Sex und Selbstverwirklichung

Caroline Stollmeier am 8. Oktober 2016

Kürzlich habe ich ein bemerkenswertes Buch gelesen: „Pornographie – die größte Illusion der Welt“. Darin beschreibt Shelly Lubben autobiografisch wie sie zunächst zur Prostituierten und dann zur gefragten Porno-Darstellerin wurde. Nichts für schwache Nerven! Aber was das Buch auf jeden Fall lesenswert macht, ist die neue Perspektive, die sich eröffnet. Fragt sich der Ottonormal-Pornokonsument eigentlich jemals, wie es hinter den Kulissen aussieht? Das bezweifle ich einfach mal! Denn wer darüber nachdenkt, dem vergeht doch die Lust (es sei denn er ist vielleicht Sadist).

Lubben beschreibt eindrücklich und glaubhaft, wie es am Porno-Set von sexueller Nötigung, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch und Krankheiten nur so wimmelt.  Und dabei macht sich jeder, der sich Pornos ansieht, selber die Finger schmutzig in diesem dreckigen Geschäft. Egal, wie gut die Lust geschauspielert wird und was man sich selber beim Zuschauen vielleicht vormacht!

Kaum einer macht sich klar, welchen Schaden die eigene Sexualität nehmen kann, wenn man zu früh oder zu oft oder überhaupt Pornos angeschaut hat – egal ob Mann oder Frau. Und wie sehr wird das eigene (Sex-) Leben schon fremdbestimmt? Jeder, der behauptet, nicht porno-süchtig zu sein, obwohl er regelmäßig konsumiert, sollte einfach mal den Selbsttest machen: wie lange halte ich es ohne aus? Das könnte manch überraschende, wenn auch nicht durchweg angenehme Erkenntnis bereiten. Aber mal Hand aufs Herz: ist es wirklich das, was Ihr wollt – Sex im Kopf anstatt im Bett?!

Dazu passt auch gut, was kürzlich von der bekannten Schauspielerin Pamela Anderson zu lesen war: „Einfach ausgedrückt müssen wir uns selbst und unseren Kindern beibringen, dass Pornos etwas für Verlierer sind – eine langweilige, schmutzige Sackgasse für Menschen, die zu faul sind, sich auf den aussichtsreichen Weg hin zu einer gesunden Sexualität zu machen.“ Sehr deutlich sagt sie hier, was sie von Porno-Konsumenten hält. Gerade sie, die inzwischen wahrscheinlich ganze Generationen in ihre feuchten Träume begleitet hat. Das gefällt mir sehr. Und ich hoffe, dass Andersons Worte nachhallen, wenn mal wieder jemand begehrlich auf ihre Oberweite starrt.

Pornos sind nicht harmlos. Das spricht sich zum Glück langsam herum. Sie sind nicht harmlos für die Darstellerinnen und Darsteller. Und sie sind nicht harmlos für die Konsumenten. Außerdem beeinträchtigen sie auch Dritte, die auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben: Ehefrauen, die – zumindest in Gedanken – betrogen werden, Opfer von Verkehrsunfällen, die von abgelenkten LKW-Fahrern verursacht wurden, Partner von Schauspielerinnen, die sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben, Kinder, die nicht wirksam vor der Pornosammlung des Vaters geschützt wurden und von Anfang an mit einem verdrehten Männer- und Frauenbild aufwachsen…

Ein anderes Thema, aber artverwandt, ist die Prostitution. Auch hier: Gewalt, Drogen und Missbrauch an der Tagesordnung. Die Opfer wie so häufig: überwiegend Frauen. Und die „Täter“, die Männer: machen sich vor, dass es den Frauen auch noch gefällt! Jede Prostituierte, die ihren „Job“ so gut macht, dass der Freier ihren Widerwillen nicht bemerkt hat (oder nicht bemerken musste), trägt noch dazu bei, dass der Mythos von Freiwilligkeit lebendig bleibt.

Ich fand es sehr unschön, was sich da kürzlich in unserem Gesetzgebungsverfahren abgespielt hat. Und ich frage mich: was spricht dann eigentlich gegen ein Gesetz, das im Zweifelsfall den Freier bestraft und nicht die „Dienstleisterin“? Wenn alles tatsächlich so easy ist, wie immer gesagt wird, dann gibt es ja gar keinen Streit und die Männer haben nichts zu befürchten. Die Prostituierte, die ihren Herzensfreier (und die 13 anderen in dieser Nacht) mit Schmetterlingen im Bauch empfängt, wird ja wohl etwas Besseres zu tun haben, als ihn anzuzeigen, wenn er sich mal wieder mehr genommen hat, als vereinbart gewesen ist. Ja, ja, als Außenstehende kann man gut reden. Aber für mich passt da einiges nicht zusammen. Würde es wirklich um den Schutz und die Rechte der Frauen gehen, dann hätte man noch ganz andere Möglichkeiten, um sie stark zu machen…

Porno und Prostitution – zwei Bereiche, in denen Lob und Anerkennung bestimmt so manche Frau zu Dingen verlocken, zu denen sie normalerweise nie bereit gewesen wäre, wenn sie echte Chancen im Leben bekommen hätte. Stattdessen ist es irgendwem irgendwann gelungen den Frauen nicht nur zu sagen, dass sie „darin“ besonders gut wären, sondern auch, dass sie zu nichts anderem taugten. Es ist ein Teufelskreis – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich zurückdenke an die Gespräche meines Erwachsenwerdens, dann kann ich mich nicht daran erinnern, dass es je ein Mädchen gegeben hätte, das gerne Pornostar oder Prostituierte geworden wäre. Treue galt als Ideal, das nicht immer zu erreichen war. Enthaltsamkeit bis zur Ehe war kein Thema, Liebe schon. Und eine Partnerschaft war auf Dauer ausgelegt, nicht auf Egoismus. Ich glaube, daran hat sich nichts Wesentliches geändert. Aber an welcher Stelle im Leben kommt die Weiche, an der man sich entscheiden muss: halte ich fest an meinen Idealen, oder lasse ich mich auf Abwege bringen?

Es ist nicht erwachsen, sich irgendwann mal Pornos anzuschauen. Das ist doch gerade heutzutage überhaupt keine Herausforderung mehr! Echt Erwachsensein ist doch so viel mehr als das. Es bedeutet, Dinge zu erkennen, die einem selber schaden und den Mut zu haben, diese Dinge zu unterlassen – auch wenn man damit (scheinbar) gegen den Strom schwimmt. Und es ist überhaupt keine Schande, sich von echten Freunden ermutigen zu lassen – nicht zu einem gemeinsamen Bordellbesuch oder Porno-Abend, sondern zu dem, was viel schwieriger ist: standhaft „nein“ zu sagen angesichts diverser Verlockungen.

In unserem Land, das der Puff Europas geworden ist, und in dem unglaubliche Zugriffszahlen auf pornografische Inhalte belegt sind, wird es Zeit, gegen den Strom zu schwimmen! Als Frau ist es relativ leicht, sich bei diesen Themen zu positionieren, aber wirklich schwer, etwas zu bewirken. Wer ein kleines, aber unübersehbares Zeichen setzen möchte, dem kann ich nur empfehlen am „Walk for Freedom“ teilzunehmen. Eine Stunde „in ihren Schuhen“ kann die eigene Sicht auf die Dinge für immer verändern – und macht öffentlich wirklich Eindruck.

Männer könnten so viel mehr tun – wenn sie nur wollten. Es fängt damit an, dass sie aufhören könnten „sexuelle Dienstleistungen“ in Anspruch zu nehmen. (Okay, ich weiß, es hat ja eh keiner von Euch nötig „dafür“ zu bezahlen, aber sagt es doch bitte auch Euren Kumpels weiter…). Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist bei Pornos nichts anders als im Privatfernsehen allgemein: wenn die Quoten nicht stimmen, wird abgesetzt. Es liegt also in Eurer Hand! Wer konsumiert ist Teil des Problems, egal, welcher Lüge er glaubt.

Jeder Mensch möchte doch mit Achtung und Respekt behandelt und geliebt werden. Und auf dieser Basis ist auch der Sex am schönsten – wer das noch nicht wusste, sollte es vielleicht einfach mal ausprobieren. (Aber das ist eine Mutprobe, die vielen vielleicht doch etwas zu weit geht, oder?).

Und kommen wir mal zurück aufs Erwachsensein. Vielleicht haben wir in unserer Jugend etwas Falsches gelernt. Von unseren Eltern oder den falschen Freunden. Das mag sein. Aber wenn wir älter werden, dann kommen wir in die Lage, genau das zu erkennen. Und wie Anderson gesagt hat: „wir müssen uns selber (…) beibringen“ was erfüllte Sexualität ist, sollten wir auf Abwegen sein. Das kann kein Anderer für uns machen. Du machst mit dem besten Entwöhnungsprogramm niemanden zum Nichtraucher, der das nicht selber will. Genauso ist es hier: Wer wieder clean sein will, wer sich zurückbesinnen möchte, auf das, wovon er früher überzeugt war, wer seine eigenen Träume und Ideale zurück erobern möchte, der muss das selber tun. Sein eigenes Herz zu schützen ist eine der wichtigsten und auch der schwierigsten Aufgaben. Aber hierin liegt die wahre Selbstverwirklichung.

 

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