Erst Demaskierung, dann Therapie

Harald Stollmeier am 24. August 2015

Buchbesprechung: Liane Bednarz, Christoph Giesa, Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte, 221 Seiten, Hanser Verlag, 17,90 Euro

Liane Bednarz und Christoph Giesa haben bereits im Februar 2014 in einem gut recherchierten E-Book nachgewiesen, dass die AfD ein rechtspopulistisches Problem hatte – lange vor dem Essener Parteitag, bei dem die neue Führung den abgewählten Vorsitzenden Lucke aus dem Saal werfen ließ. In ihrem neuen Buch Gefährliche Bürger warnen die beiden eindringlich vor dem Vordringen „neurechten“ Gedankenguts in die bürgerliche Mitte.

Dabei geht es nicht um kahlköpfige Neonazis in Springerstiefeln. Es geht auch nicht um den altlinken (und sehr bequemen) Vorwurf, die ganze CDU/CSU bestehe im Grunde aus verkappten Nazis. Vielmehr geht es um eine Strömung, deren Vertreter in der Tradition der „Konservativen Revolution“ der 20er Jahre um Arthur Moeller van den Bruck und Edgar Julius Jung die Bundesrepublik Deutschland für einen schlechten Sachwalter des „Volkswohls“ halten. Sie kämpfen gegen Überfremdung, Sittenverfall und den Untergang des Abendlandes. Über Bord gehen dabei die Universalität der Menschenrechte, die Achtung von Minderheiten und die Empathie für Schwache.

Die Protagonisten dieser „neuen Rechten“ sind für Bednarz und Giesa Bestsellerautoren wie Thilo Sarrazin und Akif Pirincci, Politiker wie Alexander Gauland und Björn Höcke (beide AfD) und Intellektuelle wie André F. Lichtschlag (eigentümlich frei), Felix Menzel (Blaue Narzisse) und vor allem Götz Kubitschek, der Inhaber des Antaios-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift Sezession. In ihrem Fahrwasser tummeln sich zahlreiche Verschwörungstheoretiker (z. B. „Reichsbürger“) und Untergangspropheten, von denen nicht wenige beim Kopp-Verlag oder in Medien wie Russia Today veröffentlichen, an deren Unabhängigkeit nur Menschen glauben können, denen das Wort „Lügenpresse“ gewohnheitsmäßig über die Lippen geht. Eine eigene Würdigung verdient sich der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige IS-Versteher Jürgen Todenhöfer.

Gefährlich im Sinne des Buchtitels werden all diese Menschen durch ihre seit PEGIDA offenkundige zunehmend tragfähige Vernetzung – und durch die wachsende Salonfähigkeit vieler ihrer Thesen. Am deutlichsten wurde das für die Autoren anlässlich der Kölner Domlichtabschaltung wegen eines PEGIDA-Umzugs, der Warnung des Bamberger Erzbischofs Schick vor PEGIDA und der Ablehnung einer Anzeige des Hilfswerks Kirche in Not durch die Chefredakteurin von Christ und Welt wegen des Ausdrucks „Meinungsdiktatur.“ In allen drei Fällen erreichte die Protagonisten eine Welle von Beschwerden von Menschen, die sich selbst als katholisch bzw. christlich verstanden, oft aber durch ihre Wortwahl („linke Abfickhure“) eine erschreckende Maßlosigkeit offenbarten.

Deutliche Kritik üben Bednarz und Giesa an „rechten Christen“ und vor allem an christlichen, meist katholischen Publizisten und Journalisten, die zum Beispiel PEGIDA verteidigt haben oder durch öffentliche Kooperation mit neurechten Protagonisten dazu beitragen, diese salonfähig zu machen. Als Hauptsünder machen sie dabei Cicero-Feuilletonchef Alexander Kissler aus, benennen aber zahlreiche weitere, teils wegen eigener Aussagen, teils wegen Publikationen in neurechten Medien.

Nicht alle solcherart Geehrten werden ihre Benennung gerecht finden, und man kann zumindest die Frage stellen, ob Birgit Kelle (konkreter Vorwurf: Interview in Kubitscheks Sezession im Jahr 2013) wirklich beispielhaft ist für die von den Autoren diagnostizierte Rechtsdrift im christlichen Milieu. Dabei trifft der Vorwurf zu, dass in konservativ-christlichen Kreisen allzu oft Verbündete akzeptiert werden, die ihre eigene Agenda haben, ob das nun Götz Kubitschek ist oder Vladimir Putin. Zurückweisen sollte man diese Verbündeten, ihre Ziele und ihre Methoden aber präzise deshalb, weil es unchristlich ist, die Universalität der Menschenrechte preiszugeben. Die Wertung der Autoren „Da fand in den letzten Jahren zusammen, was zusammengehört“ (S. 134) ist deshalb unverständlich.

Umso wichtiger ist die Wendung am Ende des Buches, wo die Autoren „die Herzen zurückgewinnen“ (S. 205 ff.) wollen und sich abgrenzen von der bei „klar linke(n) Milieus“ und „stark überzogenen Aktionen der Antifa“ anzutreffenden Methode, Konservative als Faschisten anzuschwärzen. Mit einer Ehrenerklärung für Menschen, die mehr Familienförderung wünschen, gegen Abtreibung sind oder auf die Problematik von Parallelgesellschaften hinweisen, bekennen sie sich zu klarer Differenzierung, zum Dialog und zu einem sparsamen Umgang mit der „Nazi-Keule“: „Vielleicht öffnet die verbale Abrüstung bei dem einen oder anderen ja die Tür, die verschlossen bliebe, wenn er sich als Nazi beleidigt sähe.“ Für den Dialog gilt dann aber Deutlichkeit: Auf der letzten Seite dieses klugen Kapitels fordern die Autoren „mehr Mut zur Meinung“ und „mehr Rückgrat.“

Gefährliche Bürger von Liane Bednarz und Christoph Giesa ist ein ebenso lesenswertes wie lesbares Buch. Es ist ein nützlicher Beitrag zu einer notwendigen Debatte, und man ist neugierig, wie sie weitergeht.

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