Liebe oder Spiegelung?

Harald Stollmeier am 15. Dezember 2015

Palmer

Buchbesprechung: Gesine Palmer, Der Tausch. Eine Elegie in Prosa, epubli, 256 Seiten, Eur 24,99

Wie sind Männer wirklich? Wie sind Frauen wirklich? Wenn Liebe zwischen ihnen so oft scheitert, ist sie dann überhaupt möglich? Gesine Palmer, die Ingeborg Bachmann und Paul Celan liebt, und Kafka mehr als alle anderen, lässt ihre Berliner Ich-Erzählerin an den Geliebten zurückdenken, der sie betrogen und verraten hat. Was in Wirklichkeit geschehen ist, erfährt der Leser nicht. Aber er versteht, was eigentlich geschehen ist.

Wer liebt, ist verwundbar. Wer lieben können will, muss sich erst verwundbar machen. Der Andere ist nur dann mehr als ein Spiegel, in dem wir uns selbst erblicken, wenn wir zulassen, dass er uns das Herz bricht.  Und wenn wir uns auf den Anderen einlassen, so dass unser Herz zerbrechlich wird, dann gibt es keine Garantie, dass der Andere das ebenfalls tut.

Aber wenn er es versucht und dann, plötzlich, Angst vor der eigenen Courage bekommt – und Angst vor uns, weil wir ja sein Herz brechen könnten, dann kann es passieren, dass er aus Angst Böses tut, Böseres als er ohne den Versuch getan hätte, sich zu entspiegeln und sein wahres Ich preiszugeben.

Gesinde Palmers „Der Tausch“ ist ein Intellektuellenroman, ein Künstlerroman. In der Welt ihrer Heldin ist das Plagiat das ultimative Verbrechen, in Verbindung mit Rufmord natürlich. Und wer jemals geistiges Eigentum geschaffen hat, der weiß, wie wahr das ist.

Ich persönlich habe Freude an Gesine Palmers Sprache, ihrem Sinn für Bilder (Spatz in der Hand contra Spatz auf dem Dach) und der Doppelbödigkeit, mit der sie Männer zu verstehen versucht, aber zugleich Frauen verstehbar macht.

 

 

 

 

Abgelegt unter Lesenswerte Bücher | Keine Kommentare

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel