Monatsarchiv für Oktober 2015

Eine Liebeserklärung – aber nicht an die DDR

Harald Stollmeier am 14. Oktober 2015

Buchbesprechung: Christian Döring, Bibel statt Parteibuch. Mein Leben als Christ in der DDR, Francke, 158 Seiten, 12,95 Euro

Das Interview-Erinnerungsbuch Bibel statt Parteibuch von Christian Döring (Interviewer: Christian Heinitz) belegt nicht nur, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, es macht auch begreiflich, wie das Unrecht im Alltag funktioniert hat. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer vorgelegt, ist dieses Buch dennoch keine Abrechnungsliteratur. Im Gegenteil: Es ist eine Liebeserklärung an die Heimat und an die vielen Menschen, die sie trotz allem lebenswert gemacht haben.

Allen voran sind das Christian Dörings Mutter (sein Vater starb früh) und ihre Eltern, dicht gefolgt von den übrigen bessarabiendeutschen (und christlichen!) Einwohnern des mecklenburgischen Dorfes Serrahn, das in der DDR lag, aber wegen des Zusammenhalts der Serrahner nicht DDR war. Sie vor allem gaben dem jungen Christian die Kraft, seinen christlichen Glauben trotz aller Widrigkeiten zu bewahren und schließlich nicht nur auf eine Beförderung, sondern sogar auf einen komfortablen und gut bezahlten Arbeitsplatz zu verzichten, um stattdessen in einem Heim für behinderte Jugendliche zu arbeiten.

Die Partei und ihre vielen Arme, allen voran die Stasi, taten viel, um die Menschen unter ihrer Herrschaft zu willfährigen Untertanen zu machen, vor allem durch systematische Ungerechtigkeit zulasten von Abweichlern (S. 68: „Tja, Christian, wenn wir uns nicht auf dich verlassen können, dann wirst du auch nicht studieren können.“), wenn aus Sicht der Obrigkeit nötig, auch durch willkürliche Verhöre und mehrtägige Untersuchungshaft inklusive Verabreichung von Spritzen zur Erhöhung der Gesprächsbereitschaft. Es sind seine eigenen Erfahrungen, von denen Christian Döring berichtet, und es sind nicht die Erfahrungen eines politischen Aktivisten – alles, was er tat, war Artikel für die Kirchenzeitung zu schreiben.

In einer Atmosphäre beinahe totaler Überwachung waren große Unterschiede möglich. Erstens kam es darauf an, ob man es mit „Hundertprozentigen“ oder “Dreihundertprozentigen“ zu tun bekam. Zweitens konnte auch bei anscheinend Dreihundertprozentigen überraschend ein rechtschaffener Kern sichtbar werden, wie bei dem Stasi-Mitarbeiter, der die zur Anwerbung seines 18-jährigen Sohnes angerückten Kollegen aus seiner Wohnung warf (S. 156).

Bibel statt Parteibuch von Christian Döring sollte jeder lesen, der wissen möchte, wie es in der DDR wirklich war; Döring zeigt nicht die ganze Wahrheit (das beansprucht er auch nicht), aber einen Ausschnitt der Wahrheit, der ohne Bücher wie seines in Vergessenheit zu geraten droht. Das Buch liest sich leicht und flüssig, und am Ende macht es sogar Mut.

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Männer: Ohne Christus nicht zu retten

Harald Stollmeier am 3. Oktober 2015

Buchbesprechung: Beile Ratut, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag, 183 Seiten, 18,80 Euro

Beile Ratut Foto

Beile Ratuts Helden waren bislang ausschließlich Heldinnen. In den drei Erzählungen in Welt unter Sechs sind Männer die Hauptfiguren. Helden im klassischen Sinne sind sie nicht; dazu haben sie zuviel mit eigener Schuld zu kämpfen.

Mattei, der akademisch selbstbewusste Pfarrer in “Das Schandmal”, wird zum Aussätzigen und erkennt, wie verlogen er seine geistige Überlegenheit für geistliche ausgegeben und wie kaltherzig er seine ungebildete aber kluge Ehefrau wieder und wieder zurückgewiesen hat. Der Wissenschaftler Heinrich in “Heilige Nacht” hat seinem engelhaften Sohn das “Wissen um die Mannbarkeit” geschenkt, mit schrecklichen Folgen. Der obdachlose Ich-Erzähler in “Flut” hat seine Geliebte zur Abtreibung gezwungen und seine Frau ihrem Mörder in die Arme getrieben.

Drei Männer stehen, jeder auf eigene Weise, jeder durch eigene Schuld, vor den Trümmern ihres Lebens. Und doch gehen alle drei Erzählungen gut aus. Dabei spielen Ehefrauen eine Rolle, die stärker sind, als sie scheinen. Letztlich aber, wie schon in Ratuts Romanen, ist die Quelle der Erlösung allein “ein reines Kind, das zu den Menschen gekommen war, um sich für sie zu opfern” (S. 111).

Mit einer Bildsprache, die an Hermann Hesse erinnert, macht Beile Ratut das Böse und die Schuld so atemberaubend einfühlsam fassbar, dass man nicht aufhören kann weiterzulesen, obwohl man spürt, dass man lieber nicht wissen möchte, was als nächstes geschieht. Es ist ein Segen, dass diese begnadete Autorin sich für das Gute entschieden hat.

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