Archiv für die Kategorie 'Glaube | Religion'

Das Gute im Feind

Harald Stollmeier am 29. November 2015

Feindschaft ist etwas aus der Mode gekommen. Wir reden nicht mehr gern darüber, vermeiden den Begriff, beinahe verschämt, sprechen, wenn nötig, von Gegnern, Kontrahenten, Partnern gar. Ob wir unsere Gegner besser behandeln als früher unsere Feinde, das ist eine andere Frage; vielleicht sogar schlechter, weil ihnen ja keine Feindesliebe mehr zusteht.

Feindesliebe: Gibt es ein missverstandeneres Konzept? Je romantischer, je gefühlsbetonter unser Liebesbegriff wurde, desto schwieriger war eine Liebe zu fassen, die unseren Gefühlen entgegen handelt.

Lassen Sie uns für ein paar Minuten annehmen, unsere Gegner wären Feinde, und wir wären richtig sauer auf sie. Vielleicht haben sie uns Unrecht getan, ja, ganz sicher haben sie das. Sie haben uns öffentlich bloßgestellt, offene Worte, die wir im kleinen Kreise sprachen, in die Zeitung gebracht, unsere Motive falsch dargestellt. Manche haben uns öffentlich den rechten Glauben oder die demokratische Gesinnung abgesprochen, andere haben uns beim Arbeitgeber angeschwärzt. Sie haben einiges auf dem Kerbholz, unsere Feinde.

Wenn wir sie nun im Fadenkreuz haben, metaphorisch natürlich, dann können wir zeigen, was wirklich in uns steckt. Schießen wir mit Vollmantelgeschossen, Teilmantelgeschossen oder gar Giftpfeilen? Wollen wir sie besiegen, oder kann uns am Ende nur ihre Vernichtung, ja die völlige Auslöschung auch der geringsten Erinnerung an sie, wahren Frieden verschaffen?

Nehmen wir einmal an, so ein Feind täte ausnahmsweise einmal etwas, das wir grundsätzlich lobenswert finden, die Bundeskanzlerin gegen Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik verteidigen zum Beispiel, oder den russischen Präsidenten kritisieren, im Dissens mit vielen seiner Freunde. Oder öffentlich scharfe Kritik an einem Theaterstück üben, in dem wir als Zombies dargestellt werden, die man ins Gesicht schießen muss. Oder, wie ein Feind, der schon lange tot ist, Edgar Jung, nach schweren Irrtümern und Mitschuld an der Machtergreifung öffentlich gegen Hitler auftreten und dafür mit dem Leben bezahlen.

Dann können wir natürlich sagen: “Der tut nur so. Das zählt doch nicht.” Wir könnten aber auch sagen: “Donnerwetter! Ganz so schlimm, wie ich dachte, ist er wohl doch nicht. Ob er doch noch zu retten ist?”

Gar nicht genug warnen kann man vor einer dritten Reaktion: Enttäuschung, dass der Feind nicht gar so verdorben ist, wie wir geglaubt hatten. Eine solche Enttäuschung ist schon schlimm genug, wenn sie rein diesseitig begründet ist, in dem Wunsch, gegen einen böseren Feind auch gründlicher, vernichtender vorgehen zu können. Denn selbst im günstigsten Fall wird ein solches Vorgehen Opfer kosten, unschuldige vor allem. Gilt unsere Enttäuschung aber der Hoffung, der Feind möge dereinst in der tiefsten Hölle schmoren, dann ist zumindest eines garantiert: Der Feind wird dort Gesellschaft haben.

Zurück ins Diesseits: Auch wer weder an Gott noch an ein Jenseits glaubt, sollte die Idee der Feindesliebe ernst nehmen. Und sei es nur um seiner Freunde willen. Denn was wir sogar für unsere Feinde tun, das wird den Freunden dann im Überfluss zuteil; wir haben es ja geübt.

Der Feind ist ein richtig übler Typ. Er tut Böses, und er hegt böse Gedanken. Wir haben das Recht, ihm Böses mit Bösem zu vergelten. Wenn wir das einmal nicht tun, wenn wir ihm stattdessen aufrichtig Gutes wünschen, dann durchbrechen wir die Logik des Bösen. Wir bringen das in die Welt, was eine gewöhnliche Geschichte in eine ungewöhnliche verwandelt: das Unerwartete.

Osterkerze

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Was man für ein gutes Sterben tun kann

Harald Stollmeier am 27. November 2015

In der „guten alten Zeit“ gehörte der Tod selbstverständlich zum Leben, hauptsächlich wegen der hohen Kindersterblichkeit. Es ist an sich gut, dass wir diese Selbstverständlichkeit verloren haben. Nicht so gut ist, dass sie durch Unsicherheit ersetzt wurde.

Viele Menschen sind gehemmt, wenn sie Sterbenden begegnen. Manche können es nicht über sich bringen, einen todkranken Nachbarn oder Freund zu besuchen – und haben dann für den Rest ihres Lebens ein schlechtes Gewissen. Sehr viele aber stehen unheilbar kranken Angehörigen oft über sehr lange Zeit bei. Und die meisten von uns tun, was sie können, auch wenn das „nie genug“ ist.

Sterben hat eine körperliche und eine seelische Seite. Auf der körperlichen Seite sind Schmerzen, Atemnot, Durst und Angst die Hauptprobleme. Gian Domenico Borasio, einer der Pioniere der Palliativmedizin in Deutschland, fordert unter anderem eine bessere Schmerztherapie für Todkranke, insbesondere mit Morphinen anstelle von Opiaten, um neben den Schmerzen selbst auch Angst und Atemnot zu bekämpfen.

Auf der seelischen Seite quälen sich Sterbende oft mit unbewältigten Handlungen, mit Versäumnissen und mit Zerwürfnissen, die sie bereuen; auch wer nicht an einen Gott glaubt, kann von Schuld erdrückt werden. Sterbebegleiter berichten immer wieder davon, wie Patienten erst sterben konnten, nachdem sie zum Beispiel über schreckliche Kriegserlebnisse gesprochen hatten, von denen ihre Familie nicht das Geringste wusste.

Angehörige und Freunde von Sterbenden können helfen, indem sie eigene Konflikte ansprechen, behutsam natürlich, und womöglich anbieten, Kontakt zu einem Menschen aufzunehmen, mit dem der Sterbende noch einmal sprechen möchte.

Irgendwann ist der Sterbende tot. Aber für die Angehörigen ist sein Sterben noch nicht zu Ende. Erstens gilt es nun, den Abschied zu organisieren, die Beerdigung vor allem, aber vieles mehr von der Abmeldung bei Versicherungen bis zur Wohnungsauflösung. Und zweitens geht so ein Sterbeprozess an den mittelbar Betroffenen nicht spurlos vorüber; pflegende Angehörige brechen nicht selten ihrerseits gesundheitlich zusammen, wenn ihre Aufgabe beendet ist. Sie sind die „Schattenkinder“ des Sterbens und man kann nicht früh genug auf sie aufpassen.

Ein Wort noch zum Abschied selbst: Als ich vor 15 Jahren, es war im November, hinter dem Sarg meines Vaters herging, da gab es einen einzigen Moment, in dem es mir gut ging. Das war, als ich mich umdrehte und sah, wie viele Menschen mit meinen Brüdern und mir gemeinsam Abschied nahmen. Also: Wenn ein Mensch gestorben ist, den Sie kannten – gehen Sie zur Beerdigung. Und wenn Sie können, sagen Sie den Hinterbliebenen etwas Gutes über den Menschen im Grab. Sie pflanzen damit einen Baum, der jahrzehntelang Früchte trägt.

Strauch

Bild: Agentur “Freunde von uns”

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Das Beichten von Abtreibungen ist jetzt erlaubt!

Caroline Stollmeier am 2. September 2015

…so oder so ähnlich lauten wohl die einschlägigen Schlagzeilen im Moment. Tatsächlich hat Papst Franziskus in einem kürzlich veröffentlichten Brief Anweisungen gegeben, wie im bevorstehenden Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, mit Frauen umgegangen werden soll, die abgetrieben haben, dies nun bereuen und zur Beichte kommen. Kirchenrechtlich ist dies anscheinend ein heikler und aufsehenerregender Schritt.

Aber… Was ich daran vor allem bemerkenswert finde, ist mit welcher Liebe Papst Franziskus über die betroffenen Frauen schreibt: “Ich weiß um den Druck, der sie zu dieser Entscheidung geführt hat. Ich weiß, dass dies eine existentielle und moralische Tragödie ist. Ich bin sehr vielen Frauen begegnet, die in ihrem Herzen die Narben dieser leidvollen und schmerzhaften Entscheidung trugen. Was geschehen ist, ist zutiefst ungerecht. Und doch: Nur wenn man es in seiner Wahrheit versteht, ist es möglich, die Hoffnung nicht zu verlieren.”

Die Beichte, die aufrichtige Bitte um die Versöhnung mit Gott und seine Vergebung, ist keine lästige Pflicht, sondern das größte Geschenk. Manchmal hat man in seinem Leben vielleicht Dinge getan, von denen man später erkennt, dass sie salopp gesagt echt Mist waren. Vielleicht hat man Fehler gemacht, die man sich selber nicht verzeihen kann und die Person, der man dabei geschadet hat, erst recht nicht. Wie soll man weiter leben mit so etwas? Wie soll man es wieder gut machen, wenn man das denn möchte?

Eine Abtreibung ist für manche Frauen so ein Problem. In der damaligen Situation war es die vermeintlich einzige Lösung, aber irgendwann später begreifen sie, was tatsächlich passiert ist. Sie möchten, dass ihr Kind lebt – oder sich zumindest bei ihm entschuldigen. Doch das geht nicht mehr.

Ich war zutiefst beeindruckt von der Begegnung mit einer Frau, die mir eindringlich erzählt hat, wie das damals bei ihr gewesen ist. Erst als sie Jahre nach ihrer Abtreibung zum Glauben gefunden hat und die göttliche Vergebung für ihre Abtreibung gespürt hat, konnte sie ihr Leben wieder richtig leben (und hilft inzwischen anderen betroffenen Frauen auf diesem harten Weg).

Es gibt eben Fehler, die kann nur Gott verzeihen. Und wenn einer sie wieder gut machen kann, dann ist es auch nur Er. Für Frauen, die darunter leiden, ist die Abtreibung ein solcher Fehler. Sicher, man findet bestimmt auch andere Wege, aber nur den einen, der wirklich frei macht. Deshalb ist jeder Schritt begrüßenswert, mit dem die (katholische) Kirche hilfesuchenden Frauen entgegen kommt. Keine echte Beichte geschieht leichtfertig.

“Die Vergebung Gottes für jeden Menschen, der bereut, kann diesem nicht versagt werden, besonders wenn er mit ehrlichem und aufrichtigem Herzen das Sakrament der Vergebung empfangen will, um Versöhnung mit dem Vater zu erlangen”, schreibt Papst Fraziskus. Und wenn Gott etwas vergeben hat, dann darf man es sich auch selbst verzeihen. Die Beichte ist eine Möglichkeit zur Umkehr ohne die unsere Welt schlechter dran wäre.

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Der Schatz der Gnade – Gedanken zur Familiensynode

Harald Stollmeier am 19. Mai 2015

(ursprünglich erschienen als Gastbeitrag bei PAPSTTREUERBLOG)

Im Vorfeld der Familiensynode sprechen in Deutschland viele Menschen von einem Paradigmenwechsel. Konkrete Forderungen nach Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare und nach Sakramentenzulassung für wiederverheiratete Geschiedene und noch manches andere liegen auf dem Tisch, begründet zumeist mit der Lebenswirklichkeit der Menschen, denen die Lehre unserer Kirche, wie sie im Katechismus steht, nicht mehr plausibel erscheint. Je öfter ich diese Berufung auf die Lebenswirklichkeit lese, desto öfter sehe ich eine Schüssel vor mir, in der ein abgetrennter Kopf liegt. Wenn Johannes der Täufer mit seinem konservativen Eheverständnis die Lebenswirklichkeit für ein theologisches Argument gehalten hätte, wer weiß, vielleicht wäre er erst Jahrzehnte später gestorben, und mit Kopf dran.

Ich habe tiefes Mitgefühl mit Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe mit ihrer neuen Liebe christlich leben wollen, und beinahe noch tieferes mit Christen, die nur Menschen des gleichen Geschlechts lieben können. Ich bin deshalb zutiefst einverstanden mit der Suche nach Lösungen für sie, nach Wegen, sie in der Gemeinschaft der Kirche zu halten und in der Liebe Gottes.

Aber diese Wege müssen biblisch begründet sein. Wenn man die Autorität für einen Segen nicht aus der Bibel hat, welchen Wert hat dann der Segen? Wir sind Erben der göttlichen Gnade, eines kostbaren Schatzes, und vielleicht ist noch ein Teil davon auszugraben. Aber lasst uns das mit dem Pinsel des Archäologen tun und nicht mit der Brechstange des Grabräubers. Heiliger Johannes der Täufer, bitte für uns!

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Was konservative Christen von Harry Potter lernen können

Harald Stollmeier am 6. Mai 2015

„Man braucht viel Mut, um sich seinen Feinden entgegenzustellen. Aber man braucht noch mehr Mut, um sich seinen Freunden entgegenzustellen.“ Mit diesen Worten ehrt Hogwarts-Zauberschuldirektor Albus Dumbledore am Ende des Romans Harry Potter und der Stein der Weisen den notorisch ungeschickten Schüler Neville Longbottom. Neville entpuppt sich im Laufe der Jahre als begabter Schüler, und als am Ende des letzten Bandes Voldemort nach dem vermeintlichen Tod Harry Potters seinen Sieg feiert, ist es Neville, der sich ihm öffentlich entgegenstellt.

Wenn die Harry-Potter-Romane von uns konservativen Katholiken bzw. Christen handelten, dann würde diese Ehrung durch Direktor Dumbledore dem katholischen Publizisten Andreas Püttmann zuteil. Er stellt sich seit dem Streit um Bischof Tebartz-van Elst regelmäßig seinen Freunden in den Weg. Die Freunde sind nicht amüsiert; einige halten Püttmann schlicht für einen Verräter und würden ihn gerne, wie Hermione Granger ihren Mitschüler Neville, mit einem „Petrificus totalus!“ für längere Zeit ruhigstellen.

Christen sind Menschen, die sich zum Glauben an Jesus Christus, seine Gottessohnschaft und seine Auferstehung bekennen. Konservative Christen unterscheiden sich von liberalen Christen vor allem darin, dass sie den Text der Bibel für maßgeblich halten und von Fundamentalisten durch die Erkenntnis, dass es so etwas wie eine „wörtliche Bedeutung“ gar nicht gibt. Von einer anderen als der herkömmlichen Auslegung einer Bibelstelle muss man konservative Christen mühsam überzeugen. Konservative Katholiken billigen darüber hinaus dem kirchlichen Lehramt, vor allem aber dem Papst die Autorität zu, in Zweifelsfällen zu entscheiden, auch wenn sie selbst nicht überzeugt sind.

Der von Andreas Püttmann (und Liane Bednarz) oft verwendete Ausdruck „Rechtskatholik“ meint konservative Katholiken (und wohl auch konservative Christen), die bestimmte vor allem familienbezogene christliche Werte für so bedroht halten, dass sie zu ihrer Verteidigung die Universalität der Menschenrechte preisgeben, zumindest aber die Diskriminierung von Minderheiten tolerieren. Das Phänomen ist real und in der Praxis entweder an unkritischer Nähe zu Personen oder Organisationen erkennbar, die ihrerseits die Menschenrechte relativieren bzw. Minderheitendiskriminierung praktizieren, oder, schlimmer, an eigenen Aussagen mit diesem Inhalt; Püttmann und Bednarz liefern Belege genug. Der Begriff „Rechtskatholik“ ist gleichwohl ärgerlich, weil er das Kind mit dem Bade ausschüttet – hauptsächlich wegen der damit vorgenommenen Abstempelung der Person.

Der Harry-Potter-Zyklus handelt im Kern von Ethik. Schon der erste Roman ist ein Plädoyer für das Naturrecht. Denn das Credo des Antagonisten Voldemort lautet: „Es gibt kein Gut und Böse – es gibt nur Macht.“

Im zentralen Konflikt am Ende, nach Voldemorts Machtergreifung, geht es um die Frage, ob alle Menschen gleich viel wert sind und folglich auch gleichberechtigt. Voldemort hält die Zauberer zur (Zwangs-) Herrschaft über die magisch unbegabten Muggel berufen, eine Haltung, die Dumbledore in seiner Jugend geteilt hat. Verschärfend hinzu kommt ein rassistisches Element: Muggel ist für Voldemort nur, wer Muggeleltern hat – nicht einmal die Begabung ist für ihn Schicksal, sondern ausschließlich das Blut.

Die politische Jugendsünde Dumbledores verdient aus unserer Perspektive eine nähere Betrachtung. Denn seine damalige Haltung, die Zauberer müssten die Herrschaft über die Muggel zu deren eigenem Wohl und um des Gemeinwohls („for the greater good“) willen übernehmen, hat ein Vorbild in der jüngeren deutschen Geschichte: Edgar Jung, Gegner der Demokratie und Anhänger einer „konservativen Revolution.“ Edgar Jung hatte (auch) gute Argumente und war alles andere als ein Nazi. Gleichwohl hat er sich schrecklich geirrt, als Nazi-Wegbereiter Schuld auf sich geladen und teuer dafür bezahlt. Seine letzte politische Handlung war die Marburger Rede, die er für den Vizekanzler Franz von Papen schrieb. Sie war eine Abrechnung mit und Distanzierung von der Politik der Nazis. Sie war ein offensives Eintreten nicht für die Demokratie, aber für den Rechtsstaat. Sie war mutig, sie war zu spät, und sie war sein Todesurteil.

Die „Guten“ im Harry-Potter-Zyklus kämpfen am Ende gegen die Unterdrückung der Muggel durch die Zauberer und für die Universalität der Menschenrechte. Es gibt keine Neutralität mehr: Zauberer mit aristokratischen Vorstellungen, die ähnlich wie der junge Dumbledore eine Herrschaft der Besten zum Wohle aller anstreben, müssen sich entweder Voldemorts Totalitarismus unterwerfen oder sich unter Einsatz ihres Lebens gegen ihn stellen.

Konservative Christen stehen heute vor einer ähnlichen Wahl: Dürfen wir zur Verteidigung christlicher Werte (und bedroht sind sie!) die Samthandschuhe gegenüber Gegnern wie der „Homolobby“ ausziehen und fallende Späne in Kauf nehmen, wenn Präsident Putin hobelt? Oder müssen wir erkennen, dass wir die Menschenrechte für Christen nur verteidigen können, indem wir die Menschenrechte für alle verteidigen? Das Schicksal Edgar Jungs könnte uns zeigen, dass der Anhänger des Rechts beim Bündnis mit dem Unrecht auf Dauer den Kürzeren zieht. Und das ist es, wovor Andreas Püttmann uns warnt. Es ist wahr, dass er die Berechtigung unserer Sorgen nicht genug würdigt. Aber seine Warnung sollten wir ernst nehmen; sie kommt trotz allem von einem Freund.

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

Handelt von Ethik: der Harry-Potter-Zyklus

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Karfreitag feiern

Caroline Stollmeier am 3. April 2015

Heute ist Karfreitag. Und heute hat meine kleinste Tochter Geburtstag. Genau das hat mir heute geholfen ein bisschen besser zu verstehen, was da auf Golgatha wirklich geschah. Und ich vermute, zumindest die Mütter unter Euch können das nachvollziehen…

Jesus wurde gekreuzigt, was an sich schon eine ziemlich entwürdigende Art zu sterben war. Aber vorher wurde er noch gequält und musste unvorstellbare Schmerzen ertragen.

Jesus hat gewusst, was auf ihn zu kam. Aber er hat nicht versucht sich aus dem Staub zu machen oder sich irgendwie durchzumogeln. Der Plan war, dass er stirbt, damit jeder einzelne von uns die Möglichkeit bekommt unbelastet mit Gott zu leben – egal wie viele Fehler wir vielleicht gemacht haben. “Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.” (Johannes 3, 16)

Jesus kannte den Plan. Er wurde zu den Menschen geschickt, sollte unter ihnen leben und wirken. Und dann sollte er sterben – und auferstehen (Lukas 24, 26). Für Jesus war am Kreuz nicht alles zu Ende, sondern nur seine Zeit unter den Menschen. Er wusste, was danach kommen würde, nämlich ein großartiges, ewiges Leben bei seinem Vater. Und was ist im Vergleich dazu schon die Kreuzigung, auch wenn sie grausam war?!

Vor genau drei Jahren wurde meine Tochter geboren. Beim dritten Kind ist es vielleicht nicht mehr ganz so, wie beim ersten. Aber irgendwie denkt man während der Schwangerschaft doch oft an die Geburt. Man weiß ja, dass sie unweigerlich bevorsteht. Und man weiß auch, dass sie weh tun wird – so sehr, dass man es sich auch beim dritten Mal (glücklicherweise!) gar nicht vorstellen kann wie. (Und nebenbei bemerkt, ist eine Entbindung insgesamt eine ziemlich entwürdigende Sache für die Mutter, wenn man es nüchtern betrachtet…)

Aber: Nur durch Schmerzen, durch Blut und durch Loslassen kann das Baby geboren werden. Wir Mütter haben all das auf uns genommen, um unseren Kindern einen möglichst guten Start ins Leben zu ermöglichen. Weil wir sie lieben. Weil wir sie schon geliebt haben, bevor wir sie in unseren Armen halten konnten.

Die Geburt ist nicht das Ende, sie ist der Anfang. Und deshalb gratulieren Menschen zur Geburt eines Kindes – und sprechen nicht etwa ihr Bedauern aus. Und im Vergleich dazu wie es sich anfühlt sein Kind lachen und aufwachsen zu sehen, was sind da schon die Schmerzen bei der Geburt?!

Manchmal muss man eben Schmerzen und Leid auf sich nehmen für die Menschen, die man liebt. So ähnlich hat es Jesus damals wohl auch gesehen. Und deshalb ist Karfreitag eigentlich kein Tag der Trauer, sondern ein Tag der Dankbarkeit und Liebe.


(C) C. Stollmeier

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Harte Bandagen auf dem Markt der Religionen

Harald Stollmeier am 7. März 2015

Buchbesprechung: Friedrich Wilhelm Graf, Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird, C. H. Beck 2014, 16,95 Euro

Jedes Jahr treten in Deutschland Zehntausende aus ihrer Kirche aus. Aus der Perspektive der betroffenen Kirchen sieht das nach einer sinkenden Religiosität aus („Glaubenskrise“). Aber der evangelische Theologie Friedrich Wilhelm Graf weist in seinem neuen Buch Götter global nach, dass es für Religionen einen gewaltigen Markt gibt und die Vorstellung von der fortschreitenden Säkularisierung nicht von den Fakten gedeckt ist.

Weltweit wachsen nämlich die verschiedenen Religionen, am stärksten das Christentum, dicht gefolgt vom Islam, und das liegt nicht nur am Bevölkerungswachstum: Tatsächlich wird offensiv, manchmal aggressiv  missioniert, und den Verlusten der Einen entsprechen Gewinne von Anderen. Die Verhältnisse in Deutschland und anderen europäischen Ländern sind untypisch und vor allem eine Folge der mehr oder weniger starken Privilegierung (meist) ehemaliger Staatskirchen, die durch hohe Markteintrittsschwellen vor der Konkurrenz durch Neugründungen geschützt werden. Aber sogar in diesen Ländern etablieren sich teils neben, teils in den etablierten Kirchen „Privatchristentümer“ mit synkretistischen Elementen.

Außerhalb dieses Refugiums religiöser Planwirtschaft gewinnen die „harten“ Anbieter, die viel von den Gläubigen verlangen und sich klar vom Wettbewerb abgrenzen. Die römisch-katholische Kirche stellt Graf in diesem Zusammenhang als mittelhart dar: In der Lehre und bei der Auswahl der Päpste ist sie „hart“, bei den Anforderungen an die Gläubigen wird sie vor allem von den Pfingstkirchen in den Schatten gestellt, die ihr deshalb auch in Brasilien und den USA schwer zu schaffen machen.

Nicht nur das Christentum betrachtet Friedrich Wilhelm Graf differenziert. Auch den Islam, von vielen als monolitischer Block verstanden, nimmt er gründlich unter die Lupe. Mit der Unterscheidung von Sunniten und Schiiten sind deutsche Medienkonsumenten ja schon vertraut. Aber die Wirklichkeit ist erheblich komplexer. So zerfällt die Sunna schon seit Jahrhunderten in zwei Hauptgruppen, von denen die größere (die Barelwis) dem Propheten Muhammad eine Erlösungsfunktion als Fürbitter für die Menschen zuweisen, welche von der kleineren Gruppe, den Deobandis, scharf abgelehnt wird. Beide verurteilen die im 19. Jahrhundert entstandene Reformbewegung der Ahmadiyya scharf, und die in Saudi-Arabien herrschenden Wahhabiten haben sie von der Wallfahrt nach Mekka ausgeschlossen.

Je weniger rechtsstaatlich es in den betreffenden Ländern zugeht, desto brutaler sind auch die Mittel, mit denen die jeweils herrschende Gruppe gegen ihre Rivalen vorgeht.

„Wirklich ernst genommenem religiösem Glauben eignet eine Tendenz zum Unbedingten“ (S. 250), also zur Intoleranz, und so sieht Graf reale Gefahren in der Frontstellung vieler dynamischer Religionen gegen die liberale Moderne. Ein besonders deprimierendes Kapitel ist dabei der weltweit wachsende Einfluss des Kreationismus, auch in seiner aktuelleren Variante, dem Intelligent Design. In den USA ist es vielerorts bereits als gleichberechtigte Theorie im Biologieunterricht vorgeschrieben, und auch in Europa kämpfen christliche Fundamentalisten unermüdlich gegen die Darwinsche Evolutionstheorie. Überholt werden die christlichen Kreationisten inzwischen von den muslimischen unter Fürhung von Adnan Oktar, die sich, von der Türkei ausgehend sehr erfolgreich für die Ablehnung einer als gottlos empfundenen Naturwissenschaft einsetzen. Ihr Informationsmaterial haben sich die muslimischen Kreationisten übrigens von den christlichen erstellen lassen (185-189). Die komplementären Aktivitäten der „Brights“ um Richard Dawkins wertet Graf nicht als Verteidigung der Wissenschaft sondern als deren Missbrauch zur Propagierung eigener ideologischer Vorstellungen.

Götter global ist ein sehr gutes, wenn auch beunruhigendes Buch. Etwas Hoffnung macht Grafs Einschätzung, Religion sei durch Religion zu domestizieren (S. 246ff.). Dabei spielt das Christentum mit seiner Ergänzung der Allmacht Gottes durch dessen Menschenfreundlichkeit (und mit seiner Unterscheidung von „Gott“ und „Kaiser“) eine zentrale Rolle; aber auch im Islam und im Judentum entdeckt Graf Ansätze in diese Richtung.

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Kein Heldenstück: Der Shitstorm gegen Bistumspressesprecher Ulrich Lota

Harald Stollmeier am 27. Februar 2015

In ihrem Rundfunkbeitrag “Apo von christlich-rechts” benennt die BR-Journalistin Veronika Wawatschek den Essener Bistumspressesprecher Ulrich Lota als Experten und spielt mehrere O-Töne von ihm ein. Angegriffen werden in dem Rundfunkbeitrag Organisationen wie Kirche in Not, die Evangelische Allianz  und Open Doors, das Portal kath.net, Journalisten und Autoren wie Matthias Matussek und Birgit Kelle und die außerparlamentarische Familienlobbyistin Hedwig von Beverfoerde.

Gegen solche Angriffe (auch ich finde sie unfair) darf man sich wehren. Insbesondere Hedwig von Beverfoerde und kath.net tun das in engagierter Weise. Dabei gerät Ulrich Lota besonders in den Focus. Hedwig von Beverfoerde fragt, ob der Bischof von Essen wohl wisse, was sein Pressesprecher tut, und wirbt für Beschwerden bei Bischof Overbeck; kath.net handelt analog.

“Ich habe Frau Wawatschek im vergangenen Sommer nach einem Vortrag ein Interview gegeben”, sagt Ulrich Lota, “in dem es ausschließlich um kreuz.net und Gloria.tv ging. Und nur auf diese Portale und ihre Umgebung bezogen sich meine Aussagen. Über die Zuordnung zu den im Feature genannten Menschen und Institutionen bin ich eher verwundert.”

Natürlich sind viele Menschen, die das Feature von Veronika Wawatschek unfair finden, der Empfehlung gefolgt, eine Beschwerde an das Bistum Essen zu schicken. In Form und Inhalt sind die meisten dieser Beschwerden sehr unfreundlich. Möglich, dass Ulrich Lota das verdient hätte, wenn er tatsächlich so geurteilt hätte, wie es das Rundfunk-Feature suggeriert. Aber erstens hat er das nicht getan, und zweitens haben ihn weder kath.net noch Hedwig von Beverfoerde gefragt, ob er das getan hat.

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Durch die Augen des Anderen

Harald Stollmeier am 9. Februar 2015

Buchbesprechung: Lamya Kaddor, Michael Rubinstein, So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland, Patmos Verlag 2013, 183 Seiten, € 17,99

Eigentlich müssten sie Feinde sein, einander aus tiefster Seele hassen, bestenfalls einander auf Dauer aus dem Wege gehen. Aber die Muslimin Lamya Kaddor und der Jude Michael Rubinstein sind Freunde. Und mit ihrem 2013 erschienenen Buch So fremd und doch so nah leisten sie Juden und Muslimen gemeinsam einen Freundschaftsdienst – und Deutschland. Auf 183 leicht lesbaren Seiten diskutieren sie, was das Leben in Deutschland für sie und das Verhältnis von Juden und Muslimen zueinander ausmacht, vom Nahostkonflikt über die Shoah, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, Religion und Säkularität bis zum Migrationshintergrund und zur Lage als religiöse Minderheit.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin in Dinslaken, Michael Rubinstein Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Beide sind Deutsche und verstehen sich als Deutsche. Und beide nennen Deutschland ihre Heimat. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit aber ist ihr Mangel an Fanatismus. Sie hören einander zu, nehmen die Erfahrungen des anderen ernst und belegen, dass Juden und Muslime in Deutschland ähnliche, wenn auch nicht genau gleiche Erfahrungen machen.

Als „mehrheitsdeutscher“ Leser nehme ich an diesem Dialog teil. Ich bin nicht Adressat, aber alles geht mich an. Und gerade weil Lamya Kaddor und Michael Rubinstein die schrillen Töne meiden – man hört geradezu das Knacken der Scheite im Kamin, wenn man ihr Gespräch liest –, macht ihre Kritik an der Mehrheitsgesellschaft betroffen.

Wenn Lamya Kaddor aufgefordert wird, dahin zu gehen, wo sie herkommt, dann weiß sie, dass nicht Ahlen in Westfalen gemeint ist, und als Michael Rubinstein anlässlich seiner Kandidatur für das Duisburger Oberbürgermeisteramt gefragt wurde, woher er das Geld dafür habe, da sollte das kränken. Aber nicht nur die plumpen Angriffe stören das Heimatgefühl, auch harmlosere Aussagen von Menschen, die es nicht eigentlich rassistisch meinen. Und sogar ein Kompliment kann ausgrenzend wirken, wenn am „Sie sprechen aber gut deutsch“ erkennbar wird, dass man einer Frau mit schwarzen Haaren auch ohne Kopftuch nicht viel zutraut.

Zwischen Lamya Kaddor und Michael Rubinstein bleibt nichts ungesagt: Islamischer Antisemitismus kommt ebenso auf den Tisch wie „Price-Tag“-Anschläge israelischer Siedler auf Palästinenser. Aber diese beiden klugen Menschen leben vor, dass kein Jude, kein Muslim gezwungen ist, hier in Deutschland Stellvertreterkriege zu führen.

Tatsächlich haben Juden und Muslime große Gemeinsamkeiten, insbesondere als religiöse Minderheiten in Deutschland, und die Autoren werben mit Recht dafür, dass diese Gemeinsamkeiten zur Grundlage gegenseitigen Verstehens und gemeinsamen Handelns werden. Übrigens sind das oft Gemeinsamkeiten, die auch gläubige Christen teilen. Deren kulturelle Bedeutung schätzen die Autoren richtig, ihren politischen Einfluss aber zu hoch ein.

Aber gerade als gläubiger Christ kann man nicht anders als zuzustimmen, wenn Lamya Kaddor sich wünscht, dass ihre nichtmuslimische Umgebung einfach wüsste, warum sie und ihre Freunde strahlen, wenn der Ramadan zu Ende geht und das Opferfest bevorsteht. Und wenn ich lese, wie Michael Rubinstein in der Synagoge neben seinem Vater betet, der auf dem Platz des verstorbenen Großvaters sitzt, dann denke ich an meinen Vater, der schon fünfzehn Jahre tot ist, und verstehe, dass auch andere Religionen nicht nur Glaube und Lebensphilosophie sind, sondern auch Heimat – und die Heimat der Menschen, die wir lieben.

So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein ist ein Buch, das nicht nur Juden und Muslime lesen sollten, sondern alle Menschen guten Willens; dem guten Willen kann das nur gut tun.

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

Durchgelesen und uneingeschränkt empfohlen: das Buch von Lamya Kaddor und Michael Rubinstein

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Das Dilemma der friedlichen Muslime

Harald Stollmeier am 14. Januar 2015

ISIS foltert und tötet vor laufenden Kameras, Boko Haram brennt ganze Städte nieder, und soeben haben die Pariser CharlieHebdo-Attentäter bewiesen, dass der Islamismus auch in Europa eine Gefahr ist (und dass Islamisten für das Ermorden von Juden überhaupt keinen Anlass brauchen). In Deutschland diskutieren wir jetzt, ob der Islam ein Teil des Problems ist. Unter die Räder kommen dabei nicht die Islamisten – die hassen uns sowieso –, sondern die vielen, vielen Muslime, die hier bei uns einfach nur in Frieden leben wollen.

Immer wenn Islamisten im Namen des Propheten morden, werfen sie zwei Fragen auf. Die erste: Ist ihre Auslegung des Korans zulässig oder gar maßgeblich? Die zweite: Wenn ja, wie sollen wir dann mit den Muslimen unter unseren Mitbürgern umgehen?

Zu den Anhängern der These von der Maßgeblichkeit der islamistischen, also mörderischen Auslegung des Islams gehören eine ganze Reihe einflussreicher Muslime, nicht zuletzt der ISIS-Anführer und selbsternannte Kalif al-Baghdadi und wohl auch der Londoner Imam Anjem Choudary, der die Pariser Morde öffentlich wenn nicht gerechtfertigt so doch verteidigt hat. Und zunehmend findet diese Auslegung auch außerhalb des Islams Anhänger. Man muss es zu Ende denken: Wenn diese Menschen Recht haben, dann ist die Ausweisung aller Muslime, sozusagen eine religiöse Säuberung, unausweichlich. Die Befürworter dieser Lösung – noch hängt sie nicht an der großen Glocke – könnten immerhin anführen, dass die „andere Seite“ mit diesem Prozess bereits begonnen hat.

Gar so finster wird es nicht kommen. Denn weder der selbsternannte Kalif noch die Antikalifen haben Recht. Das beweist schon allein die Existenz anderer, keineswegs marginaler Auslegungen in der muslimischen Welt. Das beweisen zum Beispiel die Rechtsgutachten des jordanischen Scheichs Issam Barkawi Abu Mohammed Al-Makdissi (nicht gerade ein Liberaler) und von sechs britischen Islamgelehrten gegen den ISIS-Terror. Man kann ausschließen, dass diese Islamgelehrten die ISIS-Mörder wider besseres Wissen zu Häretikern erklären, nur um den Westen in Sicherheit zu wiegen.

Maßgeblich ist die Islam-Auslegung der Islamisten also nicht. Ihre vollständige Unzulässigkeit ist allerdings schwerer nachzuweisen, trotz Rechtsgutachten. Denn in der muslimischen Welt gibt es keine Autorität, der alle anderen das letzte Wort zugestehen. Sie kennt weder Papst noch Konzile. Die Auslegung des Islams (Koran, Hadithe, Rechtsgutachten) ist sozusagen eine demokratische Angelegenheit. Das bedeutet: Wenn eine Auslegung von einer nennenswerten Zahl von Muslimen gelebt wird, muss man akzeptieren, dass sie dazu gehört. Insofern sind Aussagen wie „Das ist nicht der Islam“ erfreuliche, oft auch gewichtige Meinungsäußerungen, aber keine Definitionen oder Urteile, die irgendwie verbindlich wären über die Jurisdiktion der jeweils publizierenden Institution hinaus. Es hilft nichts: Die Morde haben etwas mit dem Islam zu tun. Schlimmer noch: Es ist nicht absehbar, dass die muslimische Welt den Mördern die Legitimation entziehen kann.

Was bedeutet das für die Muslime in Deutschland? Es bedeutet, dass ihnen die Konfrontation mit den in ihrem Namen, aber nicht in ihrem Auftrag verübten Verbrechen treu bleiben wird. Sie werden immer wieder deutlich machen müssen, dass sie diese Dinge verurteilen. Sie werden sich bei zahlreichen (nicht allen) Glaubensbrüdern im Nahen Osten unbeliebt machen müssen mit einem klaren Bekenntnis zum Grundgesetz inklusive voller Religionsfreiheit, die das Recht zum Abfall vom Islam einschließt. Damit wird es ihnen gelingen, eine nachhaltige Vertrauensgrundlage zu schaffen. Denn wenn die Zugehörigkeit zum Islam offensichtlich freiwillig ist, sind die Besonderheiten, die das Leben der Muslime betreffen, grundsätzlich in Ordnung.

Sowohl der selbsternannte Kalif als auch diejenigen Antiislamisten, die seine Auslegung für maßgeblich halten, werden solche Festlegungen der deutschen Muslimverbände für unzulässig erklären. Ich behaupte dagegen: Wenn eine bestimmte Auslegung des Islams in einem bedeutenden Land von Millionen von Muslimen gelebt wird, dann ist sie zulässig – mindestens so zulässig wie die Auslegung, die in Saudi-Arabien gilt und von dort aus mit viel Geld weltweit beworben wird. Und dass eine Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime damit sehr gut leben könnte, halte ich für so gut wie sicher. Genaugenommen ist das insofern bereits dokumentiert, als man es in der Charta der Muslime in Deutschland vom 20. Februar 2002 nachlesen kann.

Natürlich sind damit nicht alle Probleme gelöst. Aber der deutsche Staat wird Muslimverbände, die sich dieser Charta anschließen oder gleichwertige Stellungnahmen dokumentieren, guten Gewissens als ehrliche Gesprächspartner betrachten können – wie den Liberal-Islamischen Bund zum Beispiel, der so gut wie alle Vorurteile gegen Muslime widerlegt und dessen 1. Vorsitzende Lamya Kaddor sowohl bei Rechtsradikalen als auch bei Islamisten verhasst ist. Und er wird ihnen Rückendeckung geben können bei der notwendigen Aufgabe, grundgesetzwidrige Islamauslegungen, für die etwa Pierre Vogel steht, nachhaltig zu isolieren. Er wird nicht nur können. Er wird müssen.

Reden müssen wir übrigens auch über den Beitrag der Medien in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die jahrelanges Engagement für Integration wie beim SV Rhenania Hamborn oder auch konstruktive Arbeit in Lehre und Forschung wie bei Prof. Mouhanad Khorchide nicht ernster nehmen als einen einmaligen Auftritt einer improvisierten “Scharia-Polizei” von sechs oder sieben Jugendlichen in Wuppertal.

Die einzelnen Muslime sind übrigens weder heute noch morgen verpflichtet, zum Islamismus Stellung zu beziehen. Allerdings wird man das umso weniger von ihnen fordern, je überzeugender es ihre Vereine und Verbände für tun.

Vor allem aber hat jeder einzelne Muslim das Recht, vorrangig als Individuum betrachtet und danach beurteilt zu werden, was er selbst sagt und tut, und als Mitglied seiner Religionsgemeinschaft erst, wenn überhaupt, sekundär. So wie jeder andere Bürger auch. So wie jeder andere Mensch auch. Das ergibt sich nicht aus ihrem Auftreten. Das ergibt sich aus unseren rechtsstaatlichen Grundsätzen und, soweit wir Christen sind, aus unserem eigenen Glauben.

Kein Bürger, ob er nun Atheist ist oder sich zu einer anderen Religion bekennt, ist zu irgendwelchen Zugeständnissen an den Islam verpflichtet. Aber jeder Bürger ist verpflichtet, die Rechte der anderen Bürger zu achten. Und der Staat ist verpflichtet, die Rechte aller Bürger, auch der muslimischen, zu achten und zu schützen. Aller muslimischen Bürger, auch der Frauen und Mädchen; niemand kann versprechen, dass es keine Konflikte geben wird.

Christen sind übrigens in besonderem Maße an dieses Gebot der Betrachtung des einzelnen Menschen gebunden. Das lässt sich vielfach belegen. An dieser Stelle sollen der Hinweis auf das Gebot der Nächstenliebe und die Zusage Christi an den mit ihm gekreuzigten Schächer genügen, der seine Schuld bekennt und um Erbarmen bittet: „Noch heute sollst Du mit mir im Paradiese sein.“ Man darf, ja sollte falsches Handeln verurteilen und aufhalten (bestrafen ggf. auch). Man darf natürlich einem irrigen Glauben widersprechen (beziehungsweise, neutraler formuliert, einem Glauben, den man für irrig hält). Aber der einzelne Mensch ist Gottes Ebenbild und so zu behandeln. Und wenn er auf einem Irrweg ist, kann er bis zum letzten Moment seines Lebens umkehren. Ist ja schon vorgekommen.

Mein Mitgefühl gilt...

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