Die Meisterdichterin

Harald Stollmeier am 12. Mai 2015

Buchbesprechung: Claudia Sperlich, Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Mit Illustrationen von Doris Kollmann

Der neue Gedichtband von Claudia Sperlich ist da. Er beweist: Kein lebender Lyriker kann dieser Berlinerin das Wasser reichen. Und von den toten auch nicht viele.

Immer wenn ich Claudia Sperlich lese, dann denke ich an Kästner: dieselbe Leichtigkeit, dieselbe Wucht – und vor allem: dieselbe Empathie. Wenn Claudia Sperlich sich in Menschen wie den biblischen Nikodemus (s. 47) oder Maria Magdalena (S. 48), ja sogar Bar Abbas (s. 46) hineinfühlt, dann glaubt man ihr jedes Wort, dann liest man die Verse einer Meisterin nicht nur des Schreibens sondern auch des Verstehens.

Wenn sie gesellschaftskritisch wird („Und alle Jahre wieder frisst/sich mancher im Advent zugrunde“), dann ist sie unabhängiger Geist und regt mal zum Beifall, mal zum Widerspruch an. Und wenn die Barbaren von ISIS (S. 106) nicht so bildungsfern wären, vielleicht würden sie nachdenklich angesichts der deutlichen Warnung:

Ihr macht euch selber arm und schwach und dumm.
Ihr wollt nur schänden, morden und vertreiben,
zerschlagen, was die Liebe hat erbaut.

Was gut ist in mir, schreit euch zu: Kehrt um!
Bekehrt euch. Denn viel Zeit wird euch nicht bleiben.
Gott richtet euch, wenn sich sonst keiner traut.“

Aber wenn Claudia Sperlich betet und den Herrn bezeugt, dann sieht man Gott durch ihre Augen, und der Spiegel, den sie sich dabei vorhält, in dem kann der Leser, wenn er das zulässt, auch sich selbst erkennen (S. 20):

Die Welt ist schlecht, und ich bin ganz wie sie.
Und Welt und Kirche nerven um die Wette,
Und ich gehöre auch zu diesem Babel.

Gemeinde ist ein stures dummes Vieh,
Ich bin ein Teil von ihr, bin Glied der Kette,
Geschwister vor dem Herrn – wie Kain und Abel.“

Mein Favorit in diesem Buch aber ist Claudia Sperlichs De profundis „Bereitschaft“ (S. 19); wenn man für ein einziges Gedicht in den Himmel kommen kann, dann für so eins.

Claudia Sperlich

Bereitschaft

Für Deine Kirche, Herr, und für das Leben
Der Kinder, die bedroht, noch ungeboren,
Und für den Wissensschatz, schon halb verloren,
Will meine Kunst und meine Kraft ich geben.

Ich stehe sehnend vor verschlossnen Toren
Und möchte gerne hinter ihnen streben
Und andern nützen und am Frieden weben –
Ich will nur dienen, und man schließt die Ohren.

Ich will mein Wissen, Können, Tun und Denken
Zum Schutz des Lebens herzensgern verschenken
Und finde keinen Nehmer dieser Gabe.

Ich hab wie sauer Bier mich angepriesen,
Und wortlos wurde mir die Tür gewiesen,
Und ungenutzt verrottet, was ich habe.

Lesenswert: Claudia Sperlich

Lesenswert: Claudia Sperlich

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