Der heilige Josef als Erzieher

Harald Stollmeier am 2. Februar 2017

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem zwölfjährigen Kind in Rom. Bei der Heimreise, auf dem Weg zum Flughafen ist Ihr Kind bei Freunden in der Pilgergruppe. Aber beim Check-in ist es weg. Sie verpassen das Flugzeug und suchen Ihr Kind überall. Am Abend verschwitzt und verzweifelt, gehen Sie zum Petrusgrab, um dort zu beten. Und wer plaudert vor dem vatikanischen Postamt angeregt mit zwei Bischöfen? Richtig: Ihr altkluger Adoptivsohn. Von Ihrer Frau zur Rede gestellt, teilt er Ihnen beiden mit, es sei doch klar gewesen, dass er im Haus seines Vaters habe sein müssen.

Im Lukasevangelium (2, 41-52) steht eine ähnliche Geschichte, ergänzt um die dürren Worte, Jesus sei mit Maria und Josef heimgekehrt und ihnen gehorsam gewesen. Die Information, dass Maria dieses Ereignis in ihrem Herzen bewahrte, ist die Quellenangabe – Lukas kann ja die Geschichten über Geburt und Kindheit Jesu, wenn er sie nicht erfunden hat, nur von Maria selber haben.

Wie würden Sie Ihrem altklugen (Adoptiv-) Sohn begreiflich machen, das sein Verhalten unangebracht war? Falls Sie nicht vorhaben, einfach vor ihm auf die Knie zu fallen und ihn zu preisen, was in den meisten Erziehungssituationen wenig adäquat wäre. Ich selbst sähe mich in meiner eigenen Vaterrolle dazu nicht in der Lage. Dennoch hatte der Beichtvater recht, der mir vor kurzem riet, bei Stress mit meinen Kindern in ihnen das Jesuskind zu sehen und mein Verhalten ihnen gegenüber daran auszurichten. Wie leicht ist man doch zu unfreundlich oder gar zu grob!

Der heilige Josef, ein gerechter und besonnener Mann, der noch dazu wusste, dass es mit seinem Adoptivsohn eine göttliche Bewandtnis hatte, wird wohl eher nicht daran gedacht haben, den Zwölfjährigen an den Ohren aus dem Tempel zu ziehen. Andererseits schreibt Lukas, das Jesus fortan gehorsam gewesen sei: Von diesem Zeitpunkt an verschwindet er für geschlagene achtzehn Jahre aus der Öffentlichkeit, und eingesperrt hat der heilige Josef ihn wohl nicht. Wie hat er das also erreicht?

Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens nimmt Jesus an einer Hochzeit teil, der Wein ist ausgegangen, und Maria bittet ihren Sohn um Hilfe; jedenfalls versteht er sie so, und er weist sie zurück. Mit der Aussage: “Meine Stunde ist noch nicht gekommen” (Johannes 2,4). Wenige Minuten später sieht er das anders und sorgt für erstklassigen Wein im Überfluss.

Wahrscheinlich ist der Wortlaut der Reaktion Jesu ein achtzehn Jahre altes Echo des heiligen Josef. Dieser wird seinem Adoptivsohn seinerzeit die Eingangsverse aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet/Prediger vorgetragen haben: “Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine Zeit.” Der Anerkennung des göttlichen Auftrags Jesu hätte Josef jedenfalls seinen eigenen göttlichen Auftrag gegenüberstellen können und die Überzeugung, dass dieser noch nicht erfüllt war: “Deine Stunde ist noch nicht gekommen.”

Was auch immer der göttliche Auftrag meiner Kinder ist – mein eigener lautet ziemlich sicher, sie zu schützen und dazu beizutragen, dass ihre Weisheit zunimmt und sie Gefallen finden bei Gott und den Menschen (Lukas 2, 52).

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Ein Kommentar zu “Der heilige Josef als Erzieher”

  1. Claudia Sperlicham 3. Februar 2017 um 21:56

    Josef war ja immer einer, der erstmal abwartet, was Gott sagt. Eine Nacht drüber schläft.
    Wer weiß, vielleicht hat ihm auch damals nachts ein Engel gesagt, daß sein Sohn es schon ganz richtig machte.

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