Monatsarchiv für Mai 2015

Missbrauch: Eine Chance für die Grünen

Harald Stollmeier am 22. Mai 2015

Die Alternative Liste in Berlin hat einen Bericht zu ihrer pädophilen Vergangenheit vorgestellt. Der Inhalt (geschätzte 1.000 Opfer) ist besorgniserregend und wird vermutlich auch der grünen Bundespartei noch zu schaffen machen. Und das ist gut so. Nicht weil das die Grünen zerstören kann. Sondern weil es sie retten kann.

Die Grünen sind ihrer Natur nach eine moralische Bewegung. Viele persönlich anständige Menschen machen dort mit, weil sie zu einer gerechteren, humaneren und friedlicheren Welt beitragen wollen. Diese Menschen bekommen jetzt schwarz auf weiß, dass sie Böses gedeckt haben und dass es nicht um Einzelfälle geht, sondern um ein Netzwerk der Begünstigung und Vertuschung des Missbrauchs von Kindern. Als Partei waren und sind die Grünen auf dem pädophilen Auge blind.

Dafür gibt es Erklärungen, die mit der Herkunft der Grünen aus der 68er-Revolte zu tun haben und mit einem sexualmoralischen Kompass, der sich antagonistisch an der Lehre der katholischen Kirche orientierte: Was die Kirche auf diesem Gebiete ablehnte, das konnte in den Augen der frühen Grünen nicht schlecht sein. Aber wer heute noch als Grüner die Augen davor verschließt, was die Folgen dieser Haltung waren, ja sind, der macht sich spätestens ab heute schuldig.

Die Grünen haben jetzt die Chance, mit ihrer pädophilen Vergangenheit zu brechen. Dazu gehört erstens, diese Vergangenheit anzuerkennen; das ist ein Prozess, der bereits begonnen hat. Zu diesem Prozess gehört vor allem die schmerzliche Erkenntnis, dass die pädophilen Netzwerke bei den Grünen ideologisch begünstigt wurden. Der zweite Schritt sollte in der raschen Verabschiedung von führenden Parteifreunden in den Ruhestand bestehen, die eine persönliche pädophile Vergangenheit aufzuarbeiten haben; eine Partei, die Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck ehrt (um nur die exponiertesten zu nennen), kann nicht glaubwürdig für Menschenwürde und Menschenrechte eintreten – und schon gar nicht glaubwürdig mit dem Finger auf andere Sünder zeigen. Dabei kommt es übrigens nicht darauf an, ob Cohn-Bendit (hoffentlich nicht) oder Beck (ziemlich sicher nicht) persönlich Kinder missbraucht haben – ihre Schuld besteht in der nachweislichen öffentlichen Verharmlosung von und Ermutigung zu Kindesmissbrauch.

Schließlich sollten die Grünen, besonders die Grünen in Regierungsverantwortung, ihre pädagogischen Konzepte im Lichte der offenbar werdenden pädophilen Verstrickung überprüfen. Die grünen, grün-roten und rot-grünen Bildungspläne, in denen Grundschulkinder den übergriffigen Konzepten von Kentler, Tuider & Co. ausgesetzt werden, sind wahrscheinlich nicht an sich Ausdruck pädophiler Bestrebungen. Aber das beinahe vollständige Unverständnis grüner Politiker für die Eltern, die ihre Kinder vor diesen Konzepten schützen wollen, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Folge der pädophilen Verstrickung; mindestens hat es dieselbe Wurzel wie diese.

Diese drei Schritte sollten die Krise überwinden und den Grünen sowohl die Achtung des politischen Gegners (wichtig)  als auch ihre Selbstachtung (wichtiger) zurückgeben: Anerkennung der pädophilen Erbsünde, Pensionierung persönlich verstrickter Parteifreunde, Überarbeitung der kritisierten Bildungspläne. Das ist nicht leicht. Aber es ist die Mühe wert.

Muss man eigens erwähnen, dass katholischen Christen NICHT zu empfehlen ist, jetzt mit schadenfroh ausgestrecktem Zeigefinger auf die Grünen zu zeigen? Die Sünden von Grünen heben ja die Sünden von Katholiken nicht auf. Wenn Katholiken in dieser Sache etwas zu Grünen zu sagen haben, dann könnte es der Hinweis auf Lukas 15,7 sein: Im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte.

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Der Schatz der Gnade – Gedanken zur Familiensynode

Harald Stollmeier am 19. Mai 2015

(ursprünglich erschienen als Gastbeitrag bei PAPSTTREUERBLOG)

Im Vorfeld der Familiensynode sprechen in Deutschland viele Menschen von einem Paradigmenwechsel. Konkrete Forderungen nach Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare und nach Sakramentenzulassung für wiederverheiratete Geschiedene und noch manches andere liegen auf dem Tisch, begründet zumeist mit der Lebenswirklichkeit der Menschen, denen die Lehre unserer Kirche, wie sie im Katechismus steht, nicht mehr plausibel erscheint. Je öfter ich diese Berufung auf die Lebenswirklichkeit lese, desto öfter sehe ich eine Schüssel vor mir, in der ein abgetrennter Kopf liegt. Wenn Johannes der Täufer mit seinem konservativen Eheverständnis die Lebenswirklichkeit für ein theologisches Argument gehalten hätte, wer weiß, vielleicht wäre er erst Jahrzehnte später gestorben, und mit Kopf dran.

Ich habe tiefes Mitgefühl mit Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe mit ihrer neuen Liebe christlich leben wollen, und beinahe noch tieferes mit Christen, die nur Menschen des gleichen Geschlechts lieben können. Ich bin deshalb zutiefst einverstanden mit der Suche nach Lösungen für sie, nach Wegen, sie in der Gemeinschaft der Kirche zu halten und in der Liebe Gottes.

Aber diese Wege müssen biblisch begründet sein. Wenn man die Autorität für einen Segen nicht aus der Bibel hat, welchen Wert hat dann der Segen? Wir sind Erben der göttlichen Gnade, eines kostbaren Schatzes, und vielleicht ist noch ein Teil davon auszugraben. Aber lasst uns das mit dem Pinsel des Archäologen tun und nicht mit der Brechstange des Grabräubers. Heiliger Johannes der Täufer, bitte für uns!

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Warum Gott weint

Harald Stollmeier am 16. Mai 2015

Buchbesprechung: Beile Ratut, Das schwarze Buch der Gier, Ruhland Verlag, 287 Seiten, 19,80 Euro

„Das Gegenteil von Liebe ist Gier.“ Das erfährt Alba Schleyer kurz vor ihrem sechsten Geburtstag von Tante Merete, der Schwester ihrer Mutter. Kurz darauf verschwindet Samuel, Albas achtjähriger Bruder, und taucht nie wieder auf. Albas Familie geht darüber zugrunde. Alba braucht vierzig Jahre, um sich der vollen Grausamkeit dieses nie aufgeklärten Verbrechens zu stellen.

Alba selbst, die mit vierzehn Jahren auch noch ihren Vater verliert (durch Blitzschlag; das ist die einzige Schwachstelle des Romans) und an ihrer verbitterten Mutter wenig Rückhalt hat, führt ein äußerlich erfolgreiches wenn auch unauffälliges Leben. Privat ist sie kaum zugänglich; praktisch ihr einziger Vertrauter ist der Leser, der die Ich-Erzählerin auf einer Reise begleitet, deren Ertrag das volle Begreifen der menschlichen Natur ist.

„Wir Menschen erzählen einander Geschichten.Wir tun das, weil wir dadurch zueinanderfinden.“ So beginnt Beile Ratuts Roman Das schwarze Buch der Gier. Aber dieser harmonische Beginn täuscht. Denn die meisten der Geschichten, die wir Menschen einander erzählen, sind geschönt, wenn nicht gelogen. Sie vertuschen eigene Schuld, eigenes Versagen, vor allem aber die Normalität dessen, was im Roman offen „das Böse“ genannt wird. Anders als in der Selbstwahrnehmung der meisten Menschen und ihrer Gesellschaft ist das Böse kein Betriebsunfall sondern ein Teil unseres Wesens in einer „entweihten Welt.“

Und wie böse: Alba sammelt seit ihrer Kindheit Zeitungsausschnitte über Verbrechen, und als Erwachsene recherchiert sie in Bibliotheken das Ausmaß der Grausamkeit von Sexualverbrechen im Frieden, vor allem aber im Krieg. Die Aufzählungen, mit denen sie sich selbst und den Leser konfrontiert, sind Historikern vertraut, wenn auch nicht sehr. Menschenbilder vom Typ „Der Mensch ist gut“ vertragen sie nur in homöopathischen Dosen. Alba Schleyer blickt der furchtbaren Wahrheit ins Gesicht. Und wir tun es mit ihr.

Im Roman begegnet Alba vielen Menschen, die ihre Fragen nicht hören wollen, angefangen mit Albas Mutter, die ihre eigene Schwester verurteilt, weil sie Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, gefolgt von vor allem von Männern, die Sex nicht nur ohne Liebe sondern auch ohne Respekt ganz normal finden. „Mit Moral ereichen Sie heute nichts“, erklärt ihr einer dieser Männer, der noch dazu mit seinem Bischof auf bestem Fuße steht, „sie ist bedeutungslos.“

„Wenn ich Gott wäre“, denkt Alba Schleyer schließlich (S. 246) angesicht der menschlichen Grausamkeit, der auch ihr Bruder zum Opfer gefallen ist, „… würde [ich] mein eigenes Leben hinwerfen, um sie zu retten. Weil sie, die nicht mehr makellos sind, es nicht können. Wie sehr würde ich weinen, wenn ich die Menschen betrachtete, jeden einzelnen, verloren, schindend und geschunden.“

Der Debütroman der in deutscher Sprache schreibenden Finnin Beile Ratut ist inhaltlich schwere Kost. Aber er ist fesselnd geschrieben; ich konnte ihn buchstäblich nicht aus der Hand legen. Das schwarze Buch der Gier spielt in einer Liga mit Marlen Haushofers Die Wand – und gewinnt.

Beile Ratut (Bild: Ruhland Verlag)

Beile Ratut (Bild: Ruhland Verlag)

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Die Oppositionsbank: Barrikade oder Baugerüst?

Harald Stollmeier am 13. Mai 2015

Interview mit Ruprecht Polenz, MdB (CDU) von 1994-2013

Eine Opposition hat den Auftrag, die Regierung zu kritisieren und sich selbst als Alternative erkennbar zu machen. Aber wie macht man das richtig, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass ja auch die Opposition dem Gemeinwohl verpflichtet ist? Als die Wähler in der langjährigen CDU-Hochburg Münster die Sozialdemokratin Marion Tüns zur Oberbürgermeisterin und die CDU zur Oppositionsfraktion machten, hatten deren Kreisvorsitzender Ruprecht Polenz und seine Mitstreiter kein Interesse an langen Jahren in der Opposition. Stattdessen formulierten sie einen Plan und setzten ihn um. Fünf Jahre später gewannen sie die Kommunalwahl triumphal, und seitdem hat die CDU in Münster ununterbrochen den Oberbürgermeister gestellt.

Moralblog: Herr Polenz, vor 21 Jahren standen Sie mit der CDU Münster vor einem Scherbenhaufen. Fünf Jahre später konnten Sie einen großen Sieg feiern. Wie war dieser Umschwung möglich?

Polenz: Wir hatten das richtige Programm, eine klare Strategie und engagierte Politikerinnen und Politiker, um beides umzusetzen. Außerdem haben zum Ende der Legislaturperiode die bundespolitischen Rahmenbedingungen mitgeholfen. Die SPD musste auch in Münster die Fehler der neuen rotgrünen Bundesregierung ausbaden (Brioni und Cohiba!).

Moralblog: Sie haben also vom ersten Oppositionstag an gewusst, wie sie Wählermehrheit und Rathaus zurückgewinnen würden?

Polenz: Das haben wir nicht gewusst. Aber wir waren uns klar darüber, wie wir uns dieses Wissen erarbeiten wollten. Dabei hat zunächst geholfen, dass die CDU bei den Wahlen dazu gewonnen hatte und nur deshalb nicht weiter regieren konnte, weil unser bisheriger Koalitionspartner, die FDP, deutlich verloren hatte und an der 5%-Hürde gescheitert war. Statt nach Sündenböcken in den eigenen Reihen zu suchen konnte sich die CDU deshalb von Anfang an auf die Oppositionsrolle einstellen. Wir haben eine Analyse der Wahl gemacht und eine ausführliche Klausurtagung zur künftigen Strategie. Dabei haben wir uns von dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Wittkämper beraten lassen. Das wesentliche Ergebnis: keine Total-Opposition gegen alles, was rot-grün vorschlägt und beschließt, sondern klar definierte Konfliktfelder, aber auch einige klar definierte Konsensfelder.

Moralblog: Was waren die Konsensfelder, und wie sind Sie damit umgegangen?

Polenz: Der strategische Unterschied eines Konsensfeldes zu einem Konfliktfeld besteht darin, dass Meinungsunterschiede in einem Konsensfeld eher nach dem Motto angesprochen werden: Wir sind einverstanden, würden aber noch diesen oder jenen Punkt ergänzen (oder weglassen). Bei einem Konfliktfeld werden auch die Punkte, in denen man übereinstimmt, allenfalls beiläufig erwähnt nach dem Motto: Wir lehnen die Vorstellungen und Pläne von Rot-Grün zu xy ab. Daran kann auch der Punkt z nichts ändern. Wichtig: Auch wenn in einem Konsensfeld die Beschlussvorlage nicht zu 100 Prozent unseren Vorstellungen entspricht, stimmen wir Rot-Grün zu. Auch wenn in einem Konfliktfeld eine Vorlage zu 60 oder 70 Prozent unseren Vorstellungen entspricht, stimmen wir nicht zu.

Konsensfelder waren damals zB die Ausländer- und Flüchtlingspolitik (keine Politik auf dem Rücken von Minderheiten) und die Abfallwirtschaftspolitik (keine Müllverbrennung).

Moralblog: Und auf den Konfliktfeldern gab es kein Pardon?

Polenz: Es gab tiefgreifende Differenzen vor allem in der Schulpolitik und bei der Stadtentwicklung. SPD und Grüne wollten um den Preis von Schulschließungen eine weitere Gesamtschule durchsetzen. Das dagegen gerichtete Bürgerbegehren hat die CDU unterstützt. Der Bürgerentscheid wurde gewonnen. Bei der Stadtentwicklung war vor allem die Verkehrspolitik kontrovers.

Moralblog: Wie haben Sie ermittelt, was Konsens- und was Konfliktfeld war?

Polenz: Nie macht einer ALLES falsch. Deshalb ist eine komplett konfrontative Oppositionspolitik weder richtig noch glaubwürdig. Trotzdem ist es natürlich einfacher, die Konfliktfelder zu benennen, denn deshalb sind wir ja in unterschiedlichen Parteien. Schwieriger ist es, die Konsensfelder nicht nur zu benennen sondern es dann auch durchzuhalten, wenn irgend möglich gemeinsam mit rot-grün abzustimmen – denn natürlich hätten wir es bei eigener Mehrheit etwas anders gemacht.

Moralblog: Wie hat Ihnen die Erfahrung dieser Oppositionsarbeit geholfen, als Sie wieder den Oberbürgermeister und die Ratsmehrheit stellten?

Polenz: Zunächst trägt diese Strategie zu einer klaren Profilierung der eigenen Arbeit bei. Die Menschen wissen, wofür die CDU steht und wogegen sie ist. Im Grunde ergaben sich daraus auch die wesentlichen Punkte für das nächste Wahlprogramm und das Handlungsprogramm für die „ersten 100 Tage“. Wir waren inhaltlich vorbereitet und konnten unsere Vorstellungen gerade auf den Konfliktfeldern in Verwaltungshandeln umsetzen. Und auf den Konsensfeldern konnten wir im Wesentlichen übernehmen, was wir in den Vorjahren mitgestaltet hatten.

Ruprecht Polenz

Ruprecht Polenz

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Die Meisterdichterin

Harald Stollmeier am 12. Mai 2015

Buchbesprechung: Claudia Sperlich, Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Mit Illustrationen von Doris Kollmann

Der neue Gedichtband von Claudia Sperlich ist da. Er beweist: Kein lebender Lyriker kann dieser Berlinerin das Wasser reichen. Und von den toten auch nicht viele.

Immer wenn ich Claudia Sperlich lese, dann denke ich an Kästner: dieselbe Leichtigkeit, dieselbe Wucht – und vor allem: dieselbe Empathie. Wenn Claudia Sperlich sich in Menschen wie den biblischen Nikodemus (s. 47) oder Maria Magdalena (S. 48), ja sogar Bar Abbas (s. 46) hineinfühlt, dann glaubt man ihr jedes Wort, dann liest man die Verse einer Meisterin nicht nur des Schreibens sondern auch des Verstehens.

Wenn sie gesellschaftskritisch wird („Und alle Jahre wieder frisst/sich mancher im Advent zugrunde“), dann ist sie unabhängiger Geist und regt mal zum Beifall, mal zum Widerspruch an. Und wenn die Barbaren von ISIS (S. 106) nicht so bildungsfern wären, vielleicht würden sie nachdenklich angesichts der deutlichen Warnung:

Ihr macht euch selber arm und schwach und dumm.
Ihr wollt nur schänden, morden und vertreiben,
zerschlagen, was die Liebe hat erbaut.

Was gut ist in mir, schreit euch zu: Kehrt um!
Bekehrt euch. Denn viel Zeit wird euch nicht bleiben.
Gott richtet euch, wenn sich sonst keiner traut.“

Aber wenn Claudia Sperlich betet und den Herrn bezeugt, dann sieht man Gott durch ihre Augen, und der Spiegel, den sie sich dabei vorhält, in dem kann der Leser, wenn er das zulässt, auch sich selbst erkennen (S. 20):

Die Welt ist schlecht, und ich bin ganz wie sie.
Und Welt und Kirche nerven um die Wette,
Und ich gehöre auch zu diesem Babel.

Gemeinde ist ein stures dummes Vieh,
Ich bin ein Teil von ihr, bin Glied der Kette,
Geschwister vor dem Herrn – wie Kain und Abel.“

Mein Favorit in diesem Buch aber ist Claudia Sperlichs De profundis „Bereitschaft“ (S. 19); wenn man für ein einziges Gedicht in den Himmel kommen kann, dann für so eins.

Claudia Sperlich

Bereitschaft

Für Deine Kirche, Herr, und für das Leben
Der Kinder, die bedroht, noch ungeboren,
Und für den Wissensschatz, schon halb verloren,
Will meine Kunst und meine Kraft ich geben.

Ich stehe sehnend vor verschlossnen Toren
Und möchte gerne hinter ihnen streben
Und andern nützen und am Frieden weben –
Ich will nur dienen, und man schließt die Ohren.

Ich will mein Wissen, Können, Tun und Denken
Zum Schutz des Lebens herzensgern verschenken
Und finde keinen Nehmer dieser Gabe.

Ich hab wie sauer Bier mich angepriesen,
Und wortlos wurde mir die Tür gewiesen,
Und ungenutzt verrottet, was ich habe.

Lesenswert: Claudia Sperlich

Lesenswert: Claudia Sperlich

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Was konservative Christen von Harry Potter lernen können

Harald Stollmeier am 6. Mai 2015

„Man braucht viel Mut, um sich seinen Feinden entgegenzustellen. Aber man braucht noch mehr Mut, um sich seinen Freunden entgegenzustellen.“ Mit diesen Worten ehrt Hogwarts-Zauberschuldirektor Albus Dumbledore am Ende des Romans Harry Potter und der Stein der Weisen den notorisch ungeschickten Schüler Neville Longbottom. Neville entpuppt sich im Laufe der Jahre als begabter Schüler, und als am Ende des letzten Bandes Voldemort nach dem vermeintlichen Tod Harry Potters seinen Sieg feiert, ist es Neville, der sich ihm öffentlich entgegenstellt.

Wenn die Harry-Potter-Romane von uns konservativen Katholiken bzw. Christen handelten, dann würde diese Ehrung durch Direktor Dumbledore dem katholischen Publizisten Andreas Püttmann zuteil. Er stellt sich seit dem Streit um Bischof Tebartz-van Elst regelmäßig seinen Freunden in den Weg. Die Freunde sind nicht amüsiert; einige halten Püttmann schlicht für einen Verräter und würden ihn gerne, wie Hermione Granger ihren Mitschüler Neville, mit einem „Petrificus totalus!“ für längere Zeit ruhigstellen.

Christen sind Menschen, die sich zum Glauben an Jesus Christus, seine Gottessohnschaft und seine Auferstehung bekennen. Konservative Christen unterscheiden sich von liberalen Christen vor allem darin, dass sie den Text der Bibel für maßgeblich halten und von Fundamentalisten durch die Erkenntnis, dass es so etwas wie eine „wörtliche Bedeutung“ gar nicht gibt. Von einer anderen als der herkömmlichen Auslegung einer Bibelstelle muss man konservative Christen mühsam überzeugen. Konservative Katholiken billigen darüber hinaus dem kirchlichen Lehramt, vor allem aber dem Papst die Autorität zu, in Zweifelsfällen zu entscheiden, auch wenn sie selbst nicht überzeugt sind.

Der von Andreas Püttmann (und Liane Bednarz) oft verwendete Ausdruck „Rechtskatholik“ meint konservative Katholiken (und wohl auch konservative Christen), die bestimmte vor allem familienbezogene christliche Werte für so bedroht halten, dass sie zu ihrer Verteidigung die Universalität der Menschenrechte preisgeben, zumindest aber die Diskriminierung von Minderheiten tolerieren. Das Phänomen ist real und in der Praxis entweder an unkritischer Nähe zu Personen oder Organisationen erkennbar, die ihrerseits die Menschenrechte relativieren bzw. Minderheitendiskriminierung praktizieren, oder, schlimmer, an eigenen Aussagen mit diesem Inhalt; Püttmann und Bednarz liefern Belege genug. Der Begriff „Rechtskatholik“ ist gleichwohl ärgerlich, weil er das Kind mit dem Bade ausschüttet – hauptsächlich wegen der damit vorgenommenen Abstempelung der Person.

Der Harry-Potter-Zyklus handelt im Kern von Ethik. Schon der erste Roman ist ein Plädoyer für das Naturrecht. Denn das Credo des Antagonisten Voldemort lautet: „Es gibt kein Gut und Böse – es gibt nur Macht.“

Im zentralen Konflikt am Ende, nach Voldemorts Machtergreifung, geht es um die Frage, ob alle Menschen gleich viel wert sind und folglich auch gleichberechtigt. Voldemort hält die Zauberer zur (Zwangs-) Herrschaft über die magisch unbegabten Muggel berufen, eine Haltung, die Dumbledore in seiner Jugend geteilt hat. Verschärfend hinzu kommt ein rassistisches Element: Muggel ist für Voldemort nur, wer Muggeleltern hat – nicht einmal die Begabung ist für ihn Schicksal, sondern ausschließlich das Blut.

Die politische Jugendsünde Dumbledores verdient aus unserer Perspektive eine nähere Betrachtung. Denn seine damalige Haltung, die Zauberer müssten die Herrschaft über die Muggel zu deren eigenem Wohl und um des Gemeinwohls („for the greater good“) willen übernehmen, hat ein Vorbild in der jüngeren deutschen Geschichte: Edgar Jung, Gegner der Demokratie und Anhänger einer „konservativen Revolution.“ Edgar Jung hatte (auch) gute Argumente und war alles andere als ein Nazi. Gleichwohl hat er sich schrecklich geirrt, als Nazi-Wegbereiter Schuld auf sich geladen und teuer dafür bezahlt. Seine letzte politische Handlung war die Marburger Rede, die er für den Vizekanzler Franz von Papen schrieb. Sie war eine Abrechnung mit und Distanzierung von der Politik der Nazis. Sie war ein offensives Eintreten nicht für die Demokratie, aber für den Rechtsstaat. Sie war mutig, sie war zu spät, und sie war sein Todesurteil.

Die „Guten“ im Harry-Potter-Zyklus kämpfen am Ende gegen die Unterdrückung der Muggel durch die Zauberer und für die Universalität der Menschenrechte. Es gibt keine Neutralität mehr: Zauberer mit aristokratischen Vorstellungen, die ähnlich wie der junge Dumbledore eine Herrschaft der Besten zum Wohle aller anstreben, müssen sich entweder Voldemorts Totalitarismus unterwerfen oder sich unter Einsatz ihres Lebens gegen ihn stellen.

Konservative Christen stehen heute vor einer ähnlichen Wahl: Dürfen wir zur Verteidigung christlicher Werte (und bedroht sind sie!) die Samthandschuhe gegenüber Gegnern wie der „Homolobby“ ausziehen und fallende Späne in Kauf nehmen, wenn Präsident Putin hobelt? Oder müssen wir erkennen, dass wir die Menschenrechte für Christen nur verteidigen können, indem wir die Menschenrechte für alle verteidigen? Das Schicksal Edgar Jungs könnte uns zeigen, dass der Anhänger des Rechts beim Bündnis mit dem Unrecht auf Dauer den Kürzeren zieht. Und das ist es, wovor Andreas Püttmann uns warnt. Es ist wahr, dass er die Berechtigung unserer Sorgen nicht genug würdigt. Aber seine Warnung sollten wir ernst nehmen; sie kommt trotz allem von einem Freund.

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

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