Der Tag nach Halloween

Caroline Stollmeier am 23. Oktober 2016

Wir haben in unserer Familie einen selbstetablierten Brauch zu Allerheiligen: Wir suchen gemeinsam mit unseren Kindern einen Friedhof aus, den wir gemeinsam besuchen, sobald es dunkel wird. „Bewaffnet“ sind wir dabei mit Taschenlampen und einer ganzen Kiste voller Grablichter (die mit dem Blechdeckel drauf).

Bereits Tage vorher beginnen unsere Vorbereitungen. Es gilt zu entscheiden, welcher Friedhof es in diesem Jahr werden soll. Gelegentlich ist es einer, auf dem Gräber von verstorbenen Angehörigen sind. Aber das ist nicht ausschlaggebendes Kriterium. Früher war es etwas leichter, als wir noch neben einem Friedhof gewohnt haben. Aber die letzten Jahre haben uns auch auf Friedhöfe geführt, auf denen wir nie zuvor gewesen sind. Wir besorgen die Lichter, suchen nach unseren Taschenlampen und besprechen erneut den Plan.

Wenn wir unterwegs sind, halten wir alle Ausschau nach verwilderten, offensichtlich ungepflegten Gräbern. Natürlich wissen wir nichts über die Menschen, die dort begraben sind, und ihre Angehörigen. Aber wir sprechen darüber, dass es nicht unbedingt Nachlässigkeit oder Groll sein muss, weswegen sich niemand um diese Gräber kümmert.

Es könnte ja auch einfach sein, dass die Menschen gestorben sind, ohne Angehörige und Freunde zu hinterlassen – was sehr traurig wäre. Oder die Familien wohnen inzwischen einfach zu weit weg. Auf manchen Friedhöfen gibt es über 100 Jahre alte Gräber. Das sind vielleicht die letzten Spuren dieser Menschen in dieser Welt – von anderen existieren oft nicht einmal welche. Auch das ist irgendwie eine traurige Vorstellung.

Aber alles in allem ist es trotzdem jedes Mal ein schönes Erlebnis für uns. Denn wir zünden auf den verwahrlosten Gräbern unsere Lichter an, und freuen uns, wenn inmitten des Gestrüpps eine kleine Flamme aufleuchtet. Manchmal schließen wir damit die einzige dunkle Lücke in einem Gang voll geschmückter, erleuchteter Gräber und heben so für ein paar Stunden den vergessenen Eindruck auf, den dieses Grab macht.

Wir stellen uns vor, wie später am Abend vielleicht doch noch ein alter Freund des Verstorbenen vorbei kommt und froh ist, das er nicht der einzige ist, der das Grab besucht. In manchen Fällen hat der oder die Verstorbene es nach menschlichen Maßstäben vielleicht sogar verdient, vergessen zu werden. Aber auch davon wissen wir ja nichts. Wir wünschen uns einfach, dass niemand verloren geht. Und gerade deshalb zünden wir diese Lichter an.

Wir glauben nicht, dass die Verstorbenen wirklich in den Gräbern liegen. Aber die Symbolik von Gräbern und Friedhöfen ist einfach da. Doch es gibt noch so viel mehr als an Allerheiligen teuren Blumenschmuck auf die Gräber zu legen (oder ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil man sich den nicht leisten kann oder gerade absolut keine Zeit dafür hat).

Bei unseren Allerheiligen-Friedhofbesuchen fühlen wir uns Gott und den Verstorbenen für kurze Zeit besonders nah. Es ist schön, Licht zu sein in dieser Welt. Und es macht Spaß, etwas von dieser Liebe auszugießen, die kein Ziel hat und keinen Anlass. Das verstehen sogar schon die Kinder mit einer Intuition, die viele Erwachsene verloren haben.

Natürlich ist es nach Einbruch der Dunkelheit auch ein bisschen gruselig auf dem Friedhof. Aber an Allerheiligen ist man dort nie alleine und kann auch manchmal etwas beobachten, das auf den ersten Blick mindestens so verwunderlich scheint, wie unsere eigene Aktion: Familien, die am Grab ihrer Angehörigen picknicken und bunte Laternen aufgehängt haben, zum Beispiel. Und die Kinder rechnen doch irgendwie immer noch ein bisschen damit, einem kleinen Gespenst zu begegnen…

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Ein Kommentar zu “Der Tag nach Halloween”

  1. Claudia Sperlicham 27. Oktober 2016 um 10:59

    Das ist ein sehr schöner Brauch!
    Und er mahnt mich, in diesem Jahr wenigstens auf irgendeinen Friedhof zu gehen an Allerheiligen.

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