Archiv für die Kategorie 'Spenden-Experiment'

In eigener Sache: Moralblog erhält Sonderpreis

Caroline Stollmeier am 1. August 2012

Die deutschsprachige Blogoezese zeichnet unsere Berichterstattung zum Spenden-Experiment aus. Wir freuen uns darüber und sagen: DANKE!

sonderpreis2012_Moralblog

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Spenden-Experiment: Und das Geld geht an…

Caroline Stollmeier am 8. März 2012

1.100 Euro konnten wir im Laufe eines Jahres zusammensparen. Wie versprochen möchten wir dieses Geld zum Menschenlebenretten einsetzen. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, wer das Geld am Ende bekommen soll. Neben vielen wichtigen Kriterien hat sich für uns herausgestellt, dass uns vor allem eins wichtig ist: Vertrauen.

Wir haben uns verschiedene Organisationen genauer angesehen. Von vorne herein sind nur diejenigen in Frage gekommen, die ausdrücklich versuchen Menschenleben zu retten. Natürlich retten auch Projekte, deren Ziele beispielsweise eine bessere Schulbildung oder mehr Gerechtigkeit sind, indirekt Menschenleben. Die Beschränkung ist keine Wertung. Sie ist lediglich die individuelle Vorgabe, die wir uns selbst für unser Experiment gemacht haben.

Zwei Vereinen fühlen sich mein Mann und ich in besonderer Weise verbunden, weil wir den Menschen hinter den Kulissen vertrauen und ihre Arbeitsweise überzeugend finden. Dieses Vertrauen ist im Laufe der Zeit gewachsen, nicht erst während des Spenden-Experiments. Wir wissen, beide Vereine retten erfolgreich Menschenleben – der eine in Deutschland, der andere im Sudan.

Nach gründlicher Überlegung und ohne damit gleichzeitig die Arbeit anderer Organisationen abwerten zu wollen haben wir uns entschieden, die gesammelten Spenden je zur Hälfte an Pro Femina e.V. und den Deutsch-Afrikanischen Ärzte-Verein in der BRD e.V. zu übergeben.

Natürlich kann unsere Spende nur einen kleinen Beitrag zur wichtigen Arbeit dieser Vereine leisten. Aber wir hoffen, dass wir mit unserem Spenden-Experiment zeigen konnten, dass man auch mit einfachen Mitteln und ohne spürbaren Verzicht mehr Geld für gute Zwecke oder zur Bekämpfung von Missständen ausgeben kann. Nicht nur der Staat, nicht nur die Reichen, nicht irgendjemand, sondern ich.

Spenden-Experiment

Heute ist unser Spenden-Experiment abgeschlossen. Das Geld geht an Pro Femina und den Deutsch-Afrikanischen Ärzte-Verein. Wir wissen, hier werden Menschenleben gerettet.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Ein Kommentar

Spenden-Experiment: Reaktionen

Caroline Stollmeier am 5. März 2012

Wir haben den Beginn unseres Experiments veröffentlicht und insbesondere in der Anfangsphase kam das Thema gelegentlich mit Freunden zur Sprache. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Sie reichten von Äußerungen wie „Respekt!“ bis hin zur Vermutung, dass wir „bekloppt“ seien.

Besonders gefreut haben wir uns über konstruktive Auseinandersetzungen. Ein Freund sagte uns, dass er überzeugt davon sei, dass auch Leute mit niedrigem Einkommen gerne Gutes tun würden, aber absolut nicht in der Lage sind, Geld zu spenden. Er schlug vor die Experimentregeln dahingehend abzuändern, dass man für je 10 Euro, die man für Luxus-Güter ausgibt, eine Stunde gemeinnützige Arbeit entsprechend seinen Fähigkeiten leistet.

Besonders schnell reagiert haben diejenigen, die uns gleich „ihre“ Projekte als Spendenempfänger vorgeschlagen haben. Diese Vorschläge haben wir selbstverständlich in unsere Überlegungen einbezogen.

Auch bei uns selber haben wir verschiedene Reaktionen auf das Experiment beobachtet. Wir haben genauer als vorher hingeschaut, wofür wir unser Geld ausgeben. Manchmal haben wir Dinge nicht gekauft, obwohl wir es unter normalen Umständen getan hätten. Wir haben auch die bisherigen Empfänger unserer Spenden und Mitgliedsbeiträge genauer unter die Lupe genommen. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, ob Menschenlebenretten wirklich das wichtigste Ziel ist, das es für uns geben kann (und sind zu dem Ergebnis gekommen: ja!). Und wir haben viel über andere Menschen gelernt. Beispielsweise haben viele resigniert, weil es gelegentlich Skandale um die Veruntreuung von Spendengeldern gibt oder jede Medaille auch ihre Kehrseite hat. Aber wir haben auch gemerkt, dass sich mindestens genau so viele Menschen für gemeinnützige Projekte einsetzen, einfach, weil sie ihnen wichtig sind und weil es sonst keiner tut.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Das Spenden-Experiment: Selbsterfahrung Teil II

Caroline Stollmeier am 2. März 2012

Im Laufe unseres Experiments hat sich gezeigt, dass wir beim Kauf von alltäglichen Dingen nicht so viel Geld wie erhofft einsparen konnten. Aber es gab ja auch noch unsere Regel 1: „Die Hälfte des Betrags, den wir für Luxus-Güter (also Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen und die man nur kauft, weil sie Freude machen) ausgeben, wollen wir spenden.“

Insbesondere in den ersten Tagen und Wochen des Experiments stellte sich immer wieder die Frage, ob eine „Unnützausgabe“ vorlag oder nicht. In dieser Phase haben wir bestimmte grundsätzliche Entscheidungen getroffen. Meistens war es jedoch ein individuelles Abwägen.

Freunde

Natürlich macht es einfach nur Spaß Freunde zum Essen einzuladen oder zu beschenken. Wir haben aber schnell entschieden, dass unsere Freunde nicht durch unser Experiment beeinflusst werden sollen. Immerhin geht es dabei nicht nur um uns. Und wir wollten auch niemandem ein schlechtes Gewissen einreden.

Geschenke, Restaurantbesuche und andere Dinge für unsere Freunde, haben wir grundsätzlich nicht zu den „Unnützausgaben“ gezählt.

Kinder

Natürlich haben unsere Kinder schon mehr als genug Spielzeug. Und auch ein Freizeitparkbesuch ist nicht unbedingt lebensnotwendig. Ähnliche Überlegungen wie im Zusammenhang mit unseren Freunden, haben uns aber dazu gebracht alle Ausgaben für unsere Kinder in unserem Experiment nicht zu berücksichtigen.

Lebensmittel

Gelegentlich konnten wir bestimmte Lebensmittel wie Pralinen oder bestimmte Biersorten eindeutig als Luxus-Güter einstufen. Manchmal fiel diese Entscheidung schwer, oder wir haben einfach nach einem Einkauf vergessen die Ausgaben zu berücksichtigen. Deshalb ist dieser Ausgabenblock der unsicherste in unserer Auflistung und hat dazu geführt, dass wir uns entschieden haben, am Ende die Spendensumme in plausibler Höhe aufzurunden.

Kosmetik

Wir kaufen generell sehr wenig reine Kosmetikprodukte (Duschgel, Deodorant, Klopapier und ähnliches zählt natürlich nicht!). Haben wir doch mal eine Creme oder ein Haarstylingprodukt gekauft, konnten wir das schnell als „Unnützausgabe“ klassifizieren.

Hobby

Ebenso einfach zu identifizieren waren Ausgaben für unsere Hobbys (wie beispielsweise Bastelbedarf), die in der Regel spendenwirksam wurden.

Kleidung

Wir haben nicht das kaputte Paar Schuhe, das ersetzt werden musste, berücksichtigt, sondern Kleidungsstücke und Accessoires, die wir nur kauften, weil sie uns gefielen. Es waren nicht viele, aber der eine oder andere Spendeneuro ist auf diese Weise zusammen gekommen.

Fazit

Aus der Anwendung von Regel 1 haben wir etwa 75 % unserer Spenden gewonnen.

Grundsätzlich konnten wir feststellen, dass sich schnell ein Gefühl dafür eingestellt hat, dass Luxus-Güter während des Experimentzeitraums für uns 50 % mehr kosten. Und entweder wir haben den (gefühlt) höheren Preis akzeptiert oder eben nicht. Wenn nicht, haben wir eben kein Geld ausgegeben. Das hat dazu geführt, dass wir im Experimentzeitraum mit Sicherheit weniger Luxus-Güter gekauft haben als davor.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Das Spenden-Experiment: Selbsterfahrung Teil I

Caroline Stollmeier am 29. Februar 2012

Am Ende unseres Spenden-Experiments lässt sich sagen, dass das Experiment unser Konsumverhalten beeinflusst hat. Allerdings nicht immer so, wie wir es erwartet hätten…

Beginnen möchte ich meine Abschlussberichte mit unserer Regel 2: „Wenn wir im Alltag mit vertretbarem Aufwand Geld sparen können, spenden wir davon die Hälfte.“

Mineralwasser

Peter Singer schreibt etwas provokant, dass man eigentlich immer noch Geld für gute Taten übrig hat, wenn man Mineralwasser anstelle von Leitungswasser trinkt, da unser Leitungswasser zweifellos von guter Qualität ist. Im Grunde hat er ja Recht. Allerdings schmecken mir manche Mineralwassersorten einfach besser als Leitungswasser.

Ganz am Anfang des Experiments haben wir eher geschätzt als wirklich ausgerechnet, wie hoch die Spende sein könnte, die wir durch den Verzicht auf Mineralwasser zugunsten von Leitungswasser ersparen könnten. Wir kaufen nicht immer die gleiche Sorte Wasser, mal ist es eine ganz billige und mal eine relativ teure. Also mussten wir von einem Durchschnittspreis ausgehen, den wir mit den Kosten für unser Leitungswasser verglichen. Das Ergebnis war eine Spende in Höhe von 5 €-Cent pro Glas.

Insbesondere in den Sommermonaten haben wir häufiger als im Winter Leitungswasser getrunken. Gänzlich auf leckeres Mineralwasser verzichtet haben wir zu keiner Zeit. Und selbstverständlich haben wir auch unseren Besuchern niemals Leitungswasser serviert.

Der Verzicht auf Mineralwasser hat bei uns in einem Jahr zu einer Ersparnis von etwa 12 Euro geführt, was eine Spende nach Regel 2 von sechs Euro ausmacht.

Handelsmarken

Wirklich ohne großen Aufwand lässt sich Geld sparen, wenn man Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs von Handelsmarken anstelle von Herstellermarken kauft. In der Regel ist die Qualität der Ware absolut vergleichbar, der Preis aber deutlich geringer. Wir haben vor dem Experiment immer die gleiche Nudelsorte gekauft. Während des Experiments sind wir aber nahezu komplett auf billigere Produkte umgestiegen. Pro 500-Gramm-Packung Nudeln konnten wir so eine Spende in Höhe von 55 Cent ersparen.

Rückblickend mussten wir aber feststellen, dass wir auf diese Weise keine großen Einsparungen erzielen konnten. Das lag daran, dass wir bereits vor dem Spenden-Experiment verstärkt Handelsmarken gekauft hatten. Und ganz allgemein gesagt: Schlechte Erfahrungen haben wir damit nie gemacht.

Kaffee

Vor dem Spenden-Experiment haben wir meistens fair gehandelten Kaffee aus dem Eine-Welt-Laden in unserer Nähe gekauft. Dieser Kaffee ist relativ teuer, selbst wenn man ihn im Supermarkt bekommt (ca.6-7 Euro pro Pfund).

„Fair Trade“ hat einen guten Ruf. Ich habe die gute Idee dahinter bisher nie in Frage gestellt. Aber im Laufe des Experiments ist fast jede Ausgabe auf den Prüfstand gekommen, also auch die für unseren Kaffee.

Es wird immer gesagt, dass fair gehandelter Kaffee den Kaffeebauern angemessen hohe Entlohnung sichert, die dazu noch die manchmal existenzbedrohenden Schwankungen des Weltmarktpreises abfedert. Ich wollte wissen, wie viel mehr denn ein einzelner Bauer tatsächlich an einem Sack Kaffee verdient und ob sich dadurch wirklich der erheblich höhere Verkaufspreis rechtfertigen lässt (wir haben inzwischen Kaffee für unter 1,50 Euro pro Pfund gekauft).

Leider konnte ich diese Zahlen nicht herausbekommen. Angeblich ist es zu schwierig zu beziffern, was fair gehandelt für einzelne Bauern bedeutet. Ich habe davon gelesen, dass Gewerkschaften gegründet und Bildungsprojekte angestoßen werden. Also scheint es doch nicht darum zu gehen, wirklich dem einzelnen Bauern mehr Einkommen zu sichern? Ich konnte diese Frage nicht abschließend klären.

Für unser Experiment haben wir entschieden, keinen fair gehandelten Kaffee mehr zu kaufen und stattdessen auf billigeren Kaffee umzusteigen. Immerhin haben wir uns vorgenommen, mit den Einsparungen Menschenleben zu retten. Und das erscheint uns dringlicher als die Gründung von Gewerkschaften.

Restaurantbesuche

Wenn man auf Restaurantbesuche verzichtet, kann man ganz einfach Geld sparen. Nun, bedingt durch unsere Kinder gehen wir sowieso nicht häufig essen. Außerdem haben wir uns grundsätzlich entschieden, dass unsere Freunde und Gäste nicht unter unserer Experimentierfreude „leiden“ sollen. Also gab es keine Einsparungen durch den Verzicht auf Restaurantbesuche. Lediglich mein Mann hat sich in seinen seltenen Mittagspausen häufiger selbst verpflegt.

Mitgliedschaften

Sowohl mein Mann als auch ich sind Mitglied in mehreren (Förder-)Vereinen und anderen mehr oder weniger gemeinnützigen Organisationen. Sofern wir dabei nicht einen Lebensbund eingegangen sind, der selbstverständlich nicht zur Diskussion stand, haben wir jedoch abgewogen und berücksichtigt, zu welchem Zweck unsere Mitgliedsbeiträge verwendet werden.

Ohne großen Aufwand ließ sich in einem Fall der Mitgliedsbeitrag reduzieren. Zwei Mitgliedschaften wurden komplett beendet. Wenn unsere emotionale Bindung an eine Organisation bzw. die Überzeugung, dass ein Verein Gutes tut immer noch groß ist, haben wir an der Mitgliedschaft und den Beiträgen natürlich nichts verändert.

Ein besonderer Fall ist die Kirchensteuer, die ich deshalb an anderer Stelle bereits diskutiert habe. Auch hier konnten wir keine Spenden ersparen.

Rabatte

Geld sparen konnten wir auch durch Rabatte oder besondere Aktionen. Experimentrelevant waren für uns aber nur Preisnachlässe, die wir nicht sowieso erhalten hätten. Beispielsweise waren wir ein Mal im Schwimmbad und haben erst vor Ort erfahren, dass genau an diesem Tag alle Besucher aus Duisburg zu einem ermäßigten Eintritt herein durften. Diese Einsparung war relevant für unser Experiment. Rabatte aufgrund von Kundenkarten, die wir bereits vor Experimentbeginn hatten, zählten hingegen nicht.

Bücher

Wir kaufen relativ viele Bücher. Mein Mann erwirbt am liebsten günstige Mängelexemplare. Daran gibt es nicht viel zu sparen. Aber mir haben es eher die leider oft teuren Fachbücher angetan. Als gegen Anfang des Spendenexperiments mal wieder die Anschaffung eines bestimmten Buches, das ich zudem nur aus den USA beziehen konnte, anstand, ist mir eingefallen, dass ich früher immer gute Erfahrung mit der Unibibliothek gemacht habe. Tatsächlich war das von mir gesuchte Buch im Bibliothekskatalog aufgeführt. Die Gebühr für den Benutzerausweis habe ich bereits durch den Verzicht auf den Kauf des ersten Buches eingespart.

Fazit

Durch die Anwendung von Regel 2 haben wir etwa 25 % unserer Spendensumme gewonnen. Wir haben erwartet, dass dieser Anteil höher sein würde. Im Rückblick lässt sich jedoch sagen, dass wir bereits vor Beginn des Experiments immer versucht haben, bei alltäglichen Dingen Geld zu sparen und dabei anscheinend sehr erfolgreich waren.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Ein Kommentar

Spenden-Experiment: Einsparung Kirchensteuer?

Caroline Stollmeier am 26. Februar 2012

Im Sinne unserer Experiment-Regel 2 „wenn wir im Alltag mit vertretbarem Aufwand Geld sparen können, spenden wir davon die Hälfte“ hatte ich eine Idee: die Kirchensteuer. Wir hier in Nordrhein-Westfalen zahlen 9 % Aufschlag auf die Lohnsteuer. Das bedeutet erhebliches Einspar- bzw. Spendenpotenzial!

Wir bezahlen die Kirchensteuer jeden Monat. Aber freiwillig. Sie ist keine richtige Steuer, die sich (legal) nicht vermeiden ließe. Wie auch andere nicht zwingende Ausgaben, die bei uns inzwischen seit gut einem Jahr auf dem Prüfstand stehen, lohnt es sich auch hier näher hin zu schauen, wofür die Kirchensteuer eigentlich verwendet wird.

Die Bistümer geben an, dass der größte Teil der Kirchensteuereinnahmen für die Seelsorge ausgegeben wird. Dahinter verbergen sich hauptsächlich Personalkosten. Für Verwaltung und die Instandhaltung von Kirchen und anderen Gebäuden wird auch relativ viel Geld ausgegeben. Nur ein kleiner Teil der Kirchensteuereinnahmen wird direkt für soziale und karitative Zwecke ausgegeben. Die konfessionellen Krankenhäuser, beispielsweise, müssen sich selber tragen. Auch Ordensgemeinschaften, die oft viel Gutes für die Menschen tun, bekommen kein Geld aus der Kirchensteuer.

In Kirchenaustritt wäre der einfachste Weg, die Kirchensteuer nicht zu bezahlen. Aber das kommt für meinen Mann nicht in Frage. Vielleicht ist das aber nicht der einzig mögliche Weg?

Wer sagt eigentlich, dass man zwingend Kirchensteuer zahlen muss, um Mitglied (in unserem Fall der katholischen) Kirche zu sein? In den meisten anderen Ländern lebt die Kirche nicht von Steuern, sondern von Spenden und anderen Einnahmen. Dieser Frage sind schon andere Leute nachgegangen. Allen voran der Kirchenrechtler Prof. Hartmut Zapp. Er ist der Meinung, dass man aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts Kirche austreten kann, ohne automatisch aus der Kirche als Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Das Kirchenrecht selbst kennt nämlich gar keinen Kirchenaustritt. Eine Taufe kann nicht ungültig werden.

Tja, diese Frage ist höchst brisant und anscheinend gar nicht so einfach zu beantworten. Prof. Zapp hat bereits vor mehreren Jahren in genau dieser Angelegenheit einen Rechtsstreit angefangen, der bis heute noch nicht entschieden ist. Es scheint jedoch grundsätzlich nicht ausgeschlossen zu sein, dass man bald auch in Deutschland keine Kirchensteuer zahlen muss, obwohl man Mitglied der Kirche bleibt, wenn man glaubt.

Im Rahmen unseres Spenden-Experiments komme ich aber zu dem Ergebnis: So lange der Rechtsstreit nicht entschieden ist, könnten wir die Kirchensteuer nur um den Preis des Kirchenaustritts einsparen, ein Aufwand, der uns unverhältnismäßig hoch erscheint.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Spenden-Experiment: Wirtschaftliche Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe

Caroline Stollmeier am 14. Februar 2012

In Deutschland wird vieles streng kontrolliert und dokumentiert. Die Mensche wollen Sicherheit. Und Papier ist geduldig. Ein Prüfsiegel, ein Qualitätsbericht oder ein Testergebnis spiegeln jedoch nicht immer wider, was einem persönlich wichtig ist. Im Rahmen unseres Spenden-Experiments haben wir uns selbst die Vorgabe gemacht, dass unsere Spende am Ende zum Menschenlebenretten beitragen soll. Aber welche Bewertungskriterien sind dafür ausschlaggebend?

Die Großen – Oxfam, Unicef & Co.

Zunächst liegt es nahe, große und bekannte Organisationen unter die Lupe zu nehmen. Oxfam Deutschland e.V. hat Moralblog bereits beispielhaft vorgestellt. Den meisten Menschen bekannt dürfte auch UNICEF Deutschland sein. Diese Hilfsorganisation setzt sich vor allem für die Recht von Kindern ein. Im Geschäftsbericht 2010 wird ausgewiesen, dass von jeder 100-Euro-Spende rund 85 Euro für die „weltweite UNICEF-Arbeit eingesetzt“ wurden. Noch eine andere Angabe ist mir jedoch aufgefallen: Mehr als die Hälfte der Spendeneinnahmen wurden von UNICEF zweckgebunden bereitgestellt. Und dem Zweck „Überleben von Kindern sichern“ wurden nur etwa 9 % dieser Spenden zugeführt. Zugegeben, ein relativ großer Anteil (etwa 53 %) floss in die Nothilfe. Hier kann man wohl davon ausgehen, dass auch mit diesem Geld Menschenleben gerettet wurden.

Große Organisationen verstehen ihr Kommunikations-Handwerk. Von Broschüren und Websites schauen uns große Kinderaugen entgegen, Geschäftsberichte wirken transparent, Ansprechpartner scheinen immer verfügbar. Es fällt mir wirklich schwer zu beurteilen ob es Unterschiede in der Glaubwürdigkeit gibt. Und das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass ich davon ausgehe, dass Organisationen mit weniger öffentlichkeitswirksamen Auftreten deshalb unglaubwürdiger sind. So komme ich also nicht weiter…

In der Nähe – das Friedensdorf

Vielleicht ist der Zugang zu Hilfsorganisationen, die in räumlicher Nähe aktiv sind, einfacher? Zusammen mit einigen Lesern hat die Moralblog-Redaktion deshalb das Friedensdorf International im benachbarten Dinslaken besucht. Das Friedensdorf ist in den 60er Jahren aus einer Bürgerbewegung hervor gegangen. Der Verein kümmert sich inzwischen um etwa 1.000 Kinder pro Jahr, die lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind und denen aufgrund von Krieg oder anderen Krisen in ihren Heimatländern nicht geholfen werden kann. Die Kinder werden nach Deutschland gebracht, haben hier in der Regel längere Krankenhausaufenthalte durchzustehen und bleiben dann mehrere Wochen oder sogar Monate im Friedensdorf, bis sie gesund genug für die Heimreise zu ihren Familien sind. Wir haben einen guten Eindruck von der Arbeit im Friedensdorf, die unzweifelhaft Menschenleben rettet. Beeindruckt sind wir auch vom Umfang der ehrenamtlichen Arbeit, die dort geleistet wird. Trotz dieses Engagements kostet die Betreuung eines Kindes im Friedensdorf pro Tag etwa 50 Euro, wie Heike Bruckmann erklärt, die uns durch das Dorf geführt hat. Und die Kosten für den Hin- und Rückflug sind dabei noch nicht eingerechnet.

Freunde fragen – Gemeinden, Kindergärten, Patenschaften

Eine weitere Überlegung war, unsere Freunde und Bekannten zu fragen, wohin sie regelmäßig spenden bzw. welche Organisation sie gerne unterstützen. Einige gaben an, dass sie ihrer Kirchengemeinde oder einem Kindergarten in ihrer Nähe Geld geschenkt hätten. Und einige haben „Patenschaften“ für Kinder in wenig entwickelten Ländern übernommen; beispielsweise vermittelt von Plan Deutschland. Während die Einen sicher waren, dass ihre Spende in ihrem unmittelbaren Umfeld Gutes bewirkt, waren die Anderen vor allem vom Briefkontakt mit ihren „Patenkindern“ beeindruckt, der ihnen ein Gefühl dafür vermittelt, dass ihre Spende ankommt.

Keine Frage, in unseren Kirchengemeinden und Kindergärten fehlt oft das Geld an allen Ecken und Enden. Aber Leben werden dort in der Regel nicht. Und „Patenkinder“ sind ein Thema für sich. Inzwischen sind die meisten nachhaltig arbeitenden Organisationen dazu übergegangen keine Spenden mehr einzelnen Kindern bzw. deren Familien zukommen zu lassen, sondern mit ihren Projekten ganze Dörfer oder Regionen zu unterstützen. Häufig sind es Projekte, die bessere Bildung (und nicht die Rettung von Menschenleben) zum Ziel haben. Das Patenschaftskonzept dient dabei eher der Spendergewinnung und -bindung.

Entwicklungshilfe – Armutsbekämpfung im Vordergrund?

Die Bundesrepublik Deutschland gibt viel (Steuer-) Geld für so genannte Entwicklungshilfe aus; die Armutsbekämpfung spielt dabei nach eigenen Angaben eine wichtige Rolle. Das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: BMZ) erklärt, dass Entwicklungshilfe unterschiedlich funktioniert: Entweder durch direkte Zusammenarbeit mit Regierungen oder Organisationen in Partnerländern, über den Umweg der Europäischen Union oder durch Unterstützung von internationalen (Nichtregierungs-) Organisationen. Im Haushaltsjahr 2011 standen dem BMZ 6,22 Milliarden Euro zur Verfügung.

Entwicklungshilfe wird oft kritisiert, da sie anscheinend weniger humanitäre als vielmehr wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund stellt. Das BMZ selbst sagt dazu: „Von Entwicklungszusammenarbeit profitieren nicht nur die Empfängerländer, sondern auch die Geber. Das gilt ganz besonders für die Exportnation Deutschland. (…) Jeder Euro, den wir für Entwicklung in unseren Partnerländern ausgeben zieht deutsche Exporte von 1,80 Euro nach sich.“ Das ist an sich ja nicht verwerflich. Aber betrachten wir diesen Aspekt doch einmal vor dem Hintergrund der Armutsbekämpfung…

Die 10 Länder, die die Rangliste der Empfänger deutscher Entwicklungshilfe im Jahr 2010 angeführt haben, sind: Indien, China, Afghanistan, Brasilien, Indonesien, Pakistan, Ägypten, Serbien, Tansania und die Türkei. Das wechselkursbereinigte Pro-Kopf-Einkommen ist ein relativ guter Indikator für die Armut in einem Land. Dazu gibt die Weltbank Ranglisten heraus: Im Jahr 2010 war Indien dort auf Platz 153, China auf Platz 118, Afghanistan auf Platz 200, Brasilien auf Platz 96, Indonesien auf Platz 147, Pakistan auf Platz 163, Ägypten auf Platz 127, Serbien auf Platz 95, Tansania auf Platz 186 und die Türkei auf Platz 79. Nach diesem Maßstab zählt also – außer Afghanistan – keines der von Deutschland am meisten geförderten Länder zu den ärmsten der Welt!

Hilfsorganisationen, die vom BMZ finanziell unterstützt werden, müssen BMZ-Kriterien erfüllen. Und nach meinem Eindruck mag die Verteilung der Gelder für Entwicklungshilfe zwar ein Indikator für Allerlei sein. Aber ein Gradmesser für (erfolgreiche) humanitäre Hilfe ist sie nicht.

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International in Dinslaken

(Foto: Caroline Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Gute Menschen | Gute Taten,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Darfur – helfen verboten?

Harald Stollmeier am 14. Juni 2011

Während sich die Augen der Weltöffentlichkeit auf die arabischen Länder der Mittelmeerküste richten, nimmt die Katastrophe im westsudanesischen Darfur ihren Lauf. Schon seit acht Jahren führen dort arabische Reitermilizen („Janjaweed“ = Teufel zu Pferde) einen Stellvertreterkrieg gegen die sesshaften schwarzafrikanischen Fur, Masalit und Zaghawa, zunehmend mit Hubschraubern und anderer hochtechnischer Ausrüstung, die sie von der islamistischen Regierung in Khartum erhalten. Die Zahl der Todesopfer wird auf 200 000 bis 400 000 geschätzt, wobei ein großer Teil davon nicht durch direkte Kampfeinwirkung sondern durch Hunger und Seuchen umgekommen ist.

Was in Darfur geschieht, hat viel Ähnlichkeit mit den ethnischen Säuberungen in Bosnien-Herzegowina und später im Kosovo. Die Beweise für die entscheidende Rolle der Regierung in Khartum reichten dem Internationalen Strafgerichtshof aus, um am 12. Juli 2010 wegen Völkermords einen internationalen Haftbefehl gegen den sudanesischen Staatspräsidenten Umar Hasan Ahmad al-Baschir auszustellen. Zur Verhaftung al-Baschirs ist es allerdings noch nicht gekommen; eine Polizei hat der Internationale Strafgerichtshof ja nicht.

Aber zu Reaktionen der sudanesischen Regierung ist es gekommen: Sie hat die meisten ausländischen Hilfsorganisationen ausgewiesen und macht den wenigen verbliebenen die Arbeit so schwer wie möglich. Nach einer kurzen Unterbrechung wegen Friedensverhandlungen zwischen den Fur-Milizen und der sudanesischen Regierung haben die Janjaweed im Frühjahr 2011 ihre Angriffe wieder aufgenommen.

Die humanitäre Lage ist bedrückend. „In Zalingei, der Hauptstadt der Fur“, berichtet Dr. Abdelmoula Kangoum vom Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein in der Bundesrepublik Deutschland, „ist die Einwohnerzahl durch Flüchtlinge von 60 000 auf fast 890 000 angestiegen. In der ganzen Stadt gibt es vier Ärzte, nur einer davon ist ein Facharzt. Die Hygieneprobleme sind dramatisch.“

Der Deutsch-Afrikanische Ärzteverein in der Bundesrepublik Deutschland (2010 mit dem Duisburger Integrationspreis ausgezeichnet)  und der Afrikanische Ärzteverein in Skandinavien wollen dieser Situation mit einem straff konzipierten Hilfsprojekt begegnen. Sie planen den Bau von Latrinen, den Bau von Brunnen, ein umfassendes Impfprogramm mit Schulung von Impfhelfern und die gezielte Bekämpfung und Prävention von Durchfallerkrankungen.

Das Projekt ist auf 18 Monate angelegt. Während dieser Zeit wollen je drei Ärzte für je drei Monate unentgeltlich vor Ort arbeiten; die meisten von ihnen stammen aus der Region und sind mit deren Sprache und Kultur vertraut. Ziel des Projekts ist nachhaltige Hilfe vor allem durch Ausbildung und Aufklärung örtlicher Helfer.

Warum hoffen die Deutsch-Afrikanischen Ärzte, in Darfur helfen zu dürfen, während die meisten, wenn nicht alle anderen Organisationen die Region verlassen müssen?

„Die Regierung in Khartum hat uns signalisiert“, berichtet Dr. Kangoum, „dass wir in Darfur helfen dürfen, vielleicht weil sie weniger Sorge hat, wir könnten durch westliche Regierungen instrumentalisiert werden. Es ist sogar für die sudanesische Regierung offensichtlich, dass wir keine ‚christlich-zionistischen Agenten‘ sind. Eine Rolle spielen vielleicht auch die Friedensverhandlungen, die in Quatar zwischen der sudanesischen Regierung und den darfurischen Rebellen begonnen haben.“

Das Hilfsprojekt der Afrikanischen Ärzte wird von verschiedenen Förderern mit Sachspenden unterstützt; die Ärzte selbst arbeiten gratis. Deshalb belaufen sich die voraussichtlichen Gesamtkosten auf nicht mehr als 352 000 Euro, in denen Kosten für Arzneimittel, Flüge und ein Geländefahrzeug enthalten sind.

„Darfur ist meine Heimat“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und deshalb geht mir das Leid der Betroffenen besonders nah. Es kommt hinzu, dass meine Kollegen und ich dort nützlicher sein können als andere Helfer, weil wir nicht als Fremde kommen. Vor allem aber sind wir jetzt wegen der politischen Lage die einzigen, die helfen dürfen. Wenn wir nicht helfen, sind die Menschen in Darfur allein.“

Das Spendenkonto des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschland e. V. ist:

Kontonummer: 4613907
bei der

Commerzbank AG Duisburg
Bankleitzahl: 350 400 38

(Gemeinnützigkeit anerkannt vom Finanzamt Duisburg – Süd, Landfermannstrasse 25, 47051 Duisburg – Steuernummer 109/5842/0523)

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Gute Menschen | Gute Taten,Politik,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Spenden-Experiment: Hilfe nach dem Do-no-harm-Prinzip

Caroline Stollmeier am 2. Juni 2011

Ich möchte nicht mit dem Ende beginnen. Aber motivierend für unser Spenden-Experiment ist es doch zu überlegen, wem unsere gesparten Euros später zugute kommen sollen. Das wichtigste Auswahlkriterium dafür haben wir bereits vor Beginn des Experiments definiert: Menschenleben retten. Aber dennoch bleibt viel zu bedenken.

Peter Singer spendet an Oxfam und äußert sich ausgesprochen wohlwollend über diese Organisation. Wollen wir doch selber etwas genauer hinschauen…

Oxfam Deutschland e.V. ist eine unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation, die sich für eine gerechte Welt ohne Armut einsetzt. Wir leisten weltweit Nothilfe und stärken sozial engagierte Kräfte vor Ort. Mit unserer Kampagnenarbeit decken wir die der Armut zugrunde liegenden Strukturen auf und drängen Entscheidungsträger/innen in Politik und Wirtschaft zu verantwortlichem Handeln“, heißt es in der Selbstdarstellung. Das klingt beeindruckend.

Aber wann genau wird Oxfam aktiv? Und vor allem, wie wird sichergestellt, dass Oxfam sich tatsächlich am Bedarf in armen Regionen orientiert und sich nicht von politischen und wirtschaftlichen Interessen leiten lässt, wie es der staatlichen Entwicklungshilfe häufig unterstellt wird (Moralblog wird diesem Vorwurf an anderer Stelle nachgehen)?

„Der Bedarf vor Ort ist gegeben und festgestellt, Partnerorganisationen teilen die Prinzipien und Grundsätze von Oxfam, Schwerpunkte entsprechen dem Oxfam strategischen Plan, Doppelungen durch Unterstützung anderer Hilfsorganisationen sind ausgeschlossen – um nur einige wenige Kriterien sehr kurz zu benennen“, erläutert Oxfam Projekt-Referentin Reinhild Schumacher gegenüber Moralblog.

Und wie geht Oxfam sicher, dass die Aktivitäten auch nachhaltig die gewünschte positive Wirkung haben? „Bereits bei der Projektplanung ist uns der Do-no-harm Ansatz wichtig, um negative Wirkungen durch Projektaktivitäten zu vermeiden. Dabei hilft uns, dass unsere lokalen Partnerorganisationen eine profunde Kenntnis der Kultur, der Gewohnheiten und Traditionen sowie der lokalen Hierarchien und Gesetzgebung haben“, so Schumacher, „hinzu kommt eine Risikoanalyse.“

Die Erfolgskontrolle ist wichtig für Oxfam. Auch die Partnerorganisationen werden dabei unterstützt. Und immer wieder werden externe Gutachter hinzugezogen.

Oxfam finanziert seine Arbeit vor allem aus den Erträgen der 36 Oxfam Shops, in denen fast 2.300 Ehrenamtliche „Überflüssiges flüssig machen“. Private Spenden sind außerdem besonders wichtig. Und für bestimmte Einzelvorhaben gibt es auch Zuschüsse von der Bundesregierung und der EU.

Besonders beeindruckend wäre für uns natürlich, wenn wir erfahren könnten, mit welchem Euro-Betrag Oxfam ein Menschenleben retten könnte. Aber dazu sagt Schumacher: „Das kann ich leider nicht sagen, denn hier ist alles abhängig von der Art der Intervention. Mal kann es eine simple Chlortablette sein, die Trinkwasser sauber macht, ein anderes Mal ist es weiterführende Schulbildung, die neue Chancen eröffnet. Uns geht es darum Menschen zu schützen (in der Nothilfe) und Wege aus der Armut zu finden (Wiederaufbau, Entwicklungszusammenarbeit). Das lässt sich bei der Vielfalt der Aktivitäten nicht auf eine einfache Rechnung runterbrechen.“

OD_Vertikal_standard_gruen_web

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Ein großer Wurf für die Menschheit

Harald Stollmeier am 28. April 2011

Rezension: Peter Singer, Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt und warum wir es nicht tun, aus dem Amerikanischen von Olaf Kanter, Arche Literaturverlag, Zürich-Hamburg 2010.

9783716026298

Ein Kleinkind fällt in einen Teich. Sie können sein Leben retten. Ihre neuen Schuhe gehen dabei drauf. Zögern Sie?

Die meisten Menschen, sagt der Philosoph Peter Singer, würden keine Sekunde zögern, dieses Kleinkind um den Preis ihrer neuen Schuhe und einiger weiterer Unannehmlichkeiten zu retten. Die meisten Menschen in den reichsten Ländern der Welt, ergänzt Singer, nehmen aber den genauso leicht zu verhindernden Tod von Kleinkindern in den ärmsten Ländern der Welt ohne Gewissensbisse hin. Und das können wir ändern.

Mit harten Fakten belegt Singer, dass eine nachhaltige Bekämpfung der Armut, ja sogar ihre Abschaffung, in unserer Reichweite liegt, und das ohne schmerzlichen Verzicht. Er stellt dabei nicht nur ebenso nützliche wie erfolgreiche Projekte vor sondern auch wirksame Initiativen, die sich der Bewertung und Verbesserung der Qualität von Hilfs- und Entwicklungsprojekten verschrieben haben, vorrangig GiveWell, und deren Bewertungen zudem öffentlich zugänglich sind.

Entwicklungshilfe lohnt sich, sagt Singer, und widerlegt den Mythos vom Fass ohne Boden durch einen kritischen Blick in das Fass: Es ist wahr, dass der Westen in den vergangenen 50 Jahren 2,3 Billionen Dollar an Entwicklungshilfe geleistet hat. Aber erstens sind das trotzdem nur 0,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der Geberländer, und zweitens ist der größte Teil davon gar nicht an die ärmsten Länder der Welt gegangen sondern an Länder, in denen der Westen strategische Interessen verfolgte. Das ist nichts Unmoralisches. Aber Geld, das in den Irak oder nach Kolumbien fließt, kann nun einmal nicht die Armut in Malawi bekämpfen.

Es geht Singer nicht um Politik, es geht ihm um das, was jeder Einzelne tun kann. Und wenn man bedenkt, dass die Rettung eines Menschenlebens in Ländern wie Malawi bei kritischer Bewertung nur 200 bis 500 Dollar kostet, dann macht, was der Einzelne tun kann, einen wirklich großen Unterschied. Und wenn es 1 000 Dollar wären: Wie oft geben wir Geld in solchen Größenordnungen für Dinge aus, die weniger wert sind als ein Menschenleben?

Neu ist an Singers Argumentation nicht diese Gegenüberstellung. Neu ist ihre Anwendung auf Menschen in Afrika, die wir niemals kennenlernen werden, auf Menschen, deren Schicksal uns im Allgemeinen nicht persönlich berührt. Singer hat recht: Diese Menschen sind genau so viel wert wie wir selbst, und wenn es wahr ist, dass wir sie retten können, dann haben wir eine ethische Verpflichtung, das auch zu tun.

Mir persönlich plagt sich Singer zu lange mit der Frage, ob wir gegebenenfalls verpflichtet sind, unsere eigenen Kinder zu opfern, um fremde zu retten (Singer sagt: Ja), und zu kurz mit der Frage, ob nicht die Abschaffung von Handelsbarriereren und Subventionen den ärmsten Ländern der Welt am meisten helfen würden (Singer sagt: Ja, ist aber nicht durchsetzbar). Aber Singer beweist nicht nur, dass jeder einzelne seiner Leser mit erträglichen Belastungen spürbare Verbesserungen für die Ärmsten erreichen kann, er legt auch ein plausibles und gar nicht rigides Modell dafür vor, wie man die eigenen Spendenpflichten berechnen kann. Und er belegt: Helfen macht den Helfer glücklicher, oder wie er den inzwischen verstorbenen Tierrechtsaktivisten Henry Spira zitiert (S. 228): „Ich glaube, jeder möchte am Ende in der Lage sein zu sagen, dass sein Leben mehr war, als zu konsumieren und Müll zu produzieren. Und ich denke, jeder möchte im Rückblick auf sein Leben gerne das Fazit ziehen, dass er alles gegeben hat, um diese Welt für andere besser zu machen.“

Weitere Informationen auf der internationalen Website zum Buch.

Abgelegt unter Allgemein,Gute Menschen | Gute Taten,Lesenswerte Bücher,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Nächste Einträge »

Der Eisvogel