Kein Buch über Missbrauch

Harald Stollmeier am 4. September 2015

Nahhall Cover front

 

 

Buchbesprechung: Beile Ratut, Nachhall, Ruhland Verlag, 485 Seiten, 24,80 Euro

In Nachhall, Beile Ratuts zweiten Roman, spielt der Missbrauch eines siebenjährigen Mädchens durch einen pädophilen Nietzsche-Anhänger eine Schlüsselrolle. Trotzdem ist Nachhall kein Buch über Missbrauch. Es ist ein Buch über die Wahrheit.

Im Roman kommt die 30-jährige Espen Barthélemy in eine Stadt, von der aus sie ihr eigentliches Ziel zu erreichen hofft, das „Haus der Freude“ irgendwo im Norden der Stadt. Allerdings bezweifeln die Stadtbewohner, dass dieses Haus wirklich existiert. Sie senden Espen zur Grenzstation. Dort erfährt sie, dass sie auf einen Transport warten muss, und sie bleibt in der Stadt.

In dieser Stadt, deren Namen man sowenig erfährt wie den des Landes, in dem sie liegt, sind die Menschen verschlossen. Ihre Beziehungen zueinander sind oberflächlich, ihre Nöte behalten sie für sich. Das gilt auch für den Kurator des Völkerkundemuseums, der mit Espen eine heimliche Affäre hat: Was ihn belastet, behält er für sich.

Das oberste Gesetz in dieser Stadt scheint die Wahrung der Harmonie zu sein. Die wichtigste Bedingung dafür besteht im Verzicht auf eine allgemeingültige Wahrheit (und erst recht im Verzicht auf ein Jenseits). Die wenigen Menschen, die auf einer allgemeingültigen Wahrheit bestehen oder gar auf einem transzendenten Gott, ecken ebenso an wie die wenigen, die auf Defizite in der Wirklichkeit aufmerksam machen.

Espen, durch deren Gedanken der Leser diese Gesellschaft kennenlernt, tastet sich auf verschiedenen Erzählebenen vorwärts. Fragmentarisch erschließt sich ein Elternhaus mit einem distanzierten, wenngleich freundlichen Vater und einer unglücklichen Mutter und die geduldige Verführung der siebenjährigen Espen durch den Nietzsche-Verehrer Kobalt, dessen Nietzsche-Zitate zur Befreiung des Menschen durch den Tod Gottes durch das ganze Buch hallen.

Espen ist durch den Missbrauch verletzt, besudelt, verunsichert. Einer der Gründe dafür ist der Umstand, dass sie es ist, die in den Augen der Gesellschaft etwas verloren hat. Immer wieder wird sie aufgefordert, ihren Frieden mit dem Relativismus der Gesellschaft zu machen und ihre Suche nach der Wahrheit aufzugeben. Autoritätspersonen, die vorgeben, alles zu wissen, weisen ihr Schablonen zu. Andere, wie der Kurator, wollen zwar ihre Zustimmung, nicht aber ihr Verstehen. Nicht einmal die durchaus freundlichen Geistlichen, bei denen Espen Rat sucht, weisen über das Diesseits hinaus; mich erinnern Espens Dialoge mit diesen beiden an Sören Kierkegaards Parabel vom Geschäft mit dem Schild „Hier wird Wäsche gewaschen“ – es stellt sich heraus, dass dieses Geschäft nicht Wäsche wäscht sondern nur die entsprechenden Schilder herstellt. Trotzdem beraten diese Geistlichen Espen redlich. Ihren Weg muss sie allerdings selber gehen.

Beile Ratuts Roman Nachhall beschreibt eine Gesellschaft (unsere Gesellschaft!), die human sein will. Aber sie strebt Humanität um den Preis der Wahrheit an. Espens Weigerung, sich dieser Diktatur des Relativismus zu unterwerfen, sie ist identisch mit ihrer Weigerung, das ihr widerfahrene Verbrechen zu verdrängen, macht sie einsam. Aber sie bewahrt ihr die Fähigkeit, die eine Stimme zu hören, die nicht relativistisch ist. Diese „Stimme“ die in mehreren Kapiteln jeweils ganz allein erklingt, wird nicht identifiziert, aber was sie über sich sagt, legt den Verdacht nahe, dass es die Stimme Christi ist. Diese Stimme sagt: Du bist nicht belanglos. Ich bin für Dich gestorben.

Nachhall ist keine leichte Kost, weder inhaltlich noch stilistisch. Aber am Ende ist es, auch ohne eigentliches Happy-End, ein ermutigendes Buch. Hinzu kommt das meisterhafte Sprachgefühl Beile Ratuts: Auch ihren zweiten Roman konnte ich nicht weglegen, weil mich ihre Sprache gefesselt hat; sie selbst würde vielleicht sagen: gebannt.

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