Der liebe Gott und das Leid

Das wichtigste Argument gegen den Glauben an Gott ist das Leid. Wie kann ein guter und allmächtiger Gott so unfassbar viel Leid dulden? Es gibt nur drei Möglichkeiten: Er ist nicht gut oder nicht allmächtig oder nicht Gott.

Tatsächlich ist Gott keineswegs allmächtig. Er kann keinen Felsen schaffen, den er nicht heben könnte. Er konnte nicht von den Toten auferstehen, ohne vorher zu sterben. Und er kann uns nicht dazu zwingen, freiwillig seinen Willen zu tun. Wenn wir Gott im Glaubensbekenntnis allmächtig nennen, dann gilt das im Rahmen von Logik, Raum und Zeit.

In diesem Rahmen hat Leid immer eine von zwei Ursachen. Leid ist entweder die Folge menschlichen Handelns (Schuld), oder es kommt aus der Natur (Schicksal). Zuerst zur Schuld: Wir Menschen können Gut und Böse unterscheiden, haben die Freiheit, das Böse zu wählen und den Auftrag, uns für das Gute zu entscheiden. Wer das Gute wählt, so das Versprechen, kommt in den Himmel – und dort ist es mit dem Leid vorbei.

Im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ist es vollkommen einleuchtend, dass es die Freiheit zum Bösen geben muss, weil sonst keine Entscheidung für das Gute möglich wäre. Alles Leid, dass sich aus Entscheidungen für das Böse ergibt, ist eine Folge jener Freiheit. Gott hätte dieses Leid von vornherein ausschließen können, aber nachdem er die Freiheit eingeführt hat, kann er grundsätzlich nichts mehr tun. Im Einzelfall kann er natürlich einschreiten (Wunder), aber nicht ohne dabei die Freiheit der Beteiligten einzuschränken – man wird verlangen dürfen, dass er dafür jeweils gute Gründe hat.

Schicksal ist eine gänzlich andere Kategorie: Hungersnöte, Schlangenbisse, Seuchen und Erdbeben brauchen keine menschlichen Verursacher. Sie sind die Folge davon, wie unsere Welt im Innersten funktioniert. Auch der allmächtige Gott kann nämlich nichts daran ändern, dass Körper Raum einnehmen und zwei Körper folglich nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können. Bewegen sich zwei Körper auf denselben Ort zu, ist die Folge eine Kollision. In gleicher Weise gilt das für alles, was in der Natur geschieht, vor allem für Fressen und Gefressenwerden.

Grundsätzlich könnte Gott solche Kollisionen verhindern – indem er nämlich die Bewegungen der Körper im Voraus genau festlegt, also determiniert. Seit Werner Heisenbergs Unschärferelation (1927) wissen wir, dass Gott das nicht getan hat, zumindest nicht bei den Elementarteilchen. Und seit Ilya Prigogine (Nobelpreis für Chemie 1977) wissen wir, dass diese Freiheit der Elementarteilchen Folgen für unsere Alltagswelt hat: Der Determinismus ist widerlegt.

Ich finde die Vorstellung vollkomen logisch, dass eine Determination der Natur die menschliche Freiheit zur Wahl zwischen Gut und Böse ausschließen würde. Ich glaube deshalb nicht nur, dass die Freiheit der Natur und mit ihr Erdbeben, Hungersnöte und Seuchen eine genauso unabdingbare Konsequenz der menschlichen Freiheit sind wie Lügen, Sklaverei und Massenmord. Ich glaube auch, dass darin die einzige Rechtfertigung von Erdbeben, Hungersnöten und Seuchen besteht.

Leid ist also der Preis, den die Betroffenen für die Chance zahlen, in den Himmel zu kommen. Ist das OK? Irdisches Leid ist immer vorübergehend, und vorübergehendes Leid ist ein günstiger Preis für ewiges Glück. Per Saldo geht die Rechnung sicher auf. Auch für jeden Einzelnen?

Man kann nur warnen vor der Vorstellung, dass am Ende sowieso alle in den Himmel kämen. Dann wäre die Entscheidung für das Gute nämlich überflüssig und das ganze Leid ein Unrecht. Kommen dann wenigstens alle, die unschuldig gelitten haben, in den Himmel? Das ist möglich. Immerhin „hofft“ die katholische Kirche (KKK 1261), dass ungetauft gestorbene Kinder in den Himmel kommen, und das dürfte alle Opfer von Schwangerschaftsabbrüchen einschließen. Folglich wird man das auch für Menschen hoffen dürfen, die durch unschuldig erlittenes Leid ihren Glauben verloren haben, Missbrauchsopfer zum Beispiel. Wir müssen aber damit rechnen, dass es hier nicht nur um Gottes Gnade, gleichsam Gottes Willkür geht. Wenn Gott einfach alle reinlassen könnte, müsste er sich ja die Frage gefallen lassen, wieso er das nicht einfach tut.

Es muss notwendig sein, dass wir uns entscheiden. In irgendeiner Weise muss Gott für sein Ja zu uns angewiesen sein auf unser Ja zu ihm: „Klopfet an, und euch wird aufgetan.“

 

 

 

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