Blauer Brief für die AfD

Harald Stollmeier am 4. März 2015

Buchbesprechung: Liane Bednarz, Christoph Giesa, Deutschland dreht durch, Carl Hanser Verlag in der Hanser Box, 76 Seiten, 3,99 (nur E-Book)

Die Alternative für Deutschland wächst und gedeiht. Sie ist inzwischen in vier Landesparlamenten und im Europaparlament vertreten. Und immer wieder liest man Stellungnahmen von Konservativen, die im Zorn aus der CDU ausgetreten sind und die AfD für die bessere Wahl halten. Den Zorn kann ich verstehen: Die CDU von heute lässt bei vielen Themen, die Konservativen wichtig sind, zu wünschen übrig. Aber ist die AfD für diese Wünsche ein geeigneter Adressat? Liane Bednarz (konservativ) und Christoph Giesa (liberal) haben die AfD praktisch seit ihrer Gründung kritisch beobachtet und legen nun mit Deutschland dreht durch ihre Auswertung vor. Sie ist verheerend.

Bednarz und Giesa weisen nach, dass der Anspruch der AfD, eine bürgerliche Partei zu sein, konservativ und liberal zugleich, von Anfang an im Widerspruch mit den Zielen zumindest vieler einzelner und oft gewichtiger Parteifunktionäre stand. Sie dokumentieren Dutzende, ja Hunderte von Vorfällen und Aussagen, die im günstigsten Fall bedeuten, dass die neue Partei, die anders als die „Altparteien“ sein will, gezielt am rechten Rand um Zustimmung buhlt. Tatsächlich spricht sogar viel dafür, dass der rechte Rand schon von Anfang an ein Teil der Partei war.

Bednarz und Giesa zeigen, dass diese Grundhaltung im Laufe des Jahres 2014 immer offener zutage trat, als zur Eurokritik die Islamkritik als zweites großes Thema der AfD trat. Öffentliche Toleranz für HoGeSa und öffentliche Zustimmung zu PEGIDA sind einerseits kalkulierte Tabubrüche, andererseits Ausdruck der wahren Überzeugung vieler Menschen, die diese Partei mit ihrem Engagement prägen.

Damit sind AfD-Mitglieder keine Nazis – so einfach geht das nicht, und so einfach machen es sich die Autoren auch nicht. Aber gerade die Menschen, die die AfD aus christlichem Selbstverständnis unterstützen, zum Beispiel wegen der klaren Aussagen gegen Christenverfolgung oder auch gegen das Gender Mainstreaming, wissen oft nicht, welchen Preis sie für diese an sich berechtigten Bestrebungen zahlen: Er besteht in der Zustimmung zu definitiv nicht christlichen Haltungen (und Zielen), die im Kokettieren des Hamburger AfD-Spitzenkandidaten vor der Bürgerschaftswahl 2015 mit gröbsten Fremdenhassklischees ihren traurigsten Ausdruck fanden.

Liane Bednarz und Christoph Giesa legen mit Deutschland dreht durch ein nützliches kleines E-Book vor (Print gibt es nicht), das eines ganz bestimmt leistet: Sollte die Alternative für Deutschland irgendwann in den kommenden Jahren wirklich Schaden anrichten, wird niemand sagen können, das habe man ja nicht wissen können.

Thematisch ist die Darstellung in verschiedene “Mythen” geordnet (von der Partei neuen Typs, von den Einzelfällen, von der Bürgerlichkeit etc.), die belegreich widerlegt werden (OK: Fußnote 138 habe ich nicht gefunden). Die Sprache ist flüssig, lebendig, beinahe salopp und definitiv nicht neutral – aber Neutralität haben die Autoren auch nicht versprochen.

Man wünscht sich bei so aufmerksamen  Beobachtern ein größeres Interesse dafür, was nichtrechte Mitbürger dazu treibt, rechten bei der Verwirklichung ihrer Ziele zu helfen. Denn daraus könnten sich Lösungshinweise ergeben. Aber diese Aufgabe haben sich die Autoren nicht gestellt. Sie haben sich eine einzige Aufgabe gestellt und sie erfüllt: zu beweisen, dass mit der AfD kein Staat zu machen ist, oder zumindest nur einer, in dem es sehr ungemütlich würde.

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