Harte Bandagen auf dem Markt der Religionen

Harald Stollmeier am 7. März 2015

Buchbesprechung: Friedrich Wilhelm Graf, Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird, C. H. Beck 2014, 16,95 Euro

Jedes Jahr treten in Deutschland Zehntausende aus ihrer Kirche aus. Aus der Perspektive der betroffenen Kirchen sieht das nach einer sinkenden Religiosität aus („Glaubenskrise“). Aber der evangelische Theologie Friedrich Wilhelm Graf weist in seinem neuen Buch Götter global nach, dass es für Religionen einen gewaltigen Markt gibt und die Vorstellung von der fortschreitenden Säkularisierung nicht von den Fakten gedeckt ist.

Weltweit wachsen nämlich die verschiedenen Religionen, am stärksten das Christentum, dicht gefolgt vom Islam, und das liegt nicht nur am Bevölkerungswachstum: Tatsächlich wird offensiv, manchmal aggressiv  missioniert, und den Verlusten der Einen entsprechen Gewinne von Anderen. Die Verhältnisse in Deutschland und anderen europäischen Ländern sind untypisch und vor allem eine Folge der mehr oder weniger starken Privilegierung (meist) ehemaliger Staatskirchen, die durch hohe Markteintrittsschwellen vor der Konkurrenz durch Neugründungen geschützt werden. Aber sogar in diesen Ländern etablieren sich teils neben, teils in den etablierten Kirchen „Privatchristentümer“ mit synkretistischen Elementen.

Außerhalb dieses Refugiums religiöser Planwirtschaft gewinnen die „harten“ Anbieter, die viel von den Gläubigen verlangen und sich klar vom Wettbewerb abgrenzen. Die römisch-katholische Kirche stellt Graf in diesem Zusammenhang als mittelhart dar: In der Lehre und bei der Auswahl der Päpste ist sie „hart“, bei den Anforderungen an die Gläubigen wird sie vor allem von den Pfingstkirchen in den Schatten gestellt, die ihr deshalb auch in Brasilien und den USA schwer zu schaffen machen.

Nicht nur das Christentum betrachtet Friedrich Wilhelm Graf differenziert. Auch den Islam, von vielen als monolitischer Block verstanden, nimmt er gründlich unter die Lupe. Mit der Unterscheidung von Sunniten und Schiiten sind deutsche Medienkonsumenten ja schon vertraut. Aber die Wirklichkeit ist erheblich komplexer. So zerfällt die Sunna schon seit Jahrhunderten in zwei Hauptgruppen, von denen die größere (die Barelwis) dem Propheten Muhammad eine Erlösungsfunktion als Fürbitter für die Menschen zuweisen, welche von der kleineren Gruppe, den Deobandis, scharf abgelehnt wird. Beide verurteilen die im 19. Jahrhundert entstandene Reformbewegung der Ahmadiyya scharf, und die in Saudi-Arabien herrschenden Wahhabiten haben sie von der Wallfahrt nach Mekka ausgeschlossen.

Je weniger rechtsstaatlich es in den betreffenden Ländern zugeht, desto brutaler sind auch die Mittel, mit denen die jeweils herrschende Gruppe gegen ihre Rivalen vorgeht.

„Wirklich ernst genommenem religiösem Glauben eignet eine Tendenz zum Unbedingten“ (S. 250), also zur Intoleranz, und so sieht Graf reale Gefahren in der Frontstellung vieler dynamischer Religionen gegen die liberale Moderne. Ein besonders deprimierendes Kapitel ist dabei der weltweit wachsende Einfluss des Kreationismus, auch in seiner aktuelleren Variante, dem Intelligent Design. In den USA ist es vielerorts bereits als gleichberechtigte Theorie im Biologieunterricht vorgeschrieben, und auch in Europa kämpfen christliche Fundamentalisten unermüdlich gegen die Darwinsche Evolutionstheorie. Überholt werden die christlichen Kreationisten inzwischen von den muslimischen unter Fürhung von Adnan Oktar, die sich, von der Türkei ausgehend sehr erfolgreich für die Ablehnung einer als gottlos empfundenen Naturwissenschaft einsetzen. Ihr Informationsmaterial haben sich die muslimischen Kreationisten übrigens von den christlichen erstellen lassen (185-189). Die komplementären Aktivitäten der „Brights“ um Richard Dawkins wertet Graf nicht als Verteidigung der Wissenschaft sondern als deren Missbrauch zur Propagierung eigener ideologischer Vorstellungen.

Götter global ist ein sehr gutes, wenn auch beunruhigendes Buch. Etwas Hoffnung macht Grafs Einschätzung, Religion sei durch Religion zu domestizieren (S. 246ff.). Dabei spielt das Christentum mit seiner Ergänzung der Allmacht Gottes durch dessen Menschenfreundlichkeit (und mit seiner Unterscheidung von „Gott“ und „Kaiser“) eine zentrale Rolle; aber auch im Islam und im Judentum entdeckt Graf Ansätze in diese Richtung.

Abgelegt unter Glaube | Religion,Lesenswerte Bücher | Keine Kommentare

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel