Der Großimam, der Papst und die Wahrheit.

Der Papst und der al-azhar-Großimam haben vor wenigen Wochen gemeinsam erklärt: „Der Pluralismus und die Vielfalt der Religionen, Hautfarben, Geschlechter, Rassen und Sprachen sind von Gott in Seiner Weisheit gewollt.“ Das von beiden unterschriebene Dokument ist insgesamt ein großer Fortschritt, vor allem angesichts des Umstands, dass eine führende Autorität der islamischen Welt eine so eindeutige Distanzierung von Zwang und Gewalt unterschrieben hat. Gleichwohl ist die zitierte Aussage problematisch, auch wenn, wie der Papst gegenüber Bischof Athanasius Schneider erklärt haben soll, nur der „duldende Wille Gottes“ gemeint ist; aber hätte die Formulierung dann nicht gleich lauten können: „von Gott in Seiner Weisheit zugelassen“?
Der italienische Text lautet: “Il pluralismo e le diversità di religione, di colore, di sesso, di razza e di lingua sono una sapiente volontà divina, con la quale Dio ha creato gli esseri umani. Questa Sapienza divina è l’origine da cui deriva il diritto alla libertà di credo e alla libertà di essere diversi.”

Natürlich ist es kein Problem, die Vielfalt der Hautfarben, Geschlechter, Rassen und Sprachen für gottgewollt zu halten. Aber die Vielfalt der Religionen? Was auch immer Religionen sonst noch sein mögen, in ihrem Kern sind sie Aussagen über Gott (oder die Götter) mit dem Anspruch, wahr zu sein. Der Apostel Paulus erklärt im ersten Korintherbrief (1 Kor 15), dass der Tod und die Auferstehung Jesu entweder wahr oder unwahr sind, und dass der Glaube der Christen nur einen Sinn hat, wenn sie wahr sind. In diesem Punkt sind sich gläubige Christen sogar mit radikalen Atheisten einig und mit allen Muslimen erst recht; bei Relativisten ist das allerding nicht so sicher.
Es gibt Aussagen, die nicht wahr sind. Es gibt Aussagen über Gott, die nicht wahr sein können. Der Gott, der in den Zehn Geboten spricht, kann unmöglich wollen, dass Menschen Dinge über ihn glauben, die nicht wahr sind. Insbesondere kann er nicht wollen, dass Menschen die Auferstehung Jesu für unwahr halten, wenn sie wahr ist – und umgekehrt. Diese Unterscheidung markiert die Grenze zwischen Christentum und Islam; die Koranstelle zur Kreuzigung (Sure 4, 156-159) wird allgemein so verstanden, dass Jesus weder getötet worden noch auferstanden sei. Selbst so friedfertige Wissenschaftler wie der katholische Theologe Klaus von Stosch und der Islamwissenschaftler Mouhanad Korchide haben bisher keinen Weg gefunden, diese Grenze zu überwinden.
Sowohl für Christen als auch für Muslime (und das sind ja wohl die Hauptadressaten der gemeinsamen Erklärung) dürfte also offen zutage liegen, dass die jeweils andere Gruppe Dinge über Gott sagt, die nicht wahr sind, die jedenfalls nicht wahr sein können, wenn der jeweils eigene Glaube der Wahrheit entspricht. Und das soll Gottes Wille sein?
Die Erklärung des Großimams und des Papstes ist ein Dokument der Friedfertigkeit. Ist es da nicht kleinlich, an dieser einen Aussage Kritik zu üben? Es kommt darauf an. Denn sowohl in der deutschen als auch in der italienischen Fassung wird das Menschenrecht auf Glaubensfreiheit mit der göttlichen Billigung der Vielfalt begründet. Und wenn diese Billigung nicht sein kann, was bleibt dann von jenem Recht?
Ist es denn notwendig, die Glaubensfreiheit mit der göttlichen Billigung des Irrtums zu begründen? Wäre es nicht vollkommen ausreichend, sie mit der Erkenntnis zu begründen, dass die Suche nach der Wahrheit in der menschlichen Natur liegt (die ihrerseits wiederum göttlich gebilligt ist)? Heiliger Thomas von Aquin, bitte für uns.

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