Die gelbe Ampel und Du

Caroline Stollmeier am 21. Februar 2017

Heute hat eine Freundin, die ich sehr schätze, etwas sehr Wertvolles mit mir geteilt: das Bild von der Ampel. Sie hat erklärt, dass es manchmal, wenn man Menschen mit einer bestimmten Botschaft erreichen möchte, so ähnlich ist wie im Straßenverkehr:

Bei einigen Menschen steht die Ampel einfach auf „rot“, wenn es um ein bestimmtes Thema geht. Wenn man das übersieht oder ignoriert und trotzdem losfährt, dann kann es zu einer direkten Konfrontation oder einem Unfall kommen. Wenn man Glück hat, kommt man unbeschadet davon, wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Und etwas Gutes entsteht dabei auch nicht. Das sollte man also lieber lassen.

Bei manchen Menschen steht die Ampel auf „grün“. Diese signalisieren schon von sich aus, dass sie offen für ein Thema sind und laden einen geradezu ein, „loszufahren“. Bei diesen Menschen wäre es fast schon sträflich, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten und einem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Also, Vollgas!

Und dann gibt es da noch die Menschen, deren Ampel auf „gelb“ steht. Das sind die Situationen, in denen man sich umsichtig und langsam vortasten kann. Die Ampel wird bald umschalten – aber es ist noch offen, in welche Richtung. Und gerade das macht diese Begegnungen besonders spannend und chancenreich.

Im Moment ist das Thema Abtreibungen in den Medien präsent wie lange nicht mehr. Ein deutscher Chefarzt musste seinen Posten räumen, weil er seinen hippokratischen Eid zu ernst genommen hat, sich auf seine Gewissensfreiheit berufen hat und nicht wollte, dass in seiner Abteilung Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Junge Frauen berichten in Online-Medien und in persönlichen Videobotschaften von ihren Schwangerschaftsabbrüchen und wie es dazu kam. Die Klägerin im berühmt gewordenen Gerichtsprozess „Roe vs. Wade“ ist unlängst verstorben, was diverse Medien als Anlass zur Berichterstattung genommen haben. Der Prozess um Norma McCorvey hatte in den USA im Jahr 1973 zu einer faktischen Legalisierung von Abtreibungen bis kurz vor den Geburtstermin geführt. Später war McCorvey Christin geworden und hatte sich bis zu ihrem Tod dafür eingesetzt, dass dieses Gerichtsurteil wieder aufgehoben wurde, was ihr allerdings nicht gelang. Das spezielle Thema Spätabtreibung bei Verdacht auf Down Syndrom findet Eingang in Kinofilme und öffentlich-rechtliche Berichterstattung. Blogger und Publizisten – außerhalb der Reihen der „üblichen Verdächtigen“ – mischen sich ein.

Auch, wenn nicht immer alles erfreulich ist und den eigenen Vorstellungen entspricht, was zu lesen und zu sehen ist, hat die mediale Aufmerksamkeit doch ein Gutes: die „gelben Ampeln“ bekommen vielleicht den nötigen Impuls, der ihnen bisher gefehlt hat, um umzuschalten.

Gehörst Du zu den Menschen, die beim Thema Abtreibung der Ansicht sind, dass eine Frau das „ganz alleine entscheiden muss“ oder die sich einfach noch gar nicht damit beschäftigt haben? Dann bist Du vielleicht so eine gelbe Ampel. Du empfindest im Grunde Wohlwollen mit den betroffenen Frauen, möchtest sie nicht bevormunden? Vielleicht ist es aber auch eine Spur von Unwillen oder einfach Unverständnis? Vielleicht fühlst Du Dich bei diesem Thema rat- oder hilflos? Aber was auch immer dich bewegt bzw. kalt lässt, Deine Meinung ist vielleicht einfach noch nicht „fertig“. Und dabei spielt es keine Rolle, wie alt Du bist!

Wenn Du besser verstehen möchtest, wie es Frauen im Schwangerschaftskonflikt wirklich geht und was sie noch viel mehr brauchen als „Neutralität“, dann kann ich Dir nur ans Herz legen, den „Jahresbericht“ der Frauenhilfsorganisation Pro Femina zu lesen, dem die Erfahrungen aus tausendfacher Schwangerenberatungen zugrunde liegen. Es fängt schon damit an, dass Du große Überraschungen erleben kannst, wenn Du mehr über die wahren Ursachen von Schwangerschaftskonflikten erfährst. „Finanzielle Probleme“ oder gar „Vergewaltigung“ werden von den betroffenen Schwangeren beispielsweise wesentlich seltener angeführt, als „Druck durch den Partner“ oder „Überforderung“.

Ich möchte Dich kurz fragen: Steht Deine Ampel auf „gelb“, wenn es um das Thema Abtreibungen geht? Dann ist vielleicht JETZT die Zeit, Dir eine fundierte Meinung zu bilden. Nicht politisch, nicht ideologisch, nicht religiös, sondern ganz konkret.

Es ist schon ein paar Jahre her, da hat mir eine andere Freundin mal gesagt: „Ich kann nicht gegen Abtreibungen sein, denn eine Freundin von mir hat auch schon mal abgetrieben. Und wenn ich nun sage, dass ich dagegen bin, dann falle ich ihr doch irgendwie in den Rücken.“ Diese Aussage hat mich lange bewegt. Ich habe selber auch Freundinnen, die früher mal abgetrieben haben. Mehrere. Und ich bin überzeugt, die hat jede/r (bei 100.000 Abtreibungen pro Jahr ist das schon rein statistisch gesehen sehr wahrscheinlich…). Sie haben damals keinen anderen Ausweg gesehen, hatten weder echte Hilfe noch Vertrauen in die eigene Kraft und Stärke. Mindestens eine von ihnen bereut es heute zutiefst. Keine von ihnen ist stolz diesen Schritt gegangen zu sein.

Auch diese Freundinnen haben mir gezeigt, dass ein Schwangerschaftskonflikt nicht mit „Neutralität“ zu lösen ist. Denn nur wer festen Grund unter seinen Füßen hat, kann stabil stehen – und außerdem noch andere stützen. Ein klares Ja zum Leben ermöglicht Entscheidungen, auf die man auch im Nachhinein noch mit dem sicheren Gefühl das Richtige getan zu haben, zurückschauen kann.

Selbstverständlich entscheidet letztlich die Schwangere, ob sie abtreibt oder nicht! Aber eine echte Entscheidung kann man nur treffen, wenn man wirklich alle Alternativen und Perspektiven kennt, die man selber hat. Eine Entscheidung, die unter Druck oder Hilflosigkeit getroffen wurde, ist keine.

Frauen, die abgetrieben haben, sind deshalb nicht schlechte Menschen. Sie tragen diese Erfahrung ihr Leben lang mit sich. Und das ist – für die meisten – schon schwer genug. Da brauchen sie nicht auch noch Vorwürfe und Verurteilungen von Außenstehenden!

Aber wenn es Dir möglich ist, die Last, die eine ungeplante Schwangerschaft im ersten Moment zu sein scheint ein Stück des Weges mitzutragen – natürlich am besten bevor es zur Abtreibung kommt – dann pack an! Lass Deine Ampel grün leuchten, wenn es um Schwangere geht, die Hilfe brauchen. Begegne ihnen tatkräftig und mit Freude am Leben.

Und lass dabei immer die Liebe das letzte Wort haben.

 

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein,Gute Menschen | Gute Taten | 6 Kommentare

6 Kommentare zu “Die gelbe Ampel und Du”

  1. Markusam 21. Februar 2017 um 14:41

    Ich finde den Gedanken der Ampel sehr hilfreich und den Artikel insgesamt sehr gut. Danke! Auch schätze ich die Arbeit von profemina sehr. Allerdings: “Selbstverständlich entscheidet letztlich die Schwangere, ob sie abtreibt oder nicht!” Warum ein solcher Satz, der die grundlegend falsche Haltung der Befürworter von Kindstötung wiedergibt?
    Würde man auch sagen: “Selbstverständlich entscheidet letztlich der Vater, ob für sein Kind sorgt oder es verhungern lässt”? Oder in grün: “Selbstverständlich entscheidet der Unternehmer, ob er seine Legehennen im Käfig hält oder nicht.” Oder in katholisch und hochaktuell: “Selbstverständlich entscheidet letztlich die Ehefrau/-mann, ob er/sie die Ehe scheidet (tötet) oder nicht.”
    Die Anerkennung von Unantastbarem – das müsste wieder selbstverständlich sein (gab’s da nicht mal was -ganz unreligiös- im GG?!). Die Missachtung des Unverfügbaren zerstörte das Paradies.

  2. Claudia Sperlicham 21. Februar 2017 um 15:03

    Ich bin in einer von Laien betriebenen online-Beratungsstelle tätig. Wir stellen immer wieder fest, daß Frauen vom Kindsvater genötigt werden, das Kind “wegzumachen“. Sonst geht er. Ich bin da sehr undiplomatisch geworden und sage “Schmeiß den Erpresser raus“.
    Was sich viele auch sagen lassen und das Kind behalten.
    Im Moment habe ich mit einem “Fall“ zu tun, in dem die Partnerschaft in Ordnung scheint, aber das Leben der Frau auf dem Spiel steht. In dem es vielleicht keine gute Lösung gibt. Ich bin ratlos, was ich sagen soll. Ich kann nicht sagen, es sei wohl geraten, abzutreiben – ich kann das ebenso wenig wie lebende Mäuse verzehren, es geht mir nicht über die Lippen bzw. die Tastatur. Aber ich kann auch nicht sagen “Riskiere dein Leben“ – denn das darf ich immer nur mir sagen (und muss es nur sehr selten).

  3. Markusam 22. Februar 2017 um 13:22

    Hallo. Ich hatte gestern einen Kommentar bez. “Selbstverständlich entscheidet letztlich die Schwangere, ob sie abtreibt oder nicht!” geschrieben, der aber nicht auftaucht. Traf mein Kommentar auf eine rote Ampel?

  4. Caroline Stollmeieram 1. März 2017 um 14:51

    @Markus: Selbstverständlich haben wir Ihren Kommentar nicht “zensiert”. Es ist mir unerklärlich warum, aber er muss im Wust der Spam-Kommentare, die uns leider immer wieder erreichen, untergegangen sein. Inzwischen ist er aber wieder aufgetaucht und für alle sichtbar.

    Wir respektieren Ihre Meinung und freuen uns über Ihren Beitrag.

    Sie fragen mich als Autorin des Artikels: “‘Selbstverständlich entscheidet letztlich die Schwangere, ob sie abtreibt oder nicht!’ Warum ein solcher Satz, der die grundlegend falsche Haltung der Befürworter von Kindstötung wiedergibt?”

    Darauf möchte ich Ihnen kurz eine Antwort geben:
    Weil ich davon überzeugt bin, dass es so ist. Sowohl rechtlich als auch ganz praktisch entscheidet die Schwangere ob sie sich für ihr Kind entscheidet oder abtreibt, auch wenn viele Faktoren und Personen möglicherweise Einfluss nehmen (können). Und sie ist es auch, die mit der Entscheidung für den Rest ihres Lebens klar kommen muss.

    Es ist kein Geheimnis: ich wünsche mir für jede Frau im Schwangerschaftskonflikt (und ihr ungeborenes Baby), dass sie einen besseren Weg als den der Abtreibung geht. Aber ich verurteile keine Frau, die das für sich nicht geschafft hat.

    Ich wünsche jeder Schwangeren, dass sie ein Umfeld hat, das sie ermutigt und stärkt anstatt sie zu bevormunden oder unter Druck zu setzen. Hier ist gute Beratung gefragt, aber auch ganz praktisch jeder einzelne von uns.

  5. Markusam 1. März 2017 um 16:51

    Danke für Ihre Antwort, Frau Stollmeier.
    Ich schreibe noch einmal, zum einen, um klarzustellen, dass ich Ihren Einsatz schätze und auch ich keine Frau verurteile, die ihr Kind töten liess. Scheinen hier bei Ihnen Vorurteile gegenüber vermeintlichen “Lebensschutz-Hardlinern” durch? Das wäre schade. Mir ist jedenfalls klar, dass “Gute Beratung” und verurteilende Haltung Antonyme sind.

    Zum anderen die Nachfrage: finden Sie es letztlich gut (oder zumindest besser als das Gegenteil) dass “es so ist”, dass die Frau rechtlich über das Leben des Kindes entscheiden kann sprich ist für Sie die geltende gesetzliche Regelung im Prinzip i.O. oder anders: sollen Frauen prinzipiell das Entscheidungsrecht de jure haben? (die “praktische” Entscheidungshoheit bzw. de facto soll hier ausser acht bleiben; und angemerkt sei auch, dass vollkommen klar ist, dass Schwangere so oder so unsere Ermutigung und Stärkung brauchen).

    Danke im Voraus für Ihre weitere Antwort (und keine Sorge, ich werde dann nicht noch mal nachhaken).

  6. Caroline Stollmeieram 1. März 2017 um 17:56

    Lieber Markus,

    Sie können so oft nachhaken wie Sie wollen. 😉

    Da Sie mich ganz konkret gefragt habe, bekommen Sie auch eine ganz konkrete Antwort: Für mich persönlich ist die Gesetzeslage in Deutschland nicht perfekt, aber im Großen und Ganzen okay. Ich halte es mit der Idealvorstellung, die ich aus der amerikanischen Pro-Life-Szene kenne: “Abtreibungen sollten nicht verboten sein, sondern undenkbar.”

    Herzliche Grüße!

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel