Monatsarchiv für September 2015

Haben Sie mal kurz Zeit?

Caroline Stollmeier am 21. September 2015

Blöde Frage, ich weiß! 😉

Aber mal rein theoretisch angenommen, Sie hätten etwas Zeit, dann würde ich Ihnen ans Herz legen, sich diesen Vortrag unseres 1000plus-Vorsitzenden Kristijan Aufiero in Ruhe anzuhören. Sie würden überrascht, bewegt, begeistert sein. (Und wenn nicht, dann könnten Sie sich gerne bei mir beschweren.)

Im letzten Jahr wurden 2.191 Frauen von 1000plus beraten. Unser größter Wunsch ist es, dass das noch viele tausend mehr werden! Und deshalb geht 1000plus jetzt nach Bayern.

Die Rede von Kristijan Aufiero war Teil des 1000plus-Tags, der gleichzeitig der Auftakt für unsere neue Beratungsstelle war. Aber sie war so viel mehr als das … Sie erklärt, was 1000plus ist und warum.

Für den Aufbau unserer neuen Beratungsstelle für ungeplant Schwangere rechnen wir mit Kosten von 297.800 Euro für die ersten zwölf Monate (darin enthalten sind unter anderem die Gehälter für vier hochqualifizierte Beraterinnen, Ausbildungskosten, Miete, Einrichtung, technische Ausstattung und Telefon). Glücklicherweise hat eine kleine Gruppe von Großspendern versprochen, alle Spenden zu verdoppeln, die bis Ende Oktober 2015 für die Beratungsstelle Bayern eingehen, bis zu einer Summe von 148.500 Euro.

So könnten Sie dank unseres Bayern-Verdopplungsfonds also nicht nur rein theoretisch, sondern ganz praktisch helfen. Jeder Euro, den Sie auf unser Spendenkonto bei der Sozialbank München an

Pro Femina e.V.
IBAN DE90 7002 0500 0008 8514 02 | BIC BFSWDE33MUE
Verwendungszweck: Beratungsstelle Bayern

oder über unser Online-Spendenformular überweisen, hilft im Moment doppelt!

1000 DANK dafür!

 

Verdoppelungsfonds

 

 

 

 

(Bild “Verdopplungsfonds Bayern”: 1000plus)

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Wunsch, Traum und Wirklichkeit

Caroline Stollmeier am 21. September 2015

Irgendwie ist es ja ein großes Bisschen so, als wäre man dabei gewesen, wenn man das hier liest. Und das ist sehr tröstlich, wo doch am Samstag zwar mein Herz und meine Gedanken in Berlin waren, der Rest von mir aber am Niederrhein. Tröstlich ist, dass ich nicht gebraucht wurde, um die 7.000 Teilnehmer am “Marsch für das Leben” voll zu machen. Und tröstlich ist es, dass diese Teilnehmer sich wieder einmal nicht haben einschüchtern lassen von den “kreativen, bunten Störaktionen”.

Aber wie auch in den vergangenen Jahren bin ich untröstlich über diese Unverständigkeit der Störer. Was passiert da eigentlich jedes Jahr aufs Neue in Berlin, wenn friedliche Menschen friedlich für das Leben demonstrieren? Wohl gemerkt: dafür! Nicht gegen Frauen, nicht gegen Selbstbestimmung, nicht gegen Sex oder was auch immer. Ist es denn wirklich so schwer zu ertragen, wenn Menschen nicht nur fordern, jammern und blockieren, sondern tatsächlich etwas tun möchten? In diesem Fall vorrangig ungeplant Schwangeren und ihren Babys zu helfen?

Und ich frage mich, wie auch in den vergangenen Jahren: Könnten wir nicht einfach zusammen arbeiten, bis wir all das in unserer Gesellschaft erreicht haben, was beide Seiten wollen: mehr Hilfe für Frauen, mehr echte Wahlfreiheit, mehr finanzielle Unterstützung, mehr Akzeptanz und die vielen anderen Dinge, in denen wir uns im Prinzip einig wären – wenn wir uns das denn endlich eingestehen würden? Und weiterstreiten könnten wir doch einfach danach.

Es ist richtig zu demonstrieren und das, was Tausenden von Frauen in unserem Land passiert, nicht unkommentiert zu lassen. Aber mal ehrlich, wem hilft dieser Streit auf den Straßen Berlins eigentlich? Das will mir nicht so richtig klar werden. Helfen jedoch wollen wir doch eigentlich alle – egal auf welcher Seite wir “marschieren”. Oder?

Wir sind die Menschen, denen es nicht egal ist. Und dass beide Seiten Energie und Ausdauer haben, haben sie gerade erst wieder bewiesen. Was könnte man damit nicht alles erreichen … Gemeinsam.

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Kein Buch über Missbrauch

Harald Stollmeier am 4. September 2015

Nahhall Cover front

 

 

Buchbesprechung: Beile Ratut, Nachhall, Ruhland Verlag, 485 Seiten, 24,80 Euro

In Nachhall, Beile Ratuts zweiten Roman, spielt der Missbrauch eines siebenjährigen Mädchens durch einen pädophilen Nietzsche-Anhänger eine Schlüsselrolle. Trotzdem ist Nachhall kein Buch über Missbrauch. Es ist ein Buch über die Wahrheit.

Im Roman kommt die 30-jährige Espen Barthélemy in eine Stadt, von der aus sie ihr eigentliches Ziel zu erreichen hofft, das „Haus der Freude“ irgendwo im Norden der Stadt. Allerdings bezweifeln die Stadtbewohner, dass dieses Haus wirklich existiert. Sie senden Espen zur Grenzstation. Dort erfährt sie, dass sie auf einen Transport warten muss, und sie bleibt in der Stadt.

In dieser Stadt, deren Namen man sowenig erfährt wie den des Landes, in dem sie liegt, sind die Menschen verschlossen. Ihre Beziehungen zueinander sind oberflächlich, ihre Nöte behalten sie für sich. Das gilt auch für den Kurator des Völkerkundemuseums, der mit Espen eine heimliche Affäre hat: Was ihn belastet, behält er für sich.

Das oberste Gesetz in dieser Stadt scheint die Wahrung der Harmonie zu sein. Die wichtigste Bedingung dafür besteht im Verzicht auf eine allgemeingültige Wahrheit (und erst recht im Verzicht auf ein Jenseits). Die wenigen Menschen, die auf einer allgemeingültigen Wahrheit bestehen oder gar auf einem transzendenten Gott, ecken ebenso an wie die wenigen, die auf Defizite in der Wirklichkeit aufmerksam machen.

Espen, durch deren Gedanken der Leser diese Gesellschaft kennenlernt, tastet sich auf verschiedenen Erzählebenen vorwärts. Fragmentarisch erschließt sich ein Elternhaus mit einem distanzierten, wenngleich freundlichen Vater und einer unglücklichen Mutter und die geduldige Verführung der siebenjährigen Espen durch den Nietzsche-Verehrer Kobalt, dessen Nietzsche-Zitate zur Befreiung des Menschen durch den Tod Gottes durch das ganze Buch hallen.

Espen ist durch den Missbrauch verletzt, besudelt, verunsichert. Einer der Gründe dafür ist der Umstand, dass sie es ist, die in den Augen der Gesellschaft etwas verloren hat. Immer wieder wird sie aufgefordert, ihren Frieden mit dem Relativismus der Gesellschaft zu machen und ihre Suche nach der Wahrheit aufzugeben. Autoritätspersonen, die vorgeben, alles zu wissen, weisen ihr Schablonen zu. Andere, wie der Kurator, wollen zwar ihre Zustimmung, nicht aber ihr Verstehen. Nicht einmal die durchaus freundlichen Geistlichen, bei denen Espen Rat sucht, weisen über das Diesseits hinaus; mich erinnern Espens Dialoge mit diesen beiden an Sören Kierkegaards Parabel vom Geschäft mit dem Schild „Hier wird Wäsche gewaschen“ – es stellt sich heraus, dass dieses Geschäft nicht Wäsche wäscht sondern nur die entsprechenden Schilder herstellt. Trotzdem beraten diese Geistlichen Espen redlich. Ihren Weg muss sie allerdings selber gehen.

Beile Ratuts Roman Nachhall beschreibt eine Gesellschaft (unsere Gesellschaft!), die human sein will. Aber sie strebt Humanität um den Preis der Wahrheit an. Espens Weigerung, sich dieser Diktatur des Relativismus zu unterwerfen, sie ist identisch mit ihrer Weigerung, das ihr widerfahrene Verbrechen zu verdrängen, macht sie einsam. Aber sie bewahrt ihr die Fähigkeit, die eine Stimme zu hören, die nicht relativistisch ist. Diese „Stimme“ die in mehreren Kapiteln jeweils ganz allein erklingt, wird nicht identifiziert, aber was sie über sich sagt, legt den Verdacht nahe, dass es die Stimme Christi ist. Diese Stimme sagt: Du bist nicht belanglos. Ich bin für Dich gestorben.

Nachhall ist keine leichte Kost, weder inhaltlich noch stilistisch. Aber am Ende ist es, auch ohne eigentliches Happy-End, ein ermutigendes Buch. Hinzu kommt das meisterhafte Sprachgefühl Beile Ratuts: Auch ihren zweiten Roman konnte ich nicht weglegen, weil mich ihre Sprache gefesselt hat; sie selbst würde vielleicht sagen: gebannt.

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Das Foto

Caroline Stollmeier am 3. September 2015

Ich bin nicht alleine. Und das ist der einzige kleine Funke Hoffnung, den ich an diesem Tag habe, an dem ich gemeinsam mit der Welt fassungslos, wütend, traurig, fluchend, hilflos, sprachlos, verzweifelt und mit Tränen in den Augen unfreiwillig auf das Foto hier des im Mittelmeer ertrunkenen kleinen Jungen schaue. Ich bin nicht alleine in diesem Chaos an Gefühlen. Aber vor allem mit dem dringenden Wunsch, dass so etwas nie wieder passieren soll. Hoffentlich. Endlich.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich zu Fotos eine besondere Beziehung habe. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass man manche Bilder gesehen haben muss, damit man begreift – und nie mehr vergisst. Natürlich wäre es schön, wenn man die Wahl hätte und sich innerlich wappnen könnte (wie beispielsweise auf dieser Website hier, die ausschließlich nachts die Fotos abgetriebener Kinder freischaltet, damit man so etwas nicht beim zufälligen Vorbeisurfen sieht). Aber die neuen Medien funktionieren eben inzwischen anders.

Für mich als Mutter und als Mensch ist im Moment nicht entscheidend, welche die wahren Beweggründe der Migration dieser und anderer Familien sind (mit denen sich offensichtlich Ungebildete und/oder Herzlose eh besser auskennen… *Ironie off*) oder was da auf dem Mittelmeer genau passiert ist. Ich muss auch nicht das Gesicht des Jungen sehen. Und ich wundere mich auch nicht, dass die Fotografin den Auslöser gedrückt hat. Hier ist ein kleines Kind gestorben. Und das ist unendlich trauig. Punkt.

Jeder, der es gesehen hat, trägt nun das Foto des Jungen in sich. Das ist etwas, das bleibt. Und es ist so viel mehr als von den unzähligen anderen Kindern bleiben wird, die bisher auf der Flucht umgekommen sind und die zweifellos auch in der nächsten Zeit noch sterben werden.

Trauer lähmt und Wut blockiert, aber in all dem Schmerz steckt auch Kraft. Ich wünsche mir, dass wir, die vielen Menschen, die sich heute so fühle wie wir uns fühlen, diese Kraft erkennen und nutzen, damit wir in Zukunft keine ähnlichen Bilder mehr sehen müssen. Weil wir dazu beitragen können, dass so ein Unglück verdammt noch mal nicht wieder passiert!

 

#‎KiyiyaVuranInsanlik‬

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Das Beichten von Abtreibungen ist jetzt erlaubt!

Caroline Stollmeier am 2. September 2015

…so oder so ähnlich lauten wohl die einschlägigen Schlagzeilen im Moment. Tatsächlich hat Papst Franziskus in einem kürzlich veröffentlichten Brief Anweisungen gegeben, wie im bevorstehenden Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, mit Frauen umgegangen werden soll, die abgetrieben haben, dies nun bereuen und zur Beichte kommen. Kirchenrechtlich ist dies anscheinend ein heikler und aufsehenerregender Schritt.

Aber… Was ich daran vor allem bemerkenswert finde, ist mit welcher Liebe Papst Franziskus über die betroffenen Frauen schreibt: “Ich weiß um den Druck, der sie zu dieser Entscheidung geführt hat. Ich weiß, dass dies eine existentielle und moralische Tragödie ist. Ich bin sehr vielen Frauen begegnet, die in ihrem Herzen die Narben dieser leidvollen und schmerzhaften Entscheidung trugen. Was geschehen ist, ist zutiefst ungerecht. Und doch: Nur wenn man es in seiner Wahrheit versteht, ist es möglich, die Hoffnung nicht zu verlieren.”

Die Beichte, die aufrichtige Bitte um die Versöhnung mit Gott und seine Vergebung, ist keine lästige Pflicht, sondern das größte Geschenk. Manchmal hat man in seinem Leben vielleicht Dinge getan, von denen man später erkennt, dass sie salopp gesagt echt Mist waren. Vielleicht hat man Fehler gemacht, die man sich selber nicht verzeihen kann und die Person, der man dabei geschadet hat, erst recht nicht. Wie soll man weiter leben mit so etwas? Wie soll man es wieder gut machen, wenn man das denn möchte?

Eine Abtreibung ist für manche Frauen so ein Problem. In der damaligen Situation war es die vermeintlich einzige Lösung, aber irgendwann später begreifen sie, was tatsächlich passiert ist. Sie möchten, dass ihr Kind lebt – oder sich zumindest bei ihm entschuldigen. Doch das geht nicht mehr.

Ich war zutiefst beeindruckt von der Begegnung mit einer Frau, die mir eindringlich erzählt hat, wie das damals bei ihr gewesen ist. Erst als sie Jahre nach ihrer Abtreibung zum Glauben gefunden hat und die göttliche Vergebung für ihre Abtreibung gespürt hat, konnte sie ihr Leben wieder richtig leben (und hilft inzwischen anderen betroffenen Frauen auf diesem harten Weg).

Es gibt eben Fehler, die kann nur Gott verzeihen. Und wenn einer sie wieder gut machen kann, dann ist es auch nur Er. Für Frauen, die darunter leiden, ist die Abtreibung ein solcher Fehler. Sicher, man findet bestimmt auch andere Wege, aber nur den einen, der wirklich frei macht. Deshalb ist jeder Schritt begrüßenswert, mit dem die (katholische) Kirche hilfesuchenden Frauen entgegen kommt. Keine echte Beichte geschieht leichtfertig.

“Die Vergebung Gottes für jeden Menschen, der bereut, kann diesem nicht versagt werden, besonders wenn er mit ehrlichem und aufrichtigem Herzen das Sakrament der Vergebung empfangen will, um Versöhnung mit dem Vater zu erlangen”, schreibt Papst Fraziskus. Und wenn Gott etwas vergeben hat, dann darf man es sich auch selbst verzeihen. Die Beichte ist eine Möglichkeit zur Umkehr ohne die unsere Welt schlechter dran wäre.

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