Archiv für die Kategorie 'Lesenswerte Bücher'

Horror mit feiner Feder

Harald Stollmeier am 2. Juni 2017

Buchbesprechung: Claudia Sperlich, Die Befreier, tredition 2017, 105 Seiten, 7,99.

Die Berlinerin Claudia Sperlich ist bislang vor allem mit Liedern und Gedichten in Erscheinung getreten, die Zeugnis von christlicher Auferstehungshoffnung ablegen. Mit ihrem neuen Kurzgeschichtenband Die Befreier beweist sie, dass sie das Zeug zu einer Horror-Autorin hat. Da gibt es zum Beispiel einen nicht näher bestimmten Rotary Club, wo man als Künstler nur unter größter Vorsicht auftreten sollte. Und das „Amt für Weiteres“, wo man ohne Lateinkenntnisse zum Teufel geht, das meidet man am besten ganz.

Dreizehn Geschichten reihen sich in Claudia Sperlichs neuem Büchlein scheinbar unschuldig aneinander und erinnern an Kafka („Das Amt“), Stanilaw Lem („Die Befreier“) und Edgar Allan Poe („Weihnachtsfeier mit Autorenlesung“). Alle Geschichten zeichnet eine aufmerksame Feinfühligkeit aus, verbunden mit dem Verzicht auf Verurteilungen. Um so kälter läuft es dem Leser den Rücken herunter, wenn ihm selber klar wird, womit er es zu tun hat, um so mehr, wenn der Sprecher sich nicht als böse versteht sondern als gut und beispielsweise aufrichtig hofft, dass man eines Tages keine behinderten Föten mehr entsorgen muss („Genetisch einwandfrei“).

Die Welt, in der Sperlichs Geschichten handeln, ist erkennbar unsere, leicht überzeichnet. Stellenweise nur sehr leicht: Wenn einer Arbeitslosen die Leistungen gestrichen werden, weil sie nicht als “Vollstreckerin” arbeiten will („Ein Job fürs Leben“), dann ist die Analogie zu Hebammen oder Ärzten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil sie nicht an Abtreibungen mitwirken wollen, nur deshalb nicht sofort offensichtlich, weil Deutschland keine Todesstrafe hat.

Das Büchlein lohnt sich, kostet nicht viel (im Paperback 7,99 Euro) und macht Appetit darauf, dass Claudia Sperlich einmal etwas richtig Langes schreibt.

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Sex und Selbstverwirklichung

Caroline Stollmeier am 8. Oktober 2016

Kürzlich habe ich ein bemerkenswertes Buch gelesen: „Pornographie – die größte Illusion der Welt“. Darin beschreibt Shelly Lubben autobiografisch wie sie zunächst zur Prostituierten und dann zur gefragten Porno-Darstellerin wurde. Nichts für schwache Nerven! Aber was das Buch auf jeden Fall lesenswert macht, ist die neue Perspektive, die sich eröffnet. Fragt sich der Ottonormal-Pornokonsument eigentlich jemals, wie es hinter den Kulissen aussieht? Das bezweifle ich einfach mal! Denn wer darüber nachdenkt, dem vergeht doch die Lust (es sei denn er ist vielleicht Sadist).

Lubben beschreibt eindrücklich und glaubhaft, wie es am Porno-Set von sexueller Nötigung, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch und Krankheiten nur so wimmelt.  Und dabei macht sich jeder, der sich Pornos ansieht, selber die Finger schmutzig in diesem dreckigen Geschäft. Egal, wie gut die Lust geschauspielert wird und was man sich selber beim Zuschauen vielleicht vormacht!

Kaum einer macht sich klar, welchen Schaden die eigene Sexualität nehmen kann, wenn man zu früh oder zu oft oder überhaupt Pornos angeschaut hat – egal ob Mann oder Frau. Und wie sehr wird das eigene (Sex-) Leben schon fremdbestimmt? Jeder, der behauptet, nicht porno-süchtig zu sein, obwohl er regelmäßig konsumiert, sollte einfach mal den Selbsttest machen: wie lange halte ich es ohne aus? Das könnte manch überraschende, wenn auch nicht durchweg angenehme Erkenntnis bereiten. Aber mal Hand aufs Herz: ist es wirklich das, was Ihr wollt – Sex im Kopf anstatt im Bett?!

Dazu passt auch gut, was kürzlich von der bekannten Schauspielerin Pamela Anderson zu lesen war: „Einfach ausgedrückt müssen wir uns selbst und unseren Kindern beibringen, dass Pornos etwas für Verlierer sind – eine langweilige, schmutzige Sackgasse für Menschen, die zu faul sind, sich auf den aussichtsreichen Weg hin zu einer gesunden Sexualität zu machen.“ Sehr deutlich sagt sie hier, was sie von Porno-Konsumenten hält. Gerade sie, die inzwischen wahrscheinlich ganze Generationen in ihre feuchten Träume begleitet hat. Das gefällt mir sehr. Und ich hoffe, dass Andersons Worte nachhallen, wenn mal wieder jemand begehrlich auf ihre Oberweite starrt.

Pornos sind nicht harmlos. Das spricht sich zum Glück langsam herum. Sie sind nicht harmlos für die Darstellerinnen und Darsteller. Und sie sind nicht harmlos für die Konsumenten. Außerdem beeinträchtigen sie auch Dritte, die auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben: Ehefrauen, die – zumindest in Gedanken – betrogen werden, Opfer von Verkehrsunfällen, die von abgelenkten LKW-Fahrern verursacht wurden, Partner von Schauspielerinnen, die sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben, Kinder, die nicht wirksam vor der Pornosammlung des Vaters geschützt wurden und von Anfang an mit einem verdrehten Männer- und Frauenbild aufwachsen…

Ein anderes Thema, aber artverwandt, ist die Prostitution. Auch hier: Gewalt, Drogen und Missbrauch an der Tagesordnung. Die Opfer wie so häufig: überwiegend Frauen. Und die „Täter“, die Männer: machen sich vor, dass es den Frauen auch noch gefällt! Jede Prostituierte, die ihren „Job“ so gut macht, dass der Freier ihren Widerwillen nicht bemerkt hat (oder nicht bemerken musste), trägt noch dazu bei, dass der Mythos von Freiwilligkeit lebendig bleibt.

Ich fand es sehr unschön, was sich da kürzlich in unserem Gesetzgebungsverfahren abgespielt hat. Und ich frage mich: was spricht dann eigentlich gegen ein Gesetz, das im Zweifelsfall den Freier bestraft und nicht die „Dienstleisterin“? Wenn alles tatsächlich so easy ist, wie immer gesagt wird, dann gibt es ja gar keinen Streit und die Männer haben nichts zu befürchten. Die Prostituierte, die ihren Herzensfreier (und die 13 anderen in dieser Nacht) mit Schmetterlingen im Bauch empfängt, wird ja wohl etwas Besseres zu tun haben, als ihn anzuzeigen, wenn er sich mal wieder mehr genommen hat, als vereinbart gewesen ist. Ja, ja, als Außenstehende kann man gut reden. Aber für mich passt da einiges nicht zusammen. Würde es wirklich um den Schutz und die Rechte der Frauen gehen, dann hätte man noch ganz andere Möglichkeiten, um sie stark zu machen…

Porno und Prostitution – zwei Bereiche, in denen Lob und Anerkennung bestimmt so manche Frau zu Dingen verlocken, zu denen sie normalerweise nie bereit gewesen wäre, wenn sie echte Chancen im Leben bekommen hätte. Stattdessen ist es irgendwem irgendwann gelungen den Frauen nicht nur zu sagen, dass sie „darin“ besonders gut wären, sondern auch, dass sie zu nichts anderem taugten. Es ist ein Teufelskreis – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich zurückdenke an die Gespräche meines Erwachsenwerdens, dann kann ich mich nicht daran erinnern, dass es je ein Mädchen gegeben hätte, das gerne Pornostar oder Prostituierte geworden wäre. Treue galt als Ideal, das nicht immer zu erreichen war. Enthaltsamkeit bis zur Ehe war kein Thema, Liebe schon. Und eine Partnerschaft war auf Dauer ausgelegt, nicht auf Egoismus. Ich glaube, daran hat sich nichts Wesentliches geändert. Aber an welcher Stelle im Leben kommt die Weiche, an der man sich entscheiden muss: halte ich fest an meinen Idealen, oder lasse ich mich auf Abwege bringen?

Es ist nicht erwachsen, sich irgendwann mal Pornos anzuschauen. Das ist doch gerade heutzutage überhaupt keine Herausforderung mehr! Echt Erwachsensein ist doch so viel mehr als das. Es bedeutet, Dinge zu erkennen, die einem selber schaden und den Mut zu haben, diese Dinge zu unterlassen – auch wenn man damit (scheinbar) gegen den Strom schwimmt. Und es ist überhaupt keine Schande, sich von echten Freunden ermutigen zu lassen – nicht zu einem gemeinsamen Bordellbesuch oder Porno-Abend, sondern zu dem, was viel schwieriger ist: standhaft „nein“ zu sagen angesichts diverser Verlockungen.

In unserem Land, das der Puff Europas geworden ist, und in dem unglaubliche Zugriffszahlen auf pornografische Inhalte belegt sind, wird es Zeit, gegen den Strom zu schwimmen! Als Frau ist es relativ leicht, sich bei diesen Themen zu positionieren, aber wirklich schwer, etwas zu bewirken. Wer ein kleines, aber unübersehbares Zeichen setzen möchte, dem kann ich nur empfehlen am „Walk for Freedom“ teilzunehmen. Eine Stunde „in ihren Schuhen“ kann die eigene Sicht auf die Dinge für immer verändern – und macht öffentlich wirklich Eindruck.

Männer könnten so viel mehr tun – wenn sie nur wollten. Es fängt damit an, dass sie aufhören könnten „sexuelle Dienstleistungen“ in Anspruch zu nehmen. (Okay, ich weiß, es hat ja eh keiner von Euch nötig „dafür“ zu bezahlen, aber sagt es doch bitte auch Euren Kumpels weiter…). Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist bei Pornos nichts anders als im Privatfernsehen allgemein: wenn die Quoten nicht stimmen, wird abgesetzt. Es liegt also in Eurer Hand! Wer konsumiert ist Teil des Problems, egal, welcher Lüge er glaubt.

Jeder Mensch möchte doch mit Achtung und Respekt behandelt und geliebt werden. Und auf dieser Basis ist auch der Sex am schönsten – wer das noch nicht wusste, sollte es vielleicht einfach mal ausprobieren. (Aber das ist eine Mutprobe, die vielen vielleicht doch etwas zu weit geht, oder?).

Und kommen wir mal zurück aufs Erwachsensein. Vielleicht haben wir in unserer Jugend etwas Falsches gelernt. Von unseren Eltern oder den falschen Freunden. Das mag sein. Aber wenn wir älter werden, dann kommen wir in die Lage, genau das zu erkennen. Und wie Anderson gesagt hat: „wir müssen uns selber (…) beibringen“ was erfüllte Sexualität ist, sollten wir auf Abwegen sein. Das kann kein Anderer für uns machen. Du machst mit dem besten Entwöhnungsprogramm niemanden zum Nichtraucher, der das nicht selber will. Genauso ist es hier: Wer wieder clean sein will, wer sich zurückbesinnen möchte, auf das, wovon er früher überzeugt war, wer seine eigenen Träume und Ideale zurück erobern möchte, der muss das selber tun. Sein eigenes Herz zu schützen ist eine der wichtigsten und auch der schwierigsten Aufgaben. Aber hierin liegt die wahre Selbstverwirklichung.

 

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Tiere: Vom Objekt zum Gegenüber

Harald Stollmeier am 19. Februar 2016

Buchbesprechung: Alexander Pschera, Das Internet der Tiere: Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur, Matthes & Seitz Berlin, 186 Seiten, 19,90 Euro

Der Naturschutz hat es geschafft, eine Landfläche von der Größe Südamerikas von menschlicher Nutzung und menschlichem Besuch abzuschirmen. Aber das Artensterben hält er nicht auf. Kein Wunder, sagt Alexander Pschera, Philosoph, Literaturwissenschaftler und Kommunikationsberater in München. In seinem Buch Das Internet der Tiere macht er plausibel, dass der Schutz der Natur vor dem Menschen die Natur für den Menschen irrelevant gemacht hat. Früher hatten die Menschen einen direkten Bezug zur Natur: Sie lebten in ihr, von ihr, mit ihr. Sie lebten mit Tieren zusammen, sie liebten, nutzten und töteten Tiere. Dann kamen Industrialisierung und Naturschutz, und wenn heute ein Kind Schmetterlinge fängt oder Käfer sammelt, ist es schon fast mit einem Bein im Gefängnis.

Aber das ist nicht das letzte Wort. Die informationstechnische Revolution, in der wir leben, hat nach den Menschen (Facebook etc.!) und den Dingen (intelligenter Kühlschrank!) inzwischen auch die Tiere erfasst. Immer mehr Tiere werden mit Sendern versehen, vom Weißhai bis zum Schmetterling, und hinterlassen digitale Spuren im Internet, denen immer mehr Menschen folgen. Die Umwälzung, die sich daraus ergibt, ist dramatisch. Denn solche besenderten Tiere bekommen eine unverwechselbare Individualität, ja eine Biographie. Sie sind nicht mehr Vertreter einer Art, sie sind Individuen, so wie der Waldrapp Shorty, mit dem Alexander Pschera selbst auf Facebook verbunden ist.

Wenn man sich vorrangig für die Vorteile dieser Entwicklung interessiert, und die sind unbestreitbar, dann kann man es sich auch leisten, den Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjektiven Biographie zu übergehen. Dieser Unterschied ist aber ethisch relevant, weil es für die Nutzung von Tieren, die ihre Tötung einschließen kann, durchaus von Bedeutung ist, ob sie subjektiv eine Biographie (ein Bewusstsein) haben. Und diese Art von Biographie kann auch das Internet nicht herstellen.

Pscheras Kernaussage aber ist überzeugend: Das Internet der Tiere schlägt milliardenfach Brücken über den Abgrund, den industrielle Revolution und Naturschutz aufgerissen haben, und stellt eine neue Beziehung zwischen Mensch und Natur her, eine Beziehung, auf deren Grundlage die Natur doch noch gerettet werden kann. Natürlich ist das in Wirklichkeit eine Veränderung allein im Bewusstsein der Menschen, von der die Tiere wenig spüren – aber den Nutzen haben auch sie, weil ihr Lebensraum von Menschen, die sie plötzlich schätzen und verstehen, wesentlich besser geschützt wird als von Menschen, für die sie nur tabu sind.

Pschera

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Liebe oder Spiegelung?

Harald Stollmeier am 15. Dezember 2015

Palmer

Buchbesprechung: Gesine Palmer, Der Tausch. Eine Elegie in Prosa, epubli, 256 Seiten, Eur 24,99

Wie sind Männer wirklich? Wie sind Frauen wirklich? Wenn Liebe zwischen ihnen so oft scheitert, ist sie dann überhaupt möglich? Gesine Palmer, die Ingeborg Bachmann und Paul Celan liebt, und Kafka mehr als alle anderen, lässt ihre Berliner Ich-Erzählerin an den Geliebten zurückdenken, der sie betrogen und verraten hat. Was in Wirklichkeit geschehen ist, erfährt der Leser nicht. Aber er versteht, was eigentlich geschehen ist.

Wer liebt, ist verwundbar. Wer lieben können will, muss sich erst verwundbar machen. Der Andere ist nur dann mehr als ein Spiegel, in dem wir uns selbst erblicken, wenn wir zulassen, dass er uns das Herz bricht.  Und wenn wir uns auf den Anderen einlassen, so dass unser Herz zerbrechlich wird, dann gibt es keine Garantie, dass der Andere das ebenfalls tut.

Aber wenn er es versucht und dann, plötzlich, Angst vor der eigenen Courage bekommt – und Angst vor uns, weil wir ja sein Herz brechen könnten, dann kann es passieren, dass er aus Angst Böses tut, Böseres als er ohne den Versuch getan hätte, sich zu entspiegeln und sein wahres Ich preiszugeben.

Gesinde Palmers „Der Tausch“ ist ein Intellektuellenroman, ein Künstlerroman. In der Welt ihrer Heldin ist das Plagiat das ultimative Verbrechen, in Verbindung mit Rufmord natürlich. Und wer jemals geistiges Eigentum geschaffen hat, der weiß, wie wahr das ist.

Ich persönlich habe Freude an Gesine Palmers Sprache, ihrem Sinn für Bilder (Spatz in der Hand contra Spatz auf dem Dach) und der Doppelbödigkeit, mit der sie Männer zu verstehen versucht, aber zugleich Frauen verstehbar macht.

 

 

 

 

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Eine Liebeserklärung – aber nicht an die DDR

Harald Stollmeier am 14. Oktober 2015

Buchbesprechung: Christian Döring, Bibel statt Parteibuch. Mein Leben als Christ in der DDR, Francke, 158 Seiten, 12,95 Euro

Das Interview-Erinnerungsbuch Bibel statt Parteibuch von Christian Döring (Interviewer: Christian Heinitz) belegt nicht nur, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, es macht auch begreiflich, wie das Unrecht im Alltag funktioniert hat. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer vorgelegt, ist dieses Buch dennoch keine Abrechnungsliteratur. Im Gegenteil: Es ist eine Liebeserklärung an die Heimat und an die vielen Menschen, die sie trotz allem lebenswert gemacht haben.

Allen voran sind das Christian Dörings Mutter (sein Vater starb früh) und ihre Eltern, dicht gefolgt von den übrigen bessarabiendeutschen (und christlichen!) Einwohnern des mecklenburgischen Dorfes Serrahn, das in der DDR lag, aber wegen des Zusammenhalts der Serrahner nicht DDR war. Sie vor allem gaben dem jungen Christian die Kraft, seinen christlichen Glauben trotz aller Widrigkeiten zu bewahren und schließlich nicht nur auf eine Beförderung, sondern sogar auf einen komfortablen und gut bezahlten Arbeitsplatz zu verzichten, um stattdessen in einem Heim für behinderte Jugendliche zu arbeiten.

Die Partei und ihre vielen Arme, allen voran die Stasi, taten viel, um die Menschen unter ihrer Herrschaft zu willfährigen Untertanen zu machen, vor allem durch systematische Ungerechtigkeit zulasten von Abweichlern (S. 68: „Tja, Christian, wenn wir uns nicht auf dich verlassen können, dann wirst du auch nicht studieren können.“), wenn aus Sicht der Obrigkeit nötig, auch durch willkürliche Verhöre und mehrtägige Untersuchungshaft inklusive Verabreichung von Spritzen zur Erhöhung der Gesprächsbereitschaft. Es sind seine eigenen Erfahrungen, von denen Christian Döring berichtet, und es sind nicht die Erfahrungen eines politischen Aktivisten – alles, was er tat, war Artikel für die Kirchenzeitung zu schreiben.

In einer Atmosphäre beinahe totaler Überwachung waren große Unterschiede möglich. Erstens kam es darauf an, ob man es mit „Hundertprozentigen“ oder “Dreihundertprozentigen“ zu tun bekam. Zweitens konnte auch bei anscheinend Dreihundertprozentigen überraschend ein rechtschaffener Kern sichtbar werden, wie bei dem Stasi-Mitarbeiter, der die zur Anwerbung seines 18-jährigen Sohnes angerückten Kollegen aus seiner Wohnung warf (S. 156).

Bibel statt Parteibuch von Christian Döring sollte jeder lesen, der wissen möchte, wie es in der DDR wirklich war; Döring zeigt nicht die ganze Wahrheit (das beansprucht er auch nicht), aber einen Ausschnitt der Wahrheit, der ohne Bücher wie seines in Vergessenheit zu geraten droht. Das Buch liest sich leicht und flüssig, und am Ende macht es sogar Mut.

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Männer: Ohne Christus nicht zu retten

Harald Stollmeier am 3. Oktober 2015

Buchbesprechung: Beile Ratut, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag, 183 Seiten, 18,80 Euro

Beile Ratut Foto

Beile Ratuts Helden waren bislang ausschließlich Heldinnen. In den drei Erzählungen in Welt unter Sechs sind Männer die Hauptfiguren. Helden im klassischen Sinne sind sie nicht; dazu haben sie zuviel mit eigener Schuld zu kämpfen.

Mattei, der akademisch selbstbewusste Pfarrer in “Das Schandmal”, wird zum Aussätzigen und erkennt, wie verlogen er seine geistige Überlegenheit für geistliche ausgegeben und wie kaltherzig er seine ungebildete aber kluge Ehefrau wieder und wieder zurückgewiesen hat. Der Wissenschaftler Heinrich in “Heilige Nacht” hat seinem engelhaften Sohn das “Wissen um die Mannbarkeit” geschenkt, mit schrecklichen Folgen. Der obdachlose Ich-Erzähler in “Flut” hat seine Geliebte zur Abtreibung gezwungen und seine Frau ihrem Mörder in die Arme getrieben.

Drei Männer stehen, jeder auf eigene Weise, jeder durch eigene Schuld, vor den Trümmern ihres Lebens. Und doch gehen alle drei Erzählungen gut aus. Dabei spielen Ehefrauen eine Rolle, die stärker sind, als sie scheinen. Letztlich aber, wie schon in Ratuts Romanen, ist die Quelle der Erlösung allein “ein reines Kind, das zu den Menschen gekommen war, um sich für sie zu opfern” (S. 111).

Mit einer Bildsprache, die an Hermann Hesse erinnert, macht Beile Ratut das Böse und die Schuld so atemberaubend einfühlsam fassbar, dass man nicht aufhören kann weiterzulesen, obwohl man spürt, dass man lieber nicht wissen möchte, was als nächstes geschieht. Es ist ein Segen, dass diese begnadete Autorin sich für das Gute entschieden hat.

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Kein Buch über Missbrauch

Harald Stollmeier am 4. September 2015

Nahhall Cover front

 

 

Buchbesprechung: Beile Ratut, Nachhall, Ruhland Verlag, 485 Seiten, 24,80 Euro

In Nachhall, Beile Ratuts zweiten Roman, spielt der Missbrauch eines siebenjährigen Mädchens durch einen pädophilen Nietzsche-Anhänger eine Schlüsselrolle. Trotzdem ist Nachhall kein Buch über Missbrauch. Es ist ein Buch über die Wahrheit.

Im Roman kommt die 30-jährige Espen Barthélemy in eine Stadt, von der aus sie ihr eigentliches Ziel zu erreichen hofft, das „Haus der Freude“ irgendwo im Norden der Stadt. Allerdings bezweifeln die Stadtbewohner, dass dieses Haus wirklich existiert. Sie senden Espen zur Grenzstation. Dort erfährt sie, dass sie auf einen Transport warten muss, und sie bleibt in der Stadt.

In dieser Stadt, deren Namen man sowenig erfährt wie den des Landes, in dem sie liegt, sind die Menschen verschlossen. Ihre Beziehungen zueinander sind oberflächlich, ihre Nöte behalten sie für sich. Das gilt auch für den Kurator des Völkerkundemuseums, der mit Espen eine heimliche Affäre hat: Was ihn belastet, behält er für sich.

Das oberste Gesetz in dieser Stadt scheint die Wahrung der Harmonie zu sein. Die wichtigste Bedingung dafür besteht im Verzicht auf eine allgemeingültige Wahrheit (und erst recht im Verzicht auf ein Jenseits). Die wenigen Menschen, die auf einer allgemeingültigen Wahrheit bestehen oder gar auf einem transzendenten Gott, ecken ebenso an wie die wenigen, die auf Defizite in der Wirklichkeit aufmerksam machen.

Espen, durch deren Gedanken der Leser diese Gesellschaft kennenlernt, tastet sich auf verschiedenen Erzählebenen vorwärts. Fragmentarisch erschließt sich ein Elternhaus mit einem distanzierten, wenngleich freundlichen Vater und einer unglücklichen Mutter und die geduldige Verführung der siebenjährigen Espen durch den Nietzsche-Verehrer Kobalt, dessen Nietzsche-Zitate zur Befreiung des Menschen durch den Tod Gottes durch das ganze Buch hallen.

Espen ist durch den Missbrauch verletzt, besudelt, verunsichert. Einer der Gründe dafür ist der Umstand, dass sie es ist, die in den Augen der Gesellschaft etwas verloren hat. Immer wieder wird sie aufgefordert, ihren Frieden mit dem Relativismus der Gesellschaft zu machen und ihre Suche nach der Wahrheit aufzugeben. Autoritätspersonen, die vorgeben, alles zu wissen, weisen ihr Schablonen zu. Andere, wie der Kurator, wollen zwar ihre Zustimmung, nicht aber ihr Verstehen. Nicht einmal die durchaus freundlichen Geistlichen, bei denen Espen Rat sucht, weisen über das Diesseits hinaus; mich erinnern Espens Dialoge mit diesen beiden an Sören Kierkegaards Parabel vom Geschäft mit dem Schild „Hier wird Wäsche gewaschen“ – es stellt sich heraus, dass dieses Geschäft nicht Wäsche wäscht sondern nur die entsprechenden Schilder herstellt. Trotzdem beraten diese Geistlichen Espen redlich. Ihren Weg muss sie allerdings selber gehen.

Beile Ratuts Roman Nachhall beschreibt eine Gesellschaft (unsere Gesellschaft!), die human sein will. Aber sie strebt Humanität um den Preis der Wahrheit an. Espens Weigerung, sich dieser Diktatur des Relativismus zu unterwerfen, sie ist identisch mit ihrer Weigerung, das ihr widerfahrene Verbrechen zu verdrängen, macht sie einsam. Aber sie bewahrt ihr die Fähigkeit, die eine Stimme zu hören, die nicht relativistisch ist. Diese „Stimme“ die in mehreren Kapiteln jeweils ganz allein erklingt, wird nicht identifiziert, aber was sie über sich sagt, legt den Verdacht nahe, dass es die Stimme Christi ist. Diese Stimme sagt: Du bist nicht belanglos. Ich bin für Dich gestorben.

Nachhall ist keine leichte Kost, weder inhaltlich noch stilistisch. Aber am Ende ist es, auch ohne eigentliches Happy-End, ein ermutigendes Buch. Hinzu kommt das meisterhafte Sprachgefühl Beile Ratuts: Auch ihren zweiten Roman konnte ich nicht weglegen, weil mich ihre Sprache gefesselt hat; sie selbst würde vielleicht sagen: gebannt.

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Erst Demaskierung, dann Therapie

Harald Stollmeier am 24. August 2015

Buchbesprechung: Liane Bednarz, Christoph Giesa, Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte, 221 Seiten, Hanser Verlag, 17,90 Euro

Liane Bednarz und Christoph Giesa haben bereits im Februar 2014 in einem gut recherchierten E-Book nachgewiesen, dass die AfD ein rechtspopulistisches Problem hatte – lange vor dem Essener Parteitag, bei dem die neue Führung den abgewählten Vorsitzenden Lucke aus dem Saal werfen ließ. In ihrem neuen Buch Gefährliche Bürger warnen die beiden eindringlich vor dem Vordringen „neurechten“ Gedankenguts in die bürgerliche Mitte.

Dabei geht es nicht um kahlköpfige Neonazis in Springerstiefeln. Es geht auch nicht um den altlinken (und sehr bequemen) Vorwurf, die ganze CDU/CSU bestehe im Grunde aus verkappten Nazis. Vielmehr geht es um eine Strömung, deren Vertreter in der Tradition der „Konservativen Revolution“ der 20er Jahre um Arthur Moeller van den Bruck und Edgar Julius Jung die Bundesrepublik Deutschland für einen schlechten Sachwalter des „Volkswohls“ halten. Sie kämpfen gegen Überfremdung, Sittenverfall und den Untergang des Abendlandes. Über Bord gehen dabei die Universalität der Menschenrechte, die Achtung von Minderheiten und die Empathie für Schwache.

Die Protagonisten dieser „neuen Rechten“ sind für Bednarz und Giesa Bestsellerautoren wie Thilo Sarrazin und Akif Pirincci, Politiker wie Alexander Gauland und Björn Höcke (beide AfD) und Intellektuelle wie André F. Lichtschlag (eigentümlich frei), Felix Menzel (Blaue Narzisse) und vor allem Götz Kubitschek, der Inhaber des Antaios-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift Sezession. In ihrem Fahrwasser tummeln sich zahlreiche Verschwörungstheoretiker (z. B. „Reichsbürger“) und Untergangspropheten, von denen nicht wenige beim Kopp-Verlag oder in Medien wie Russia Today veröffentlichen, an deren Unabhängigkeit nur Menschen glauben können, denen das Wort „Lügenpresse“ gewohnheitsmäßig über die Lippen geht. Eine eigene Würdigung verdient sich der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige IS-Versteher Jürgen Todenhöfer.

Gefährlich im Sinne des Buchtitels werden all diese Menschen durch ihre seit PEGIDA offenkundige zunehmend tragfähige Vernetzung – und durch die wachsende Salonfähigkeit vieler ihrer Thesen. Am deutlichsten wurde das für die Autoren anlässlich der Kölner Domlichtabschaltung wegen eines PEGIDA-Umzugs, der Warnung des Bamberger Erzbischofs Schick vor PEGIDA und der Ablehnung einer Anzeige des Hilfswerks Kirche in Not durch die Chefredakteurin von Christ und Welt wegen des Ausdrucks „Meinungsdiktatur.“ In allen drei Fällen erreichte die Protagonisten eine Welle von Beschwerden von Menschen, die sich selbst als katholisch bzw. christlich verstanden, oft aber durch ihre Wortwahl („linke Abfickhure“) eine erschreckende Maßlosigkeit offenbarten.

Deutliche Kritik üben Bednarz und Giesa an „rechten Christen“ und vor allem an christlichen, meist katholischen Publizisten und Journalisten, die zum Beispiel PEGIDA verteidigt haben oder durch öffentliche Kooperation mit neurechten Protagonisten dazu beitragen, diese salonfähig zu machen. Als Hauptsünder machen sie dabei Cicero-Feuilletonchef Alexander Kissler aus, benennen aber zahlreiche weitere, teils wegen eigener Aussagen, teils wegen Publikationen in neurechten Medien.

Nicht alle solcherart Geehrten werden ihre Benennung gerecht finden, und man kann zumindest die Frage stellen, ob Birgit Kelle (konkreter Vorwurf: Interview in Kubitscheks Sezession im Jahr 2013) wirklich beispielhaft ist für die von den Autoren diagnostizierte Rechtsdrift im christlichen Milieu. Dabei trifft der Vorwurf zu, dass in konservativ-christlichen Kreisen allzu oft Verbündete akzeptiert werden, die ihre eigene Agenda haben, ob das nun Götz Kubitschek ist oder Vladimir Putin. Zurückweisen sollte man diese Verbündeten, ihre Ziele und ihre Methoden aber präzise deshalb, weil es unchristlich ist, die Universalität der Menschenrechte preiszugeben. Die Wertung der Autoren „Da fand in den letzten Jahren zusammen, was zusammengehört“ (S. 134) ist deshalb unverständlich.

Umso wichtiger ist die Wendung am Ende des Buches, wo die Autoren „die Herzen zurückgewinnen“ (S. 205 ff.) wollen und sich abgrenzen von der bei „klar linke(n) Milieus“ und „stark überzogenen Aktionen der Antifa“ anzutreffenden Methode, Konservative als Faschisten anzuschwärzen. Mit einer Ehrenerklärung für Menschen, die mehr Familienförderung wünschen, gegen Abtreibung sind oder auf die Problematik von Parallelgesellschaften hinweisen, bekennen sie sich zu klarer Differenzierung, zum Dialog und zu einem sparsamen Umgang mit der „Nazi-Keule“: „Vielleicht öffnet die verbale Abrüstung bei dem einen oder anderen ja die Tür, die verschlossen bliebe, wenn er sich als Nazi beleidigt sähe.“ Für den Dialog gilt dann aber Deutlichkeit: Auf der letzten Seite dieses klugen Kapitels fordern die Autoren „mehr Mut zur Meinung“ und „mehr Rückgrat.“

Gefährliche Bürger von Liane Bednarz und Christoph Giesa ist ein ebenso lesenswertes wie lesbares Buch. Es ist ein nützlicher Beitrag zu einer notwendigen Debatte, und man ist neugierig, wie sie weitergeht.

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Warum Gott weint

Harald Stollmeier am 16. Mai 2015

Buchbesprechung: Beile Ratut, Das schwarze Buch der Gier, Ruhland Verlag, 287 Seiten, 19,80 Euro

“Das Gegenteil von Liebe ist Gier.” Das erfährt Alba Schleyer kurz vor ihrem sechsten Geburtstag von Tante Merete, der Schwester ihrer Mutter. Kurz darauf verschwindet Samuel, Albas achtjähriger Bruder, und taucht nie wieder auf. Albas Familie geht darüber zugrunde. Alba braucht vierzig Jahre, um sich der vollen Grausamkeit dieses nie aufgeklärten Verbrechens zu stellen.

Alba selbst, die mit vierzehn Jahren auch noch ihren Vater verliert (durch Blitzschlag; das ist die einzige Schwachstelle des Romans) und an ihrer verbitterten Mutter wenig Rückhalt hat, führt ein äußerlich erfolgreiches wenn auch unauffälliges Leben. Privat ist sie kaum zugänglich; praktisch ihr einziger Vertrauter ist der Leser, der die Ich-Erzählerin auf einer Reise begleitet, deren Ertrag das volle Begreifen der menschlichen Natur ist.

“Wir Menschen erzählen einander Geschichten.Wir tun das, weil wir dadurch zueinanderfinden.” So beginnt Beile Ratuts Roman Das schwarze Buch der Gier. Aber dieser harmonische Beginn täuscht. Denn die meisten der Geschichten, die wir Menschen einander erzählen, sind geschönt, wenn nicht gelogen. Sie vertuschen eigene Schuld, eigenes Versagen, vor allem aber die Normalität dessen, was im Roman offen “das Böse” genannt wird. Anders als in der Selbstwahrnehmung der meisten Menschen und ihrer Gesellschaft ist das Böse kein Betriebsunfall sondern ein Teil unseres Wesens in einer “entweihten Welt.”

Und wie böse: Alba sammelt seit ihrer Kindheit Zeitungsausschnitte über Verbrechen, und als Erwachsene recherchiert sie in Bibliotheken das Ausmaß der Grausamkeit von Sexualverbrechen im Frieden, vor allem aber im Krieg. Die Aufzählungen, mit denen sie sich selbst und den Leser konfrontiert, sind Historikern vertraut, wenn auch nicht sehr. Menschenbilder vom Typ “Der Mensch ist gut” vertragen sie nur in homöopathischen Dosen. Alba Schleyer blickt der furchtbaren Wahrheit ins Gesicht. Und wir tun es mit ihr.

Im Roman begegnet Alba vielen Menschen, die ihre Fragen nicht hören wollen, angefangen mit Albas Mutter, die ihre eigene Schwester verurteilt, weil sie Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, gefolgt von vor allem von Männern, die Sex nicht nur ohne Liebe sondern auch ohne Respekt ganz normal finden. “Mit Moral ereichen Sie heute nichts”, erklärt ihr einer dieser Männer, der noch dazu mit seinem Bischof auf bestem Fuße steht, “sie ist bedeutungslos.”

“Wenn ich Gott wäre”, denkt Alba Schleyer schließlich (S. 246) angesicht der menschlichen Grausamkeit, der auch ihr Bruder zum Opfer gefallen ist, “… würde [ich] mein eigenes Leben hinwerfen, um sie zu retten. Weil sie, die nicht mehr makellos sind, es nicht können. Wie sehr würde ich weinen, wenn ich die Menschen betrachtete, jeden einzelnen, verloren, schindend und geschunden.”

Der Debütroman der in deutscher Sprache schreibenden Finnin Beile Ratut ist inhaltlich schwere Kost. Aber er ist fesselnd geschrieben; ich konnte ihn buchstäblich nicht aus der Hand legen. Das schwarze Buch der Gier spielt in einer Liga mit Marlen Haushofers Die Wand – und gewinnt.

Beile Ratut (Bild: Ruhland Verlag)

Beile Ratut (Bild: Ruhland Verlag)

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Die Meisterdichterin

Harald Stollmeier am 12. Mai 2015

Buchbesprechung: Claudia Sperlich, Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Mit Illustrationen von Doris Kollmann

Der neue Gedichtband von Claudia Sperlich ist da. Er beweist: Kein lebender Lyriker kann dieser Berlinerin das Wasser reichen. Und von den toten auch nicht viele.

Immer wenn ich Claudia Sperlich lese, dann denke ich an Kästner: dieselbe Leichtigkeit, dieselbe Wucht – und vor allem: dieselbe Empathie. Wenn Claudia Sperlich sich in Menschen wie den biblischen Nikodemus (s. 47) oder Maria Magdalena (S. 48), ja sogar Bar Abbas (s. 46) hineinfühlt, dann glaubt man ihr jedes Wort, dann liest man die Verse einer Meisterin nicht nur des Schreibens sondern auch des Verstehens.

Wenn sie gesellschaftskritisch wird („Und alle Jahre wieder frisst/sich mancher im Advent zugrunde“), dann ist sie unabhängiger Geist und regt mal zum Beifall, mal zum Widerspruch an. Und wenn die Barbaren von ISIS (S. 106) nicht so bildungsfern wären, vielleicht würden sie nachdenklich angesichts der deutlichen Warnung:

Ihr macht euch selber arm und schwach und dumm.
Ihr wollt nur schänden, morden und vertreiben,
zerschlagen, was die Liebe hat erbaut.

Was gut ist in mir, schreit euch zu: Kehrt um!
Bekehrt euch. Denn viel Zeit wird euch nicht bleiben.
Gott richtet euch, wenn sich sonst keiner traut.“

Aber wenn Claudia Sperlich betet und den Herrn bezeugt, dann sieht man Gott durch ihre Augen, und der Spiegel, den sie sich dabei vorhält, in dem kann der Leser, wenn er das zulässt, auch sich selbst erkennen (S. 20):

Die Welt ist schlecht, und ich bin ganz wie sie.
Und Welt und Kirche nerven um die Wette,
Und ich gehöre auch zu diesem Babel.

Gemeinde ist ein stures dummes Vieh,
Ich bin ein Teil von ihr, bin Glied der Kette,
Geschwister vor dem Herrn – wie Kain und Abel.“

Mein Favorit in diesem Buch aber ist Claudia Sperlichs De profundis „Bereitschaft“ (S. 19); wenn man für ein einziges Gedicht in den Himmel kommen kann, dann für so eins.

Claudia Sperlich

Bereitschaft

Für Deine Kirche, Herr, und für das Leben
Der Kinder, die bedroht, noch ungeboren,
Und für den Wissensschatz, schon halb verloren,
Will meine Kunst und meine Kraft ich geben.

Ich stehe sehnend vor verschlossnen Toren
Und möchte gerne hinter ihnen streben
Und andern nützen und am Frieden weben –
Ich will nur dienen, und man schließt die Ohren.

Ich will mein Wissen, Können, Tun und Denken
Zum Schutz des Lebens herzensgern verschenken
Und finde keinen Nehmer dieser Gabe.

Ich hab wie sauer Bier mich angepriesen,
Und wortlos wurde mir die Tür gewiesen,
Und ungenutzt verrottet, was ich habe.

Lesenswert: Claudia Sperlich

Lesenswert: Claudia Sperlich

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Der Eisvogel