Durch die Augen des Anderen

Harald Stollmeier am 9. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Michael Rubinstein, So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland, Patmos Verlag 2013, 183 Seiten, € 17,99

Eigentlich müssten sie Feinde sein, einander aus tiefster Seele hassen, bestenfalls einander auf Dauer aus dem Wege gehen. Aber die Muslimin Lamya Kaddor und der Jude Michael Rubinstein sind Freunde. Und mit ihrem 2013 erschienenen Buch So fremd und doch so nah leisten sie Juden und Muslimen gemeinsam einen Freundschaftsdienst – und Deutschland. Auf 183 leicht lesbaren Seiten diskutieren sie, was das Leben in Deutschland für sie und das Verhältnis von Juden und Muslimen zueinander ausmacht, vom Nahostkonflikt über die Shoah, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, Religion und Säkularität bis zum Migrationshintergrund und zur Lage als religiöse Minderheit.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin in Dinslaken, Michael Rubinstein Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Beide sind Deutsche und verstehen sich als Deutsche. Und beide nennen Deutschland ihre Heimat. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit aber ist ihr Mangel an Fanatismus. Sie hören einander zu, nehmen die Erfahrungen des anderen ernst und belegen, dass Juden und Muslime in Deutschland ähnliche, wenn auch nicht genau gleiche Erfahrungen machen.

Als „mehrheitsdeutscher“ Leser nehme ich an diesem Dialog teil. Ich bin nicht Adressat, aber alles geht mich an. Und gerade weil Lamya Kaddor und Michael Rubinstein die schrillen Töne meiden – man hört geradezu das Knacken der Scheite im Kamin, wenn man ihr Gespräch liest –, macht ihre Kritik an der Mehrheitsgesellschaft betroffen.

Wenn Lamya Kaddor aufgefordert wird, dahin zu gehen, wo sie herkommt, dann weiß sie, dass nicht Ahlen in Westfalen gemeint ist, und als Michael Rubinstein anlässlich seiner Kandidatur für das Duisburger Oberbürgermeisteramt gefragt wurde, woher er das Geld dafür habe, da sollte das kränken. Aber nicht nur die plumpen Angriffe stören das Heimatgefühl, auch harmlosere Aussagen von Menschen, die es nicht eigentlich rassistisch meinen. Und sogar ein Kompliment kann ausgrenzend wirken, wenn am „Sie sprechen aber gut deutsch“ erkennbar wird, dass man einer Frau mit schwarzen Haaren auch ohne Kopftuch nicht viel zutraut.

Zwischen Lamya Kaddor und Michael Rubinstein bleibt nichts ungesagt: Islamischer Antisemitismus kommt ebenso auf den Tisch wie „Price-Tag“-Anschläge israelischer Siedler auf Palästinenser. Aber diese beiden klugen Menschen leben vor, dass kein Jude, kein Muslim gezwungen ist, hier in Deutschland Stellvertreterkriege zu führen.

Tatsächlich haben Juden und Muslime große Gemeinsamkeiten, insbesondere als religiöse Minderheiten in Deutschland, und die Autoren werben mit Recht dafür, dass diese Gemeinsamkeiten zur Grundlage gegenseitigen Verstehens und gemeinsamen Handelns werden. Übrigens sind das oft Gemeinsamkeiten, die auch gläubige Christen teilen. Deren kulturelle Bedeutung schätzen die Autoren richtig, ihren politischen Einfluss aber zu hoch ein.

Aber gerade als gläubiger Christ kann man nicht anders als zuzustimmen, wenn Lamya Kaddor sich wünscht, dass ihre nichtmuslimische Umgebung einfach wüsste, warum sie und ihre Freunde strahlen, wenn der Ramadan zu Ende geht und das Opferfest bevorsteht. Und wenn ich lese, wie Michael Rubinstein in der Synagoge neben seinem Vater betet, der auf dem Platz des verstorbenen Großvaters sitzt, dann denke ich an meinen Vater, der schon fünfzehn Jahre tot ist, und verstehe, dass auch andere Religionen nicht nur Glaube und Lebensphilosophie sind, sondern auch Heimat – und die Heimat der Menschen, die wir lieben.

So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein ist ein Buch, das nicht nur Juden und Muslime lesen sollten, sondern alle Menschen guten Willens; dem guten Willen kann das nur gut tun.

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

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Ein Kommentar zu “Durch die Augen des Anderen”

  1. […] Und eine lesenswerte Rezension zu einem offenbar ebenso lesenwerten Buch vom Moralblog: Durch die Augen des Anderen […]

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