Das Foto

Caroline Stollmeier am 3. September 2015

Ich bin nicht alleine. Und das ist der einzige kleine Funke Hoffnung, den ich an diesem Tag habe, an dem ich gemeinsam mit der Welt fassungslos, wütend, traurig, fluchend, hilflos, sprachlos, verzweifelt und mit Tränen in den Augen unfreiwillig auf das Foto hier des im Mittelmeer ertrunkenen kleinen Jungen schaue. Ich bin nicht alleine in diesem Chaos an Gefühlen. Aber vor allem mit dem dringenden Wunsch, dass so etwas nie wieder passieren soll. Hoffentlich. Endlich.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich zu Fotos eine besondere Beziehung habe. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass man manche Bilder gesehen haben muss, damit man begreift – und nie mehr vergisst. Natürlich wäre es schön, wenn man die Wahl hätte und sich innerlich wappnen könnte (wie beispielsweise auf dieser Website hier, die ausschließlich nachts die Fotos abgetriebener Kinder freischaltet, damit man so etwas nicht beim zufälligen Vorbeisurfen sieht). Aber die neuen Medien funktionieren eben inzwischen anders.

Für mich als Mutter und als Mensch ist im Moment nicht entscheidend, welche die wahren Beweggründe der Migration dieser und anderer Familien sind (mit denen sich offensichtlich Ungebildete und/oder Herzlose eh besser auskennen… *Ironie off*) oder was da auf dem Mittelmeer genau passiert ist. Ich muss auch nicht das Gesicht des Jungen sehen. Und ich wundere mich auch nicht, dass die Fotografin den Auslöser gedrückt hat. Hier ist ein kleines Kind gestorben. Und das ist unendlich trauig. Punkt.

Jeder, der es gesehen hat, trägt nun das Foto des Jungen in sich. Das ist etwas, das bleibt. Und es ist so viel mehr als von den unzähligen anderen Kindern bleiben wird, die bisher auf der Flucht umgekommen sind und die zweifellos auch in der nächsten Zeit noch sterben werden.

Trauer lähmt und Wut blockiert, aber in all dem Schmerz steckt auch Kraft. Ich wünsche mir, dass wir, die vielen Menschen, die sich heute so fühle wie wir uns fühlen, diese Kraft erkennen und nutzen, damit wir in Zukunft keine ähnlichen Bilder mehr sehen müssen. Weil wir dazu beitragen können, dass so ein Unglück verdammt noch mal nicht wieder passiert!

 

#‎KiyiyaVuranInsanlik‬

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