Archiv für die Kategorie 'Gerechtigkeit'

#PinkFirst – eine Aktion für die Rechte der Frauen.

Caroline Stollmeier am 8. März 2017

Liebe Mit-Frauen, liebe Andere,

anlässlich des Weltfrauentags heute hat BRIGITTE die Aktion #PinkFirst ins Leben gerufen, der ich mich gerne anschließen möchte. Nicht nur, weil ich pink super finde ( 😉 ) und schon lange auf die Gelegenheit gewartet habe, diesen pinken Nagellack zu tragen, sondern vor allem natürlich, weil ich die Statements (siehe unten) total nachvollziehbar finde. (Was ich allerdings weniger nachvollziehen kann, ist, warum man das alles heutzutage überhaupt noch einfordern muss. Sollte dieser Umgang nicht nur mit Frauen, sondern natürlich auch mit Männern nicht inzwischen selbstverständlich sein…?!)

Mir liegt eine der Aussagen von #PinkFirst ganz besonders am Herzen: „Frauen wollen in Freiheit entscheiden – ob und wann sie Kinder wollen.“ Genau!

Für mich fängt es damit an, dass selbstverständlich keine Frau zum Sex gezwungen oder manipuliert werden darf. Es geht damit weiter, dass jede Frau frei sein sollte zu entscheiden, ob und wie sie Schwangerschaften verhütet und dass der beteiligte Mann diese Freiheit respektiert. Ganz praktisch würde das vielleicht auch mal Abstinenz in den fruchtbaren Tagen bedeuten, wenn man auf Nummer Sicher gehen möchte. Frauen sind eben keine allzeit verfügbare Ware!

Aber Sex macht nun mal schwanger. Und deshalb schließt diese Forderung natürlich auch die Frage ein, wie mit einer möglichen ungeplanten Schwangerschaft umgegangen wird. Ich finde es existenziell, dass jede Frau in dieser Situation echte Freiheit hat! Und das bedeutet für mich vor allem, dass sie nicht von ihrem Partner, ihren Eltern, ihren Freunden oder irgendwelchen Moralvorstellungen unter Druck gesetzt wird. Wer Angst haben muss, plötzlich mit einem Kind alleine dazustehen, den Job zu verlieren oder gar zuhause rausgeschmissen zu werden, hat keine echte Freiheit. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Ist ein Kind erstmal entstanden, wird es für seine Mutter nie wieder so sein, als habe es dieses Kind nicht gegeben. Unabhängig davon, ob sie das Kind bekommt oder es abtreibt. Deshalb möchte ich dem #PinkFirst-Statement noch hinzufügen: Jede Frau hat das Recht, die bestmögliche Beratung und Hilfe zu bekommen, sollte sie ungeplant schwanger geworden sein. Niemand darf sie zu einem Schritt drängen, den sie im Grunde ihres Herzens nicht gehen möchte.

 

 

 (Um mein Video zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.)

 

 

#PinkFirst – eine Aktion für die Rechte der Frauen:

> Frauen wollen in Frieden leben – ohne belästigt, diskriminiert oder misshandelt zu werden. Ohne für ihr Aussehen, ihre Herkunft oder ihren Glauben angegriffen zu werden. Ohne sich um die Zukunft sorgen zu müssen.

> Frauen wollen in Freiheit entscheiden – ob und wann sie Kinder wollen. Ob sie Hausfrau oder Vorstandsvorsitzende sein wollen. Was sie anziehen, wie sie leben, ob sie Männer lieben oder Frauen.

> Frauen wollen gleiche Rechte – das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, auf Karriere und alle Möglichkeiten, die auch Männer haben. Darauf, sich einzumischen und ihre Meinung zu sagen, ohne dafür beleidigt oder bedroht zu werden.

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein,Gerechtigkeit,Menschenhandel | Keine Kommentare

Das Gute, das Böse und unsere Optionen

Harald Stollmeier am 21. Dezember 2016

Der Lkw-Mordanschlag von Berlin hat zwölf Menschen das Leben gekostet – Menschen, die in wenigen Tagen Weihnachten feiern wollten, und das Leid der Verletzten sollte man auch nicht vergessen. Es steht noch nicht fest, dass der Anschlag das Werk von Islamisten ist, aber die Analogie zum Anschlag von Nizza macht das wahrscheinlich. Wie gehen wir damit um?
Am leichtesten haben es die mutmaßlichen Urheber, die Da’esh-Barbaren. Sie brauchen sich nur zu dem Anschlag zu “bekennen” und zu hoffen, dass ihre Saat aufgeht. Auch führende AfD-Politiker brauchen sich nicht mit Nachdenken aufzuhalten: Sie wissen schon, dass die Bundeskanzlerin schuld ist.
Mehr aber und Weiseres erwarte ich von jenen Mitmenschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und das mit dem Bekenntnis zu unseren Werten und unserer Freiheit zeigen. Ich erwarte Weiseres von ihnen als die achselzuckende Feststellung, absolute Sicherheit könne es nicht geben. Sollten wir mehr nicht zu bieten haben als tapferes Nichtstun? Ich glaube, gar so hilflos sind wir nicht.

Erstens betrifft das die Frage der Sicherheit: Die wenigsten Mitmenschen fordern “absolute” Sicherheit. Die meisten wären mit “nennenswert mehr” Sicherheit zufrieden, und mehr Sicherheit bedeutet vor allem: mehr Polizisten. Das kostet Geld, und es geht nicht von einem Tag auf den anderen. Im Gegensatz zu schärferen Gesetzen, deren Einhaltung sowieso nicht flächendeckend sichergestellt werden kann, bringt es aber nachhaltigen Nutzen.

Zweitens haben wir alle, wirklich alle, Einfluss auf die Aufmerksamkeitsökonomie, in deren Rahmen Terrorismus stattfindet und überhaupt nur eine Wirkung hat. Terrorismus ist Kommunikation, und das Ziel dieser Kommunikation ist in diesem Fall die Zerstörung des inneren Friedens. Die Da’esh-Terroranschläge in Europa wollen den Bürgern das Vertrauen in den Rechtsstaat nehmen und Muslimen und Nichtmuslimen das Vertrauen zueinander. AfD & Co. wirken bei diesem Projekt als nützliche, vielleicht auch willige Idioten mit. Dasselbe gilt aber auch für Muslime, egal ob privat oder in einem Verbandsamt, die keine Gelegenheit vorüberstreichenlassen können, sich und ihre Glaubensgeschwister als unterdrückt zu zelebrieren.

Keine Frage: Natürlich müssen Probleme angesprochen werden. Aber wer immer nur die Probleme beschreibt (oder anklickt!) und niemals die Lösungen, der macht die Arbeit der Terroristen. Erinnern Sie sich noch an die “Scharia-Polizei”? Ein halbes Dutzend Jugendlicher mit improvisierten Kostümen belästigen ein paar Dutzend Passanten und werden zum Top-Nachrichtenereignis. Oder erst kürzlich: Ein Berliner Busfahrer schickt eine Halbstarke mit Kopftuch nach wiederholter Ermahnung wegen Döneressens aus dem Bus (vielleicht unnötig rigide) – und wird als “Rassist” zum Gegenstand eines Shitstorms.

Wenn bei guten Taten und geglückten Projekten das Verhältnis von Aufwand und öffentlicher Aufmerksamkeit ähnlich wäre, mal im Ernst: Würden dann nicht echte und weniger echte Diskriminierungen von Muslimen (und anderen Minderheiten) ebenso wie die meisten islamistischen Aktivitäten als das behandelt, was sie sind, nämlich Ausnahmen in einer Gesellschaft, in der erstaunlich viel friedlich gelingt? Natürlich würde es dann immer noch islamistische Terrormorde geben. Aber den meisten von uns wäre klar, dass die zwar möglicherweise etwas mit dem Islam zu tun haben, aber ziemlich sicher nichts mit den Muslimen, denen wir auf der Straße oder in der S-Bahn begegnen. Auch weil denen wiederum nicht nur wie schon heute klar ist, dass sie unschuldig sind, sondern auch, dass sie keinen größeren Feind haben als die Fanatiker, die in ihrem Namen morden.

“Bad news are good news”, heißt es bei Zeitungsverlegern und natürlich auch bei Twitter und Facebook. Aber für wen? Und vor allem: Durch wen? Ich denke, durch uns. Und das muss nicht so bleiben.

 

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Integration | Keine Kommentare

Sex und Selbstverwirklichung

Caroline Stollmeier am 8. Oktober 2016

Kürzlich habe ich ein bemerkenswertes Buch gelesen: „Pornographie – die größte Illusion der Welt“. Darin beschreibt Shelly Lubben autobiografisch wie sie zunächst zur Prostituierten und dann zur gefragten Porno-Darstellerin wurde. Nichts für schwache Nerven! Aber was das Buch auf jeden Fall lesenswert macht, ist die neue Perspektive, die sich eröffnet. Fragt sich der Ottonormal-Pornokonsument eigentlich jemals, wie es hinter den Kulissen aussieht? Das bezweifle ich einfach mal! Denn wer darüber nachdenkt, dem vergeht doch die Lust (es sei denn er ist vielleicht Sadist).

Lubben beschreibt eindrücklich und glaubhaft, wie es am Porno-Set von sexueller Nötigung, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch und Krankheiten nur so wimmelt.  Und dabei macht sich jeder, der sich Pornos ansieht, selber die Finger schmutzig in diesem dreckigen Geschäft. Egal, wie gut die Lust geschauspielert wird und was man sich selber beim Zuschauen vielleicht vormacht!

Kaum einer macht sich klar, welchen Schaden die eigene Sexualität nehmen kann, wenn man zu früh oder zu oft oder überhaupt Pornos angeschaut hat – egal ob Mann oder Frau. Und wie sehr wird das eigene (Sex-) Leben schon fremdbestimmt? Jeder, der behauptet, nicht porno-süchtig zu sein, obwohl er regelmäßig konsumiert, sollte einfach mal den Selbsttest machen: wie lange halte ich es ohne aus? Das könnte manch überraschende, wenn auch nicht durchweg angenehme Erkenntnis bereiten. Aber mal Hand aufs Herz: ist es wirklich das, was Ihr wollt – Sex im Kopf anstatt im Bett?!

Dazu passt auch gut, was kürzlich von der bekannten Schauspielerin Pamela Anderson zu lesen war: „Einfach ausgedrückt müssen wir uns selbst und unseren Kindern beibringen, dass Pornos etwas für Verlierer sind – eine langweilige, schmutzige Sackgasse für Menschen, die zu faul sind, sich auf den aussichtsreichen Weg hin zu einer gesunden Sexualität zu machen.“ Sehr deutlich sagt sie hier, was sie von Porno-Konsumenten hält. Gerade sie, die inzwischen wahrscheinlich ganze Generationen in ihre feuchten Träume begleitet hat. Das gefällt mir sehr. Und ich hoffe, dass Andersons Worte nachhallen, wenn mal wieder jemand begehrlich auf ihre Oberweite starrt.

Pornos sind nicht harmlos. Das spricht sich zum Glück langsam herum. Sie sind nicht harmlos für die Darstellerinnen und Darsteller. Und sie sind nicht harmlos für die Konsumenten. Außerdem beeinträchtigen sie auch Dritte, die auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben: Ehefrauen, die – zumindest in Gedanken – betrogen werden, Opfer von Verkehrsunfällen, die von abgelenkten LKW-Fahrern verursacht wurden, Partner von Schauspielerinnen, die sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben, Kinder, die nicht wirksam vor der Pornosammlung des Vaters geschützt wurden und von Anfang an mit einem verdrehten Männer- und Frauenbild aufwachsen…

Ein anderes Thema, aber artverwandt, ist die Prostitution. Auch hier: Gewalt, Drogen und Missbrauch an der Tagesordnung. Die Opfer wie so häufig: überwiegend Frauen. Und die „Täter“, die Männer: machen sich vor, dass es den Frauen auch noch gefällt! Jede Prostituierte, die ihren „Job“ so gut macht, dass der Freier ihren Widerwillen nicht bemerkt hat (oder nicht bemerken musste), trägt noch dazu bei, dass der Mythos von Freiwilligkeit lebendig bleibt.

Ich fand es sehr unschön, was sich da kürzlich in unserem Gesetzgebungsverfahren abgespielt hat. Und ich frage mich: was spricht dann eigentlich gegen ein Gesetz, das im Zweifelsfall den Freier bestraft und nicht die „Dienstleisterin“? Wenn alles tatsächlich so easy ist, wie immer gesagt wird, dann gibt es ja gar keinen Streit und die Männer haben nichts zu befürchten. Die Prostituierte, die ihren Herzensfreier (und die 13 anderen in dieser Nacht) mit Schmetterlingen im Bauch empfängt, wird ja wohl etwas Besseres zu tun haben, als ihn anzuzeigen, wenn er sich mal wieder mehr genommen hat, als vereinbart gewesen ist. Ja, ja, als Außenstehende kann man gut reden. Aber für mich passt da einiges nicht zusammen. Würde es wirklich um den Schutz und die Rechte der Frauen gehen, dann hätte man noch ganz andere Möglichkeiten, um sie stark zu machen…

Porno und Prostitution – zwei Bereiche, in denen Lob und Anerkennung bestimmt so manche Frau zu Dingen verlocken, zu denen sie normalerweise nie bereit gewesen wäre, wenn sie echte Chancen im Leben bekommen hätte. Stattdessen ist es irgendwem irgendwann gelungen den Frauen nicht nur zu sagen, dass sie „darin“ besonders gut wären, sondern auch, dass sie zu nichts anderem taugten. Es ist ein Teufelskreis – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich zurückdenke an die Gespräche meines Erwachsenwerdens, dann kann ich mich nicht daran erinnern, dass es je ein Mädchen gegeben hätte, das gerne Pornostar oder Prostituierte geworden wäre. Treue galt als Ideal, das nicht immer zu erreichen war. Enthaltsamkeit bis zur Ehe war kein Thema, Liebe schon. Und eine Partnerschaft war auf Dauer ausgelegt, nicht auf Egoismus. Ich glaube, daran hat sich nichts Wesentliches geändert. Aber an welcher Stelle im Leben kommt die Weiche, an der man sich entscheiden muss: halte ich fest an meinen Idealen, oder lasse ich mich auf Abwege bringen?

Es ist nicht erwachsen, sich irgendwann mal Pornos anzuschauen. Das ist doch gerade heutzutage überhaupt keine Herausforderung mehr! Echt Erwachsensein ist doch so viel mehr als das. Es bedeutet, Dinge zu erkennen, die einem selber schaden und den Mut zu haben, diese Dinge zu unterlassen – auch wenn man damit (scheinbar) gegen den Strom schwimmt. Und es ist überhaupt keine Schande, sich von echten Freunden ermutigen zu lassen – nicht zu einem gemeinsamen Bordellbesuch oder Porno-Abend, sondern zu dem, was viel schwieriger ist: standhaft „nein“ zu sagen angesichts diverser Verlockungen.

In unserem Land, das der Puff Europas geworden ist, und in dem unglaubliche Zugriffszahlen auf pornografische Inhalte belegt sind, wird es Zeit, gegen den Strom zu schwimmen! Als Frau ist es relativ leicht, sich bei diesen Themen zu positionieren, aber wirklich schwer, etwas zu bewirken. Wer ein kleines, aber unübersehbares Zeichen setzen möchte, dem kann ich nur empfehlen am „Walk for Freedom“ teilzunehmen. Eine Stunde „in ihren Schuhen“ kann die eigene Sicht auf die Dinge für immer verändern – und macht öffentlich wirklich Eindruck.

Männer könnten so viel mehr tun – wenn sie nur wollten. Es fängt damit an, dass sie aufhören könnten „sexuelle Dienstleistungen“ in Anspruch zu nehmen. (Okay, ich weiß, es hat ja eh keiner von Euch nötig „dafür“ zu bezahlen, aber sagt es doch bitte auch Euren Kumpels weiter…). Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist bei Pornos nichts anders als im Privatfernsehen allgemein: wenn die Quoten nicht stimmen, wird abgesetzt. Es liegt also in Eurer Hand! Wer konsumiert ist Teil des Problems, egal, welcher Lüge er glaubt.

Jeder Mensch möchte doch mit Achtung und Respekt behandelt und geliebt werden. Und auf dieser Basis ist auch der Sex am schönsten – wer das noch nicht wusste, sollte es vielleicht einfach mal ausprobieren. (Aber das ist eine Mutprobe, die vielen vielleicht doch etwas zu weit geht, oder?).

Und kommen wir mal zurück aufs Erwachsensein. Vielleicht haben wir in unserer Jugend etwas Falsches gelernt. Von unseren Eltern oder den falschen Freunden. Das mag sein. Aber wenn wir älter werden, dann kommen wir in die Lage, genau das zu erkennen. Und wie Anderson gesagt hat: „wir müssen uns selber (…) beibringen“ was erfüllte Sexualität ist, sollten wir auf Abwegen sein. Das kann kein Anderer für uns machen. Du machst mit dem besten Entwöhnungsprogramm niemanden zum Nichtraucher, der das nicht selber will. Genauso ist es hier: Wer wieder clean sein will, wer sich zurückbesinnen möchte, auf das, wovon er früher überzeugt war, wer seine eigenen Träume und Ideale zurück erobern möchte, der muss das selber tun. Sein eigenes Herz zu schützen ist eine der wichtigsten und auch der schwierigsten Aufgaben. Aber hierin liegt die wahre Selbstverwirklichung.

 

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Lesenswerte Bücher,Menschenhandel | Keine Kommentare

Die Meinungsfreiheit und ihr Preis

Harald Stollmeier am 13. März 2016

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Der Preis, den wir für unsere eigene Meinungsfreiheit zahlen, besteht darin, dass wir die Meinungen der Anderen ertragen müssen – und die bisweilen heftigen Reaktionen auf unsere eigenen Aussagen: Anfeindungen, Shitstorms, Vertragsauflösungen. Normalerweise sind diese Reaktionen nämlich von den Rechten der handelnden Personen gedeckt, auch wenn sie in der Sache falsch oder zumindest unverhältnismäßig sind. Wer öffentlich Stellung nimmt, muss wissen, dass er Contra bekommen kann.

Ein Sonderfall sind Anfeindungen, die sich gar nicht auf die gemachten Aussagen selbst beziehen, sondern auf ihre Umgebung, auf den Anlass, den Ort oder das Medium, insbesondere dann, wenn Aussagen und Umgebung nicht inhaltlich deckungsgleich sind. Wie geht man damit um?

Ein Beispiel ist der katholischen Philosoph und Blogger Josef Bordat, der die Links zu seinen (durchweg grundgesetzkonformen) Blogbeiträgen unter anderem auch in dem umstrittenen Portal gloria tv publiziert. Schon seit Jahren weigert sich deshalb das seinerseits auch nicht unumstrittene Portal kath net, Beiträge von ihm zu veröffentlichen. Bordat, einer der meistgelesenen katholischen Blogger, sieht zudem schwere Defizite in der Debattenkultur von gloria tv. “Aber jedes Mal, wenn ich dort aussteigen will”, berichtet er, “schreibt mir irgendjemand und droht mir, mich umzubringen, wenn ich da nicht sofort aussteige. Und deshalb muss ich natürlich drin bleiben. Schon aus Prinzip.” Darüber hinaus sieht er in der Publikation in “feindlichen” Medien eine Missionsmöglichkeit und hält sich deshalb diese Option ausdrücklich offen.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume schreibt jahrelang in dem libertären Magazin eigentümlich frei. Er hält es lange aus, dass er damit einem gewissen Generalverdacht unterliegt; er weiß ja, dass er “unschuldig” ist; Beschimpfungen zum Beispiel als “Muslimfreund” und “von den USA bezahlt” bestätigen ihm, dass er im Blatt nicht auf dem rechten Flügel steht. Aber im Dezember 2015 ist für ihn das Maß voll: Eskalierende Beschimpfungen der immerhin demokratisch gewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Berufung von Thilo Sarrazin zum Kolumnisten sind für ihn der Anlass, sich öffentlich von eigentümlich frei loszusagen. Für so etwas wolle er nicht werben.

Die finnische Schriftstellerin Beile Ratut (u. a. Das schwarze Buch der Gier) schreibt regelmäßig Essays für Die Tagespost. Im Sommer 2015 wirbt sie in einem zweiteiligen Interview mit dem Magazin Blaue Narzisse für die Ehe und ihre Unauflöslichkeit. Das Echo ist unerwartet. “Die Kritik war überraschend und auch schmerzlich, bis hin zum Abbruch von Kontakten”, sagt Beile Ratut, “aber dabei ging es nie um das, was ich geschrieben, sondern ausschließlich darum, dass ich in diesem Magazin publiziert hatte.” Die Schriftstellerin hatte die Problematik des Publikationsortes völlig unterschätzt. “Was ich geschrieben habe, entsprach meiner Überzeugung. Ich hielt es nicht für nötig, zu prüfen, ob das auch für alles andere gilt, was in diesem Magazin steht. Es schien mir auch vielversprechend, meine Gedanken in einem Medium zu formulieren, dessen Publikum wahrscheinlich ganz andere Denkvoraussetzungen hat. Inzwischen kann ich reinen Gewissens sagen: Manchem stimme ich zu, vielem nicht, aber besonders die Art und Weise, wie in der Blauen Narzisse über Politik diskutiert wird, halte ich für schädlich. Ich trete für das Recht der Autoren ein, diese Dinge zu schreiben. Aber ich möchte nicht für einen Fan dieses Argumentationsstils gehalten werden. Dieses Missverständnis kann ich nur verhindern, indem ich dort nicht mehr publiziere.”

Wo stehe ich selbst? Wenn ich Menschen politisch einordne, konzentriere ich mich auf ihre eigenen Aussagen; eine Einordnung aufgrund des Umfeldes allein wäre  bestenfalls vorläufig. Und wenn ich eines Tages in Ungnade falle, dann soll es wegen meiner eigenen Überzeugungen sein. Ich schließe für mich nicht aus, in einem Magazin zu publizieren, dessen Linie der meinen zuwiderläuft, wenn ich, wie es Josef Bordat erhofft, dort für meine eigene Haltung werben kann. Trotzdem müssen mir zwei Gefahren bewusst sein. Die eine könnte Beile Ratuts Problem werden: beim Versuch, für die Ehe zu werben, wo es nur geht, von der Blattlinie “kontaminiert” zu werden. Kann ich diese Skylla umrunden, droht mir die Charybdis, die Michael Blume vermied: zum Feigenblatt für ein Magazin zu werden, mit dem man in der Sache über Kreuz liegt.

Als Autor muss ich berücksichtigen, dass viele Leser “vorsortieren” – ich will ja richtig verstanden werden; als Leser aber kann und will ich dieses Vorsortieren bewusst beschränken und grundsätzlich jeden Autoren als Individuum wahrnehmen und seine Argumente für sich zur Kenntnis nehmen und prüfen. Natürlich ist das Medium eine Orientierungshilfe und manchmal eine Warnung. Aber auch der “Feind” kann einmal recht haben; auch vom “Feind” kann ich einmal lernen.

 

 

 

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Politik | Keine Kommentare

Das Gute im Feind

Harald Stollmeier am 29. November 2015

Feindschaft ist etwas aus der Mode gekommen. Wir reden nicht mehr gern darüber, vermeiden den Begriff, beinahe verschämt, sprechen, wenn nötig, von Gegnern, Kontrahenten, Partnern gar. Ob wir unsere Gegner besser behandeln als früher unsere Feinde, das ist eine andere Frage; vielleicht sogar schlechter, weil ihnen ja keine Feindesliebe mehr zusteht.

Feindesliebe: Gibt es ein missverstandeneres Konzept? Je romantischer, je gefühlsbetonter unser Liebesbegriff wurde, desto schwieriger war eine Liebe zu fassen, die unseren Gefühlen entgegen handelt.

Lassen Sie uns für ein paar Minuten annehmen, unsere Gegner wären Feinde, und wir wären richtig sauer auf sie. Vielleicht haben sie uns Unrecht getan, ja, ganz sicher haben sie das. Sie haben uns öffentlich bloßgestellt, offene Worte, die wir im kleinen Kreise sprachen, in die Zeitung gebracht, unsere Motive falsch dargestellt. Manche haben uns öffentlich den rechten Glauben oder die demokratische Gesinnung abgesprochen, andere haben uns beim Arbeitgeber angeschwärzt. Sie haben einiges auf dem Kerbholz, unsere Feinde.

Wenn wir sie nun im Fadenkreuz haben, metaphorisch natürlich, dann können wir zeigen, was wirklich in uns steckt. Schießen wir mit Vollmantelgeschossen, Teilmantelgeschossen oder gar Giftpfeilen? Wollen wir sie besiegen, oder kann uns am Ende nur ihre Vernichtung, ja die völlige Auslöschung auch der geringsten Erinnerung an sie, wahren Frieden verschaffen?

Nehmen wir einmal an, so ein Feind täte ausnahmsweise einmal etwas, das wir grundsätzlich lobenswert finden, die Bundeskanzlerin gegen Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik verteidigen zum Beispiel, oder den russischen Präsidenten kritisieren, im Dissens mit vielen seiner Freunde. Oder öffentlich scharfe Kritik an einem Theaterstück üben, in dem wir als Zombies dargestellt werden, die man ins Gesicht schießen muss. Oder, wie ein Feind, der schon lange tot ist, Edgar Jung, nach schweren Irrtümern und Mitschuld an der Machtergreifung öffentlich gegen Hitler auftreten und dafür mit dem Leben bezahlen.

Dann können wir natürlich sagen: “Der tut nur so. Das zählt doch nicht.” Wir könnten aber auch sagen: “Donnerwetter! Ganz so schlimm, wie ich dachte, ist er wohl doch nicht. Ob er doch noch zu retten ist?”

Gar nicht genug warnen kann man vor einer dritten Reaktion: Enttäuschung, dass der Feind nicht gar so verdorben ist, wie wir geglaubt hatten. Eine solche Enttäuschung ist schon schlimm genug, wenn sie rein diesseitig begründet ist, in dem Wunsch, gegen einen böseren Feind auch gründlicher, vernichtender vorgehen zu können. Denn selbst im günstigsten Fall wird ein solches Vorgehen Opfer kosten, unschuldige vor allem. Gilt unsere Enttäuschung aber der Hoffung, der Feind möge dereinst in der tiefsten Hölle schmoren, dann ist zumindest eines garantiert: Der Feind wird dort Gesellschaft haben.

Zurück ins Diesseits: Auch wer weder an Gott noch an ein Jenseits glaubt, sollte die Idee der Feindesliebe ernst nehmen. Und sei es nur um seiner Freunde willen. Denn was wir sogar für unsere Feinde tun, das wird den Freunden dann im Überfluss zuteil; wir haben es ja geübt.

Der Feind ist ein richtig übler Typ. Er tut Böses, und er hegt böse Gedanken. Wir haben das Recht, ihm Böses mit Bösem zu vergelten. Wenn wir das einmal nicht tun, wenn wir ihm stattdessen aufrichtig Gutes wünschen, dann durchbrechen wir die Logik des Bösen. Wir bringen das in die Welt, was eine gewöhnliche Geschichte in eine ungewöhnliche verwandelt: das Unerwartete.

Osterkerze

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Glaube | Religion,Politik | Keine Kommentare

Erst Demaskierung, dann Therapie

Harald Stollmeier am 24. August 2015

Buchbesprechung: Liane Bednarz, Christoph Giesa, Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte, 221 Seiten, Hanser Verlag, 17,90 Euro

Liane Bednarz und Christoph Giesa haben bereits im Februar 2014 in einem gut recherchierten E-Book nachgewiesen, dass die AfD ein rechtspopulistisches Problem hatte – lange vor dem Essener Parteitag, bei dem die neue Führung den abgewählten Vorsitzenden Lucke aus dem Saal werfen ließ. In ihrem neuen Buch Gefährliche Bürger warnen die beiden eindringlich vor dem Vordringen „neurechten“ Gedankenguts in die bürgerliche Mitte.

Dabei geht es nicht um kahlköpfige Neonazis in Springerstiefeln. Es geht auch nicht um den altlinken (und sehr bequemen) Vorwurf, die ganze CDU/CSU bestehe im Grunde aus verkappten Nazis. Vielmehr geht es um eine Strömung, deren Vertreter in der Tradition der „Konservativen Revolution“ der 20er Jahre um Arthur Moeller van den Bruck und Edgar Julius Jung die Bundesrepublik Deutschland für einen schlechten Sachwalter des „Volkswohls“ halten. Sie kämpfen gegen Überfremdung, Sittenverfall und den Untergang des Abendlandes. Über Bord gehen dabei die Universalität der Menschenrechte, die Achtung von Minderheiten und die Empathie für Schwache.

Die Protagonisten dieser „neuen Rechten“ sind für Bednarz und Giesa Bestsellerautoren wie Thilo Sarrazin und Akif Pirincci, Politiker wie Alexander Gauland und Björn Höcke (beide AfD) und Intellektuelle wie André F. Lichtschlag (eigentümlich frei), Felix Menzel (Blaue Narzisse) und vor allem Götz Kubitschek, der Inhaber des Antaios-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift Sezession. In ihrem Fahrwasser tummeln sich zahlreiche Verschwörungstheoretiker (z. B. „Reichsbürger“) und Untergangspropheten, von denen nicht wenige beim Kopp-Verlag oder in Medien wie Russia Today veröffentlichen, an deren Unabhängigkeit nur Menschen glauben können, denen das Wort „Lügenpresse“ gewohnheitsmäßig über die Lippen geht. Eine eigene Würdigung verdient sich der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige IS-Versteher Jürgen Todenhöfer.

Gefährlich im Sinne des Buchtitels werden all diese Menschen durch ihre seit PEGIDA offenkundige zunehmend tragfähige Vernetzung – und durch die wachsende Salonfähigkeit vieler ihrer Thesen. Am deutlichsten wurde das für die Autoren anlässlich der Kölner Domlichtabschaltung wegen eines PEGIDA-Umzugs, der Warnung des Bamberger Erzbischofs Schick vor PEGIDA und der Ablehnung einer Anzeige des Hilfswerks Kirche in Not durch die Chefredakteurin von Christ und Welt wegen des Ausdrucks „Meinungsdiktatur.“ In allen drei Fällen erreichte die Protagonisten eine Welle von Beschwerden von Menschen, die sich selbst als katholisch bzw. christlich verstanden, oft aber durch ihre Wortwahl („linke Abfickhure“) eine erschreckende Maßlosigkeit offenbarten.

Deutliche Kritik üben Bednarz und Giesa an „rechten Christen“ und vor allem an christlichen, meist katholischen Publizisten und Journalisten, die zum Beispiel PEGIDA verteidigt haben oder durch öffentliche Kooperation mit neurechten Protagonisten dazu beitragen, diese salonfähig zu machen. Als Hauptsünder machen sie dabei Cicero-Feuilletonchef Alexander Kissler aus, benennen aber zahlreiche weitere, teils wegen eigener Aussagen, teils wegen Publikationen in neurechten Medien.

Nicht alle solcherart Geehrten werden ihre Benennung gerecht finden, und man kann zumindest die Frage stellen, ob Birgit Kelle (konkreter Vorwurf: Interview in Kubitscheks Sezession im Jahr 2013) wirklich beispielhaft ist für die von den Autoren diagnostizierte Rechtsdrift im christlichen Milieu. Dabei trifft der Vorwurf zu, dass in konservativ-christlichen Kreisen allzu oft Verbündete akzeptiert werden, die ihre eigene Agenda haben, ob das nun Götz Kubitschek ist oder Vladimir Putin. Zurückweisen sollte man diese Verbündeten, ihre Ziele und ihre Methoden aber präzise deshalb, weil es unchristlich ist, die Universalität der Menschenrechte preiszugeben. Die Wertung der Autoren „Da fand in den letzten Jahren zusammen, was zusammengehört“ (S. 134) ist deshalb unverständlich.

Umso wichtiger ist die Wendung am Ende des Buches, wo die Autoren „die Herzen zurückgewinnen“ (S. 205 ff.) wollen und sich abgrenzen von der bei „klar linke(n) Milieus“ und „stark überzogenen Aktionen der Antifa“ anzutreffenden Methode, Konservative als Faschisten anzuschwärzen. Mit einer Ehrenerklärung für Menschen, die mehr Familienförderung wünschen, gegen Abtreibung sind oder auf die Problematik von Parallelgesellschaften hinweisen, bekennen sie sich zu klarer Differenzierung, zum Dialog und zu einem sparsamen Umgang mit der „Nazi-Keule“: „Vielleicht öffnet die verbale Abrüstung bei dem einen oder anderen ja die Tür, die verschlossen bliebe, wenn er sich als Nazi beleidigt sähe.“ Für den Dialog gilt dann aber Deutlichkeit: Auf der letzten Seite dieses klugen Kapitels fordern die Autoren „mehr Mut zur Meinung“ und „mehr Rückgrat.“

Gefährliche Bürger von Liane Bednarz und Christoph Giesa ist ein ebenso lesenswertes wie lesbares Buch. Es ist ein nützlicher Beitrag zu einer notwendigen Debatte, und man ist neugierig, wie sie weitergeht.

Abgelegt unter Gerechtigkeit,Lesenswerte Bücher | Keine Kommentare

Wer A sagt…

Caroline Stollmeier am 26. Juni 2015

Ich habe schon länger den Verdacht, dass viele Menschenrechts- und Kinderrhilfsorganisationen eine Art Mindestalter für ihre Hilfe definieren: die Geburt. Um es ein bisschen genauer zu wissen, habe ich einige der großen Organisationen angeschrieben und – leider! – fast ausschließlich die erwarteten Antworten erhalten. Praktisch keine der Organisationen sieht es als ihre Aufgabe an, Schwangerschaftsabbrüche, die eine eklatante Verletzung des “Rechts auf Leben” und deshalb eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern weltweit sind, zu verhindern. Im Gegenteil: Unter dem Stichwort “Müttergesundheit” kämpfen einige der Organisationen geradezu FÜR Abtreibungen.

Das Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlicht, dass “täglich 17.000 Kinder sterben, bevor sie ihren fünften Geburtstag feiern können” und ruft in diesem Zusammenhang dazu auf: “Helfen Sie mit, Kinderleben zu retten!”

Nach Rückfrage bestätigt Rudi Tarneden, Abteilungsleiter Presse aus dem Bereich Kommunikation und Kinderrechte, dass von Abtreibung betroffene Kinder nicht mitgezählt wurden: “Bei den Zahlen zur Kindersterblichkeit handelt es sich um bestmögliche Schätzungen auf der Basis repräsentativer Haushaltsbefragungen und der Auswertung nationaler Statistiken. Fehlgeburten sind darin enthalten.”

“Das Überleben, die Entwicklung und der Schutz von Kindern sind die Kernaufgaben von UNICEF weltweit. In praktisch allen Entwicklungsländern und Krisengebieten führt UNICEF Programme durch, um die Überlebenschancen der ärmsten Kinder zu verbessern – zum Beispiel durch eine bessere Gesundheitsversorgung, bessere Hygiene, Impfprogramme und die Förderung des Stillens.

Die Arbeit beginnt aber schon vor der Geburt der Kinder. UNICEF leistet zum Beispiel Aufklärungsarbeit in Familien, damit diese ihre Töchter nicht früh verheiraten. Weiter werden in vielen Ländern nach dem Train the Trainer Prinzip Hebammen ausgebildet um die Betreuung von werdenden Müttern in der Schwangerschaft und bei der Geburt zu verbessern”, so Herr Tarneden. UNICEF tut zweifellos viele wichtige Dinge, um Kinder zu schützen und zu retten. Aber auch hier fällt auf, was nicht genannt wird: eine klare Positionierung für die Vermeidung von Abtreibungen und somit das Einstehen auch für ungeborene Kinder.

Cornelia Dernbach aus dem Pressereferat von terre des homes / Hilfe für Kinder in Not schreibt mir schlicht: “Die Frage der Rechte von ungeborenen Kindern gehört nicht in unser Betätigungsfeld, d.h. wir können keine Auskunft dazu geben.” Schade. Denn ich würde sagen, Kinder, deren Mütter aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage sind ihnen den Schritt ins Leben zu ermöglichen, sind in Not und könnten Hilfe dringend gebrauchen.

Katharina Hopp vom Spenderservice des Save the Children Deutschland e.V. hingegen erläutert: “Das Thema Kinderrechte ist sehr komplex. Für Save the Children besteht zum Beispiel ein starker Zusammenhang zwischen den Überlebenschancen eines Kindes und der Müttergesundheit. Das heißt, wenn wir die Gesundheitssysteme und Angebote für werdende Mütter erweitern, dann steigen auch die Chancen für ungeborene Kinder lebend und gesund auf die Welt zu kommen. Save the Children setzt sich also weltweit dafür ein, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken.” Bei diesem Ansatz gefällt mir besonders gut, dass das Wohl von Mutter UND Kind im Fokus ist, auch wenn mir der Schwerpunkt klar auf der Vermeidung von Früh- und Fehlgeburten zu liegen scheint.

Sara Fremberg, Pressereferentin von AMNESTY INTERNATIONAL, schreibt mir: “Als Menschenrechtsorganisation orientieren wir uns an internationalen Menschenrechtsabkommen bzw. den Aussagen entsprechender Gremien. UN-Gremien betonen, dass der Schutz des Fötus am besten durch die Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens schwangerer Frauen und Mädchen gewährleistet werden kann – etwa durch Programme zu einer umfassenden medizinischen Versorgung oder ausreichenden Ernährung von Schwangeren.

Internationale Menschenrechtsgremien haben festgestellt, dass rechtliche oder praktische Einschränkungen beim Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gegen die Verpflichtung von Regierungen verstoßen, die Menschenrechte von Frauen und Mädchen zu schützen. So hat beispielsweise der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (Committee to Eliminate Discrimination against Women, CEDAW) im Fall eines selbstmordgefährdeten jungen Mädchens, dem ein Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung verweigert wurde, empfohlen, dass die Regierung Maßnahmen ergreifen muss, um den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen bei Vergewaltigung und Inzest zu gewährleiste. Amnesty hat in den vergangenen Jahren unter anderem Berichte zu derartigen Missständen in El Salvador und Irland veröffentlicht.”

Hierbei finde ich vor allem interessant, was in Frau Frembergs Antwort NICHT steht. Dazu passt auch die nach weiteren Recherchen schnell gefundene “globale Kampagne ‘My Body, My Rights'”, im Zuge derer sich “Amnesty für den Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen, gegen diskriminierende Gesetze und für das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper” einsetzt. Sprich: freie Abtreibungen für alle! (Nicht nur für die genannten besonders tragischen Fälle.) Kein Wort über die Rechte ungeborener Kinder…

Einige Rückmeldungen von Hilfsorganisationen stehen immer noch aus. Nichtsdesdotrotz habe ich versucht herauszufinden, was von Seiten der verschiedenen Menschen- und Kinderrechtsorganisationen gezielt zur Unterstützung von ungewollt Schwangeren (und damit ihrer Kinder) unternommen wird. Kein besonders fruchtbares Unterfangen … Wem solche Hilfsangebote bekannt sind, der kann sie gerne als Kommentar unten posten. Ich bin dankbar für solche Hinweise!

Viele Organisationen schließen sich der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen an, durch die Kinderrechte als unverrückbare Menschenrechte in der ganzen Welt verankert werden sollen. Manchmal wird davon ausgegangen, dass die Kinderrechtskonvention erst mit der Geburt des Kindes in Kraft tritt. Allerdings definiert das “Übereinkommen über die Rechte des Kindes” ein Kind lediglich als “jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, soweit die Volljährigkeit nach dem auf das Kind anzuwendenden Recht nicht früher eintritt.” Der Beginn des Kindseins wird nicht explizit erläutert. Allerdings heißt es in Artikel 2: “Die Vertragsstaaten achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind ohne jede Diskriminierung unabhängig von (…) der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes(…).” Man sollte doch meinen, das bedeutet, dass ein Kind nicht diskriminiert werden darf, nur weil es noch nicht geboren wurde, oder?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Jede Organisation hat selbstverständlich das Recht ihr Betätigungsfeld selbst zu definieren und einzugrenzen. Weder eine Organisation noch eine Privatperson rettet die Welt alleine. Und JEDES Bemühen darum Müttern und Kindern wirksam zu helfen ist ehrenwert. Natürlich. Aber wenn es um grundsätzliche Zusammenhänge geht, dann gilt: Wer A sagt, der muss auch A sagen! Ein Mindestalter für Kinderrechte darf es nicht geben!

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein,Gerechtigkeit | Ein Kommentar

Missbrauch: Eine Chance für die Grünen

Harald Stollmeier am 22. Mai 2015

Die Alternative Liste in Berlin hat einen Bericht zu ihrer pädophilen Vergangenheit vorgestellt. Der Inhalt (geschätzte 1.000 Opfer) ist besorgniserregend und wird vermutlich auch der grünen Bundespartei noch zu schaffen machen. Und das ist gut so. Nicht weil das die Grünen zerstören kann. Sondern weil es sie retten kann.

Die Grünen sind ihrer Natur nach eine moralische Bewegung. Viele persönlich anständige Menschen machen dort mit, weil sie zu einer gerechteren, humaneren und friedlicheren Welt beitragen wollen. Diese Menschen bekommen jetzt schwarz auf weiß, dass sie Böses gedeckt haben und dass es nicht um Einzelfälle geht, sondern um ein Netzwerk der Begünstigung und Vertuschung des Missbrauchs von Kindern. Als Partei waren und sind die Grünen auf dem pädophilen Auge blind.

Dafür gibt es Erklärungen, die mit der Herkunft der Grünen aus der 68er-Revolte zu tun haben und mit einem sexualmoralischen Kompass, der sich antagonistisch an der Lehre der katholischen Kirche orientierte: Was die Kirche auf diesem Gebiete ablehnte, das konnte in den Augen der frühen Grünen nicht schlecht sein. Aber wer heute noch als Grüner die Augen davor verschließt, was die Folgen dieser Haltung waren, ja sind, der macht sich spätestens ab heute schuldig.

Die Grünen haben jetzt die Chance, mit ihrer pädophilen Vergangenheit zu brechen. Dazu gehört erstens, diese Vergangenheit anzuerkennen; das ist ein Prozess, der bereits begonnen hat. Zu diesem Prozess gehört vor allem die schmerzliche Erkenntnis, dass die pädophilen Netzwerke bei den Grünen ideologisch begünstigt wurden. Der zweite Schritt sollte in der raschen Verabschiedung von führenden Parteifreunden in den Ruhestand bestehen, die eine persönliche pädophile Vergangenheit aufzuarbeiten haben; eine Partei, die Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck ehrt (um nur die exponiertesten zu nennen), kann nicht glaubwürdig für Menschenwürde und Menschenrechte eintreten – und schon gar nicht glaubwürdig mit dem Finger auf andere Sünder zeigen. Dabei kommt es übrigens nicht darauf an, ob Cohn-Bendit (hoffentlich nicht) oder Beck (ziemlich sicher nicht) persönlich Kinder missbraucht haben – ihre Schuld besteht in der nachweislichen öffentlichen Verharmlosung von und Ermutigung zu Kindesmissbrauch.

Schließlich sollten die Grünen, besonders die Grünen in Regierungsverantwortung, ihre pädagogischen Konzepte im Lichte der offenbar werdenden pädophilen Verstrickung überprüfen. Die grünen, grün-roten und rot-grünen Bildungspläne, in denen Grundschulkinder den übergriffigen Konzepten von Kentler, Tuider & Co. ausgesetzt werden, sind wahrscheinlich nicht an sich Ausdruck pädophiler Bestrebungen. Aber das beinahe vollständige Unverständnis grüner Politiker für die Eltern, die ihre Kinder vor diesen Konzepten schützen wollen, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Folge der pädophilen Verstrickung; mindestens hat es dieselbe Wurzel wie diese.

Diese drei Schritte sollten die Krise überwinden und den Grünen sowohl die Achtung des politischen Gegners (wichtig)  als auch ihre Selbstachtung (wichtiger) zurückgeben: Anerkennung der pädophilen Erbsünde, Pensionierung persönlich verstrickter Parteifreunde, Überarbeitung der kritisierten Bildungspläne. Das ist nicht leicht. Aber es ist die Mühe wert.

Muss man eigens erwähnen, dass katholischen Christen NICHT zu empfehlen ist, jetzt mit schadenfroh ausgestrecktem Zeigefinger auf die Grünen zu zeigen? Die Sünden von Grünen heben ja die Sünden von Katholiken nicht auf. Wenn Katholiken in dieser Sache etwas zu Grünen zu sagen haben, dann könnte es der Hinweis auf Lukas 15,7 sein: Im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte.

Abgelegt unter Gerechtigkeit,Politik | Keine Kommentare

Der Schatz der Gnade – Gedanken zur Familiensynode

Harald Stollmeier am 19. Mai 2015

(ursprünglich erschienen als Gastbeitrag bei PAPSTTREUERBLOG)

Im Vorfeld der Familiensynode sprechen in Deutschland viele Menschen von einem Paradigmenwechsel. Konkrete Forderungen nach Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare und nach Sakramentenzulassung für wiederverheiratete Geschiedene und noch manches andere liegen auf dem Tisch, begründet zumeist mit der Lebenswirklichkeit der Menschen, denen die Lehre unserer Kirche, wie sie im Katechismus steht, nicht mehr plausibel erscheint. Je öfter ich diese Berufung auf die Lebenswirklichkeit lese, desto öfter sehe ich eine Schüssel vor mir, in der ein abgetrennter Kopf liegt. Wenn Johannes der Täufer mit seinem konservativen Eheverständnis die Lebenswirklichkeit für ein theologisches Argument gehalten hätte, wer weiß, vielleicht wäre er erst Jahrzehnte später gestorben, und mit Kopf dran.

Ich habe tiefes Mitgefühl mit Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe mit ihrer neuen Liebe christlich leben wollen, und beinahe noch tieferes mit Christen, die nur Menschen des gleichen Geschlechts lieben können. Ich bin deshalb zutiefst einverstanden mit der Suche nach Lösungen für sie, nach Wegen, sie in der Gemeinschaft der Kirche zu halten und in der Liebe Gottes.

Aber diese Wege müssen biblisch begründet sein. Wenn man die Autorität für einen Segen nicht aus der Bibel hat, welchen Wert hat dann der Segen? Wir sind Erben der göttlichen Gnade, eines kostbaren Schatzes, und vielleicht ist noch ein Teil davon auszugraben. Aber lasst uns das mit dem Pinsel des Archäologen tun und nicht mit der Brechstange des Grabräubers. Heiliger Johannes der Täufer, bitte für uns!

Abgelegt unter Gerechtigkeit,Glaube | Religion | Keine Kommentare

Was konservative Christen von Harry Potter lernen können

Harald Stollmeier am 6. Mai 2015

„Man braucht viel Mut, um sich seinen Feinden entgegenzustellen. Aber man braucht noch mehr Mut, um sich seinen Freunden entgegenzustellen.“ Mit diesen Worten ehrt Hogwarts-Zauberschuldirektor Albus Dumbledore am Ende des Romans Harry Potter und der Stein der Weisen den notorisch ungeschickten Schüler Neville Longbottom. Neville entpuppt sich im Laufe der Jahre als begabter Schüler, und als am Ende des letzten Bandes Voldemort nach dem vermeintlichen Tod Harry Potters seinen Sieg feiert, ist es Neville, der sich ihm öffentlich entgegenstellt.

Wenn die Harry-Potter-Romane von uns konservativen Katholiken bzw. Christen handelten, dann würde diese Ehrung durch Direktor Dumbledore dem katholischen Publizisten Andreas Püttmann zuteil. Er stellt sich seit dem Streit um Bischof Tebartz-van Elst regelmäßig seinen Freunden in den Weg. Die Freunde sind nicht amüsiert; einige halten Püttmann schlicht für einen Verräter und würden ihn gerne, wie Hermione Granger ihren Mitschüler Neville, mit einem „Petrificus totalus!“ für längere Zeit ruhigstellen.

Christen sind Menschen, die sich zum Glauben an Jesus Christus, seine Gottessohnschaft und seine Auferstehung bekennen. Konservative Christen unterscheiden sich von liberalen Christen vor allem darin, dass sie den Text der Bibel für maßgeblich halten und von Fundamentalisten durch die Erkenntnis, dass es so etwas wie eine „wörtliche Bedeutung“ gar nicht gibt. Von einer anderen als der herkömmlichen Auslegung einer Bibelstelle muss man konservative Christen mühsam überzeugen. Konservative Katholiken billigen darüber hinaus dem kirchlichen Lehramt, vor allem aber dem Papst die Autorität zu, in Zweifelsfällen zu entscheiden, auch wenn sie selbst nicht überzeugt sind.

Der von Andreas Püttmann (und Liane Bednarz) oft verwendete Ausdruck „Rechtskatholik“ meint konservative Katholiken (und wohl auch konservative Christen), die bestimmte vor allem familienbezogene christliche Werte für so bedroht halten, dass sie zu ihrer Verteidigung die Universalität der Menschenrechte preisgeben, zumindest aber die Diskriminierung von Minderheiten tolerieren. Das Phänomen ist real und in der Praxis entweder an unkritischer Nähe zu Personen oder Organisationen erkennbar, die ihrerseits die Menschenrechte relativieren bzw. Minderheitendiskriminierung praktizieren, oder, schlimmer, an eigenen Aussagen mit diesem Inhalt; Püttmann und Bednarz liefern Belege genug. Der Begriff „Rechtskatholik“ ist gleichwohl ärgerlich, weil er das Kind mit dem Bade ausschüttet – hauptsächlich wegen der damit vorgenommenen Abstempelung der Person.

Der Harry-Potter-Zyklus handelt im Kern von Ethik. Schon der erste Roman ist ein Plädoyer für das Naturrecht. Denn das Credo des Antagonisten Voldemort lautet: „Es gibt kein Gut und Böse – es gibt nur Macht.“

Im zentralen Konflikt am Ende, nach Voldemorts Machtergreifung, geht es um die Frage, ob alle Menschen gleich viel wert sind und folglich auch gleichberechtigt. Voldemort hält die Zauberer zur (Zwangs-) Herrschaft über die magisch unbegabten Muggel berufen, eine Haltung, die Dumbledore in seiner Jugend geteilt hat. Verschärfend hinzu kommt ein rassistisches Element: Muggel ist für Voldemort nur, wer Muggeleltern hat – nicht einmal die Begabung ist für ihn Schicksal, sondern ausschließlich das Blut.

Die politische Jugendsünde Dumbledores verdient aus unserer Perspektive eine nähere Betrachtung. Denn seine damalige Haltung, die Zauberer müssten die Herrschaft über die Muggel zu deren eigenem Wohl und um des Gemeinwohls („for the greater good“) willen übernehmen, hat ein Vorbild in der jüngeren deutschen Geschichte: Edgar Jung, Gegner der Demokratie und Anhänger einer „konservativen Revolution.“ Edgar Jung hatte (auch) gute Argumente und war alles andere als ein Nazi. Gleichwohl hat er sich schrecklich geirrt, als Nazi-Wegbereiter Schuld auf sich geladen und teuer dafür bezahlt. Seine letzte politische Handlung war die Marburger Rede, die er für den Vizekanzler Franz von Papen schrieb. Sie war eine Abrechnung mit und Distanzierung von der Politik der Nazis. Sie war ein offensives Eintreten nicht für die Demokratie, aber für den Rechtsstaat. Sie war mutig, sie war zu spät, und sie war sein Todesurteil.

Die „Guten“ im Harry-Potter-Zyklus kämpfen am Ende gegen die Unterdrückung der Muggel durch die Zauberer und für die Universalität der Menschenrechte. Es gibt keine Neutralität mehr: Zauberer mit aristokratischen Vorstellungen, die ähnlich wie der junge Dumbledore eine Herrschaft der Besten zum Wohle aller anstreben, müssen sich entweder Voldemorts Totalitarismus unterwerfen oder sich unter Einsatz ihres Lebens gegen ihn stellen.

Konservative Christen stehen heute vor einer ähnlichen Wahl: Dürfen wir zur Verteidigung christlicher Werte (und bedroht sind sie!) die Samthandschuhe gegenüber Gegnern wie der „Homolobby“ ausziehen und fallende Späne in Kauf nehmen, wenn Präsident Putin hobelt? Oder müssen wir erkennen, dass wir die Menschenrechte für Christen nur verteidigen können, indem wir die Menschenrechte für alle verteidigen? Das Schicksal Edgar Jungs könnte uns zeigen, dass der Anhänger des Rechts beim Bündnis mit dem Unrecht auf Dauer den Kürzeren zieht. Und das ist es, wovor Andreas Püttmann uns warnt. Es ist wahr, dass er die Berechtigung unserer Sorgen nicht genug würdigt. Aber seine Warnung sollten wir ernst nehmen; sie kommt trotz allem von einem Freund.

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Glaube | Religion,Lesenswerte Bücher,Politik | Keine Kommentare

Nächste Einträge »

Der Eisvogel