der Riesen und der Ungeheuer.

So ist das: Die Offene Gesellschaft, das Land der Menschenrechte, des Rechtsstaats und des Grundgesetzes, ist Midgard/Mittelerde. Alle totalitären Alternativen kommen aus Utgard. Und da sollen sie bleiben.

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Glaube | Religion,Politik | Keine Kommentare

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel