Monatsarchiv für Juni 2015

Wer A sagt…

Caroline Stollmeier am 26. Juni 2015

Ich habe schon länger den Verdacht, dass viele Menschenrechts- und Kinderrhilfsorganisationen eine Art Mindestalter für ihre Hilfe definieren: die Geburt. Um es ein bisschen genauer zu wissen, habe ich einige der großen Organisationen angeschrieben und – leider! – fast ausschließlich die erwarteten Antworten erhalten. Praktisch keine der Organisationen sieht es als ihre Aufgabe an, Schwangerschaftsabbrüche, die eine eklatante Verletzung des „Rechts auf Leben“ und deshalb eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern weltweit sind, zu verhindern. Im Gegenteil: Unter dem Stichwort „Müttergesundheit“ kämpfen einige der Organisationen geradezu FÜR Abtreibungen.

Das Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlicht, dass „täglich 17.000 Kinder sterben, bevor sie ihren fünften Geburtstag feiern können“ und ruft in diesem Zusammenhang dazu auf: „Helfen Sie mit, Kinderleben zu retten!“

Nach Rückfrage bestätigt Rudi Tarneden, Abteilungsleiter Presse aus dem Bereich Kommunikation und Kinderrechte, dass von Abtreibung betroffene Kinder nicht mitgezählt wurden: „Bei den Zahlen zur Kindersterblichkeit handelt es sich um bestmögliche Schätzungen auf der Basis repräsentativer Haushaltsbefragungen und der Auswertung nationaler Statistiken. Fehlgeburten sind darin enthalten.“

„Das Überleben, die Entwicklung und der Schutz von Kindern sind die Kernaufgaben von UNICEF weltweit. In praktisch allen Entwicklungsländern und Krisengebieten führt UNICEF Programme durch, um die Überlebenschancen der ärmsten Kinder zu verbessern – zum Beispiel durch eine bessere Gesundheitsversorgung, bessere Hygiene, Impfprogramme und die Förderung des Stillens.

Die Arbeit beginnt aber schon vor der Geburt der Kinder. UNICEF leistet zum Beispiel Aufklärungsarbeit in Familien, damit diese ihre Töchter nicht früh verheiraten. Weiter werden in vielen Ländern nach dem Train the Trainer Prinzip Hebammen ausgebildet um die Betreuung von werdenden Müttern in der Schwangerschaft und bei der Geburt zu verbessern“, so Herr Tarneden. UNICEF tut zweifellos viele wichtige Dinge, um Kinder zu schützen und zu retten. Aber auch hier fällt auf, was nicht genannt wird: eine klare Positionierung für die Vermeidung von Abtreibungen und somit das Einstehen auch für ungeborene Kinder.

Cornelia Dernbach aus dem Pressereferat von terre des homes / Hilfe für Kinder in Not schreibt mir schlicht: „Die Frage der Rechte von ungeborenen Kindern gehört nicht in unser Betätigungsfeld, d.h. wir können keine Auskunft dazu geben.“ Schade. Denn ich würde sagen, Kinder, deren Mütter aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage sind ihnen den Schritt ins Leben zu ermöglichen, sind in Not und könnten Hilfe dringend gebrauchen.

Katharina Hopp vom Spenderservice des Save the Children Deutschland e.V. hingegen erläutert: „Das Thema Kinderrechte ist sehr komplex. Für Save the Children besteht zum Beispiel ein starker Zusammenhang zwischen den Überlebenschancen eines Kindes und der Müttergesundheit. Das heißt, wenn wir die Gesundheitssysteme und Angebote für werdende Mütter erweitern, dann steigen auch die Chancen für ungeborene Kinder lebend und gesund auf die Welt zu kommen. Save the Children setzt sich also weltweit dafür ein, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken.“ Bei diesem Ansatz gefällt mir besonders gut, dass das Wohl von Mutter UND Kind im Fokus ist, auch wenn mir der Schwerpunkt klar auf der Vermeidung von Früh- und Fehlgeburten zu liegen scheint.

Sara Fremberg, Pressereferentin von AMNESTY INTERNATIONAL, schreibt mir: „Als Menschenrechtsorganisation orientieren wir uns an internationalen Menschenrechtsabkommen bzw. den Aussagen entsprechender Gremien. UN-Gremien betonen, dass der Schutz des Fötus am besten durch die Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens schwangerer Frauen und Mädchen gewährleistet werden kann – etwa durch Programme zu einer umfassenden medizinischen Versorgung oder ausreichenden Ernährung von Schwangeren.

Internationale Menschenrechtsgremien haben festgestellt, dass rechtliche oder praktische Einschränkungen beim Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gegen die Verpflichtung von Regierungen verstoßen, die Menschenrechte von Frauen und Mädchen zu schützen. So hat beispielsweise der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (Committee to Eliminate Discrimination against Women, CEDAW) im Fall eines selbstmordgefährdeten jungen Mädchens, dem ein Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung verweigert wurde, empfohlen, dass die Regierung Maßnahmen ergreifen muss, um den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen bei Vergewaltigung und Inzest zu gewährleiste. Amnesty hat in den vergangenen Jahren unter anderem Berichte zu derartigen Missständen in El Salvador und Irland veröffentlicht.“

Hierbei finde ich vor allem interessant, was in Frau Frembergs Antwort NICHT steht. Dazu passt auch die nach weiteren Recherchen schnell gefundene „globale Kampagne ‚My Body, My Rights'“, im Zuge derer sich „Amnesty für den Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen, gegen diskriminierende Gesetze und für das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper“ einsetzt. Sprich: freie Abtreibungen für alle! (Nicht nur für die genannten besonders tragischen Fälle.) Kein Wort über die Rechte ungeborener Kinder…

Einige Rückmeldungen von Hilfsorganisationen stehen immer noch aus. Nichtsdesdotrotz habe ich versucht herauszufinden, was von Seiten der verschiedenen Menschen- und Kinderrechtsorganisationen gezielt zur Unterstützung von ungewollt Schwangeren (und damit ihrer Kinder) unternommen wird. Kein besonders fruchtbares Unterfangen … Wem solche Hilfsangebote bekannt sind, der kann sie gerne als Kommentar unten posten. Ich bin dankbar für solche Hinweise!

Viele Organisationen schließen sich der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen an, durch die Kinderrechte als unverrückbare Menschenrechte in der ganzen Welt verankert werden sollen. Manchmal wird davon ausgegangen, dass die Kinderrechtskonvention erst mit der Geburt des Kindes in Kraft tritt. Allerdings definiert das „Übereinkommen über die Rechte des Kindes“ ein Kind lediglich als „jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, soweit die Volljährigkeit nach dem auf das Kind anzuwendenden Recht nicht früher eintritt.“ Der Beginn des Kindseins wird nicht explizit erläutert. Allerdings heißt es in Artikel 2: „Die Vertragsstaaten achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind ohne jede Diskriminierung unabhängig von (…) der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes(…).“ Man sollte doch meinen, das bedeutet, dass ein Kind nicht diskriminiert werden darf, nur weil es noch nicht geboren wurde, oder?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Jede Organisation hat selbstverständlich das Recht ihr Betätigungsfeld selbst zu definieren und einzugrenzen. Weder eine Organisation noch eine Privatperson rettet die Welt alleine. Und JEDES Bemühen darum Müttern und Kindern wirksam zu helfen ist ehrenwert. Natürlich. Aber wenn es um grundsätzliche Zusammenhänge geht, dann gilt: Wer A sagt, der muss auch A sagen! Ein Mindestalter für Kinderrechte darf es nicht geben!

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein,Gerechtigkeit | Ein Kommentar

Alexandra

Caroline Stollmeier am 2. Juni 2015

Vor etwa zwei Wochen schrieb mir Kristijan Aufiero, der Vorsitzende des Vereins Pro Femina, von Alexandra*, einer jungen Frau, die gerade im Kontakt mit unseren Beraterinnen stand:

“Sie ist bereits in der 18. Schwangerschaftswoche und steht unmittelbar vor der schrecklichen Frage, eine Spätabtreibung in Holland durchführen zu lassen oder nicht.

Mit dem Vater ihres Kindes lebt Alexandra seit zwei Jahren zusammen – gegen den Willen seiner Familie. Doch man hatte die Beziehung toleriert, solange sie nicht schwanger würde. Als sie nun vor einigen Wochen die Schwangerschaft feststellte, war er sofort für eine Abtreibung, doch sie wünschte sich das Baby.

Um die 12. Woche herum eskalierte die Situation, er übte so massiven Druck auf sie aus, dass sie doch einen Abtreibungstermin vereinbarte. Am Abend vorher sollte sie die vorbereitenden Tabletten nehmen und sie weinten beide bitterlich. Schließlich vernichtete ihr Freund die Tabletten und sagte: „Wir schaffen das schon irgendwie!“

Leider war dies noch nicht das glückliche Ende dieses Konflikts. Seit seine Familie von der Schwangerschaft weiß, sind Alexandra und ihr Freund massiven Drohungen ausgesetzt. In seiner Angst gibt er diesen Druck an seine Freundin weiter: Sie soll ihr gemeinsames Kind „wegmachen lassen“.

Zu diesem Zeitpunkt hat Alexandra niemanden an ihrer Seite: Ihre Mutter ließ sie in frühester Kindheit im Stich, mit ihrem Vater hat sie vor Jahren gebrochen. Freunde, auf deren Unterstützung sie zählen könnte, gibt es nicht. Sie hatte bereits mehrere Gespräche in einer Beratungsstelle vor Ort. Dort wurde sie zunächst auch bestärkt, sich gegen die Familie ihres Freundes zur Wehr zu setzen. Doch zuletzt wurde ihr gesagt: „Sortieren Sie erst Ihr Leben, bevor Sie die Verantwortung für ein neues Leben übernehmen.“

Seit drei Wochen sind unsere Beraterinnen im intensivsten Kontakt mit Alexandra. Wir ringen in dieser Minute darum, dass die junge, verzweifelte Frau doch ihrem Herzen und ihrem innigsten Wunsch folgen kann. Es schnürt mir das Herz zu, wenn ich ihre hoffnungslosen Worte lese: „Alle sind gegen mich und ich bin ganz alleine.“

Wir hoffen, durch unsere Beratung Alexandra das Gefühl geben zu können, nicht allein auf der Welt zu sein. Wir haben ihr inzwischen jegliche Hilfe und Unterstützung zugesichert. Doch welche Entscheidung sie treffen wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht.”

Ich weiß, dass in der Zwischenzeit viele Menschen für Alexandra gebetet haben und ihr alles erdenklich Gute gewünscht haben. Letzte Woche dann bekam ich eine weiter Nachricht von Kristijan Aufiero, in der es um Alexandra ging:

“Gestern kurz nach Mitternacht erreichte uns die erschütternde Nachricht, dass Alexandras Baby nicht mehr lebt.

Dies sind Alexandras Zeilen an unsere Online-Beraterin:

„Liebe Anna,

auch wenn ich dir nicht immer schreiben kann, sollst du wissen, dass ich dir unheimlich dankbar bin, dass du mir in den letzten Wochen zugehört hast und mir helfen wolltest.

Letzten Freitag war die Abtreibung in Holland.

Es war schrecklich und das ist es auch immer noch. Ich denke, ich werde eine Zeit brauchen mich damit abzufinden, dass mein Kind tot ist. Ich bin jetzt nicht mehr schwanger.

Ich hoffe so sehr, dass mein Kind mir verzeihen kann. Ich hoffe, ich werde trotzdem noch irgendwann Kinder bekommen können… es wird aber nie wieder dieses Kind sein. Es ist tot. Und es war meine Schuld. Eine Mutter kämpft für ihr Kind. Aber ich konnte es einfach nicht…

Ich wünsche dir einen schönen Abend. Und danke trotzdem, für alles.“

Dies ist so furchtbar und so erschütternd, dass mir in diesem Augenblick die Worte fehlen, all das auszudrücken, was ich empfinde.”

So ging es mir tagelang auch. Aber die Gedanken an Alexandra haben mich nicht mehr los gelassen. Über sie und die mehr als 100.000 Frauen, die in jedem Jahr in Deutschland aus ähnlichen oder ganz anderen Gründen keine Alternative zur Abtreibung sehen, darf nicht geschwiegen werden!

Wir hätten Alexandra nur zu gerne ermöglicht, was ihr Herz ihr ohnehin geraten hat. Aber der Druck aus ihrem Umfeld war einfach zu groß. Natürlich hören wir nicht auf für sie zu beten, an sie zu denken und ihr zu wünschen, dass sie einen Weg erkennt mit ihrem Schmerz umzugehen.

Wir haben unter anderem einen monatlichen Gebetsbrief für die Schwangeren, mit denen wir in Kontakt stehen. Wer sich uns im Gebet anschließen oder uns auf andere Weise helfen möchte, kannhier einfach mit uns Kontakt aufnehmen. Auch wenn wir uns für Alexandras Geschichte eine glücklichere Wendung gewünscht haben, vertrauen wir darauf, dass unsere Gebete gehört werden.

Ich möchte Alexandra und alle Frauen, die ähnliches erlebt haben, ermutigen: Es gibt keinen Menschen ohne Schuld. Versucht zuerst Euch selbst zu verzeihen. Und vielleicht wird so irgendwann Euer größter Fehler zu Eurer wichtigsten Botschaft. Es gibt Menschen, die Euch lieben – auch ohne Euch zu kennen. Es stimmt nicht, dass alle gegen Euch sind. Ihr seid nicht alleine.

nicht-vergessen1-291x300

 

* Name selbstverständlich geändert

 

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein | 4 Kommentare