Nicht nur ein Problem der Muslime

Harald Stollmeier am 15. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen, Piper Verlag, 14,99 Euro

Über 500 Jugendliche aus Deutschland sind nach Syrien gegangen, um sich ISIS anzuschließen. Unter ihnen waren fünf ehemalige Schüler von Lamya Kaddor. Grund genug für die engagierte Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der Frage nachzugehen, wie so etwas möglich ist: Warum lassen sich deutsche Jugendliche zu Krieg und Terrorismus verführen?

Einen Grund sieht Lamya Kaddor in der sozialen Lage der Jugendlichen: Bildungsmängel, Perspektivlosigkeit, bei vielen Migrantenkindern darüber hinaus das Gefühl der Ausgrenzung. Und dann kommen die Salafisten. Sie verstehen viel davon, wie man unsichere Jugendliche anspricht, ihnen ein “warmes Nest” in einer Gruppe bietet, sie von ihren Eltern und ihrer bisherigen Umgebung isoliert. Vom Islam verstehen sie weniger, sind aber schnell damit bei der Hand, weniger radikale Muslime zu Ungläubigen zu erklären.

Lamy Kaddor belegt, dass ein solcher Alleinvertretungsanspruch absurd ist. Diskussionen über die Auslegung von Koranversen haben von Anfang an zum Islam gehört. Und eine von allen Muslimen anerkannte Autorität, wie sie allein einen Dschihad im Sinne eines Krieges gegen Ungläubige ausrufen könnte, hat es seit dem Tode Muhammads nicht mehr gegeben. Aber wer erst einmal im Lager der Salafisten ist, den erreichen solche Hinweise nicht mehr; nur sehr selten gelingt es Angehörigen, verführte Jugendliche aus diesem sektenartigen Umfeld herauszuholen.

Was kann man tun? Lamya Kaddor warnt eindringlich davor, die Angelegenheit als “ein Problem der Muslime” zu betrachten. Und schon allein der Umstand, dass auch Konvertiten in den “Dschihad” ziehen, spricht dafür, dass sie Recht hat. Im Übrigen formuliert die Autorin keine abschließenden Antworten. Aber ihre vorläufigen Antworten leuchten uneingeschränkt ein.

Die Mehrheitsgesellschaft kann sich und andere schützen, indem sie absichtliche und unabsichtliche Ausgrenzungen abbaut. Das beginnt damit, muslimische Mitbürger nicht vorrangig als Muslime zu betrachten, weil das in Wirklichkeit nur ein Teil ihrer Identität ist. Viele von ihnen verstehen sich wie Lamya Kaddor selbst als Deutsche oder sind auf dem Weg dorthin; ein Zurück in die Herkunftsgesellschaft der Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern ist fast immer unmöglich. Wer sich in einer solchen Situation immer wieder auf seine Religion reduziert sieht, gerät in Versuchung, diese Zuschreibung zu akzeptieren.

Den deutschen Staat ruft Lamya Kaddor auf, seine Haltung zu dem Muslimen zu überdenken und insbesondere das Monopol der vier Muslimverbände aufzuheben, mit denen allein deutsche Behörden verhandeln. Denn diese Verbände mit ihren konservativen Islamauslegungen vertreten nicht die Mehrheit der deutschen Muslime. Ferner sieht die Autorin einen wichtigen Beitrag des Staates im weiteren Ausbau des islamischen Religionsunterrichts, der die Entwicklung junger Muslime zu mündigen muslimischen Bürgern zum Ziel hat; die Didaktik der Koranschulen dagegen beschränke sich auf ein Auswendiglernen, das von wirklichem Verstehen weit entfernt ist.

Die größte Aufgabenlast weist Lamya Kaddor den deutschen Muslimen zu. Sie ruft sie auf, eigene Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, die realen Integrations- und Aufstiegsmöglichkeiten zu nutzen und vor allem: das eigene Verhältnis zum Islam zu überdenken. Besonders gilt das für den Begriff der Umma, der Gemeinschaft aller Gläubigen. Sie wird weithin als monolithischer Block verstanden, obwohl jeder sehen kann, dass es eine große Vielfalt ist. Wenn es den Muslimen gelingt, diese Vielfalt nicht als Defizit, sondern als Reichtum zu begreifen und als Ausdruck der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Muslimen vor Gott, wenn sie Meinungsvielfalt unter Muslimen zulassen, dann graben sie Islamisten und Salafisten das Wasser ab.

An dieser Stelle können Muslime und Mehrheitsgesellschaft einander die Hand reichen. Denn auch wir neigen zu einer vereinfachten Sicht von Muslimen und Islam. Lamya Kaddor weist nach, dass Islamisten/Salafisten und Islamhasser im Grunde genau dasselbe – falsche – Islamverständnis haben.  Jeder, der dieses Buch liest und versteht, kann Lamya Kaddor helfen und dazu beitragen, dass sich das herumspricht.

Nicht lustig, Aber wahrscheinlich ein nützliches Buch.

Nicht lustig. Aber wahrscheinlich ein nützliches Buch.

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Ein Kommentar zu “Nicht nur ein Problem der Muslime”

  1. Peter Friedricham 21. Februar 2015 um 0:41

    Zum Thema religiöser Gewalt:
    Im Islam ist die Rede vom “Allerbarmer”, im Christentum jene vom “Pontifex maximus”, vom obersten(!) Brückenbauer.
    Von der Wortwahl her eigentlich eine schöne Voraussetzung, um als Menschen aufeinander zuzugehen. Es bleibt da allerdings offenkundig noch einiges zu tun…

    Wenn jetzt von islamistischer Seite gräßlichste Gewalt vorgeführt wird, so haben alle Menschen – auch Christen – ein Recht darauf zu fordern, daß sämtliche Grausamkeiten umgehend beendet werden. Das ist ein Menschenrecht, genauso wie unsere reaktiven Gefühle von Wut und Haß. Und wenn Christen fordern, daß keine Christen attackiert werden, so ist das – nun? – ebenfalls ein Menschenrecht.
    Genuin christlich ist das allerdings nicht.
    Christlich wäre es, sich dafür zu interessieren, zu fragen, warum ein anderer Mensch derart böse geworden ist, daß er etwa Anderen Körperteile abhackt. Kein Kind kommt auf die Welt, um seinem Nächsten Körperteile abzuhacken. Irgendetwas ist da fürchterlich schiefgelaufen.
    Und jetzt wird´s sehr schwer, auch für mich selber: Laut Jesuswort befindet sich der “Balken” immer in meinem eigenen Auge, der “Splitter” steckt beim Nächsten drin. Mein “Nächster” ist allerdings nun auch dieser Gewalttäter…
    Der erste Schritt in Richtung Realisierung dieses Jesuswortes wäre wohl eine bescheidenere, demütigere, menschlichere Wortwahl in “christlichen” Foren…

    Ergänzung zum Thema Pegida, Zitat Michael Stürzenberger: “Über seine vielen Auslandsaufenthalte hat er sein eigenes Volk schätzen gelernt. Nur mit dieser Liebe zu sich selbst kann man auch andere lieben. Das gilt für den einzelnen Menschen im persönlichen Umgang mit anderen genauso wie für den Umgang der Deutschen mit anderen Völkern.” –

    Daß wir in Deutschland so manche Errungenschaft dankbar wertschätzen dürfen, ist völlig unbenommen.
    Niemals jedoch, niemals wieder, dürfen wir Grundeinsichten der religiösen Existenzphilosophie vermatschen mit auch nur irgendwelchen gruppen – und nationalbezogenen Interessen.
    Die neutestamentliche Reziprozität von der aus der Resonanz mit der absolut liebenden Person Gottes abgeleiteten Selbstakzeptanz und der liebenden Annahme meines Nächsten kann sich nur auf den einzelnen Menschen und sein fühlendes Herz beziehen. “Das Christentum ist die Kategorie des Einzelnen”, so definiert es sehr klar Eugen Drewermann.
    Erst aus dieser Selbstakzeptanz heraus wird der Mensch zum Menschen, im besten Fall zum Menschen unter anderen Menschen.
    Gruß

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