Tiere: Vom Objekt zum Gegenüber

Harald Stollmeier am 19. Februar 2016

Buchbesprechung: Alexander Pschera, Das Internet der Tiere: Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur, Matthes & Seitz Berlin, 186 Seiten, 19,90 Euro

Der Naturschutz hat es geschafft, eine Landfläche von der Größe Südamerikas von menschlicher Nutzung und menschlichem Besuch abzuschirmen. Aber das Artensterben hält er nicht auf. Kein Wunder, sagt Alexander Pschera, Philosoph, Literaturwissenschaftler und Kommunikationsberater in München. In seinem Buch Das Internet der Tiere macht er plausibel, dass der Schutz der Natur vor dem Menschen die Natur für den Menschen irrelevant gemacht hat. Früher hatten die Menschen einen direkten Bezug zur Natur: Sie lebten in ihr, von ihr, mit ihr. Sie lebten mit Tieren zusammen, sie liebten, nutzten und töteten Tiere. Dann kamen Industrialisierung und Naturschutz, und wenn heute ein Kind Schmetterlinge fängt oder Käfer sammelt, ist es schon fast mit einem Bein im Gefängnis.

Aber das ist nicht das letzte Wort. Die informationstechnische Revolution, in der wir leben, hat nach den Menschen (Facebook etc.!) und den Dingen (intelligenter Kühlschrank!) inzwischen auch die Tiere erfasst. Immer mehr Tiere werden mit Sendern versehen, vom Weißhai bis zum Schmetterling, und hinterlassen digitale Spuren im Internet, denen immer mehr Menschen folgen. Die Umwälzung, die sich daraus ergibt, ist dramatisch. Denn solche besenderten Tiere bekommen eine unverwechselbare Individualität, ja eine Biographie. Sie sind nicht mehr Vertreter einer Art, sie sind Individuen, so wie der Waldrapp Shorty, mit dem Alexander Pschera selbst auf Facebook verbunden ist.

Wenn man sich vorrangig für die Vorteile dieser Entwicklung interessiert, und die sind unbestreitbar, dann kann man es sich auch leisten, den Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjektiven Biographie zu übergehen. Dieser Unterschied ist aber ethisch relevant, weil es für die Nutzung von Tieren, die ihre Tötung einschließen kann, durchaus von Bedeutung ist, ob sie subjektiv eine Biographie (ein Bewusstsein) haben. Und diese Art von Biographie kann auch das Internet nicht herstellen.

Pscheras Kernaussage aber ist überzeugend: Das Internet der Tiere schlägt milliardenfach Brücken über den Abgrund, den industrielle Revolution und Naturschutz aufgerissen haben, und stellt eine neue Beziehung zwischen Mensch und Natur her, eine Beziehung, auf deren Grundlage die Natur doch noch gerettet werden kann. Natürlich ist das in Wirklichkeit eine Veränderung allein im Bewusstsein der Menschen, von der die Tiere wenig spüren – aber den Nutzen haben auch sie, weil ihr Lebensraum von Menschen, die sie plötzlich schätzen und verstehen, wesentlich besser geschützt wird als von Menschen, für die sie nur tabu sind.

Pschera

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