Das Dilemma der friedlichen Muslime

Harald Stollmeier am 14. Januar 2015

ISIS foltert und tötet vor laufenden Kameras, Boko Haram brennt ganze Städte nieder, und soeben haben die Pariser CharlieHebdo-Attentäter bewiesen, dass der Islamismus auch in Europa eine Gefahr ist (und dass Islamisten für das Ermorden von Juden überhaupt keinen Anlass brauchen). In Deutschland diskutieren wir jetzt, ob der Islam ein Teil des Problems ist. Unter die Räder kommen dabei nicht die Islamisten – die hassen uns sowieso –, sondern die vielen, vielen Muslime, die hier bei uns einfach nur in Frieden leben wollen.

Immer wenn Islamisten im Namen des Propheten morden, werfen sie zwei Fragen auf. Die erste: Ist ihre Auslegung des Korans zulässig oder gar maßgeblich? Die zweite: Wenn ja, wie sollen wir dann mit den Muslimen unter unseren Mitbürgern umgehen?

Zu den Anhängern der These von der Maßgeblichkeit der islamistischen, also mörderischen Auslegung des Islams gehören eine ganze Reihe einflussreicher Muslime, nicht zuletzt der ISIS-Anführer und selbsternannte Kalif al-Baghdadi und wohl auch der Londoner Imam Anjem Choudary, der die Pariser Morde öffentlich wenn nicht gerechtfertigt so doch verteidigt hat. Und zunehmend findet diese Auslegung auch außerhalb des Islams Anhänger. Man muss es zu Ende denken: Wenn diese Menschen Recht haben, dann ist die Ausweisung aller Muslime, sozusagen eine religiöse Säuberung, unausweichlich. Die Befürworter dieser Lösung – noch hängt sie nicht an der großen Glocke – könnten immerhin anführen, dass die „andere Seite“ mit diesem Prozess bereits begonnen hat.

Gar so finster wird es nicht kommen. Denn weder der selbsternannte Kalif noch die Antikalifen haben Recht. Das beweist schon allein die Existenz anderer, keineswegs marginaler Auslegungen in der muslimischen Welt. Das beweisen zum Beispiel die Rechtsgutachten des jordanischen Scheichs Issam Barkawi Abu Mohammed Al-Makdissi (nicht gerade ein Liberaler) und von sechs britischen Islamgelehrten gegen den ISIS-Terror. Man kann ausschließen, dass diese Islamgelehrten die ISIS-Mörder wider besseres Wissen zu Häretikern erklären, nur um den Westen in Sicherheit zu wiegen.

Maßgeblich ist die Islam-Auslegung der Islamisten also nicht. Ihre vollständige Unzulässigkeit ist allerdings schwerer nachzuweisen, trotz Rechtsgutachten. Denn in der muslimischen Welt gibt es keine Autorität, der alle anderen das letzte Wort zugestehen. Sie kennt weder Papst noch Konzile. Die Auslegung des Islams (Koran, Hadithe, Rechtsgutachten) ist sozusagen eine demokratische Angelegenheit. Das bedeutet: Wenn eine Auslegung von einer nennenswerten Zahl von Muslimen gelebt wird, muss man akzeptieren, dass sie dazu gehört. Insofern sind Aussagen wie „Das ist nicht der Islam“ erfreuliche, oft auch gewichtige Meinungsäußerungen, aber keine Definitionen oder Urteile, die irgendwie verbindlich wären über die Jurisdiktion der jeweils publizierenden Institution hinaus. Es hilft nichts: Die Morde haben etwas mit dem Islam zu tun. Schlimmer noch: Es ist nicht absehbar, dass die muslimische Welt den Mördern die Legitimation entziehen kann.

Was bedeutet das für die Muslime in Deutschland? Es bedeutet, dass ihnen die Konfrontation mit den in ihrem Namen, aber nicht in ihrem Auftrag verübten Verbrechen treu bleiben wird. Sie werden immer wieder deutlich machen müssen, dass sie diese Dinge verurteilen. Sie werden sich bei zahlreichen (nicht allen) Glaubensbrüdern im Nahen Osten unbeliebt machen müssen mit einem klaren Bekenntnis zum Grundgesetz inklusive voller Religionsfreiheit, die das Recht zum Abfall vom Islam einschließt. Damit wird es ihnen gelingen, eine nachhaltige Vertrauensgrundlage zu schaffen. Denn wenn die Zugehörigkeit zum Islam offensichtlich freiwillig ist, sind die Besonderheiten, die das Leben der Muslime betreffen, grundsätzlich in Ordnung.

Sowohl der selbsternannte Kalif als auch diejenigen Antiislamisten, die seine Auslegung für maßgeblich halten, werden solche Festlegungen der deutschen Muslimverbände für unzulässig erklären. Ich behaupte dagegen: Wenn eine bestimmte Auslegung des Islams in einem bedeutenden Land von Millionen von Muslimen gelebt wird, dann ist sie zulässig – mindestens so zulässig wie die Auslegung, die in Saudi-Arabien gilt und von dort aus mit viel Geld weltweit beworben wird. Und dass eine Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime damit sehr gut leben könnte, halte ich für so gut wie sicher. Genaugenommen ist das insofern bereits dokumentiert, als man es in der Charta der Muslime in Deutschland vom 20. Februar 2002 nachlesen kann.

Natürlich sind damit nicht alle Probleme gelöst. Aber der deutsche Staat wird Muslimverbände, die sich dieser Charta anschließen oder gleichwertige Stellungnahmen dokumentieren, guten Gewissens als ehrliche Gesprächspartner betrachten können – wie den Liberal-Islamischen Bund zum Beispiel, der so gut wie alle Vorurteile gegen Muslime widerlegt und dessen 1. Vorsitzende Lamya Kaddor sowohl bei Rechtsradikalen als auch bei Islamisten verhasst ist. Und er wird ihnen Rückendeckung geben können bei der notwendigen Aufgabe, grundgesetzwidrige Islamauslegungen, für die etwa Pierre Vogel steht, nachhaltig zu isolieren. Er wird nicht nur können. Er wird müssen.

Reden müssen wir übrigens auch über den Beitrag der Medien in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die jahrelanges Engagement für Integration wie beim SV Rhenania Hamborn oder auch konstruktive Arbeit in Lehre und Forschung wie bei Prof. Mouhanad Khorchide nicht ernster nehmen als einen einmaligen Auftritt einer improvisierten “Scharia-Polizei” von sechs oder sieben Jugendlichen in Wuppertal.

Die einzelnen Muslime sind übrigens weder heute noch morgen verpflichtet, zum Islamismus Stellung zu beziehen. Allerdings wird man das umso weniger von ihnen fordern, je überzeugender es ihre Vereine und Verbände für tun.

Vor allem aber hat jeder einzelne Muslim das Recht, vorrangig als Individuum betrachtet und danach beurteilt zu werden, was er selbst sagt und tut, und als Mitglied seiner Religionsgemeinschaft erst, wenn überhaupt, sekundär. So wie jeder andere Bürger auch. So wie jeder andere Mensch auch. Das ergibt sich nicht aus ihrem Auftreten. Das ergibt sich aus unseren rechtsstaatlichen Grundsätzen und, soweit wir Christen sind, aus unserem eigenen Glauben.

Kein Bürger, ob er nun Atheist ist oder sich zu einer anderen Religion bekennt, ist zu irgendwelchen Zugeständnissen an den Islam verpflichtet. Aber jeder Bürger ist verpflichtet, die Rechte der anderen Bürger zu achten. Und der Staat ist verpflichtet, die Rechte aller Bürger, auch der muslimischen, zu achten und zu schützen. Aller muslimischen Bürger, auch der Frauen und Mädchen; niemand kann versprechen, dass es keine Konflikte geben wird.

Christen sind übrigens in besonderem Maße an dieses Gebot der Betrachtung des einzelnen Menschen gebunden. Das lässt sich vielfach belegen. An dieser Stelle sollen der Hinweis auf das Gebot der Nächstenliebe und die Zusage Christi an den mit ihm gekreuzigten Schächer genügen, der seine Schuld bekennt und um Erbarmen bittet: „Noch heute sollst Du mit mir im Paradiese sein.“ Man darf, ja sollte falsches Handeln verurteilen und aufhalten (bestrafen ggf. auch). Man darf natürlich einem irrigen Glauben widersprechen (beziehungsweise, neutraler formuliert, einem Glauben, den man für irrig hält). Aber der einzelne Mensch ist Gottes Ebenbild und so zu behandeln. Und wenn er auf einem Irrweg ist, kann er bis zum letzten Moment seines Lebens umkehren. Ist ja schon vorgekommen.

Mein Mitgefühl gilt...

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