Archiv für die Kategorie 'Integration'

Das Gute, das Böse und unsere Optionen

Harald Stollmeier am 21. Dezember 2016

Der Lkw-Mordanschlag von Berlin hat zwölf Menschen das Leben gekostet – Menschen, die in wenigen Tagen Weihnachten feiern wollten, und das Leid der Verletzten sollte man auch nicht vergessen. Es steht noch nicht fest, dass der Anschlag das Werk von Islamisten ist, aber die Analogie zum Anschlag von Nizza macht das wahrscheinlich. Wie gehen wir damit um?
Am leichtesten haben es die mutmaßlichen Urheber, die Da’esh-Barbaren. Sie brauchen sich nur zu dem Anschlag zu “bekennen” und zu hoffen, dass ihre Saat aufgeht. Auch führende AfD-Politiker brauchen sich nicht mit Nachdenken aufzuhalten: Sie wissen schon, dass die Bundeskanzlerin schuld ist.
Mehr aber und Weiseres erwarte ich von jenen Mitmenschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und das mit dem Bekenntnis zu unseren Werten und unserer Freiheit zeigen. Ich erwarte Weiseres von ihnen als die achselzuckende Feststellung, absolute Sicherheit könne es nicht geben. Sollten wir mehr nicht zu bieten haben als tapferes Nichtstun? Ich glaube, gar so hilflos sind wir nicht.

Erstens betrifft das die Frage der Sicherheit: Die wenigsten Mitmenschen fordern “absolute” Sicherheit. Die meisten wären mit “nennenswert mehr” Sicherheit zufrieden, und mehr Sicherheit bedeutet vor allem: mehr Polizisten. Das kostet Geld, und es geht nicht von einem Tag auf den anderen. Im Gegensatz zu schärferen Gesetzen, deren Einhaltung sowieso nicht flächendeckend sichergestellt werden kann, bringt es aber nachhaltigen Nutzen.

Zweitens haben wir alle, wirklich alle, Einfluss auf die Aufmerksamkeitsökonomie, in deren Rahmen Terrorismus stattfindet und überhaupt nur eine Wirkung hat. Terrorismus ist Kommunikation, und das Ziel dieser Kommunikation ist in diesem Fall die Zerstörung des inneren Friedens. Die Da’esh-Terroranschläge in Europa wollen den Bürgern das Vertrauen in den Rechtsstaat nehmen und Muslimen und Nichtmuslimen das Vertrauen zueinander. AfD & Co. wirken bei diesem Projekt als nützliche, vielleicht auch willige Idioten mit. Dasselbe gilt aber auch für Muslime, egal ob privat oder in einem Verbandsamt, die keine Gelegenheit vorüberstreichenlassen können, sich und ihre Glaubensgeschwister als unterdrückt zu zelebrieren.

Keine Frage: Natürlich müssen Probleme angesprochen werden. Aber wer immer nur die Probleme beschreibt (oder anklickt!) und niemals die Lösungen, der macht die Arbeit der Terroristen. Erinnern Sie sich noch an die “Scharia-Polizei”? Ein halbes Dutzend Jugendlicher mit improvisierten Kostümen belästigen ein paar Dutzend Passanten und werden zum Top-Nachrichtenereignis. Oder erst kürzlich: Ein Berliner Busfahrer schickt eine Halbstarke mit Kopftuch nach wiederholter Ermahnung wegen Döneressens aus dem Bus (vielleicht unnötig rigide) – und wird als “Rassist” zum Gegenstand eines Shitstorms.

Wenn bei guten Taten und geglückten Projekten das Verhältnis von Aufwand und öffentlicher Aufmerksamkeit ähnlich wäre, mal im Ernst: Würden dann nicht echte und weniger echte Diskriminierungen von Muslimen (und anderen Minderheiten) ebenso wie die meisten islamistischen Aktivitäten als das behandelt, was sie sind, nämlich Ausnahmen in einer Gesellschaft, in der erstaunlich viel friedlich gelingt? Natürlich würde es dann immer noch islamistische Terrormorde geben. Aber den meisten von uns wäre klar, dass die zwar möglicherweise etwas mit dem Islam zu tun haben, aber ziemlich sicher nichts mit den Muslimen, denen wir auf der Straße oder in der S-Bahn begegnen. Auch weil denen wiederum nicht nur wie schon heute klar ist, dass sie unschuldig sind, sondern auch, dass sie keinen größeren Feind haben als die Fanatiker, die in ihrem Namen morden.

“Bad news are good news”, heißt es bei Zeitungsverlegern und natürlich auch bei Twitter und Facebook. Aber für wen? Und vor allem: Durch wen? Ich denke, durch uns. Und das muss nicht so bleiben.

 

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Das Foto

Caroline Stollmeier am 3. September 2015

Ich bin nicht alleine. Und das ist der einzige kleine Funke Hoffnung, den ich an diesem Tag habe, an dem ich gemeinsam mit der Welt fassungslos, wütend, traurig, fluchend, hilflos, sprachlos, verzweifelt und mit Tränen in den Augen unfreiwillig auf das Foto hier des im Mittelmeer ertrunkenen kleinen Jungen schaue. Ich bin nicht alleine in diesem Chaos an Gefühlen. Aber vor allem mit dem dringenden Wunsch, dass so etwas nie wieder passieren soll. Hoffentlich. Endlich.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich zu Fotos eine besondere Beziehung habe. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass man manche Bilder gesehen haben muss, damit man begreift – und nie mehr vergisst. Natürlich wäre es schön, wenn man die Wahl hätte und sich innerlich wappnen könnte (wie beispielsweise auf dieser Website hier, die ausschließlich nachts die Fotos abgetriebener Kinder freischaltet, damit man so etwas nicht beim zufälligen Vorbeisurfen sieht). Aber die neuen Medien funktionieren eben inzwischen anders.

Für mich als Mutter und als Mensch ist im Moment nicht entscheidend, welche die wahren Beweggründe der Migration dieser und anderer Familien sind (mit denen sich offensichtlich Ungebildete und/oder Herzlose eh besser auskennen… *Ironie off*) oder was da auf dem Mittelmeer genau passiert ist. Ich muss auch nicht das Gesicht des Jungen sehen. Und ich wundere mich auch nicht, dass die Fotografin den Auslöser gedrückt hat. Hier ist ein kleines Kind gestorben. Und das ist unendlich trauig. Punkt.

Jeder, der es gesehen hat, trägt nun das Foto des Jungen in sich. Das ist etwas, das bleibt. Und es ist so viel mehr als von den unzähligen anderen Kindern bleiben wird, die bisher auf der Flucht umgekommen sind und die zweifellos auch in der nächsten Zeit noch sterben werden.

Trauer lähmt und Wut blockiert, aber in all dem Schmerz steckt auch Kraft. Ich wünsche mir, dass wir, die vielen Menschen, die sich heute so fühle wie wir uns fühlen, diese Kraft erkennen und nutzen, damit wir in Zukunft keine ähnlichen Bilder mehr sehen müssen. Weil wir dazu beitragen können, dass so ein Unglück verdammt noch mal nicht wieder passiert!

 

#‎KiyiyaVuranInsanlik‬

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Nicht nur ein Problem der Muslime

Harald Stollmeier am 15. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen, Piper Verlag, 14,99 Euro

Über 500 Jugendliche aus Deutschland sind nach Syrien gegangen, um sich ISIS anzuschließen. Unter ihnen waren fünf ehemalige Schüler von Lamya Kaddor. Grund genug für die engagierte Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der Frage nachzugehen, wie so etwas möglich ist: Warum lassen sich deutsche Jugendliche zu Krieg und Terrorismus verführen?

Einen Grund sieht Lamya Kaddor in der sozialen Lage der Jugendlichen: Bildungsmängel, Perspektivlosigkeit, bei vielen Migrantenkindern darüber hinaus das Gefühl der Ausgrenzung. Und dann kommen die Salafisten. Sie verstehen viel davon, wie man unsichere Jugendliche anspricht, ihnen ein “warmes Nest” in einer Gruppe bietet, sie von ihren Eltern und ihrer bisherigen Umgebung isoliert. Vom Islam verstehen sie weniger, sind aber schnell damit bei der Hand, weniger radikale Muslime zu Ungläubigen zu erklären.

Lamy Kaddor belegt, dass ein solcher Alleinvertretungsanspruch absurd ist. Diskussionen über die Auslegung von Koranversen haben von Anfang an zum Islam gehört. Und eine von allen Muslimen anerkannte Autorität, wie sie allein einen Dschihad im Sinne eines Krieges gegen Ungläubige ausrufen könnte, hat es seit dem Tode Muhammads nicht mehr gegeben. Aber wer erst einmal im Lager der Salafisten ist, den erreichen solche Hinweise nicht mehr; nur sehr selten gelingt es Angehörigen, verführte Jugendliche aus diesem sektenartigen Umfeld herauszuholen.

Was kann man tun? Lamya Kaddor warnt eindringlich davor, die Angelegenheit als “ein Problem der Muslime” zu betrachten. Und schon allein der Umstand, dass auch Konvertiten in den “Dschihad” ziehen, spricht dafür, dass sie Recht hat. Im Übrigen formuliert die Autorin keine abschließenden Antworten. Aber ihre vorläufigen Antworten leuchten uneingeschränkt ein.

Die Mehrheitsgesellschaft kann sich und andere schützen, indem sie absichtliche und unabsichtliche Ausgrenzungen abbaut. Das beginnt damit, muslimische Mitbürger nicht vorrangig als Muslime zu betrachten, weil das in Wirklichkeit nur ein Teil ihrer Identität ist. Viele von ihnen verstehen sich wie Lamya Kaddor selbst als Deutsche oder sind auf dem Weg dorthin; ein Zurück in die Herkunftsgesellschaft der Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern ist fast immer unmöglich. Wer sich in einer solchen Situation immer wieder auf seine Religion reduziert sieht, gerät in Versuchung, diese Zuschreibung zu akzeptieren.

Den deutschen Staat ruft Lamya Kaddor auf, seine Haltung zu dem Muslimen zu überdenken und insbesondere das Monopol der vier Muslimverbände aufzuheben, mit denen allein deutsche Behörden verhandeln. Denn diese Verbände mit ihren konservativen Islamauslegungen vertreten nicht die Mehrheit der deutschen Muslime. Ferner sieht die Autorin einen wichtigen Beitrag des Staates im weiteren Ausbau des islamischen Religionsunterrichts, der die Entwicklung junger Muslime zu mündigen muslimischen Bürgern zum Ziel hat; die Didaktik der Koranschulen dagegen beschränke sich auf ein Auswendiglernen, das von wirklichem Verstehen weit entfernt ist.

Die größte Aufgabenlast weist Lamya Kaddor den deutschen Muslimen zu. Sie ruft sie auf, eigene Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, die realen Integrations- und Aufstiegsmöglichkeiten zu nutzen und vor allem: das eigene Verhältnis zum Islam zu überdenken. Besonders gilt das für den Begriff der Umma, der Gemeinschaft aller Gläubigen. Sie wird weithin als monolithischer Block verstanden, obwohl jeder sehen kann, dass es eine große Vielfalt ist. Wenn es den Muslimen gelingt, diese Vielfalt nicht als Defizit, sondern als Reichtum zu begreifen und als Ausdruck der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Muslimen vor Gott, wenn sie Meinungsvielfalt unter Muslimen zulassen, dann graben sie Islamisten und Salafisten das Wasser ab.

An dieser Stelle können Muslime und Mehrheitsgesellschaft einander die Hand reichen. Denn auch wir neigen zu einer vereinfachten Sicht von Muslimen und Islam. Lamya Kaddor weist nach, dass Islamisten/Salafisten und Islamhasser im Grunde genau dasselbe – falsche – Islamverständnis haben.  Jeder, der dieses Buch liest und versteht, kann Lamya Kaddor helfen und dazu beitragen, dass sich das herumspricht.

Nicht lustig, Aber wahrscheinlich ein nützliches Buch.

Nicht lustig. Aber wahrscheinlich ein nützliches Buch.

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Durch die Augen des Anderen

Harald Stollmeier am 9. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Michael Rubinstein, So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland, Patmos Verlag 2013, 183 Seiten, € 17,99

Eigentlich müssten sie Feinde sein, einander aus tiefster Seele hassen, bestenfalls einander auf Dauer aus dem Wege gehen. Aber die Muslimin Lamya Kaddor und der Jude Michael Rubinstein sind Freunde. Und mit ihrem 2013 erschienenen Buch So fremd und doch so nah leisten sie Juden und Muslimen gemeinsam einen Freundschaftsdienst – und Deutschland. Auf 183 leicht lesbaren Seiten diskutieren sie, was das Leben in Deutschland für sie und das Verhältnis von Juden und Muslimen zueinander ausmacht, vom Nahostkonflikt über die Shoah, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, Religion und Säkularität bis zum Migrationshintergrund und zur Lage als religiöse Minderheit.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin in Dinslaken, Michael Rubinstein Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Beide sind Deutsche und verstehen sich als Deutsche. Und beide nennen Deutschland ihre Heimat. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit aber ist ihr Mangel an Fanatismus. Sie hören einander zu, nehmen die Erfahrungen des anderen ernst und belegen, dass Juden und Muslime in Deutschland ähnliche, wenn auch nicht genau gleiche Erfahrungen machen.

Als „mehrheitsdeutscher“ Leser nehme ich an diesem Dialog teil. Ich bin nicht Adressat, aber alles geht mich an. Und gerade weil Lamya Kaddor und Michael Rubinstein die schrillen Töne meiden – man hört geradezu das Knacken der Scheite im Kamin, wenn man ihr Gespräch liest –, macht ihre Kritik an der Mehrheitsgesellschaft betroffen.

Wenn Lamya Kaddor aufgefordert wird, dahin zu gehen, wo sie herkommt, dann weiß sie, dass nicht Ahlen in Westfalen gemeint ist, und als Michael Rubinstein anlässlich seiner Kandidatur für das Duisburger Oberbürgermeisteramt gefragt wurde, woher er das Geld dafür habe, da sollte das kränken. Aber nicht nur die plumpen Angriffe stören das Heimatgefühl, auch harmlosere Aussagen von Menschen, die es nicht eigentlich rassistisch meinen. Und sogar ein Kompliment kann ausgrenzend wirken, wenn am „Sie sprechen aber gut deutsch“ erkennbar wird, dass man einer Frau mit schwarzen Haaren auch ohne Kopftuch nicht viel zutraut.

Zwischen Lamya Kaddor und Michael Rubinstein bleibt nichts ungesagt: Islamischer Antisemitismus kommt ebenso auf den Tisch wie „Price-Tag“-Anschläge israelischer Siedler auf Palästinenser. Aber diese beiden klugen Menschen leben vor, dass kein Jude, kein Muslim gezwungen ist, hier in Deutschland Stellvertreterkriege zu führen.

Tatsächlich haben Juden und Muslime große Gemeinsamkeiten, insbesondere als religiöse Minderheiten in Deutschland, und die Autoren werben mit Recht dafür, dass diese Gemeinsamkeiten zur Grundlage gegenseitigen Verstehens und gemeinsamen Handelns werden. Übrigens sind das oft Gemeinsamkeiten, die auch gläubige Christen teilen. Deren kulturelle Bedeutung schätzen die Autoren richtig, ihren politischen Einfluss aber zu hoch ein.

Aber gerade als gläubiger Christ kann man nicht anders als zuzustimmen, wenn Lamya Kaddor sich wünscht, dass ihre nichtmuslimische Umgebung einfach wüsste, warum sie und ihre Freunde strahlen, wenn der Ramadan zu Ende geht und das Opferfest bevorsteht. Und wenn ich lese, wie Michael Rubinstein in der Synagoge neben seinem Vater betet, der auf dem Platz des verstorbenen Großvaters sitzt, dann denke ich an meinen Vater, der schon fünfzehn Jahre tot ist, und verstehe, dass auch andere Religionen nicht nur Glaube und Lebensphilosophie sind, sondern auch Heimat – und die Heimat der Menschen, die wir lieben.

So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein ist ein Buch, das nicht nur Juden und Muslime lesen sollten, sondern alle Menschen guten Willens; dem guten Willen kann das nur gut tun.

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

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Das Dilemma der friedlichen Muslime

Harald Stollmeier am 14. Januar 2015

ISIS foltert und tötet vor laufenden Kameras, Boko Haram brennt ganze Städte nieder, und soeben haben die Pariser CharlieHebdo-Attentäter bewiesen, dass der Islamismus auch in Europa eine Gefahr ist (und dass Islamisten für das Ermorden von Juden überhaupt keinen Anlass brauchen). In Deutschland diskutieren wir jetzt, ob der Islam ein Teil des Problems ist. Unter die Räder kommen dabei nicht die Islamisten – die hassen uns sowieso –, sondern die vielen, vielen Muslime, die hier bei uns einfach nur in Frieden leben wollen.

Immer wenn Islamisten im Namen des Propheten morden, werfen sie zwei Fragen auf. Die erste: Ist ihre Auslegung des Korans zulässig oder gar maßgeblich? Die zweite: Wenn ja, wie sollen wir dann mit den Muslimen unter unseren Mitbürgern umgehen?

Zu den Anhängern der These von der Maßgeblichkeit der islamistischen, also mörderischen Auslegung des Islams gehören eine ganze Reihe einflussreicher Muslime, nicht zuletzt der ISIS-Anführer und selbsternannte Kalif al-Baghdadi und wohl auch der Londoner Imam Anjem Choudary, der die Pariser Morde öffentlich wenn nicht gerechtfertigt so doch verteidigt hat. Und zunehmend findet diese Auslegung auch außerhalb des Islams Anhänger. Man muss es zu Ende denken: Wenn diese Menschen Recht haben, dann ist die Ausweisung aller Muslime, sozusagen eine religiöse Säuberung, unausweichlich. Die Befürworter dieser Lösung – noch hängt sie nicht an der großen Glocke – könnten immerhin anführen, dass die „andere Seite“ mit diesem Prozess bereits begonnen hat.

Gar so finster wird es nicht kommen. Denn weder der selbsternannte Kalif noch die Antikalifen haben Recht. Das beweist schon allein die Existenz anderer, keineswegs marginaler Auslegungen in der muslimischen Welt. Das beweisen zum Beispiel die Rechtsgutachten des jordanischen Scheichs Issam Barkawi Abu Mohammed Al-Makdissi (nicht gerade ein Liberaler) und von sechs britischen Islamgelehrten gegen den ISIS-Terror. Man kann ausschließen, dass diese Islamgelehrten die ISIS-Mörder wider besseres Wissen zu Häretikern erklären, nur um den Westen in Sicherheit zu wiegen.

Maßgeblich ist die Islam-Auslegung der Islamisten also nicht. Ihre vollständige Unzulässigkeit ist allerdings schwerer nachzuweisen, trotz Rechtsgutachten. Denn in der muslimischen Welt gibt es keine Autorität, der alle anderen das letzte Wort zugestehen. Sie kennt weder Papst noch Konzile. Die Auslegung des Islams (Koran, Hadithe, Rechtsgutachten) ist sozusagen eine demokratische Angelegenheit. Das bedeutet: Wenn eine Auslegung von einer nennenswerten Zahl von Muslimen gelebt wird, muss man akzeptieren, dass sie dazu gehört. Insofern sind Aussagen wie „Das ist nicht der Islam“ erfreuliche, oft auch gewichtige Meinungsäußerungen, aber keine Definitionen oder Urteile, die irgendwie verbindlich wären über die Jurisdiktion der jeweils publizierenden Institution hinaus. Es hilft nichts: Die Morde haben etwas mit dem Islam zu tun. Schlimmer noch: Es ist nicht absehbar, dass die muslimische Welt den Mördern die Legitimation entziehen kann.

Was bedeutet das für die Muslime in Deutschland? Es bedeutet, dass ihnen die Konfrontation mit den in ihrem Namen, aber nicht in ihrem Auftrag verübten Verbrechen treu bleiben wird. Sie werden immer wieder deutlich machen müssen, dass sie diese Dinge verurteilen. Sie werden sich bei zahlreichen (nicht allen) Glaubensbrüdern im Nahen Osten unbeliebt machen müssen mit einem klaren Bekenntnis zum Grundgesetz inklusive voller Religionsfreiheit, die das Recht zum Abfall vom Islam einschließt. Damit wird es ihnen gelingen, eine nachhaltige Vertrauensgrundlage zu schaffen. Denn wenn die Zugehörigkeit zum Islam offensichtlich freiwillig ist, sind die Besonderheiten, die das Leben der Muslime betreffen, grundsätzlich in Ordnung.

Sowohl der selbsternannte Kalif als auch diejenigen Antiislamisten, die seine Auslegung für maßgeblich halten, werden solche Festlegungen der deutschen Muslimverbände für unzulässig erklären. Ich behaupte dagegen: Wenn eine bestimmte Auslegung des Islams in einem bedeutenden Land von Millionen von Muslimen gelebt wird, dann ist sie zulässig – mindestens so zulässig wie die Auslegung, die in Saudi-Arabien gilt und von dort aus mit viel Geld weltweit beworben wird. Und dass eine Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime damit sehr gut leben könnte, halte ich für so gut wie sicher. Genaugenommen ist das insofern bereits dokumentiert, als man es in der Charta der Muslime in Deutschland vom 20. Februar 2002 nachlesen kann.

Natürlich sind damit nicht alle Probleme gelöst. Aber der deutsche Staat wird Muslimverbände, die sich dieser Charta anschließen oder gleichwertige Stellungnahmen dokumentieren, guten Gewissens als ehrliche Gesprächspartner betrachten können – wie den Liberal-Islamischen Bund zum Beispiel, der so gut wie alle Vorurteile gegen Muslime widerlegt und dessen 1. Vorsitzende Lamya Kaddor sowohl bei Rechtsradikalen als auch bei Islamisten verhasst ist. Und er wird ihnen Rückendeckung geben können bei der notwendigen Aufgabe, grundgesetzwidrige Islamauslegungen, für die etwa Pierre Vogel steht, nachhaltig zu isolieren. Er wird nicht nur können. Er wird müssen.

Reden müssen wir übrigens auch über den Beitrag der Medien in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die jahrelanges Engagement für Integration wie beim SV Rhenania Hamborn oder auch konstruktive Arbeit in Lehre und Forschung wie bei Prof. Mouhanad Khorchide nicht ernster nehmen als einen einmaligen Auftritt einer improvisierten “Scharia-Polizei” von sechs oder sieben Jugendlichen in Wuppertal.

Die einzelnen Muslime sind übrigens weder heute noch morgen verpflichtet, zum Islamismus Stellung zu beziehen. Allerdings wird man das umso weniger von ihnen fordern, je überzeugender es ihre Vereine und Verbände für tun.

Vor allem aber hat jeder einzelne Muslim das Recht, vorrangig als Individuum betrachtet und danach beurteilt zu werden, was er selbst sagt und tut, und als Mitglied seiner Religionsgemeinschaft erst, wenn überhaupt, sekundär. So wie jeder andere Bürger auch. So wie jeder andere Mensch auch. Das ergibt sich nicht aus ihrem Auftreten. Das ergibt sich aus unseren rechtsstaatlichen Grundsätzen und, soweit wir Christen sind, aus unserem eigenen Glauben.

Kein Bürger, ob er nun Atheist ist oder sich zu einer anderen Religion bekennt, ist zu irgendwelchen Zugeständnissen an den Islam verpflichtet. Aber jeder Bürger ist verpflichtet, die Rechte der anderen Bürger zu achten. Und der Staat ist verpflichtet, die Rechte aller Bürger, auch der muslimischen, zu achten und zu schützen. Aller muslimischen Bürger, auch der Frauen und Mädchen; niemand kann versprechen, dass es keine Konflikte geben wird.

Christen sind übrigens in besonderem Maße an dieses Gebot der Betrachtung des einzelnen Menschen gebunden. Das lässt sich vielfach belegen. An dieser Stelle sollen der Hinweis auf das Gebot der Nächstenliebe und die Zusage Christi an den mit ihm gekreuzigten Schächer genügen, der seine Schuld bekennt und um Erbarmen bittet: „Noch heute sollst Du mit mir im Paradiese sein.“ Man darf, ja sollte falsches Handeln verurteilen und aufhalten (bestrafen ggf. auch). Man darf natürlich einem irrigen Glauben widersprechen (beziehungsweise, neutraler formuliert, einem Glauben, den man für irrig hält). Aber der einzelne Mensch ist Gottes Ebenbild und so zu behandeln. Und wenn er auf einem Irrweg ist, kann er bis zum letzten Moment seines Lebens umkehren. Ist ja schon vorgekommen.

Mein Mitgefühl gilt...

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Die Flucht überlebt – und dann?

Caroline Stollmeier am 27. November 2014

„In Deutschland gibt es auch Armut. Wir brauchen keine Flüchtlinge hier!“ So oder so ähnlich denken anscheinend viele Menschen in unserem Land. Flüchtenden stehen sie mindestens skeptisch, manchmal aber sogar offen ablehnend gegenüber. Die Don Bosco Volunteers in Münster haben genauer hingeschaut und sind überzeugt, dass mehr Wissen um die wahre Situation auch zu einem differenzierteren Urteil über die Fremden in unseren Städten führt. Deshalb haben sie Anfang der Woche zu einem Informations- und Diskussionsabend unter dem Motto „geflohen, geduldet, abgeschoben – Münsters Flüchtlinge zwischen Hoffnung und Ausgrenzung“ eingeladen.

Die Aula des Von-Detten-Kollegs war an diesem Abend mehr als gut gefüllt mit engagierten, neugierigen, aufgeschlossenen jungen Menschen. Insbesondere als S. aus Indien, der seit März diesen Jahres in Europa ist und inzwischen in einem benachbarten Männerflüchtlingsheim lebt, schüchtern, aber offen seine Geschichte erzählt, ist es mucksmäusschenstill im Raum. Alle wollen lernen, wollen verstehen, wollen helfen.

Tatsächlich wird schnell klar, dass die Situation der Flüchtlinge kompliziert ist, und dass es leicht ist zu einem falschen Urteil zu kommen, wenn man nicht genügend Fakten kennt. Beispielweise wird deutlich, dass „Armut“ in den meisten Fällen nicht der Grund für die Flucht ist, sondern konkrete, bedrohliche Konflikte. Auch stimmt es nicht, dass „alle Menschen nach Europa wollen“. Der größte Teil der geschätzt 45 Millionen Menschen weltweit, die zur Zeit auf der Flucht sind, bleiben in der Nähe ihrer Herkunftsregionen. Und wenn man alleine auf Deutschland schaut, dann liegen wir mit dem Verhältnis von Asylanträgen zur Einwohnerzahl im europäischen Vergleich gerade mal im unteren Mittelfeld.

In den letzten Jahren starben schätzungsweise 25.000 Menschen beim Versuch, Europa zu erreichen, die meisten von ihnen ertranken im Mittelmeer. Veranschaulicht wurde diese unvorstellbare Zahl durch eine über 40 m lange Tapetenrolle, die die Don Bosco Volunteers mit Informationen über die Verstorbenen beschrieben und im Treppenhaus ausgerollt hatten.

Das Bild, das vom Umgang mit Flüchtlingen in unserem Land gezeichnet wird, ist nicht schön. Die Veranstalter empfehlen als Einstieg in das Thema den Film „Abschiebung im Morgengrauen“. Die Abschiebung ist ein Schicksal, das Flüchtlinge auch nach Jahren in Deutschland noch ereilen kann, wenn sie lediglich „geduldet“ sind.

Die Bearbeitung der Asylanträge und die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolgs hängen von auf den ersten Blick undurchschaubar vielen Faktoren ab. Besonders wichtig sind bestimmte Fristen bzw. deren Ablaufen, aber auch der einzelne Mitarbeiter in der Ausländerbehörde hat anscheinend großen Einfluss auf den Einzelfall. Natürlich spielt auch der Grund für die Flucht eine große Rolle. Es muss eine strukturelle Verfolgung und nicht „nur“ eine persönliche Bedrohung vorliegen. Auch religiöse Verfolgung ist in den meisten Fällen schwer nachzuweisen und gilt deshalb praktisch nicht als Grund für Asyl. Wer wirksam etwas Sinnvolles für Flüchtlinge in Deutschland tun möchte oder gar eine Abschiebung verhindern möchte, der braucht quasi Insiderwissen.

Sprachkurse werden beispielsweise erst für Flüchtlinge bezahlt, die schon eine höhere Bearbeitungsstufe erreicht haben. Davor haben die Menschen praktisch keine Möglichkeiten deutsch zu lernen, es sei denn es gibt Organisationen oder Initiativen, die das kostenlos anbieten. Ohne Sprachkenntnisse ist es natürlich noch schwieriger, sich im Behördendschungel zurecht zu finden.

Flüchtlinge können sich in den allermeisten Fällen nicht aussuchen, in welcher Stadt sie untergebracht werden (und aufgrund der Residenzpflicht dürfen sie sich auch nicht weit davon entfernen). Oft kennen sie dort niemanden. Schön, wenn es dann Organisationen gibt, die diese Menschen an einem Ort persönlich willkommen heißen und bei den ersten Schritten behilflich sind.

Sind die Flüchtlinge erst in den Unterkünften (und das sind oft genug Container oder baufällige Gebäude), sind sie meistens sich selber überlassen. S. berichtet davon, dass er sich überwiegend in seiner Unterkunft aufhält, sein Essen kocht und höchstens ab und zu eine Runde mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt.

Um Geld geht es in den meisten Fällen vorrangig nicht. Auch S. antwortet auf die Frage, was er sich im Moment am meisten wünscht, bescheiden, dass das eine Verlängerung seines Visums um ein Jahr ist.

Es ist nötig, vom Vorurteil weg und zum Einzelfall hin zu schauen, damit wir sehen, dass sich in unserem Umgang mit Flüchtenden grundsätzlich etwas ändern muss.

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Beschneidung: Zwei Welten treffen aufeinander

Harald Stollmeier am 16. September 2012

Gläubige Juden haben im Grunde keine Wahl: Die Beschneidung männlicher Säuglinge ist für sie göttliches Gebot und entscheidendes Zeichen des Bundes. Jüdische Eltern lassen ihre Söhne in der Überzeugung beschneiden, damit dem Kindeswohl zu dienen.

Der deutsche Staat hat im Grunde auch keine Wahl: Er ist dem Schutz des Individuums verpflichtet. Es ist ziemlich sicher, dass der deutsche Staat die Brit Mila nicht für rechtmäßig erklären kann, ohne gegen das Grundgesetz zu verstoßen. Das Urteil des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 2012 ist einfach eine konsequente Anwendung der Gesetze, die insbesondere die Rechtmäßigkeit chirurgischer Eingriffe regeln. Und der Staat hat nicht das Recht, das Recht seiner Bürger auf körperliche Unversehrtheit zu beschränken.

Hier treffen zwei Welten aufeinander, obwohl eine sehr große Mehrheit des Deutschen Bundestages das überhaupt nicht will. Sie hat in einem Entschließungsantrag den Willen ausdrückt, die religiöse Beschneidung unter bestimmten Bedingungen für zulässig zu erklären.

Aber zugleich fordert eine gut wahrnehmbare Minderheit der Bevölkerung teils mit, teils ohne Unbehagen, im Zweifelsfall müsse das Recht des Säuglings auf körperliche Unversehrtheit über der Religionsfreiheit der Eltern stehen. Auch die wohlwollenden Vertreter dieser Haltung verstehen nicht, wo das Problem liegt. Warum, fragen sie, sollen denn die jüdischen (und natürlich erst recht die muslimischen) Jungen nicht erst nach Eintritt ihrer Religionsmündigkeit selbst entscheiden, ob sie beschnitten werden wollen?

„Die Thora einschließlich der sogenannten Mündlichen Thora ist in dieser Frage eindeutig“, erläutert Rabbiner Yaacov Zinvirt, Mitglied der Orthodoxen Rabbiner Konferenz Deutschland, „wir müssen unsere männlichen Kinder bis zum achten Tag nach der Geburt beschneiden.

Es gibt jedoch nach der Überlieferung der Mündlichen Thora verschiedene Gründe, die Moses dazu veranlassten, seinen Sohn erst später beschneiden zu lassen. Die Tatsache, dass G´tt ihn dafür bestrafen wollte, zeigt jedoch den großen Fehler, den Moses wegen der verspäteten Beschneidung seines Sohnes beging.

Vor der Thoraübergabe gibt es andere Zeitangaben zur Beschneidung unserer Vorfahren, bindend für uns sind jedoch die Gesetze, die uns am Berge Sinai gegeben wurden, und eines ist die Beschneidung unserer Söhne am achten Lebenstag.“

Eine Reform der Brit Mila im Sinne der Forderungen des Kölner Landgerichts ist also nahezu oder ganz unmöglich. Wie steht es mit der Forderung des Deutschen Bundestages nach der Vermeidung unnötiger Schmerzen, die sich auch in der vorläufigen Berliner Regelung wiederfindet?

„ Es gibt unterschiedliche Meinungen, in wie weit der Schmerz bei einer Beschneidung gemindert werden kann“, sagt Rabbiner Yaacov Zinvirt, „eine Narkose ist jedoch für einen Säugling weitaus risikoreicher.“

Einem möglichen Verbot der Brit Mila sieht Rabbiner Yaakov Zinvirt letztlich gelassen entgegen: „Wenn es ein Gesetz gäbe, das die Beschneidung von Söhnen im Alter von acht Tagen verbietet, so verweise ich auf dunkle Zeiten der Vergangenheit, in denen das jüdische Volk trotz aller Schwierigkeiten und Verbote (auch in der Zeit der Griechen, Römer, Inquisition, 20. Jahrhundert) seine Jungen beschnitten hat und an diesem Gesetz, das ein Bestandteil seiner Religion ist, festhielt.“

Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat des 21. Jahrhunderts kann kein Interesse haben, sich in die Liste der Unterdrücker des Volkes Israel einzutragen. Ohnehin müssen sich auch radikale Beschneidungsgegner fragen lassen, ob sie den Polizeistaat wirklich wollen, ohne den ein Beschneidungsverbot jedenfalls nicht durchzusetzen wäre. Ob nun Arztpraxen oder Privatwohnungen überwacht würden, oder ob erst bei der Schuleingangsuntersuchung die Eltern beschnittener Jungen nachweisen müssten, dass die Beschneidung medizinisch notwendig war – unser Land würde sich zu seinem Nachteil verändern.

Dieses Problem hat der Deutsche Bundestag nicht. Er muss nur in absehbarer Zeit ein Gesetz verabschieden, das nicht sofort vom Bundesverfassungsgericht kassiert wird. Zugleich soll es auf keinen Fall – das steht schon im Entschließungsantrag – die verstümmelnden Mädchenbeschneidungen ermöglichen, die zumeist auch unter Berufung auf die Religion, in diesem Fall den Islam, durchgeführt werden.

Schon allein deshalb darf die Begründung des Gesetzes nicht in der großen religiösen Bedeutung der Jungenbeschneidung vor allem im Judentum liegen, denn der Rechtsstaat ist zu theologischen Aussagen nicht berufen, und innerhalb seiner eigenen Logik fände er dann so leicht keine Grenze mehr, die er religiös begründeten Privilegien setzen könnte.

Er sollte sich auf die Handlung konzentrieren und Rechtsgüter abwägen, in diesem Fall das Recht der Eltern auf Religionsfreiheit und das Recht der Söhne auf körperliche Unversehrtheit. Dabei wird er dem Recht der Eltern einen niedrigeren Rang zumessen müssen, anschließend aber aus Verhältnismäßigkeitserwägungen eine Duldungsgrenze festlegen.

Die nächstliegende Lösung ist folglich diejenige, die der Gesetzgeber bereits für Schwangerschaftsabbrüche gewählt hat: Rechtswidrig aber unter bestimmten Bedingungen straffrei. Wer eine solche Konstruktion für die Brit Mila und wohl auch für die muslimische Jungenbeschneidung ablehnt, müsste das entweder auch für die Schwangerschaftsabbrüche tun oder nachweisen, dass bei der Beschneidung eine schwerer wiegende Rechtsgutverletzung vorliegt als bei einer Abtreibung.

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Duisburger Integrationspreis für Gülseren Gümüs

Harald Stollmeier am 15. Juli 2011

Gülseren Gümüs, die Gründerin des Güldeste Wohltätigkeitsvereins e. V., erhielt am 8. Juli aus der Hand von Novitas BKK-Vorstand Reiner Geisler den zum zweiten Mal vergebenen Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK – als Auszeichnung für ein Leben im Dienst anderer Menschen. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und steht unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters von Duisburg.

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs (Mitte) den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

“Duisburg ist reich an Menschen, die ihre Talente wegen unvollkommener Integration weder ausschöpfen noch einbringen können“, erklärte Reiner Geisler in seiner Laudatio, „wenn alle diese Menschen begreifen, was sie können, und ihr Können in unserer Stadt entfalten, dann wird unsere Stadt reich. Und das werden wir dann Menschen wie Gülseren Gümüs verdanken.“

Mit ihrem Verein organisiert Gülseren Gümüs unter anderem eine Theaterwerkstatt, eine Lese- und Schreibwerkstatt und eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder sowie einen Kreativkreis für Frauen. Ihr Engagement hilft behinderten und nichtbehinderten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und trägt zu einer besseren Lebensqualität in Duisburgs Stadtteil Hochfeld bei.

„Integration kann nicht verordnet werden“, erklärte Oberbürgermeister Adolf Sauerland, „Integration muss gelebt werden. Gülseren Gümüs tut das in beispielhafter Weise. Und die Novitas BKK trägt mit ihrem eigenen Engagement für Migranten ebenso wie mit dem von ihr gestifteten Duisburger Integrationspreis dazu bei.“

Gülseren Gümüs, deren 2011 in türkischer Sprache erschiene Autobiographie Engel duvari bereits die zweite Auflage erlebt,stellte in einem Vortrag die vielseitige Arbeit von Güldeste vor und wertete ihre Ehrung als Ermutigung: „Ich werde für die Kinder, für die Menschen und für Duisburg weiterarbeiten, so lange meine Kraft reicht.“

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Elfjährige vergewaltigt: Zwei Jahre auf Bewährung

Harald Stollmeier am 27. Mai 2011

Große Empörung hat ein Urteil des Landgerichts Osnabrück vom 24. Mai ausgelöst: Ein 26-jähriger Mann mit Migrationshintergrund erhielt für die fünf  Jahre zurückliegende Vergewaltigung eines damals elfjährigen Mädchens eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Seine Eltern wurden wegen Anstiftung ebenfalls zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt.

Die Eltern des jungen Mannes (allerdings ohne sein Einverständnis) und ein Großonkel des Mädchens (allerdings ohne Wissen der Mutter und ohne Einverständnis des Mädchens) hatten in Anlehnung an heimische Bräuche eine „einvernehmliche Entführung“ arrangiert. Dabei kann die Ehe auch ohne Einverständnis der Brauteltern zustande kommen, wenn der Beischlaf vollzogen wurde. Der junge Mann respektierte zunächst die Weigerung des Mädchens, ließ sich dann aber von seinen Eltern zur Vergewaltigung drängen.

Der Strafrahmen für den Missbrauch bzw. die Vergewaltigung von Kindern im Strafgesetzbuch (§§ 176, 176a und 177) reicht von sechs Monaten bis zehn Jahren Freiheitsstrafe; bei bis zu zwei Jahren kann eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Urteil des Landgerichts Osnabrück überraschend milde. Äußerst nachdenklich stimmt insbesondere der Eindruck, der kulturelle Hintergrund der Angeklagten habe strafmildernd gewirkt. Steht Kindern mit Migrationshintergrund weniger Schutz vor sexuellen Übergriffen zu als einheimischen?

„Der kulturelle Hintergrund hat keine Rolle beim Strafmaß gespielt“, wendet Landgerichtspressesprecher Holger Janssen im Gespräch mit Moralblog ein, „diese Tat war ein schweres Unrecht. Auch die Verteidigung hat klar bekannt, dass die Tat durch nichts, auch nicht durch den kulturellen Hintergrund zu rechtfertigen sei. In erheblichem Umfang strafmildernd wirkt dagegen regelmäßig ein volles Geständnis der Angeklagten, das in diesem Fall dem minderjährigen Opfer viel zusätzliches Leid erspart.” 

Die Aussetzung der Strafe auf Bewährung ist bei einem Strafmaß bis zu zwei Jahren und bei erstmaliger Straffälligkeit üblich; insofern ist zwar nicht formal, wohl aber indirekt die Bewährung bereits bei der Bemessung des Strafmaßes ermöglicht worden. Für Holger Janssen „ist bei einer sachlichen Diskussion über den Strafrahmen auch zu berücksichtigen, dass das ausgeurteilte Strafmaß genau der Forderung von Staatsanwaltschaft und Nebenklagevertretung entspricht.“

 

→ KOMMENTAR der Moralblog-Redaktion:

Nicht nur als Eltern finden wir die Vorstellung unerträglich, dass der Vergewaltiger eines elfjährigen Mädchens das Gericht, wenn auch auf Bewährung, als freier Mann verlassen kann. Dabei ist das Urteil des Landgerichts Osnabrück für sich betrachtet kein Skandal, erstens, weil das Gericht keine kulturellen Zugeständnisse gemacht hat, und zweitens, weil das Urteil nicht besonders aus dem Rahmen fällt.

Der Skandal liegt nicht in der möglichen Unrechtmäßigkeit des Urteils. Der Skandal liegt in seiner Rechtmäßigkeit. Das Gericht kann nichts dafür. Auch nicht dafür, dass drei “Hartz IV-Empfänger” erstens nicht zu einer Geldbuße verurteilt werden können, weil ja nichts bei ihnen zu holen ist, und zweitens nicht zu sozialen Einsätzen, weil sie ja dann nicht mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden.

Aber der Gesetzgeber kann etwas dafür. Und er sollte sich wieder darauf besinnen, dass der Staat sein Gewaltmonopol zu dem Zweck hat, seine Bürger zu schützen.

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Zwischen Schwarz und Weiß

Harald Stollmeier am 27. März 2011

KOMMENTAR

zum Bericht Mehr als eine Minderheit

Was macht ein Wertkonservativer mit liberalen Tendenzen bei einer Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag im Sultan Hochzeitssaal? Am besten Zuhören. Und dann Aufatmen und erkennen: Zwischen multikultureller Blauäugigkeit und der Furcht vor der Machtergreifung entweder einer islamistischen Diktatur oder der Fünften Kolonne Erdogans gibt es noch eine dritte Option: die Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit ist so unvollkommen wie die Lautsprecheranlage im alten Hamborner Bahnhof. Aber wer genauer hinsieht bemerkt:

  • Es gibt immer mehr Erfolgsgeschichten.
  • Beim Internationalen Frauentag war Deutsch Verhandlungssprache: Deutsch haben alle Migranten gemeinsam. Und je mehr sie erkennen, wie viele von ihnen keine Türken sind, desto mehr kommt es auf diese Gemeinsamkeit an.
  • Zwar bringen die Migranten schwerwiegende Integrationshindernisse mit. Aber die Migranten selbst setzen sie auf die Tagesordnung.
  • Äußerlichkeiten können täuschen: Im Sultan Hochzeitssaal lauschten Frauen mittleren Alters mit langen Gewändern und Kopftuch öffentlicher Kritik an Zwangsehen und Mädchenbeschneidung.

Sicher: Auch 2012 wird mir die Duisburger Gleichstellungsbeauftragte nicht einleuchtend erklären können, inwiefern der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie die Frauenbefreiung oder die Integration fördert. Aber das dürfte ich mit den meisten der Zuhörer mit Migrationshintergrund gemeinsam haben. Ich gehe 2012 wieder hin.

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