Die Meinungsfreiheit und ihr Preis

Harald Stollmeier am 13. März 2016

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Der Preis, den wir für unsere eigene Meinungsfreiheit zahlen, besteht darin, dass wir die Meinungen der Anderen ertragen müssen – und die bisweilen heftigen Reaktionen auf unsere eigenen Aussagen: Anfeindungen, Shitstorms, Vertragsauflösungen. Normalerweise sind diese Reaktionen nämlich von den Rechten der handelnden Personen gedeckt, auch wenn sie in der Sache falsch oder zumindest unverhältnismäßig sind. Wer öffentlich Stellung nimmt, muss wissen, dass er Contra bekommen kann.

Ein Sonderfall sind Anfeindungen, die sich gar nicht auf die gemachten Aussagen selbst beziehen, sondern auf ihre Umgebung, auf den Anlass, den Ort oder das Medium, insbesondere dann, wenn Aussagen und Umgebung nicht inhaltlich deckungsgleich sind. Wie geht man damit um?

Ein Beispiel ist der katholischen Philosoph und Blogger Josef Bordat, der die Links zu seinen (durchweg grundgesetzkonformen) Blogbeiträgen unter anderem auch in dem umstrittenen Portal gloria tv publiziert. Schon seit Jahren weigert sich deshalb das seinerseits auch nicht unumstrittene Portal kath net, Beiträge von ihm zu veröffentlichen. Bordat, einer der meistgelesenen katholischen Blogger, sieht zudem schwere Defizite in der Debattenkultur von gloria tv. “Aber jedes Mal, wenn ich dort aussteigen will”, berichtet er, “schreibt mir irgendjemand und droht mir, mich umzubringen, wenn ich da nicht sofort aussteige. Und deshalb muss ich natürlich drin bleiben. Schon aus Prinzip.” Darüber hinaus sieht er in der Publikation in “feindlichen” Medien eine Missionsmöglichkeit und hält sich deshalb diese Option ausdrücklich offen.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume schreibt jahrelang in dem libertären Magazin eigentümlich frei. Er hält es lange aus, dass er damit einem gewissen Generalverdacht unterliegt; er weiß ja, dass er “unschuldig” ist; Beschimpfungen zum Beispiel als “Muslimfreund” und “von den USA bezahlt” bestätigen ihm, dass er im Blatt nicht auf dem rechten Flügel steht. Aber im Dezember 2015 ist für ihn das Maß voll: Eskalierende Beschimpfungen der immerhin demokratisch gewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Berufung von Thilo Sarrazin zum Kolumnisten sind für ihn der Anlass, sich öffentlich von eigentümlich frei loszusagen. Für so etwas wolle er nicht werben.

Die finnische Schriftstellerin Beile Ratut (u. a. Das schwarze Buch der Gier) schreibt regelmäßig Essays für Die Tagespost. Im Sommer 2015 wirbt sie in einem zweiteiligen Interview mit dem Magazin Blaue Narzisse für die Ehe und ihre Unauflöslichkeit. Das Echo ist unerwartet. “Die Kritik war überraschend und auch schmerzlich, bis hin zum Abbruch von Kontakten”, sagt Beile Ratut, “aber dabei ging es nie um das, was ich geschrieben, sondern ausschließlich darum, dass ich in diesem Magazin publiziert hatte.” Die Schriftstellerin hatte die Problematik des Publikationsortes völlig unterschätzt. “Was ich geschrieben habe, entsprach meiner Überzeugung. Ich hielt es nicht für nötig, zu prüfen, ob das auch für alles andere gilt, was in diesem Magazin steht. Es schien mir auch vielversprechend, meine Gedanken in einem Medium zu formulieren, dessen Publikum wahrscheinlich ganz andere Denkvoraussetzungen hat. Inzwischen kann ich reinen Gewissens sagen: Manchem stimme ich zu, vielem nicht, aber besonders die Art und Weise, wie in der Blauen Narzisse über Politik diskutiert wird, halte ich für schädlich. Ich trete für das Recht der Autoren ein, diese Dinge zu schreiben. Aber ich möchte nicht für einen Fan dieses Argumentationsstils gehalten werden. Dieses Missverständnis kann ich nur verhindern, indem ich dort nicht mehr publiziere.”

Wo stehe ich selbst? Wenn ich Menschen politisch einordne, konzentriere ich mich auf ihre eigenen Aussagen; eine Einordnung aufgrund des Umfeldes allein wäre  bestenfalls vorläufig. Und wenn ich eines Tages in Ungnade falle, dann soll es wegen meiner eigenen Überzeugungen sein. Ich schließe für mich nicht aus, in einem Magazin zu publizieren, dessen Linie der meinen zuwiderläuft, wenn ich, wie es Josef Bordat erhofft, dort für meine eigene Haltung werben kann. Trotzdem müssen mir zwei Gefahren bewusst sein. Die eine könnte Beile Ratuts Problem werden: beim Versuch, für die Ehe zu werben, wo es nur geht, von der Blattlinie “kontaminiert” zu werden. Kann ich diese Skylla umrunden, droht mir die Charybdis, die Michael Blume vermied: zum Feigenblatt für ein Magazin zu werden, mit dem man in der Sache über Kreuz liegt.

Als Autor muss ich berücksichtigen, dass viele Leser “vorsortieren” – ich will ja richtig verstanden werden; als Leser aber kann und will ich dieses Vorsortieren bewusst beschränken und grundsätzlich jeden Autoren als Individuum wahrnehmen und seine Argumente für sich zur Kenntnis nehmen und prüfen. Natürlich ist das Medium eine Orientierungshilfe und manchmal eine Warnung. Aber auch der “Feind” kann einmal recht haben; auch vom “Feind” kann ich einmal lernen.

 

 

 

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