Mein ist die Rache – Religionen als Hemmnis für den Frieden

Religionen haben, machen wir uns nichts vor, eine fanatische Seite: Kreuzzüge, Ketzerverbrennungen, Judenpogrome und natürlich Terroristen, die unter Allahu-akbar-Rufen auf Wehrlose schießen, machen allgemein keine gute Werbung für den jeweils vertretenen Gott. Gläubige müssen sich Rechenschaft ablegen über diese Gefahr, besonders wenn sie im Widerspruch steht zu den Forderungen Gottes, was sich für das Christentum besonders leicht belegen lässt. Christen müssen mit Erschütterung vor der Bilanz der Grausamkeiten stehen, zu denen Christen sich bereitgefunden haben, oft genug ausdrücklich im Namen Christi.

Nichtgläubige haben es leichter: Kein Gott kann sie jemals zu Untaten zwingen – es gibt ihn ja gar nicht. Manche Nichtgläubige leiten daraus die Empfehlung ab, alle Menschen möchten ohne Gott auskommen, in Frieden leben und vor allem: andere in Frieden leben lassen – ohne Religion kein religiöser Fanatismus.

Wenn man etwas genauer hinsieht, wird man beobachten, dass im Laufe der Jahrhunderte nicht alle Grausamkeiten im Namen von Göttern begangen wurden. Nicht zuletzt im 20. Jahrhundert haben mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus zwei durchaus materialistische Weltanschauungen eine entsetzliche Blutspur hinterlassen, und die französischen Revolutionäre mit ihren Massenerschießungen, Massenersäufungen und Guillotinen verstanden sich durchaus nicht als religiös (im Gegensatz zu vielen ihrer Opfer).

Handelten diese nichtreligiösen Massenmörder womöglich in Notwehr? Mussten sie vielleicht erst einmal grausam aufräumen, um eine bessere, friedlichere Welt zu ermöglichen? Geglaubt haben das viele von ihnen, nicht nur Heinrich Himmler, der so stolz auf seine Männer war, weil sie bei der Verrichtung ihrer Massenmorde „anständig“ geblieben seien. Wer sich von allgemeinem Atheismus allgemeine Friedfertigkeit verspricht, der mag sich mit dieser Erklärung bescheiden.

Aber wer mehr will, als nur mit sich selbst zufrieden zu sein, der könnte darauf aufmerksam werden, dass Nationalsozialismus, Kommunismus und viele andere Weltanschauungen mit den Religionen eine wichtige Eigenschaft gemeinsam haben: den Anspruch nämlich, die Welt vollständig zu erklären („Alle Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“). Und eine Universaltheorie mit Wahrheitsanspruch kann nicht anders als mit allen anderen Universaltheorien mit Wahrheitsanspruch in Konflikt zu geraten, egal ob die Theorie ein Jenseits einschließt oder nicht.

Ob es an der menschlichen Natur liegt oder am universalen Anspruch – jedenfalls würde die Abschaffung der Religionen, falls sie möglich wäre, am Ende nur viele Varianten der Unduldsamkeit, nicht aber die Unduldsamkeit an sich abschaffen.

Besser wäre es wohl, wenn man sich darauf verständigen könnte, dass KEINE Weltanschauung Grund genug sein kann, das Recht zum Andersdenken zu beschränken. Und so sehr ich auch beispielsweise als katholischer Christ von der Richtigkeit meiner eigenen Weltanschauung überzeugt bin, muss ich doch einräumen, dass die Glaubensfreiheit meines Nächsten meiner Pflicht zum Glaubenszeugnis gleichrangig ist. Seine Freiheit zum Irrtum ist meine Freiheit zur Wahrheit. Und ich kann mit jedem Menschen in Frieden leben, der mir dasselbe zugesteht, mit oder ohne Jenseits, mit oder ohne Gott.

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