Archiv für die Kategorie 'Lesenswerte Bücher'

Was konservative Christen von Harry Potter lernen können

Harald Stollmeier am 6. Mai 2015

„Man braucht viel Mut, um sich seinen Feinden entgegenzustellen. Aber man braucht noch mehr Mut, um sich seinen Freunden entgegenzustellen.“ Mit diesen Worten ehrt Hogwarts-Zauberschuldirektor Albus Dumbledore am Ende des Romans Harry Potter und der Stein der Weisen den notorisch ungeschickten Schüler Neville Longbottom. Neville entpuppt sich im Laufe der Jahre als begabter Schüler, und als am Ende des letzten Bandes Voldemort nach dem vermeintlichen Tod Harry Potters seinen Sieg feiert, ist es Neville, der sich ihm öffentlich entgegenstellt.

Wenn die Harry-Potter-Romane von uns konservativen Katholiken bzw. Christen handelten, dann würde diese Ehrung durch Direktor Dumbledore dem katholischen Publizisten Andreas Püttmann zuteil. Er stellt sich seit dem Streit um Bischof Tebartz-van Elst regelmäßig seinen Freunden in den Weg. Die Freunde sind nicht amüsiert; einige halten Püttmann schlicht für einen Verräter und würden ihn gerne, wie Hermione Granger ihren Mitschüler Neville, mit einem „Petrificus totalus!“ für längere Zeit ruhigstellen.

Christen sind Menschen, die sich zum Glauben an Jesus Christus, seine Gottessohnschaft und seine Auferstehung bekennen. Konservative Christen unterscheiden sich von liberalen Christen vor allem darin, dass sie den Text der Bibel für maßgeblich halten und von Fundamentalisten durch die Erkenntnis, dass es so etwas wie eine „wörtliche Bedeutung“ gar nicht gibt. Von einer anderen als der herkömmlichen Auslegung einer Bibelstelle muss man konservative Christen mühsam überzeugen. Konservative Katholiken billigen darüber hinaus dem kirchlichen Lehramt, vor allem aber dem Papst die Autorität zu, in Zweifelsfällen zu entscheiden, auch wenn sie selbst nicht überzeugt sind.

Der von Andreas Püttmann (und Liane Bednarz) oft verwendete Ausdruck „Rechtskatholik“ meint konservative Katholiken (und wohl auch konservative Christen), die bestimmte vor allem familienbezogene christliche Werte für so bedroht halten, dass sie zu ihrer Verteidigung die Universalität der Menschenrechte preisgeben, zumindest aber die Diskriminierung von Minderheiten tolerieren. Das Phänomen ist real und in der Praxis entweder an unkritischer Nähe zu Personen oder Organisationen erkennbar, die ihrerseits die Menschenrechte relativieren bzw. Minderheitendiskriminierung praktizieren, oder, schlimmer, an eigenen Aussagen mit diesem Inhalt; Püttmann und Bednarz liefern Belege genug. Der Begriff „Rechtskatholik“ ist gleichwohl ärgerlich, weil er das Kind mit dem Bade ausschüttet – hauptsächlich wegen der damit vorgenommenen Abstempelung der Person.

Der Harry-Potter-Zyklus handelt im Kern von Ethik. Schon der erste Roman ist ein Plädoyer für das Naturrecht. Denn das Credo des Antagonisten Voldemort lautet: „Es gibt kein Gut und Böse – es gibt nur Macht.“

Im zentralen Konflikt am Ende, nach Voldemorts Machtergreifung, geht es um die Frage, ob alle Menschen gleich viel wert sind und folglich auch gleichberechtigt. Voldemort hält die Zauberer zur (Zwangs-) Herrschaft über die magisch unbegabten Muggel berufen, eine Haltung, die Dumbledore in seiner Jugend geteilt hat. Verschärfend hinzu kommt ein rassistisches Element: Muggel ist für Voldemort nur, wer Muggeleltern hat – nicht einmal die Begabung ist für ihn Schicksal, sondern ausschließlich das Blut.

Die politische Jugendsünde Dumbledores verdient aus unserer Perspektive eine nähere Betrachtung. Denn seine damalige Haltung, die Zauberer müssten die Herrschaft über die Muggel zu deren eigenem Wohl und um des Gemeinwohls („for the greater good“) willen übernehmen, hat ein Vorbild in der jüngeren deutschen Geschichte: Edgar Jung, Gegner der Demokratie und Anhänger einer „konservativen Revolution.“ Edgar Jung hatte (auch) gute Argumente und war alles andere als ein Nazi. Gleichwohl hat er sich schrecklich geirrt, als Nazi-Wegbereiter Schuld auf sich geladen und teuer dafür bezahlt. Seine letzte politische Handlung war die Marburger Rede, die er für den Vizekanzler Franz von Papen schrieb. Sie war eine Abrechnung mit und Distanzierung von der Politik der Nazis. Sie war ein offensives Eintreten nicht für die Demokratie, aber für den Rechtsstaat. Sie war mutig, sie war zu spät, und sie war sein Todesurteil.

Die „Guten“ im Harry-Potter-Zyklus kämpfen am Ende gegen die Unterdrückung der Muggel durch die Zauberer und für die Universalität der Menschenrechte. Es gibt keine Neutralität mehr: Zauberer mit aristokratischen Vorstellungen, die ähnlich wie der junge Dumbledore eine Herrschaft der Besten zum Wohle aller anstreben, müssen sich entweder Voldemorts Totalitarismus unterwerfen oder sich unter Einsatz ihres Lebens gegen ihn stellen.

Konservative Christen stehen heute vor einer ähnlichen Wahl: Dürfen wir zur Verteidigung christlicher Werte (und bedroht sind sie!) die Samthandschuhe gegenüber Gegnern wie der „Homolobby“ ausziehen und fallende Späne in Kauf nehmen, wenn Präsident Putin hobelt? Oder müssen wir erkennen, dass wir die Menschenrechte für Christen nur verteidigen können, indem wir die Menschenrechte für alle verteidigen? Das Schicksal Edgar Jungs könnte uns zeigen, dass der Anhänger des Rechts beim Bündnis mit dem Unrecht auf Dauer den Kürzeren zieht. Und das ist es, wovor Andreas Püttmann uns warnt. Es ist wahr, dass er die Berechtigung unserer Sorgen nicht genug würdigt. Aber seine Warnung sollten wir ernst nehmen; sie kommt trotz allem von einem Freund.

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

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An alle Mitmacher und Vielleicht-doch-noch-Mitmacher

Caroline Stollmeier am 10. März 2015

Liebe Freunde, liebe Leser,

nicht nur bei Euch, sondern auch bei mir ist irgendwie immer etwas anderes los. Trotzdem…

In den nächsten Tagen werde ich endlich mit der Gestaltung meines neuen Buches beginnen. Wer noch mitmachen möchte, hat jetzt die letzte Gelegenheit dazu. Alle Beiträge, die noch bis Ende März eingehen, sind herzlich willkommen und werden gerne aufgenommen.

Um was geht es noch mal?

Nun, ich möchte eine kleine Sammlung von Dingen, Ereignissen und Begebenheiten veröffentlichen, die echte Menschen – also jeden von Euch! – ein bisschen stolz oder ein bisschen glücklicher gemacht haben. Dabei ist es egal, um was es geht und wie viel oder wenig Text Ihr mir dazu schreibt. Vielleicht geht es Euch gerade richtig mies, Ihr seid gestresst oder etwas Schreckliches ist passiert? Dann sind die winzig kleinen Lichtblicke in Eurem Leben besonders wertvoll. Schreibt mir davon!

Schickt Euren Beitrag bitte so schnell wie möglich an meine Adresse: babyfoto/at/stollmeierundstollmeier.de

Besonders schön wäre es, wenn Ihr dazu noch ein altes Babyfoto von Euch einscannen oder abfotografieren könntet. Das ist aber kein Muss!

Und noch ein Hinweis: Einige von Euch haben mir bereits ein Foto oder einen Text geschickt, aber das jeweils andere nicht. Ich danke Euch allen für alles, was Ihr mir zur Verfügung stellt! Ich kann es gut gebrauchen. Solltet Ihr aber Euren Beitrag noch ergänzen wollen, dann macht das bitte in den nächsten Tagen.

Ich freue mich über jede Rückmeldung von Euch. Ihr seid mir eine große Hilfe!

Herzliche Grüße von

Caroline

P.S. Weitere Informationen findet Ihr hier.

Süßes Foto einer lieben Mitmacherin

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Harte Bandagen auf dem Markt der Religionen

Harald Stollmeier am 7. März 2015

Buchbesprechung: Friedrich Wilhelm Graf, Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird, C. H. Beck 2014, 16,95 Euro

Jedes Jahr treten in Deutschland Zehntausende aus ihrer Kirche aus. Aus der Perspektive der betroffenen Kirchen sieht das nach einer sinkenden Religiosität aus („Glaubenskrise“). Aber der evangelische Theologie Friedrich Wilhelm Graf weist in seinem neuen Buch Götter global nach, dass es für Religionen einen gewaltigen Markt gibt und die Vorstellung von der fortschreitenden Säkularisierung nicht von den Fakten gedeckt ist.

Weltweit wachsen nämlich die verschiedenen Religionen, am stärksten das Christentum, dicht gefolgt vom Islam, und das liegt nicht nur am Bevölkerungswachstum: Tatsächlich wird offensiv, manchmal aggressiv  missioniert, und den Verlusten der Einen entsprechen Gewinne von Anderen. Die Verhältnisse in Deutschland und anderen europäischen Ländern sind untypisch und vor allem eine Folge der mehr oder weniger starken Privilegierung (meist) ehemaliger Staatskirchen, die durch hohe Markteintrittsschwellen vor der Konkurrenz durch Neugründungen geschützt werden. Aber sogar in diesen Ländern etablieren sich teils neben, teils in den etablierten Kirchen „Privatchristentümer“ mit synkretistischen Elementen.

Außerhalb dieses Refugiums religiöser Planwirtschaft gewinnen die „harten“ Anbieter, die viel von den Gläubigen verlangen und sich klar vom Wettbewerb abgrenzen. Die römisch-katholische Kirche stellt Graf in diesem Zusammenhang als mittelhart dar: In der Lehre und bei der Auswahl der Päpste ist sie „hart“, bei den Anforderungen an die Gläubigen wird sie vor allem von den Pfingstkirchen in den Schatten gestellt, die ihr deshalb auch in Brasilien und den USA schwer zu schaffen machen.

Nicht nur das Christentum betrachtet Friedrich Wilhelm Graf differenziert. Auch den Islam, von vielen als monolitischer Block verstanden, nimmt er gründlich unter die Lupe. Mit der Unterscheidung von Sunniten und Schiiten sind deutsche Medienkonsumenten ja schon vertraut. Aber die Wirklichkeit ist erheblich komplexer. So zerfällt die Sunna schon seit Jahrhunderten in zwei Hauptgruppen, von denen die größere (die Barelwis) dem Propheten Muhammad eine Erlösungsfunktion als Fürbitter für die Menschen zuweisen, welche von der kleineren Gruppe, den Deobandis, scharf abgelehnt wird. Beide verurteilen die im 19. Jahrhundert entstandene Reformbewegung der Ahmadiyya scharf, und die in Saudi-Arabien herrschenden Wahhabiten haben sie von der Wallfahrt nach Mekka ausgeschlossen.

Je weniger rechtsstaatlich es in den betreffenden Ländern zugeht, desto brutaler sind auch die Mittel, mit denen die jeweils herrschende Gruppe gegen ihre Rivalen vorgeht.

„Wirklich ernst genommenem religiösem Glauben eignet eine Tendenz zum Unbedingten“ (S. 250), also zur Intoleranz, und so sieht Graf reale Gefahren in der Frontstellung vieler dynamischer Religionen gegen die liberale Moderne. Ein besonders deprimierendes Kapitel ist dabei der weltweit wachsende Einfluss des Kreationismus, auch in seiner aktuelleren Variante, dem Intelligent Design. In den USA ist es vielerorts bereits als gleichberechtigte Theorie im Biologieunterricht vorgeschrieben, und auch in Europa kämpfen christliche Fundamentalisten unermüdlich gegen die Darwinsche Evolutionstheorie. Überholt werden die christlichen Kreationisten inzwischen von den muslimischen unter Fürhung von Adnan Oktar, die sich, von der Türkei ausgehend sehr erfolgreich für die Ablehnung einer als gottlos empfundenen Naturwissenschaft einsetzen. Ihr Informationsmaterial haben sich die muslimischen Kreationisten übrigens von den christlichen erstellen lassen (185-189). Die komplementären Aktivitäten der „Brights“ um Richard Dawkins wertet Graf nicht als Verteidigung der Wissenschaft sondern als deren Missbrauch zur Propagierung eigener ideologischer Vorstellungen.

Götter global ist ein sehr gutes, wenn auch beunruhigendes Buch. Etwas Hoffnung macht Grafs Einschätzung, Religion sei durch Religion zu domestizieren (S. 246ff.). Dabei spielt das Christentum mit seiner Ergänzung der Allmacht Gottes durch dessen Menschenfreundlichkeit (und mit seiner Unterscheidung von „Gott“ und „Kaiser“) eine zentrale Rolle; aber auch im Islam und im Judentum entdeckt Graf Ansätze in diese Richtung.

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Blauer Brief für die AfD

Harald Stollmeier am 4. März 2015

Buchbesprechung: Liane Bednarz, Christoph Giesa, Deutschland dreht durch, Carl Hanser Verlag in der Hanser Box, 76 Seiten, 3,99 (nur E-Book)

Die Alternative für Deutschland wächst und gedeiht. Sie ist inzwischen in vier Landesparlamenten und im Europaparlament vertreten. Und immer wieder liest man Stellungnahmen von Konservativen, die im Zorn aus der CDU ausgetreten sind und die AfD für die bessere Wahl halten. Den Zorn kann ich verstehen: Die CDU von heute lässt bei vielen Themen, die Konservativen wichtig sind, zu wünschen übrig. Aber ist die AfD für diese Wünsche ein geeigneter Adressat? Liane Bednarz (konservativ) und Christoph Giesa (liberal) haben die AfD praktisch seit ihrer Gründung kritisch beobachtet und legen nun mit Deutschland dreht durch ihre Auswertung vor. Sie ist verheerend.

Bednarz und Giesa weisen nach, dass der Anspruch der AfD, eine bürgerliche Partei zu sein, konservativ und liberal zugleich, von Anfang an im Widerspruch mit den Zielen zumindest vieler einzelner und oft gewichtiger Parteifunktionäre stand. Sie dokumentieren Dutzende, ja Hunderte von Vorfällen und Aussagen, die im günstigsten Fall bedeuten, dass die neue Partei, die anders als die „Altparteien“ sein will, gezielt am rechten Rand um Zustimmung buhlt. Tatsächlich spricht sogar viel dafür, dass der rechte Rand schon von Anfang an ein Teil der Partei war.

Bednarz und Giesa zeigen, dass diese Grundhaltung im Laufe des Jahres 2014 immer offener zutage trat, als zur Eurokritik die Islamkritik als zweites großes Thema der AfD trat. Öffentliche Toleranz für HoGeSa und öffentliche Zustimmung zu PEGIDA sind einerseits kalkulierte Tabubrüche, andererseits Ausdruck der wahren Überzeugung vieler Menschen, die diese Partei mit ihrem Engagement prägen.

Damit sind AfD-Mitglieder keine Nazis – so einfach geht das nicht, und so einfach machen es sich die Autoren auch nicht. Aber gerade die Menschen, die die AfD aus christlichem Selbstverständnis unterstützen, zum Beispiel wegen der klaren Aussagen gegen Christenverfolgung oder auch gegen das Gender Mainstreaming, wissen oft nicht, welchen Preis sie für diese an sich berechtigten Bestrebungen zahlen: Er besteht in der Zustimmung zu definitiv nicht christlichen Haltungen (und Zielen), die im Kokettieren des Hamburger AfD-Spitzenkandidaten vor der Bürgerschaftswahl 2015 mit gröbsten Fremdenhassklischees ihren traurigsten Ausdruck fanden.

Liane Bednarz und Christoph Giesa legen mit Deutschland dreht durch ein nützliches kleines E-Book vor (Print gibt es nicht), das eines ganz bestimmt leistet: Sollte die Alternative für Deutschland irgendwann in den kommenden Jahren wirklich Schaden anrichten, wird niemand sagen können, das habe man ja nicht wissen können.

Thematisch ist die Darstellung in verschiedene “Mythen” geordnet (von der Partei neuen Typs, von den Einzelfällen, von der Bürgerlichkeit etc.), die belegreich widerlegt werden (OK: Fußnote 138 habe ich nicht gefunden). Die Sprache ist flüssig, lebendig, beinahe salopp und definitiv nicht neutral – aber Neutralität haben die Autoren auch nicht versprochen.

Man wünscht sich bei so aufmerksamen  Beobachtern ein größeres Interesse dafür, was nichtrechte Mitbürger dazu treibt, rechten bei der Verwirklichung ihrer Ziele zu helfen. Denn daraus könnten sich Lösungshinweise ergeben. Aber diese Aufgabe haben sich die Autoren nicht gestellt. Sie haben sich eine einzige Aufgabe gestellt und sie erfüllt: zu beweisen, dass mit der AfD kein Staat zu machen ist, oder zumindest nur einer, in dem es sehr ungemütlich würde.

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Nicht nur ein Problem der Muslime

Harald Stollmeier am 15. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen, Piper Verlag, 14,99 Euro

Über 500 Jugendliche aus Deutschland sind nach Syrien gegangen, um sich ISIS anzuschließen. Unter ihnen waren fünf ehemalige Schüler von Lamya Kaddor. Grund genug für die engagierte Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der Frage nachzugehen, wie so etwas möglich ist: Warum lassen sich deutsche Jugendliche zu Krieg und Terrorismus verführen?

Einen Grund sieht Lamya Kaddor in der sozialen Lage der Jugendlichen: Bildungsmängel, Perspektivlosigkeit, bei vielen Migrantenkindern darüber hinaus das Gefühl der Ausgrenzung. Und dann kommen die Salafisten. Sie verstehen viel davon, wie man unsichere Jugendliche anspricht, ihnen ein “warmes Nest” in einer Gruppe bietet, sie von ihren Eltern und ihrer bisherigen Umgebung isoliert. Vom Islam verstehen sie weniger, sind aber schnell damit bei der Hand, weniger radikale Muslime zu Ungläubigen zu erklären.

Lamy Kaddor belegt, dass ein solcher Alleinvertretungsanspruch absurd ist. Diskussionen über die Auslegung von Koranversen haben von Anfang an zum Islam gehört. Und eine von allen Muslimen anerkannte Autorität, wie sie allein einen Dschihad im Sinne eines Krieges gegen Ungläubige ausrufen könnte, hat es seit dem Tode Muhammads nicht mehr gegeben. Aber wer erst einmal im Lager der Salafisten ist, den erreichen solche Hinweise nicht mehr; nur sehr selten gelingt es Angehörigen, verführte Jugendliche aus diesem sektenartigen Umfeld herauszuholen.

Was kann man tun? Lamya Kaddor warnt eindringlich davor, die Angelegenheit als “ein Problem der Muslime” zu betrachten. Und schon allein der Umstand, dass auch Konvertiten in den “Dschihad” ziehen, spricht dafür, dass sie Recht hat. Im Übrigen formuliert die Autorin keine abschließenden Antworten. Aber ihre vorläufigen Antworten leuchten uneingeschränkt ein.

Die Mehrheitsgesellschaft kann sich und andere schützen, indem sie absichtliche und unabsichtliche Ausgrenzungen abbaut. Das beginnt damit, muslimische Mitbürger nicht vorrangig als Muslime zu betrachten, weil das in Wirklichkeit nur ein Teil ihrer Identität ist. Viele von ihnen verstehen sich wie Lamya Kaddor selbst als Deutsche oder sind auf dem Weg dorthin; ein Zurück in die Herkunftsgesellschaft der Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern ist fast immer unmöglich. Wer sich in einer solchen Situation immer wieder auf seine Religion reduziert sieht, gerät in Versuchung, diese Zuschreibung zu akzeptieren.

Den deutschen Staat ruft Lamya Kaddor auf, seine Haltung zu dem Muslimen zu überdenken und insbesondere das Monopol der vier Muslimverbände aufzuheben, mit denen allein deutsche Behörden verhandeln. Denn diese Verbände mit ihren konservativen Islamauslegungen vertreten nicht die Mehrheit der deutschen Muslime. Ferner sieht die Autorin einen wichtigen Beitrag des Staates im weiteren Ausbau des islamischen Religionsunterrichts, der die Entwicklung junger Muslime zu mündigen muslimischen Bürgern zum Ziel hat; die Didaktik der Koranschulen dagegen beschränke sich auf ein Auswendiglernen, das von wirklichem Verstehen weit entfernt ist.

Die größte Aufgabenlast weist Lamya Kaddor den deutschen Muslimen zu. Sie ruft sie auf, eigene Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, die realen Integrations- und Aufstiegsmöglichkeiten zu nutzen und vor allem: das eigene Verhältnis zum Islam zu überdenken. Besonders gilt das für den Begriff der Umma, der Gemeinschaft aller Gläubigen. Sie wird weithin als monolithischer Block verstanden, obwohl jeder sehen kann, dass es eine große Vielfalt ist. Wenn es den Muslimen gelingt, diese Vielfalt nicht als Defizit, sondern als Reichtum zu begreifen und als Ausdruck der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Muslimen vor Gott, wenn sie Meinungsvielfalt unter Muslimen zulassen, dann graben sie Islamisten und Salafisten das Wasser ab.

An dieser Stelle können Muslime und Mehrheitsgesellschaft einander die Hand reichen. Denn auch wir neigen zu einer vereinfachten Sicht von Muslimen und Islam. Lamya Kaddor weist nach, dass Islamisten/Salafisten und Islamhasser im Grunde genau dasselbe – falsche – Islamverständnis haben.  Jeder, der dieses Buch liest und versteht, kann Lamya Kaddor helfen und dazu beitragen, dass sich das herumspricht.

Nicht lustig, Aber wahrscheinlich ein nützliches Buch.

Nicht lustig. Aber wahrscheinlich ein nützliches Buch.

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Durch die Augen des Anderen

Harald Stollmeier am 9. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Michael Rubinstein, So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland, Patmos Verlag 2013, 183 Seiten, € 17,99

Eigentlich müssten sie Feinde sein, einander aus tiefster Seele hassen, bestenfalls einander auf Dauer aus dem Wege gehen. Aber die Muslimin Lamya Kaddor und der Jude Michael Rubinstein sind Freunde. Und mit ihrem 2013 erschienenen Buch So fremd und doch so nah leisten sie Juden und Muslimen gemeinsam einen Freundschaftsdienst – und Deutschland. Auf 183 leicht lesbaren Seiten diskutieren sie, was das Leben in Deutschland für sie und das Verhältnis von Juden und Muslimen zueinander ausmacht, vom Nahostkonflikt über die Shoah, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, Religion und Säkularität bis zum Migrationshintergrund und zur Lage als religiöse Minderheit.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin in Dinslaken, Michael Rubinstein Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Beide sind Deutsche und verstehen sich als Deutsche. Und beide nennen Deutschland ihre Heimat. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit aber ist ihr Mangel an Fanatismus. Sie hören einander zu, nehmen die Erfahrungen des anderen ernst und belegen, dass Juden und Muslime in Deutschland ähnliche, wenn auch nicht genau gleiche Erfahrungen machen.

Als „mehrheitsdeutscher“ Leser nehme ich an diesem Dialog teil. Ich bin nicht Adressat, aber alles geht mich an. Und gerade weil Lamya Kaddor und Michael Rubinstein die schrillen Töne meiden – man hört geradezu das Knacken der Scheite im Kamin, wenn man ihr Gespräch liest –, macht ihre Kritik an der Mehrheitsgesellschaft betroffen.

Wenn Lamya Kaddor aufgefordert wird, dahin zu gehen, wo sie herkommt, dann weiß sie, dass nicht Ahlen in Westfalen gemeint ist, und als Michael Rubinstein anlässlich seiner Kandidatur für das Duisburger Oberbürgermeisteramt gefragt wurde, woher er das Geld dafür habe, da sollte das kränken. Aber nicht nur die plumpen Angriffe stören das Heimatgefühl, auch harmlosere Aussagen von Menschen, die es nicht eigentlich rassistisch meinen. Und sogar ein Kompliment kann ausgrenzend wirken, wenn am „Sie sprechen aber gut deutsch“ erkennbar wird, dass man einer Frau mit schwarzen Haaren auch ohne Kopftuch nicht viel zutraut.

Zwischen Lamya Kaddor und Michael Rubinstein bleibt nichts ungesagt: Islamischer Antisemitismus kommt ebenso auf den Tisch wie „Price-Tag“-Anschläge israelischer Siedler auf Palästinenser. Aber diese beiden klugen Menschen leben vor, dass kein Jude, kein Muslim gezwungen ist, hier in Deutschland Stellvertreterkriege zu führen.

Tatsächlich haben Juden und Muslime große Gemeinsamkeiten, insbesondere als religiöse Minderheiten in Deutschland, und die Autoren werben mit Recht dafür, dass diese Gemeinsamkeiten zur Grundlage gegenseitigen Verstehens und gemeinsamen Handelns werden. Übrigens sind das oft Gemeinsamkeiten, die auch gläubige Christen teilen. Deren kulturelle Bedeutung schätzen die Autoren richtig, ihren politischen Einfluss aber zu hoch ein.

Aber gerade als gläubiger Christ kann man nicht anders als zuzustimmen, wenn Lamya Kaddor sich wünscht, dass ihre nichtmuslimische Umgebung einfach wüsste, warum sie und ihre Freunde strahlen, wenn der Ramadan zu Ende geht und das Opferfest bevorsteht. Und wenn ich lese, wie Michael Rubinstein in der Synagoge neben seinem Vater betet, der auf dem Platz des verstorbenen Großvaters sitzt, dann denke ich an meinen Vater, der schon fünfzehn Jahre tot ist, und verstehe, dass auch andere Religionen nicht nur Glaube und Lebensphilosophie sind, sondern auch Heimat – und die Heimat der Menschen, die wir lieben.

So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein ist ein Buch, das nicht nur Juden und Muslime lesen sollten, sondern alle Menschen guten Willens; dem guten Willen kann das nur gut tun.

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

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Wie Kaiser Hadrian die Homosexualität des Judas vertuschen ließ

Harald Stollmeier am 28. November 2014

Buchbesprechung: Daniel Frown, Eine Sünde für die Engelsburg, aus dem Amerikanischen von Thomas Müller

Judas ist unter Christen der Inbegriff des Verräters. Kaum bekannt ist aber, dass er bis ins zweite Jahrhundert hinein darüber hinaus auch noch als homosexuell galt. Das war ein großes Missionshindernis vor allem in der römischen Oberschicht. Erst eine Bereinigung des Lukasevangeliums auf dem Konzil von Eboracum (129 oder 130) hob diesen Konflikt auf und öffnete der römischen Kirche den Weg zur Weltherrschaft.

In seinem spannenden Sachbuch entwickelt Daniel Frown, Dozent für spätantike Frühscholastik an der University of Notre Dame, eine revolutionäre These: Ihr zufolge verdankt das Christentum seinen Durchbruch dem römischen Kaiser Hadrian, der in diesem Zusammenhang bislang als desinteressiert galt.

Frown beruft sich dabei einerseits auf Erkenntnisse des nordnorwegischen Paläographen Per Fraus-Dolus (bekanntgeworden mit seinem Beitrag zur Erschließung der Ibn-Fadlan-Manuskripte), der bereits 1978 in einem weitgehend unbeachteten Aufsatz ein Fragment aus dem 22. Kapitel des Lukasevangeliums publizierte. In der heutigen Fassung lautet Vers 3: „Es war aber der Satan gefahren in den Judas, genannt Ischarioth, der das war aus der Zahl der Zwölfe.“

Im Fragment von Fraus-Dolus heißt es anstelle von Ischarioth „Eromenos“, womit normalerweise der jüngere Partner einer päderastischen Paarung bezeichnet wird. Fraus-Dolus vermutet auf dieser Grundlage, dass Judas ursprünglich als homosexuell beschrieben wurde und erklärt damit die besonders scharfe Verurteilung im Sündenkatalog des Apostels Paulus. Ob Judas tatsächlich homosexuell gewesen ist, lässt Fraus-Dolus ausdrücklich offen (zitiert nach Frown S. 77): “Paulus kannte weder Jesus noch Judas persönlich. Aber er kannte Lukas persönlich.”

Frown will in den lateranischen Archiven in Rom (die Päpste residierten ursprünglich im Lateran) einen sehr kurzen Bericht über das Konzil von Eboracum entdeckt haben. Der bislang unpublizierte Bericht beschreibt ein “Concilium occultum” und spricht von der “rehabilitatio apostolis Iudae in re contra naturem”, von einer Messe für den ertrunkenen kaiserlichen Schützling Antinoos und von einem “imperium contra Iudeos”. Konkret sei “Eromenos” durch “Ischariot” ersetzt worden. “Dieser Beiname war immer ein Schwachpunkt in der Charakterisierung des Judas”, schreibt Frown (S. 185), “denn den so benannten Herkunftsort Queriot in Judäa verbindet mit Judas, der wie alle anderen Apostel Galiläer war, nichts.”

Frown erschließt aus diesen Indizien ein Bündnis der noch schwachen römischen Kirche mit dem homophilen Kaiser Hadrian. Der Preis für die letztlich geringfügige Änderung der Lehre sei die Parteinahme des Kaisers für die Christen und gegen die in dieser Frage intransigenten Juden gewesen.

Für Frowns These spricht die grausame Zerstreuung des jüdischen Volkes nur wenige Jahre später; anders als in der populären Geschichtsschreibung meist angenommen geschah diese Vertreibung nicht unter Vespasian sondern erst unter Hadrian. Damit war der hartnäckigste Rivale der katholischen Kirche im Kampf um die religiöse Vorherrschaft im römischen Reich beseitigt.

Frowns Fazit (S. 357): “Es ist unter diesen Umständen unerheblich, ob Hadrian sein Mausoleum der römischen Kirche bereits in seinem Testament oder erst posthum vermachte. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Päpste ihre Weltherrschaft nicht vom Lateran sondern von der Engelsburg aus antraten. Es ist nur zu passend, dass sie die Verbindung zur Engelsburg auch vom Vatikan aus immer, auch baulich, wahrten.”

Engelsburg

Die Engelsburg – Kaiser Hadrians Vermächtnis an die katholische Kirche (Foto: Caroline Stollmeier)

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Das Turiner Grabtuch: Widerlegt es die Auferstehung?

Harald Stollmeier am 1. Mai 2014

Das Turiner Grabtuch zeigt Vorder- und Rückseite eines Gekreuzigten und auch sein Gesicht. Seit es Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankreich auftauchte, hat es polarisiert: Für die einen ist es das echte Leichentuch Christi, für die anderen ein wenn auch schwer zu erklärendes mittelalterliches Kunstwerk. Der englische Kunsthistoriker Thomas de Wesselow legt in seinem Buch Das Turiner Grabtuch und das Geheimnis der Auferstehung (Original: The Sign) eine Lösung für dieses Rätsel vor, und für die Entstehung des Christentums gleich mit.

Gründlich arbeitet de Wesselow Argumente für die Echtheit des Grabtuches heraus und widerlegt die Argumente dagegen, auch die C14-Messung von 1988, die ein Alter des Tuches von (nur)  ca. 700 Jahren ergeben hatte. Zu den Argumenten für die Authentizität gehört, dass die Darstellung des Gekreuzigten nicht zur mittelalterlichen Vorstellung von Kreuzigungen passt, sehr wohl aber zur inzwischen bekannten historischen Realität von Kreuzigungen im römischen Reich. Das gilt namentlich für das Durchbohren der Unterarme anstelle der Handflächen, für die Wunden, die durch die Geißelung entstanden sind und für die Abschürfungen an beiden Schultern durch das Tragen des Kreuzbalkens – in mittelalterlichen Darstellungen trägt Jesus das ganze Kreuz, nicht nur den Balken.

Für de Wesselow ist klar: Es handelt sich um das Grabtuch eines Juden (wegen der Spuren der Leichenwaschung), der im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt mit einer Dornenkrone bzw. einer Dornenhaube auf dem Kopf gekreuzigt wurde und ganz sicher (wegen Hinweisen auf Leichenstarre) dabei starb. Und tatsächlich ist uns nur ein einziger Fall überliefert, auf den diese Beschreibung passt: die Hinrichtung von Jesus Christus.

Für die Entstehung des Abbildes liefert de Wesselow unter Berufung auf den Grabtuchexperten Ray Rogers eine plausible, rein naturwissenschaftliche Erklärung: eine Maillard-Reaktion zwischen dem Körpereiweiß des Verstorbenen und den Kohlehydraten im Leinen. Maillard-Reaktionen kennt man aus der Küche; sie erklären beispielsweise die knusprige Bräunung eines Bratens. Mehr oder weniger übernatürliche Erklärungen wie Strahlungsbräunungen infolge von „Auferstehungsenergie“ lehnt de Wesselow ab; er ist entschlossen, es ohne Wunder zu schaffen, und er schafft es.

Er schafft es auch ohne Auferstehung. Seine „Grabtuchtheorie“ zur Erklärung der Entstehung des Christentums ist von verblüffender Einfachheit. Ihr Kern: Die Person auf dem Grabtuch ist nicht eine Spur des Auferstandenen, sondern der Auferstandene selbst. Sowohl die Auferstehungsberichte in den Evangelien als auch das Auferstehungsbekenntnis im 1. Korintherbrief lassen sich mit dieser These in Einklang bringen. Insbesondere eignet sich dafür die ausführliche Erläuterung des Apostels Paulus am Ende des ersten Korintherbriefes zum Wesen des Auferstehungskörpers, der himmlisch, nicht irdisch sei und ganz anders als der sterbliche Körper. Auch die in den Evangelien wiederholt auftauchende Unfähigkeit der Jünger, Jesus sogleich zu erkennen, stützt die „Grabtuchtheorie.“ De Wesselows wichtigste Quelle ist aber das apokryphe Petrusevangelium, das einzige Evangelium übrigens, dass die Auferstehung selbst beschreibt.

De Wesselow beschreibt das Szenario durchaus nicht abschätzig. Er beschreibt aufgrund eigener Erfahrung, dass man in der Nähe des Grabtuchs das Gefühl bekommen kann, nicht allein zu sein. Es ist einleuchtend, dass die Frauen und auch Petrus bei der Entdeckung des Abbildes auf dem Grabtuch an ein Wunder glaubten, und zumindest vorstellbar, dass sie aus dieser Entdeckung auch dann auf eine „Erhöhung“ des Gekreuzigten geschlossen hätten, wenn der Leichnam noch im Grab gewesen wäre (was de Wesselow annimmt). Anders wäre es ja auch nicht vorstellbar, dass sich so viele der Auferstehungszeugen für ihr Bekenntnis zu Tode foltern ließen.

Die Erscheinungen des Auferstandenen laut Paulus in 1 Kor 15,3-9 (erst dem Kephas, dann den 12, dann über 500 Brüdern auf einmal, dann allen Aposteln und schließlich ihm selbst als einer unzeitigen Geburt) wären dann jeweils Vorführungen des Grabtuches gewesen. Dabei sei das Grabtuch über Land gebracht und zwischenzeitlich in Damaskus deponiert worden, wo Saulus/Paulus versucht habe, es zu beschlagnahmen, und dabei bekehrt worden sei. Später habe man das Grabtuch nach Edessa gebracht, wo es Jahrhunderte später als „Mandylion“ wieder aufgetaucht und nach Konstantinopel überführt worden sei, von wo es beim 4. Kreuzzug geraubt worden sei. Schon in Edessa sei es recht bald weggeschlossen worden, worauf sich die nach und nach die Vorstellung von der Auferstehung als Wiederbelebung des Leichnams, ergo vom leeren Grab, etabliert habe. Diese sei dann in die Evangelientexte (anders als in den 1. Korintherbrief) eingeflossen.

Dass in den Texten niemals die Rede von einem Bild ist, ficht de Wesselow nicht an. Er erklärt das mit einer von der unsrigen stark abweichenden Wahrnehmung von Bildern zu jener Zeit und unter gläubigen Juden, um die es ja damals ausnahmslos ging. Obwohl diese Einschätzung angesichts der beträchtlichen Hellenisierung des Heiligen Landes zu weit gehen dürfte, ist es erlaubt anzunehmen, dass das Grabtuch als wundersam und „nicht von Menschenhand“ entstandenes Bild großen Eindruck gemacht haben muss.

Trotzdem stößt de Wesselow hier an seine Grenzen. Denn während manches in den Evangelien und den Paulusbriefen tatsächlich verblüffend gut zur „Grabtuchtheorie“ passt, gibt es eben auch Elemente, die ganz und gar nicht passen. Ganz besonders gilt das dafür, dass der auferstandene Christus in den Evangelien spricht und isst, nicht zu reden vom leeren Grab. Wesselows Lösung, hier ausnahmslos nachträgliche Verfälschungen zu erkennen, bezieht einen großen Teil ihrer Legitimation aus der Einschätzung, die Evangelien seien samt und sonders erst nach dem Jüdischen Krieg und der Zerstörung der Jerusalemer Gemeinde entstanden. Diese Einschätzung ist aber keineswegs unbestritten. Hugo Staudinger beispielsweise (Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien, Seite 40-43) sieht in einem Markus-Fragment mit Absätzen aus dem Jahr 50 einen Beleg dafür, dass zumindest dieses Evangelium bereits lange vor der Zerstörung des Tempels existierte, und zwar als redaktionell bearbeiteter Text; der betreffende Papyrus7Q5 stammt übrigens aus dem im Jahr 68 versiegelten Qumran-Rollen.

The Sign von Thomas de Wesselow ist ein anregendes Buch, besonders wenn man noch nicht viel über das Grabtuch gelesen hat. Der Verfasser argumentiert belesen und kreativ, und mit dem Grabtuch kennt er sich aus. Außerdem gelingt es ihm, eine Erklärung für die Entstehung des Christentum zu finden, die ohne eine übernatürliche Ursache auskommt. Auf den ersten Blick ist diese Erklärung so plausibel, dass es dem gläubigen Leser kalt den Rücken hinunterläuft – besonders bei der Vorstellung, dass der so grausam gemarterte Christus in Wirklichkeit tot geblieben sein sollte.

Gar so weit kommt es am Ende nicht, weil der Verfasser mit den frühchristlichen Quellen doch allzu großzügig umgeht. Es ist nicht überzeugend, wenn man alles, was nicht passt, für gelogen erklärt oder zumindest für einen Irrtum wegen des großen Zeitabstandes, gleichzeitig aber den jedenfalls größeren Zeitabstand des Petrusevangeliums (Entstehung wohl in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, sogar nach de Wesselows eigener Schätzung also mindestens 50 Jahre später als die synoptischen Evangelien) für so belanglos hält, dass man ihn nicht einmal erwähnt.

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War Christus Antikapitalist?

Harald Stollmeier am 16. April 2014

Buchbesprechung: Robert Grözinger, Jesus, der Kapitalist. Das christliche Herz der Marktwirtschaft

War Christus Antikapitalist? Kommt ganz darauf an, was man unter Kapitalismus versteht. In dieser Frage sind sich der Verfasser des Apostolischen Schreibens Evangelii Gaudium und der Verfasser von Jesus der Kapitalist keineswegs einig. Papst Franziskus symbolisiert geradezu die Distanz der katholischen Kirche zum Big Business, und außerhalb wirtschaftswissenschaftlicher Fachbereiche gelten Christentum und Kapitalismus weithin als Antagonisten. Tatsächlich scheinen reiche Menschen in den Evangelien nicht allzu gut wegzukommen, denkt man an Aussagen Christi wie die vom Kamel und dem Nadelöhr. Aber der libertäre Ökonom Robert Grözinger sichtet die Evangelien in seinem 2012 erschienen Buch mit dem provozierenden Titel Jesus, der Kapitalist aus einer völlig anderen Perspektive.

Denn für Grözinger ist der Kapitalismus diejenige Wirtschaftsordnung, die der Botschaft Christi am meisten entspricht. Allerdings, und das sagt Grözinger schon im ersten Kapitel deutlich, ist die Wirtschaftsordnung, die unsere Welt heute prägt, alles andere als kapitalistisch, alles andere als ein freier Markt. “Betrachtet man die Welt mit offenen Augen, so stellt man fest, dass an zahllosen Stellen die ‘Freiheiten des wirtschaftlichen Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Ungleichheit’ eingeschränkt werden, und zwar durch die Staaten – die ihrer Natur gemäß für sich das Monopol der Gewaltausübung auf ihrem Territorium beanspruchen.” (S. 23-24)

Da ist was dran. Staat und Banken sind nicht erst seit den Bankenrettungen infolge der Finanzkrise von 2008 eng verflochten, und jeder kann sehen, dass der Staat z. B. in Deutschland gewaltigen Einfluss auf die Investitionsentscheidungen von Unternehmen und Privatpersonen nimmt. Dieses System ist für Grözinger nicht durch die Botschaft Christi gedeckt.

Den Kapitalismus, für den er diese Deckung beweisen will, definiert er mit George Reisman als “ein auf Privateigentum an Produktionsmitteln basierendes Gesellschaftssystem. Sein Kennzeichen ist das Verfolgen materieller Eigeninteressen in Freiheit und es steht auf dem Fundament des kulturellen Einflusses der Vernunft. Auf seiner Grundlage und seiner wesentlichen Eigenschaft fußend, sind weitere Kennzeichen des Kapitalismus das Sparen und die Kapitalansammlung, Austausch und Geld, finanzielles Eigeninteresse und das Gewinnstreben, die Freiheitendes wirtschaftlichen Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Ungleichheit, das Preissystem, wirtschaftlicher Fortschritt und eine Harmonie der materiellen Eigeninteressen aller an ihm beteiligten Individuen.”

Den Kern von Grözingers Argumentation bildet die gründlich belegte These, dass Kapitalismus nach der von ihm vorgetragenen Definition nicht nur durch die Botschaft Christi gedeckt sondern sogar ihr korrekter Ausdruck ist, ja, ohne sie gar nicht möglich wäre. Es ist wahr: Wenn Gott in den Gleichnissen als Gutsbesitzer und Arbeitgeber (Weinberg) oder sogar als Geldverleiher (Talente) beschrieben wird, dann kann unmöglich eine Ablehnung von Unternehmertum daraus abgeleitet werden. Aus dem Gleichnis von den Talenten lässt sich sogar überzeugend die Zulässigkeit von Zinsen ableiten, allerdings mit weniger Wohlwollen, als es unternehmerischem Gewinn entgegengebracht wird, und anscheinend auch in geringerer Höhe.

Aber was ist mit dem Kamel und dem Nadelöhr? Hier findet Grözinger über seinen theologischen Gewährsmann Gary North einen Ausweg. Denn der bei Matthäus und Markus nicht näher beschriebene reiche junge Mann, der sein Vermögen nicht verschenken will und traurig fortgeht, ist bei Lukas ein “Oberster”, ein “archon.” Das bedeutet: Er bzw. sein Vater hat den Reichtum, um den es geht, auf unredliche Weise erworben, durch Unterdrückung und Machtmissbrauch. Und das ist in der Tat etwas völlig anderes als der Ertrag eines Weinbergs, gerade im Hinblick auf das Seelenheil.

Besonders lesenswert ist Grözingers Auseinandersetzung mit dem Sozialstaat und seiner Berufung auf den barmherzigen Samariter (S. 48-52). Wo der Samariter sein eigenes Geld einsetzt und u. a. den Wirt bezahlt, bei dem er den Verwundeten unterbringt, arbeitet der Staat mit dem zwangsweise erhobenen Geld Dritter und entzieht sich darüber hinaus der Verantwortung für die Redlichkeit der Mittelverwendung. Vielleicht am schlimmsten: Da alles auf Zwang beruht, sind die so erhobenen Leistungen der Bürger ethisch weitgehend wertlos.

Nicht alle Wertungen Grözingers wirken ausgereift. Dazu gehören die einseitige Abwertung des Pietismus als Fluchtreligion (noch dazu unter Berufung auf Peter Watson, The German Genius, wo gerade eine pietistische Verantwortungsethik das deutsche Bildungswunder bewirkt), aber auch die wohl doch etwas zu kurz greifende Einschätzung, obrigkeitsbejahende Aussagen von Christus (“Wenn Dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe mit ihm zwei”) oder Paulus (“Alle Obrigkeit ist von Gott”) seien im Wesentlichen Blendwerk für den römischen Geheimdienst.

Dennoch ist Grözingers Buch eine schlüssige und zum Nachdenken anregende Darstellung, die sich auf jeden Fall zu lesen lohnt (übrigens in vielleicht unerwartet friedlicher Nachbarschaft mit David Graebers Schulden: Die ersten 5000 Jahre). Und vielleicht hat er sogar Recht.

Robert Grözingers Jesus, der Kapitalist. Das christliche Herz der Marktwirtschaft, 170 Seiten plus Anmerkungen,  ist in der Edition Lichtschlag im Finanzbuchverlag erschienen und kostet 16,99 Euro.

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Das Gewissen: Frei und gebunden zugleich

Harald Stollmeier am 2. Februar 2014

Buchbesprechung: Josef Bordat, Das Gewissen

Unter dem Titel Das Gewissen hat der katholische Philosoph Josef Bordat Ende 2013 ein Buch vorgelegt, das sich im Untertitel als “Ein katholischer Standpunkt” versteht, in Wirklichkeit aber jedem Menschen etwas zu sagen hat, der sich für Bedeutung, Grundlagen und Grenzen der Gewissensfreiheit interessiert.
Das Buch beginnt mit Luthers “Ich kann nicht anders” und drei Beispielen für Menschen der Vergangenheit, die sich unter Berufung auf ihr Gewissen gegen die Gesetze ihrer Zeit stellten: Antigone, Martin Luther und Sophie Scholl. Schon dieser Einstieg macht zweierlei klar. Erstens: Wer sich auf das Gewissen beruft, erkennt Staat und Gesetze nicht als höchste Autorität an; etwas oder jemand stehen über ihnen. Zweitens: Gewissensfreiheit ist regelmäßig alles andere als bequem.

In sechs Abschnitten skizziert Josef Bordat die Entwicklung des Gewissensbegriffs und der korrespondierenden Vorstellung davon, was die höchste Autorität ist und fordert, die gegebenenfalls den Bruch der Gesetze legitimiert. Unweigerlich stößt man dabei auf das Naturrecht, vor allem in seiner Begründung durch Thomas von Aquin: Er beschreibt die praktische Vernunft des Menschen als Teilhabe an der absoluten Vernunft Gottes. Infolge dieser Teilhabe neigt der Mensch zum Guten und ist grundsätzlich fähig, es selbst zu erkennen, gegebenenfalls auch ohne an Gott zu glauben.

In den folgenden Jahrhunderten veränderte sich die Vorstellung vom Naturrecht und damit auch die Wertschätzung des Gewissens zum Beispiel mit der Kritik Schopenhauers (Gewissen als Ausdruck von Beliebigkeit) und Nietzsches (Gewissen als Krankheit).

Totalitäre Obrigkeiten können mit der Gewissensfreiheit nichts anfangen. Die Bundesrepublik Deutschland dagegen erkennt sie im Grundgesetz ausdrücklich an. Der Gottesbezug in der Präambel setzt hier den Maßstab, indem der in der eigentlichen Verfassung religiös neutrale Staat ausdrücklich anerkennt, dass es erstens einen absoluten Maßstab für menschliches Handeln gibt und  dass zweitens dieser Maßstab der Verfügungsgewalt von Menschen und Staaten entzogen ist.

In der Praxis führt die Gewissensfreiheit zu Konflikten, wenn ihr Gebrauch den Einzelnen dazu zwingt, sich gegen seine Umgebung zu stellen. Paradebeispiele in der Bundesrepublik Deutschland sind die obsolet gewordene Kriegsdienstverweigerung und die Gewissensfreiheit der Abgeordneten, die Bordat sorgfältig abwägend diskutiert (mit dem erlesenen Pofalla-Zitat), die Zweckmäßigkeit der Fraktionsdisziplin ausdrücklich anerkennend.

Abweichen unter Berufung auf Gewissensnot ist in unserer Gesellschaft die Ausnahme, und der wichtigste Indikatior dafür, dass es sich um echte Gewissensnot handelt, besteht für Bordat neben der Ernsthaftigkeit der Begründung darin, dass der “Verweigerer” regelmäßig bereit ist, Nachteile für sich persönlich in Kauf zu nehmen. Als Beispiele arbeitet er u. a. einen Berliner Apotheker und die hessische Landtagsabgeordnete Dagmar Mezger heraus.

Der Apotheker weigert sich, die “Pille danach” zu verkaufen – wegen ihrer abtreibenden Wirkung. Er bekennt sich dazu und wird zum Gegenstand von Agressionen, u. a. wird seine Schaufensterscheibe wiederholt zertrümmert.

Dagmar Metzger war die erste von vier hessischen SPD-Landtagsabgeordneten, die sich der Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin mithilfe der Linken verweigerten. Neben erheblichen Anfeindungen bedeutete dies für alle vier auch das Ende ihrer politischen Laufbahn.

Das Gewissen ist kein Joker, den man ziehen kann, wenn die Argumente ausgehen. Es ist ein realer moralischer Kompass, dem ein reales moralisches Magnetfeld entspricht. Für Josef Bordat ist es darüber hinaus ein “Geschenk Gottes” (S. 245), auf dessen leise Stimme insbesondere katholische Christen hören sollten.

“Und folgen wir dann seinem Ratschluss. Damit kann man nichts falsch machen. Schließlich können wir mit Blick auf das katholische Verständnis des Gewissens die Haltung des Paulus verstehen und annehmen, der den Christen Roms in ihrer spannungsreichen Situation, in ihrem Dauerkonflikt mit Staat und Gesellschaft, Mut macht, zu der Überzeugung zu gelangen, “dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes” (Röm 3,27). Und Rom ist heute überall.”

Josef Bordats Buch Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt, 245 Seiten, ist im Lepanto Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro. Es ist ebenso gehaltvoll wie gut lesbar und hat das Zeug zum Standardwerk.

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Der Eisvogel