Schuld und Schande

Harald Stollmeier am 24. April 2015

Heute jährt sich zum 100. Mal der Beginn des Völkermords an den Armeniern (und Aramäern) im Osmanischen Reich. Ohne vernünftigen Zweifel lässt sich sagen, dass die damalige türkische Regierung diesen Genozid geplant und durchgeführt hat. Ebenso klar ist, dass die damalige deutsche Regierung wusste, was geschah, und den Genozid duldete, weil sie den Bündnispartner am Bosporus nicht verlieren wollte.

Unter Türken hört man diese Darstellung gar nicht gerne; die heutige türkische Regierung hält sie gar für islamophob. Bevor man sie dafür zu Recht tadelt, sollte man daran denken, dass diese türkischen Regierung mehr als jede vor ihr zur Anerkennung des armenischen Leides getan hat; die grotesken Gesetze, die den Gebrauch des Ausdruckes „Völkermord“ als Angriff auf das Türkentum bestrafen, sind nicht von ihr, und sie hat ihre Anwendung eher gemildert.

Aber die Wellen gehen hoch. Vor allem Mitmenschen, die sich (auch) als Türken verstehen, sprechen sich vehement gegen die ihrer Ansicht nach ebenso einseitige wie überzogene Verurteilung der Türkei aus. Ihre Darstellungen in der Sache entsprechen denen des offiziellen türkischen Geschichtsunterrichts; bis zu einem gewissen Grade sind diese „Genozidleugner“ ihrerseits Opfer einer Geschichtspolitik, die vor Generationen definiert wurde.

Häufig verweisen diese Verteidiger des Türkentums auf das Schicksal der Herero und Nama und darauf, dass keine Bundesregierung das bisher habe als Völkermord anerkennen wollen. Es ist aber wohl einer gewesen; dass er nicht von vornherein geplant war sondern eher eine maßlose Vergeltung nach dem Aufstand gewesen ist, dürfte für die Einstufung an sich bedeutungslos sein. Umso interessanter ist das Echo, das dieses Argument bei manchen Deutschen hat. Sie sehen „wieder einmal“ die Deutschen als internationalen Prügelknaben, verweisen auf den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern und andere Verbrechen, die nicht geahndet wurden, „weil die Sieger die Geschichte schreiben.“ Auch die Kollektivschuld wird thematisiert: Weder den Deutschen noch den Türken werde sie zu Recht zugeschrieben, nicht einmal beim Holocaust und ganz bestimmt nicht beim Armeniergenozid.

Das ist sogar richtig, zumindest richtig genug, um ernstgenommen zu werden. Der Begriff der Kollektivschuld ist nicht übermäßig geeignet für den Umgang mit Verbrechen des eigenen Staates. Schuld ist ihrer Natur nach individuell und gebunden an die konkreten Optionen des Individuums. Kollektiv ist dagegen die Schande. Und sie ist es in dem Maße, in dem Menschen sich mit einem Kollektiv identifizieren. Otto Normalverbraucher ist nicht persönlich verantwortlich für Verbrechen, die der deutsche Staat verübte, deckte oder duldete. Aber soweit er sich als Deutscher begreift, kann er keine Rosinen picken: Wer in irgendeiner Weise auf Goethe und Schiller, Dürer und Bach „stolz“ ist, sie als sein kulturelles Erbe ansieht, der muss als sein Erbteil auch Hitler, Himmler und Eichmann akzeptieren und sich ihretwegen schämen.

So ist das auch bei Türken. Wer auf Mehmet II., Süleyman den Prächtigen und Mustafa Kemal stolz ist, der kann es bleiben, auch wenn er als wahr anerkennt, dass Talaat Pascha und seine Mittäter einen Völkermord zu verantworten haben. Wenn er sich Talaat Paschas schämt, dann mag ihn dabei trösten: Süleyman der Prächtige schämt sich dessen vermutlich auch.

Kein Türke wird dadurch schuldig, dass er den Völkermord an den Armeniern als Völkermord anerkennt. Kein Deutscher ist durch die Anerkennung des Holocaust schuldig geworden, und kein Deutscher wird schuldig durch die Anerkennung des Völkermordes an den Herero und Nama. Aber durch die Verleugnung oder die Verharmlosung dieser und anderer Verbrechen kann man nachträglich persönlich schuldig werden. Sicher nicht mehr so, dass man sich strafbar macht – die juristischen Themen, um die es dann ginge, wären die nachträgliche Beihilfe bzw. die Strafvereitelung – aber sicher so, dass man sich später einmal schämen muss – spätestens wenn man vor den Schöpfer tritt.

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