Monatsarchiv für Januar 2015

Der Babytest

Caroline Stollmeier am 29. Januar 2015

Der PraenaTest ist ungefährlich für Mutter und Kind.“ So ähnlich habe ich das neulich gelesen. Aber das kann ich beim besten Willen nicht unkommentiert lassen…

Der PraenaTest ist ein relativ neuer, einfacher Test, mit dem man bereits ab der 9. Schwangerschaftswoche anhand des Blutes der Mutter feststellen kann, ob beim ungeborenen Kind eine bestimmte Chromosomenstörung vorliegt. Trisomie 21, also das „Down Syndrom“, ist darunter wohl die bekannteste. Der Test sagt nichts darüber aus, wie schwer die mögliche Behinderung der Kinder später sein wird.

Bislang werden die Kosten für diesen Test (etwa 600-1.000 Euro) nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft aber derzeit, ob der PraenaTest ausreichend Potenzial hat, um die bisher etablierte Methode der Fruchtwasseruntersuchung überflüssig zu machen. Sollte der G-BA dieses Potenzial feststellen können, wird es möglicherweise eine Erprobungsrichtlinie geben. Beratungen über eine solche Erprobungsrichtlinie haben bereits begonnen.

Sollte die Richtline tatsächlich beschlossen werden, dann können Erprobungsstudien durchgeführt werden. Und in diesem Fall wäre es den gesetzlichen Krankenkassen erlaubt, die Kosten für den Test in den Fällen zu übernehmen, in denen schwangere Versicherte an den Studien teilnehmen. Das bedeutet aber noch nicht, dass der PraenaTest dann generell in den Leistungskatalog aufgenommen ist. Der G-BA hat bereits angekündigt, dass er die entgültige Entscheidung erst auf Basis noch zu erhebender Informationen treffen und den Deutschen Ethikrat hinzuziehen wird.

So weit also zum Stand der Dinge. Und wer ein bisschen was darüber weiß, wie bürokratische Mühlen in unserem Land mahlen, der darf bezweifeln, dass der „Sprung in die Massenanwendung“ aufgrund der Kostenübernahme durch die Krankenkassen „unmittelbar bevor steht“. Bisher jedenfalls ist der PraenaTest eine Privatsache.

Kommen wir doch auf die Ausgangsthese zurück: Der PraenaTest sei ungefährlich. Einverstanden, wenn man wirklich nur den Test an sich betrachtet. Blut wird einer Mutter während der Schwangerschaft sowieso dauernd abgenommen. Das ist also keine große Sache. Wer wissen möchte, ob sein Kind möglicherweise diese bestimmten Chromosomenstörungen hat, lässt bisher eine Fruchtwasseruntersuchung machen (viele andere Ursachen von späteren Behinderungen können noch gar nicht diagnostiziert werden). Dabei wird durch die Bauchdecke in die Fruchtblase gestochen und Flüssigkeit entnommen. Diese Untersuchung kann schwere Komplikationen bis hin zur Fehlgeburt nach sich ziehen. Vor diesem Hintergrund ist der Bluttest wirklich ein großer Fortschritt.

Aber lassen Sie mich doch mal eine Frage stellen, die Sie vielleicht überraschen wird: Muss man diese Tests denn überhaupt machen?

Ja, ich weiß, niemand wünscht sich ein behindertes Kind. Wahrscheinlich würde auch jeder Behinderte es vorziehen gesund zu sein. ABER: Der PraenaTest macht KEIN Kind gesund. Der PraenaTest ist keine Therapie. Er hilft uns nicht das Beste für unsere Kinder zu tun. Er bringt ihnen den Tod. Denn in den meisten Fällen lassen Schwangere ihre Kinder abtreiben, wenn eine Chromosomenauffälligkeit diagnostiziert wurde.

Jeder wünscht sich gesunde Kinder – nicht nur um seiner selbst Willen („wie soll ich mich denn noch darum kümmern, wenn ich selber alt bin…?“), sondern eben weil man das Beste für seine Kinder will. Aber noch einmal: Der Test heilt nicht. Und Abtreibung ist keine Therapie.

Ich urteile nicht über Menschen, die solche Tests machen. Sie werden ihre (guten) Gründe dafür haben. Aber ich habe solche Tests nicht durchführen lassen und würde sie auch nicht machen, falls ich im fortgeschrittenen Alter von über 35 (automatisch = Risikoschwangerschaft) noch einmal schwanger würde.

Muttergefühle sind natürlich ein komplexes Ding. Aber ich will versuchen kurz zu erklären, warum ich diese Tests von Herzen für überflüssig halte:

Wenn man sich für Kinder entscheidet, dann entscheidet man sich doch dafür, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind. Man möchte ihnen helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und auf einem guten Weg durchs Leben zu gehen. Aber geht mal etwas schief, machen sie vielleicht nicht die Karriere, die man sich für sie gewünscht hat oder feuern sie eine verhasste Fußballmannschaft an, liebt man sie doch nicht weniger. Und genau so ist es auch mit ihren körperlichen Fähigkeiten. Ob meine Kinder einen Magen-Darm-Infekt haben oder einen gebrochenen Arm, ich kümmere mich darum. Und genau so macht es eine Freundin von mir mit ihrem „Downie“-Kind (natürlich in ganz anderen Dimensionen, aber nach dem gleichen Prinzip) auch. Braucht mein Kind meine Hilfe, dann bekommt es sie. Selbst, wenn es sich in den Schlamassel selbst hinein manövriert hat. Und um so mehr natürlich, wenn es unschuldig ist.

Kinder „schafft man sich“ nicht „an“. Kinder verändern einen selbst, das Leben und die Welt. Genau so wenig, wie ich sagen würde: „Du bist jetzt nicht mehr mein Kind, weil Du Dir das Bein gebrochen hast oder Krebs gekriegt hast“, genau so wenig würde ich meinem ungeborenen Kind sagen: „Dich will ich nicht, weil Du wahrscheinlich behindert bist.“ Ein Ja zum Kind ist ein Ja zum Kind. Ohne Wenn und Aber.

Außerdem gibt es leider auch noch das Problem, dass immer wieder Kinder quasi irrtümlich abgetrieben werden, weil der Test ein falsches Ergebnis angezeigt hat und das vermeintlich behinderte Kind gesund war. Mit so einer Fehlentscheidung möchte ich nicht leben müssen.

Wir Menschen sind alle mehr oder weniger unperfekt. Manche Schwächen lassen sich im Laufe des Lebens ausgleichen, andere nicht. Bei vielem kann ich meinen Kindern helfen, bei vielem nicht, auch wenn ich immer nur das Beste für sie will. Ich habe Einfluss auf die Entwicklung meiner Kinder, aber ich entscheide nicht alles. Und dass ich meine Kinder töte(n lasse), ist nach ihrer Geburt niemals wieder eine Option. Warum sollte es also eine Option in den Monaten davor sein?

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Für diejenigen, für die eine Abtreibung nicht in Frage kommt, ist der PraenaTest (und ähnliche) überflüssig, denn die Chromosomenstörungen können, einmal erkannt, doch nicht therapiert werden.

Manche stellen sich vor, dass man mit Hilfe der Untersuchungen das Risiko ein behindertes Kind zu bekommen, minimieren kann. Aber hat man einen auffälligen Befund und lässt das Kind abtreiben, dann hatte man schon ein behindertes Kind. Das Kind war da. Auch wenn man es nicht hat zur Welt kommen lassen. Hat man dann später das Glück, auch noch ein gesundes Kind zu bekommen, dann ist es ein anderes Kind. Man hat nicht das erste Kind gesund gemacht.

Ich wünsche mir, dass eine Mutter einfach mal wieder „guter Hoffnung“ sein kann, ohne immer und überall gleich als risikobehaftet zu gelten, nur weil sie vielleicht älter als 35 Jahre ist oder schon eine Fehlgeburt hatte. Ich wünsche Schwangeren das Selbstbewusstsein auch mal „nein“ zu sagen, wenn ihr Umfeld, ihre Ärzte oder wer auch immer sie zu Untersuchungen drängt, die weder ihr noch dem Baby helfen (an denen man aber so schön verdienen kann). Und ich wünsche allen Eltern jederzeit die Kraft, zu ihren Kindern zu stehen – egal ob vor oder nach der Geburt.

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Das Dilemma der friedlichen Muslime

Harald Stollmeier am 14. Januar 2015

ISIS foltert und tötet vor laufenden Kameras, Boko Haram brennt ganze Städte nieder, und soeben haben die Pariser CharlieHebdo-Attentäter bewiesen, dass der Islamismus auch in Europa eine Gefahr ist (und dass Islamisten für das Ermorden von Juden überhaupt keinen Anlass brauchen). In Deutschland diskutieren wir jetzt, ob der Islam ein Teil des Problems ist. Unter die Räder kommen dabei nicht die Islamisten – die hassen uns sowieso –, sondern die vielen, vielen Muslime, die hier bei uns einfach nur in Frieden leben wollen.

Immer wenn Islamisten im Namen des Propheten morden, werfen sie zwei Fragen auf. Die erste: Ist ihre Auslegung des Korans zulässig oder gar maßgeblich? Die zweite: Wenn ja, wie sollen wir dann mit den Muslimen unter unseren Mitbürgern umgehen?

Zu den Anhängern der These von der Maßgeblichkeit der islamistischen, also mörderischen Auslegung des Islams gehören eine ganze Reihe einflussreicher Muslime, nicht zuletzt der ISIS-Anführer und selbsternannte Kalif al-Baghdadi und wohl auch der Londoner Imam Anjem Choudary, der die Pariser Morde öffentlich wenn nicht gerechtfertigt so doch verteidigt hat. Und zunehmend findet diese Auslegung auch außerhalb des Islams Anhänger. Man muss es zu Ende denken: Wenn diese Menschen Recht haben, dann ist die Ausweisung aller Muslime, sozusagen eine religiöse Säuberung, unausweichlich. Die Befürworter dieser Lösung – noch hängt sie nicht an der großen Glocke – könnten immerhin anführen, dass die „andere Seite“ mit diesem Prozess bereits begonnen hat.

Gar so finster wird es nicht kommen. Denn weder der selbsternannte Kalif noch die Antikalifen haben Recht. Das beweist schon allein die Existenz anderer, keineswegs marginaler Auslegungen in der muslimischen Welt. Das beweisen zum Beispiel die Rechtsgutachten des jordanischen Scheichs Issam Barkawi Abu Mohammed Al-Makdissi (nicht gerade ein Liberaler) und von sechs britischen Islamgelehrten gegen den ISIS-Terror. Man kann ausschließen, dass diese Islamgelehrten die ISIS-Mörder wider besseres Wissen zu Häretikern erklären, nur um den Westen in Sicherheit zu wiegen.

Maßgeblich ist die Islam-Auslegung der Islamisten also nicht. Ihre vollständige Unzulässigkeit ist allerdings schwerer nachzuweisen, trotz Rechtsgutachten. Denn in der muslimischen Welt gibt es keine Autorität, der alle anderen das letzte Wort zugestehen. Sie kennt weder Papst noch Konzile. Die Auslegung des Islams (Koran, Hadithe, Rechtsgutachten) ist sozusagen eine demokratische Angelegenheit. Das bedeutet: Wenn eine Auslegung von einer nennenswerten Zahl von Muslimen gelebt wird, muss man akzeptieren, dass sie dazu gehört. Insofern sind Aussagen wie „Das ist nicht der Islam“ erfreuliche, oft auch gewichtige Meinungsäußerungen, aber keine Definitionen oder Urteile, die irgendwie verbindlich wären über die Jurisdiktion der jeweils publizierenden Institution hinaus. Es hilft nichts: Die Morde haben etwas mit dem Islam zu tun. Schlimmer noch: Es ist nicht absehbar, dass die muslimische Welt den Mördern die Legitimation entziehen kann.

Was bedeutet das für die Muslime in Deutschland? Es bedeutet, dass ihnen die Konfrontation mit den in ihrem Namen, aber nicht in ihrem Auftrag verübten Verbrechen treu bleiben wird. Sie werden immer wieder deutlich machen müssen, dass sie diese Dinge verurteilen. Sie werden sich bei zahlreichen (nicht allen) Glaubensbrüdern im Nahen Osten unbeliebt machen müssen mit einem klaren Bekenntnis zum Grundgesetz inklusive voller Religionsfreiheit, die das Recht zum Abfall vom Islam einschließt. Damit wird es ihnen gelingen, eine nachhaltige Vertrauensgrundlage zu schaffen. Denn wenn die Zugehörigkeit zum Islam offensichtlich freiwillig ist, sind die Besonderheiten, die das Leben der Muslime betreffen, grundsätzlich in Ordnung.

Sowohl der selbsternannte Kalif als auch diejenigen Antiislamisten, die seine Auslegung für maßgeblich halten, werden solche Festlegungen der deutschen Muslimverbände für unzulässig erklären. Ich behaupte dagegen: Wenn eine bestimmte Auslegung des Islams in einem bedeutenden Land von Millionen von Muslimen gelebt wird, dann ist sie zulässig – mindestens so zulässig wie die Auslegung, die in Saudi-Arabien gilt und von dort aus mit viel Geld weltweit beworben wird. Und dass eine Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime damit sehr gut leben könnte, halte ich für so gut wie sicher. Genaugenommen ist das insofern bereits dokumentiert, als man es in der Charta der Muslime in Deutschland vom 20. Februar 2002 nachlesen kann.

Natürlich sind damit nicht alle Probleme gelöst. Aber der deutsche Staat wird Muslimverbände, die sich dieser Charta anschließen oder gleichwertige Stellungnahmen dokumentieren, guten Gewissens als ehrliche Gesprächspartner betrachten können – wie den Liberal-Islamischen Bund zum Beispiel, der so gut wie alle Vorurteile gegen Muslime widerlegt und dessen 1. Vorsitzende Lamya Kaddor sowohl bei Rechtsradikalen als auch bei Islamisten verhasst ist. Und er wird ihnen Rückendeckung geben können bei der notwendigen Aufgabe, grundgesetzwidrige Islamauslegungen, für die etwa Pierre Vogel steht, nachhaltig zu isolieren. Er wird nicht nur können. Er wird müssen.

Reden müssen wir übrigens auch über den Beitrag der Medien in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die jahrelanges Engagement für Integration wie beim SV Rhenania Hamborn oder auch konstruktive Arbeit in Lehre und Forschung wie bei Prof. Mouhanad Khorchide nicht ernster nehmen als einen einmaligen Auftritt einer improvisierten „Scharia-Polizei“ von sechs oder sieben Jugendlichen in Wuppertal.

Die einzelnen Muslime sind übrigens weder heute noch morgen verpflichtet, zum Islamismus Stellung zu beziehen. Allerdings wird man das umso weniger von ihnen fordern, je überzeugender es ihre Vereine und Verbände für tun.

Vor allem aber hat jeder einzelne Muslim das Recht, vorrangig als Individuum betrachtet und danach beurteilt zu werden, was er selbst sagt und tut, und als Mitglied seiner Religionsgemeinschaft erst, wenn überhaupt, sekundär. So wie jeder andere Bürger auch. So wie jeder andere Mensch auch. Das ergibt sich nicht aus ihrem Auftreten. Das ergibt sich aus unseren rechtsstaatlichen Grundsätzen und, soweit wir Christen sind, aus unserem eigenen Glauben.

Kein Bürger, ob er nun Atheist ist oder sich zu einer anderen Religion bekennt, ist zu irgendwelchen Zugeständnissen an den Islam verpflichtet. Aber jeder Bürger ist verpflichtet, die Rechte der anderen Bürger zu achten. Und der Staat ist verpflichtet, die Rechte aller Bürger, auch der muslimischen, zu achten und zu schützen. Aller muslimischen Bürger, auch der Frauen und Mädchen; niemand kann versprechen, dass es keine Konflikte geben wird.

Christen sind übrigens in besonderem Maße an dieses Gebot der Betrachtung des einzelnen Menschen gebunden. Das lässt sich vielfach belegen. An dieser Stelle sollen der Hinweis auf das Gebot der Nächstenliebe und die Zusage Christi an den mit ihm gekreuzigten Schächer genügen, der seine Schuld bekennt und um Erbarmen bittet: „Noch heute sollst Du mit mir im Paradiese sein.“ Man darf, ja sollte falsches Handeln verurteilen und aufhalten (bestrafen ggf. auch). Man darf natürlich einem irrigen Glauben widersprechen (beziehungsweise, neutraler formuliert, einem Glauben, den man für irrig hält). Aber der einzelne Mensch ist Gottes Ebenbild und so zu behandeln. Und wenn er auf einem Irrweg ist, kann er bis zum letzten Moment seines Lebens umkehren. Ist ja schon vorgekommen.

Mein Mitgefühl gilt...

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