Zwischen Mord und Menschenrecht: Auf der Suche nach Schnittmengen in der Abtreibungsdebatte

Harald Stollmeier am 25. Januar 2017

Abtreibungsdebatten eskalieren schnell. Bei kaum einem anderen Thema wird die jeweils andere Seite so schnell als böse wahrgenommen. Kein Wunder: Wenn der eine als Menschenrecht fordert, was der andere einen Mord nennt, wie soll da eine Schnittmenge existieren? Gibt es nennenswerte gemeinsame Ziele, auf die sich „Pro Life“ und „Pro Choice“ einigen könnten?

Bei einer Abtreibung wird ein unschuldiger Mensch getötet. Das ist immer ein moralisches Übel, selbst wenn es einmal das kleinere Übel sein sollte. Und auf ein Übel kann es keinen Rechtsanspruch geben. Viele der Reflektierteren unter den Anhängern eines „Rechts auf Abtreibung“ definieren deshalb entweder die Geburt als entscheidende ethische Grenze, vor deren Überschreiten man keine, nach deren Überschreiten man alle Rechte hat, oder sie bestreiten mit der Leidensfähigkeit von Embryonen und Föten auch deren Recht auf Unversehrtheit; manche Vertreter der zweiten Richtung gehen so weit zu erklären, dass auch nach der Geburt eine Tötung nicht tabu sein dürfe.

Das alles kommt für mich nicht in Frage; für mich ist das ungeborene Kind ab dem Vorliegen des doppelten Chromosomensatzes ein Mensch mit dem elementaren Recht, nicht getötet zu werden. Ich werde eher sterben, als ein „Recht auf Abtreibung“ anzuerkennen.

Muss ich mich deswegen aber auch zu der kategorischen Aussage „Abtreibung ist Mord!“ bekennen? Das ist nicht belanglos; unter Lebensrechtlern gilt diese Feststellung weithin als Selbstverständlichkeit. Ich will das aber nicht mehr sagen. Weniger wegen der juristischen Einordnung, obwohl ich sicher bin, dass diese nur im Ausnahmefall zutrifft. Sondern vor allem wegen des mitschwingenden Urteils, jede Schwangere, die ihr ungeborenes Kind töten lasse, sei im Grunde eine Mörderin. Da waren wir schon mal, dahin will ich nicht zurück, und ich kann jede „Pro Choice“-Anhängerin verstehen, die in der Mordbehauptung vor allem eine Kriegserklärung sieht.

Einer Haltung „Pro Choice“ liegt normalerweise im weitesten Sinne eine sehr hohe Wertschätzung für das Selbstbestimmungsrecht vor allem von Frauen zugrunde, und im Zusammenhang damit eine starke Abneigung gegen ungerechte Benachteiligungen von Frauen, die noch bis vor ganz kurzer Zeit völlig normal gewesen sind. Wir brauchen jetzt nicht darüber zu streiten, ob der Gleichberechtigungsfortschritt der, sagen wir, jüngsten 150 Jahre nur sehr groß oder sogar groß genug gewesen ist. Jedenfalls gehörte zu den ungerechten Benachteiligungen der Vergangenheit, dass ein uneheliches Kind in der Regel das Problem seiner Mutter war; der Vater war meist nicht zu belangen. Man hört häufig von „gefallenen Mädchen“, noch weit ins 20. Jahrhundert hinein, und wenn ein solches Mädchen, erst verführt und dann verlassen, seiner Notlage durch eine Abtreibung zu entgehen versuchte, dann war das natürlich ein schreckliches Unrecht. Es war aber auch die Folge eines vorausgegangenen Unrechts, dessen Ahndung nicht vorgesehen war.

Wenn es eine Schwäche gibt, die gerade die Hardliner bei „Pro Choice“ UND „Pro Life“ gemeinsam haben, dann ist es die Annahme, bei der Entscheidung für eine Abtreibung sei die betroffene Schwangere grundsätzlich die Hauptverantwortliche. Dabei braucht man sich gar nicht allzu sehr anzustrengen um herauszufinden, dass es anders ist: So gut wie nie ist ein Schwangerschaftsabbruch identisch mit dem kaltblütigen Mord einer egoistischen Frau an ihrem eigenen Kind. So gut wie immer ist ein Schwangerschaftsabbruch die Folge einer Notlage, und sehr oft wird die betroffene Schwangere von ihrer Umgebung, namentlich vom Vater des Kindes, entweder im Stich gelassen oder gar unter Druck gesetzt. „Er will das Baby nicht“ dürfte die häufigste Begründung in Beratungsgesprächen bei Organisationen wie 1000plus sein. Folgerichtig spricht Kristijan Aufiero, der Leiter von 1000plus, denn auch überhaupt nicht von Mord, sondern von „unterlassener Hilfeleistung in über 100.000 Fällen pro Jahr.“

Zwischen Menschen wie mir und Menschen, die zu meiner Fassungslosigkeit (umso mehr, wenn es kluge Menschen sind) ein Recht auf Abtreibung fordern, gibt es deshalb tatsächlich eine Schnittmenge, einen common ground. Er besteht in der Forderung, dass keine Frau einer Abtreibung zustimmen muss, die das nicht wirklich selber will. Beide “Pro Choice” und “Pro Life”, können ohne Verrat an ihren Überzeugungen für den Ausbau einer Beratung eintreten, die weit mehr leistet als Straffreiheit zu sichern – einer Beratung, die in Ruhe auf die Situation der Betroffenen eingeht und nicht wertet, dafür aber konkret hilft.

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