Alexandra

Caroline Stollmeier am 2. Juni 2015

Vor etwa zwei Wochen schrieb mir Kristijan Aufiero, der Vorsitzende des Vereins Pro Femina, von Alexandra*, einer jungen Frau, die gerade im Kontakt mit unseren Beraterinnen stand:

“Sie ist bereits in der 18. Schwangerschaftswoche und steht unmittelbar vor der schrecklichen Frage, eine Spätabtreibung in Holland durchführen zu lassen oder nicht.

Mit dem Vater ihres Kindes lebt Alexandra seit zwei Jahren zusammen – gegen den Willen seiner Familie. Doch man hatte die Beziehung toleriert, solange sie nicht schwanger würde. Als sie nun vor einigen Wochen die Schwangerschaft feststellte, war er sofort für eine Abtreibung, doch sie wünschte sich das Baby.

Um die 12. Woche herum eskalierte die Situation, er übte so massiven Druck auf sie aus, dass sie doch einen Abtreibungstermin vereinbarte. Am Abend vorher sollte sie die vorbereitenden Tabletten nehmen und sie weinten beide bitterlich. Schließlich vernichtete ihr Freund die Tabletten und sagte: „Wir schaffen das schon irgendwie!“

Leider war dies noch nicht das glückliche Ende dieses Konflikts. Seit seine Familie von der Schwangerschaft weiß, sind Alexandra und ihr Freund massiven Drohungen ausgesetzt. In seiner Angst gibt er diesen Druck an seine Freundin weiter: Sie soll ihr gemeinsames Kind „wegmachen lassen“.

Zu diesem Zeitpunkt hat Alexandra niemanden an ihrer Seite: Ihre Mutter ließ sie in frühester Kindheit im Stich, mit ihrem Vater hat sie vor Jahren gebrochen. Freunde, auf deren Unterstützung sie zählen könnte, gibt es nicht. Sie hatte bereits mehrere Gespräche in einer Beratungsstelle vor Ort. Dort wurde sie zunächst auch bestärkt, sich gegen die Familie ihres Freundes zur Wehr zu setzen. Doch zuletzt wurde ihr gesagt: „Sortieren Sie erst Ihr Leben, bevor Sie die Verantwortung für ein neues Leben übernehmen.“

Seit drei Wochen sind unsere Beraterinnen im intensivsten Kontakt mit Alexandra. Wir ringen in dieser Minute darum, dass die junge, verzweifelte Frau doch ihrem Herzen und ihrem innigsten Wunsch folgen kann. Es schnürt mir das Herz zu, wenn ich ihre hoffnungslosen Worte lese: „Alle sind gegen mich und ich bin ganz alleine.“

Wir hoffen, durch unsere Beratung Alexandra das Gefühl geben zu können, nicht allein auf der Welt zu sein. Wir haben ihr inzwischen jegliche Hilfe und Unterstützung zugesichert. Doch welche Entscheidung sie treffen wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht.”

Ich weiß, dass in der Zwischenzeit viele Menschen für Alexandra gebetet haben und ihr alles erdenklich Gute gewünscht haben. Letzte Woche dann bekam ich eine weiter Nachricht von Kristijan Aufiero, in der es um Alexandra ging:

“Gestern kurz nach Mitternacht erreichte uns die erschütternde Nachricht, dass Alexandras Baby nicht mehr lebt.

Dies sind Alexandras Zeilen an unsere Online-Beraterin:

„Liebe Anna,

auch wenn ich dir nicht immer schreiben kann, sollst du wissen, dass ich dir unheimlich dankbar bin, dass du mir in den letzten Wochen zugehört hast und mir helfen wolltest.

Letzten Freitag war die Abtreibung in Holland.

Es war schrecklich und das ist es auch immer noch. Ich denke, ich werde eine Zeit brauchen mich damit abzufinden, dass mein Kind tot ist. Ich bin jetzt nicht mehr schwanger.

Ich hoffe so sehr, dass mein Kind mir verzeihen kann. Ich hoffe, ich werde trotzdem noch irgendwann Kinder bekommen können… es wird aber nie wieder dieses Kind sein. Es ist tot. Und es war meine Schuld. Eine Mutter kämpft für ihr Kind. Aber ich konnte es einfach nicht…

Ich wünsche dir einen schönen Abend. Und danke trotzdem, für alles.“

Dies ist so furchtbar und so erschütternd, dass mir in diesem Augenblick die Worte fehlen, all das auszudrücken, was ich empfinde.”

So ging es mir tagelang auch. Aber die Gedanken an Alexandra haben mich nicht mehr los gelassen. Über sie und die mehr als 100.000 Frauen, die in jedem Jahr in Deutschland aus ähnlichen oder ganz anderen Gründen keine Alternative zur Abtreibung sehen, darf nicht geschwiegen werden!

Wir hätten Alexandra nur zu gerne ermöglicht, was ihr Herz ihr ohnehin geraten hat. Aber der Druck aus ihrem Umfeld war einfach zu groß. Natürlich hören wir nicht auf für sie zu beten, an sie zu denken und ihr zu wünschen, dass sie einen Weg erkennt mit ihrem Schmerz umzugehen.

Wir haben unter anderem einen monatlichen Gebetsbrief für die Schwangeren, mit denen wir in Kontakt stehen. Wer sich uns im Gebet anschließen oder uns auf andere Weise helfen möchte, kannhier einfach mit uns Kontakt aufnehmen. Auch wenn wir uns für Alexandras Geschichte eine glücklichere Wendung gewünscht haben, vertrauen wir darauf, dass unsere Gebete gehört werden.

Ich möchte Alexandra und alle Frauen, die ähnliches erlebt haben, ermutigen: Es gibt keinen Menschen ohne Schuld. Versucht zuerst Euch selbst zu verzeihen. Und vielleicht wird so irgendwann Euer größter Fehler zu Eurer wichtigsten Botschaft. Es gibt Menschen, die Euch lieben – auch ohne Euch zu kennen. Es stimmt nicht, dass alle gegen Euch sind. Ihr seid nicht alleine.

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* Name selbstverständlich geändert

 

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein | 4 Kommentare

4 Kommentare zu “Alexandra”

  1. Claudia Sperlicham 2. Juni 2015 um 21:14

    Die arme Frau! Und das arme Kind. Ich hoffe und bete, daß Alexandra auf einen guten Weg findet. Jesus stehe ihr bei. Und auch ihrem Freund.

  2. Klaus Ebneram 5. Juni 2015 um 11:27

    „Sortieren Sie erst Ihr Leben, bevor Sie die Verantwortung für ein neues Leben übernehmen.“ Das scheint mir kein wirklich dummer Rat zu sein ehrlich gesagt.
    Eine Abtreibung nach der 18. Woche ist auch in Holland nicht zu einfach zu organisieren, insofern wundert mich das doch ein wenig, dass es hier so einfach ging oder wurden hier ein paar Fakten vergessen?
    Außerdem frage ich mich welche “Tabletten” die Frau in der 12. SW nehmen sollte? Für Mifepristone ist es um die Zeit schon viel zu spät, kein Krankenhaus würde das machen.

  3. Cornelia Lassayam 9. Juni 2015 um 14:23

    Es scheint im ersten Moment viel vernünftiger zu sein, erstmal sein Leben zu sortieren, aber ist es das wirklich? … Und warum sollte es sich ausschließen, dass eine sehr junge Frau sich für das Leben ihres Kindes entscheidet (und damit vor den psychischen und möglicherweise physischen Folgen einer Spätabtreibung bewahrt bleibt) und gleichzeitig ihr Leben ordnet und sorgsam plant? Es braucht unsere Unterstützung dazu! Menschen, die diesen ganz anderen Blickwinkel einnehmen und ihr mit allem zur Seite stehen, was diese junge Frau braucht, um einen guten Weg für sich und ihr Kind zu finden!

    Eine Spätabtreibung in Holland ist bis zur 22. SSW möglich und sehr einfach zu organisieren. Ein Termin lässt sich telefonisch oder online vereinbaren, es braucht lediglich ein aktuelles Ultraschallbild (nicht älter als eine Woche), bestimmte fetale Maßangaben und das entsprechende Geld. Ansonsten nur ein langes Nachthemd und ein paar Hausschuhe…
    Zur Vorbereitung der Abtreibung (operativer Eingriff in der 12. SSW, den sie dann nicht wahrnahm) wird am Abend zuvor Prostaglandin eingenommen, um den Muttermund weich und damit dehnbarer zu machen. Neuerdings wird auch Mifepristone gegeben mit gleicher Wirkung.

  4. Cornelia Lassayam 10. Juni 2015 um 10:08

    Was ich abschließend noch anmerken möchte: Es ist gut, kritisch zu sein und nachzufragen, wo etwas unklar geblieben ist. Wichtig ist es jedoch, nicht in der Kritik zu verharren, sondern sich sensibel einzufühlen und in Folge nachzudenken über einen Weg der Solidarität und konkreten Hilfe.

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