Das Klima in der Krise

Das Klima hat sich verändert, und verantwortlich sind wir Menschen. In der Krise, ja in einem Teufelskreis befindet sich nämlich das Gesprächsklima. Während das Wetterklima offenbar immer heißer wird,  wird das Gesprächsklima sowohl grob als auch empfindlich.

Das Landgericht Berlin hat in diesen Tagen einen neuen Meinungsfreiheitsrekord aufgestellt durch die offizielle Erlaubis, eine ehemalige Bundesministerin öffentlich als „Drecksf…“ u.v.m. zu bezeichnen. Damit ist der bisherige Meinungsfreiheitsrekord „Kinderf…-Sekte“ auch insofern überboten, als jetzt eine konkrete Person das Ziel der Angriffe war. Vor vielen Jahren, als das Bundesverfassungsgericht Aufkleber mit der Aussage „Soldaten sind Mörder“ zuließ, da war es noch wesentlich, dass keine bestimmte Armee genannt wurde.

Beschimpfungen von Menschen werden also immer zulässiger. Gleichzeitig muss sich der kanadische Premierminister Trudeau öffentlich dafür entschuldigen, dass er vor zwanzig Jahren als Aladdin zu einem Kostümfest ging und dafür sein Gesicht nachdunkelte. Das war nämlich rassistisch, müssen Sie wissen. Solche Vorwürfe liegen im Trend, und bisweilen fühlen sie sich maßlos an. Nun ist es zwar beinahe amüsant, dass es mit Trudeau durchaus einen prominenten Vertreter des … Fortschritts erwischt hat. Zugleich ist es aber auch beunruhigend.

Denn es bedeutet, dass auch der Vollkommenste erstens jederzeit aus geringstem Anlass schwerster Gedankenverbrechen beschuldigt werden kann und zweitens jederzeit hinnehmen muss, wenn solche und andere Beschuldigungen auf dem niedrigsten vorstellbaren Niveau vorgetragen werden. Und wenn das schon dem Vollkommensten geschehen kann (Justin Trudeau, um Himmels Willen, der linksliberale Lieblings-Schwiegersohn schlechthin!), dann sind Sie und ich garantiert vollkommen schutzlos.

Was können wir tun? Wenn es nicht, vielleicht ähnlich wie beim Wetterklima, schon heute zu spät ist, dann müssen wir uns öfter auf die Zunge beißen. Wir müssen uns und andere fragen, ob das nicht auch netter geht, und wir müssen uns fragen, wir wir selbst reagieren würden auf das, was wir gerade sagen wollen. Vor allem müssen wir wieder lernen zu unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch tut, das kann große Scheiße sein, und dem, was ein Mensch ist: das, was ich selbst bin. Und deshalb darf ich seine Würde niemals mit Füßen treten. Auch nicht, wenn er unrecht hat.

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