Spenden-Experiment: Hilfe nach dem Do-no-harm-Prinzip

Ich möchte nicht mit dem Ende beginnen. Aber motivierend für unser Spenden-Experiment ist es doch zu überlegen, wem unsere gesparten Euros später zugute kommen sollen. Das wichtigste Auswahlkriterium dafür haben wir bereits vor Beginn des Experiments definiert: Menschenleben retten. Aber dennoch bleibt viel zu bedenken.

Peter Singer spendet an Oxfam und äußert sich ausgesprochen wohlwollend über diese Organisation. Wollen wir doch selber etwas genauer hinschauen…

Oxfam Deutschland e.V. ist eine unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation, die sich für eine gerechte Welt ohne Armut einsetzt. Wir leisten weltweit Nothilfe und stärken sozial engagierte Kräfte vor Ort. Mit unserer Kampagnenarbeit decken wir die der Armut zugrunde liegenden Strukturen auf und drängen Entscheidungsträger/innen in Politik und Wirtschaft zu verantwortlichem Handeln“, heißt es in der Selbstdarstellung. Das klingt beeindruckend.

Aber wann genau wird Oxfam aktiv? Und vor allem, wie wird sichergestellt, dass Oxfam sich tatsächlich am Bedarf in armen Regionen orientiert und sich nicht von politischen und wirtschaftlichen Interessen leiten lässt, wie es der staatlichen Entwicklungshilfe häufig unterstellt wird (Moralblog wird diesem Vorwurf an anderer Stelle nachgehen)?

„Der Bedarf vor Ort ist gegeben und festgestellt, Partnerorganisationen teilen die Prinzipien und Grundsätze von Oxfam, Schwerpunkte entsprechen dem Oxfam strategischen Plan, Doppelungen durch Unterstützung anderer Hilfsorganisationen sind ausgeschlossen – um nur einige wenige Kriterien sehr kurz zu benennen“, erläutert Oxfam Projekt-Referentin Reinhild Schumacher gegenüber Moralblog.

Und wie geht Oxfam sicher, dass die Aktivitäten auch nachhaltig die gewünschte positive Wirkung haben? „Bereits bei der Projektplanung ist uns der Do-no-harm Ansatz wichtig, um negative Wirkungen durch Projektaktivitäten zu vermeiden. Dabei hilft uns, dass unsere lokalen Partnerorganisationen eine profunde Kenntnis der Kultur, der Gewohnheiten und Traditionen sowie der lokalen Hierarchien und Gesetzgebung haben“, so Schumacher, „hinzu kommt eine Risikoanalyse.“

Die Erfolgskontrolle ist wichtig für Oxfam. Auch die Partnerorganisationen werden dabei unterstützt. Und immer wieder werden externe Gutachter hinzugezogen.

Oxfam finanziert seine Arbeit vor allem aus den Erträgen der 36 Oxfam Shops, in denen fast 2.300 Ehrenamtliche „Überflüssiges flüssig machen“. Private Spenden sind außerdem besonders wichtig. Und für bestimmte Einzelvorhaben gibt es auch Zuschüsse von der Bundesregierung und der EU.

Besonders beeindruckend wäre für uns natürlich, wenn wir erfahren könnten, mit welchem Euro-Betrag Oxfam ein Menschenleben retten könnte. Aber dazu sagt Schumacher: „Das kann ich leider nicht sagen, denn hier ist alles abhängig von der Art der Intervention. Mal kann es eine simple Chlortablette sein, die Trinkwasser sauber macht, ein anderes Mal ist es weiterführende Schulbildung, die neue Chancen eröffnet. Uns geht es darum Menschen zu schützen (in der Nothilfe) und Wege aus der Armut zu finden (Wiederaufbau, Entwicklungszusammenarbeit). Das lässt sich bei der Vielfalt der Aktivitäten nicht auf eine einfache Rechnung runterbrechen.“

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Elfjährige vergewaltigt: Zwei Jahre auf Bewährung

Große Empörung hat ein Urteil des Landgerichts Osnabrück vom 24. Mai ausgelöst: Ein 26-jähriger Mann mit Migrationshintergrund erhielt für die fünf  Jahre zurückliegende Vergewaltigung eines damals elfjährigen Mädchens eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Seine Eltern wurden wegen Anstiftung ebenfalls zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt.

Die Eltern des jungen Mannes (allerdings ohne sein Einverständnis) und ein Großonkel des Mädchens (allerdings ohne Wissen der Mutter und ohne Einverständnis des Mädchens) hatten in Anlehnung an heimische Bräuche eine „einvernehmliche Entführung“ arrangiert. Dabei kann die Ehe auch ohne Einverständnis der Brauteltern zustande kommen, wenn der Beischlaf vollzogen wurde. Der junge Mann respektierte zunächst die Weigerung des Mädchens, ließ sich dann aber von seinen Eltern zur Vergewaltigung drängen.

Der Strafrahmen für den Missbrauch bzw. die Vergewaltigung von Kindern im Strafgesetzbuch (§§ 176, 176a und 177) reicht von sechs Monaten bis zehn Jahren Freiheitsstrafe; bei bis zu zwei Jahren kann eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Urteil des Landgerichts Osnabrück überraschend milde. Äußerst nachdenklich stimmt insbesondere der Eindruck, der kulturelle Hintergrund der Angeklagten habe strafmildernd gewirkt. Steht Kindern mit Migrationshintergrund weniger Schutz vor sexuellen Übergriffen zu als einheimischen?

„Der kulturelle Hintergrund hat keine Rolle beim Strafmaß gespielt“, wendet Landgerichtspressesprecher Holger Janssen im Gespräch mit Moralblog ein, „diese Tat war ein schweres Unrecht. Auch die Verteidigung hat klar bekannt, dass die Tat durch nichts, auch nicht durch den kulturellen Hintergrund zu rechtfertigen sei. In erheblichem Umfang strafmildernd wirkt dagegen regelmäßig ein volles Geständnis der Angeklagten, das in diesem Fall dem minderjährigen Opfer viel zusätzliches Leid erspart.“ 

Die Aussetzung der Strafe auf Bewährung ist bei einem Strafmaß bis zu zwei Jahren und bei erstmaliger Straffälligkeit üblich; insofern ist zwar nicht formal, wohl aber indirekt die Bewährung bereits bei der Bemessung des Strafmaßes ermöglicht worden. Für Holger Janssen „ist bei einer sachlichen Diskussion über den Strafrahmen auch zu berücksichtigen, dass das ausgeurteilte Strafmaß genau der Forderung von Staatsanwaltschaft und Nebenklagevertretung entspricht.“

 

→ KOMMENTAR der Moralblog-Redaktion:

Nicht nur als Eltern finden wir die Vorstellung unerträglich, dass der Vergewaltiger eines elfjährigen Mädchens das Gericht, wenn auch auf Bewährung, als freier Mann verlassen kann. Dabei ist das Urteil des Landgerichts Osnabrück für sich betrachtet kein Skandal, erstens, weil das Gericht keine kulturellen Zugeständnisse gemacht hat, und zweitens, weil das Urteil nicht besonders aus dem Rahmen fällt.

Der Skandal liegt nicht in der möglichen Unrechtmäßigkeit des Urteils. Der Skandal liegt in seiner Rechtmäßigkeit. Das Gericht kann nichts dafür. Auch nicht dafür, dass drei „Hartz IV-Empfänger“ erstens nicht zu einer Geldbuße verurteilt werden können, weil ja nichts bei ihnen zu holen ist, und zweitens nicht zu sozialen Einsätzen, weil sie ja dann nicht mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden.

Aber der Gesetzgeber kann etwas dafür. Und er sollte sich wieder darauf besinnen, dass der Staat sein Gewaltmonopol zu dem Zweck hat, seine Bürger zu schützen.

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Steine im Weg: Das Aus für die Gehsteigberatung in München?

In München ist die bewährte Hilfe in letzter Sekunde für ungewollt Schwangere und ihre ungeborenen Babys ab sofort verboten. So wurde es dem Verein Lebenszentrum e. V. vom zuständigen Kreisverwaltungsreferat der Landeshauptstadt mitgeteilt.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit des Lebenszentrums ist die  „Gehsteigberatung“ vor einer der größten Abtreibungskliniken Deutschlands. Dabei sprechen die Beraterinnen und Berater Frauen freundlich an, die gerade die Klinik betreten wollen, bieten Informationen und Hilfe an und beten für sie und ihre ungeborenen Kinder. Unzähligen Kindern konnte seit der Vereinsgründung im Jahr 1999 auf diese Weise das Leben gerettet werden. Viele Mütter kehren glücklich und voller Dankbarkeit mit ihrem Baby auf dem Arm ins Lebenszentrum zurück.

Aber laut Bescheid des Kreisverwaltungsreferats (kurz: KVR) ist seit Freitag Schluss mit dieser wichtigen Arbeit, denn die Gehsteigberatung vor der Klinik wurde mit sofortiger Wirkung untersagt. Wolfgang Hering, Gründer und erster Vorsitzende des Lebenszentrums, kann diesen Sinneswandel der Behörden nicht nachvollziehen: „Seit elfeinhalb Jahren haben wir gegenüber dem KVR und der Polizei unsere Arbeit transparent und ehrlich dargestellt. Aber offensichtlich ist man dort plötzlich zu einer neuen Rechtsauffassung gelangt.“

Hering ist enttäuscht, dass die Behörde bei ihrer Entscheidung viele wichtige Aspekte anscheinend nicht berücksichtigt hat. „Wir haben die zuständigen Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats ins Lebenszentrum eingeladen. Erst nachdem wir diese Einladung mehrfach wiederholt haben, ist einer von ihnen zu uns gekommen, um sich die Berichte von Frauen anzuhören, die betonten, dass ihre Kinder nicht leben würden, wenn wir sie nicht vor der Klinik angesprochen hätten“, sagt Hering gegenüber Moralblog, „aber genützt hat das nichts, denn die Entscheidung des KVR stand zu diesem Zeitpunkt wohl schon fest“

Außerdem wies Hering auf ein Urteil des Landgerichts München I aus dem Jahr 2006 hin. Der Arzt, der die Abtreibungsklinik betreibt, hatte die angeblich respektlose Gehsteigberatung zu unterbinden versucht. „Er vertrat die Auffassung, das Arzt-Patientinnen-Verhältnis sei durch unsere Kontaktaufnahme gestört“, erläutert Hering, „aber auch nach sorgfältiger Beweisaufnahme ergaben sich keine Anhaltspunkte für eine Belästigung oder gar Rücksichtslosigkeit gegenüber den von uns angesprochenen Frauen.“

„Der Bescheid des KVR berücksichtigt ausschließlich das Persönlichkeitsrecht der schwangeren Frau, die sich in einer besonders schwierigen Situation befindet, und die unbehelligt die Abtreibungsklinik betreten soll“, so Hering, „aber das eigenständige und von unserer Verfassung geschützte Recht des ungeborenen Kindes auf Leben findet überhaupt keine Beachtung.“

„Wenn wir keine Gehsteigberatung mehr machen dürfen, dann sterben in München 50-80 Kinder mehr in jedem Jahr“, sagt Hering. Aber noch ein anderer Aspekt ist ihm sehr wichtig: „Ich schätze, dass 80 Prozent der Frauen nach einer Abtreibung am Post-Abortion-Syndrom leiden. Das kann ganz unterschiedlich auftreten, manchmal erst nach 20 Jahren. Und davor warnt die Frauen keiner.“

Hering und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lebenszentrums sind sehr unglücklich über die Entscheidung des KVR. „Freitag, der erste Tag, an dem wir keine Hilfe in letzter Sekunde anbieten konnten, war der traurigste Tag in unserer Vereinsgeschichte“, sagt Hering, „wir werden gerichtliche Schritte einleiten und hoffen und beten, dass wir unsere Gehsteigberatung vor der Abtreibungsklinik bald wieder aufnehmen können.“

Völkerrecht: Präzedenzfall Osama bin Laden?

Die Wortwahl der Bundeskanzlerin war unglücklich. Aber in der Sache lag sie richtig: Die Ausschaltung eines der gefährlichsten Terroristen der Welt ist im Wesentlichen eine gute Nachricht für den Westen und alle, die seine Werte teilen. Redliche Beobachter werfen aber zu Recht die Frage auf, ob nicht der Westen seine eigenen Werte durch die Art ihrer Verteidigung gefährde.

Waren die USA berechtigt, Osama bin Laden in seinem Schlupfwinkel anzugreifen und ohne Gerichtsverfahren zu töten, noch dazu auf dem Territorium eines anderen, souveränen Staates?

Die Frage der Berechtigung einer Festnahme bin Ladens beantworten Fachleute mit einem eingeschränkten Ja, wie zum Beispiel der katholische Moraltheologe Josef Spindelböck: Von Osama bin Laden ging nach wie vor Gefahr aus, und die USA durften einigermaßen sicher sein, diese Gefahr nur durch seine Festnahme in den Griff zu bekommen. Deshalb durften sie ihn angreifen, um ihn festzunehmen, und dabei seinen Tod in Kauf nehmen. Ein Recht zur gezielten Tötung sieht Spindelböck jedoch nicht: Nach seiner Überzeugung hatten die USA auf jeden Fall zu versuchen, bin Laden vor ein ordentliches Gericht zu bringen.

Und das leuchtet ein: Wenn der Rechtsstaat selbst sich nicht an seine Regeln hält, mit welcher Berechtigung will er das dann von anderen verlangen?

Die Frage, ob die Tötung das eigentliche Ziel des Angriffs war, wird wohl nicht so bald abschließend geklärt werden können. Jedenfalls kann man es sich dabei nicht so leicht machen wie der Hamburger Arbeitsrichter Heinz Uthmann, der die Bundeskanzlerin wegen „Billigung von Straftaten“ verklagt hat und die mildernde Möglichkeit, es sei den Navy Seals vorrangig um die Festnahme bin Ladens gegangen, mit dem Argument ausschließt, das hätten die USA aus völkerrechtlichen Gründen gar nicht gedurft.

Einer Klage, die mit solcher Logik arbeitet, wird die Bundeskanzlerin gelassen entgegensehen können. Denn wenn die Festnahme ein Bruch des Völkerrechts gewesen ist, gilt das erst Recht für die Tötung. Und welcher Staat, der das Völkerrecht für einen Mord zu brechen bereit ist, würde vor einer Entführung zurückschrecken? Zudem können gerade USA-kritische Beobachter in dieser Frage auf die Vorwürfe von Murat Kurnaz verweisen.

Möglicherweise klärbar, sicher aber klärungsbedürftig ist die Frage nach dem Völkerrecht: Durften die USA versuchen, Osama bin Laden auf dem Territorium des souveränen Staates Pakistan ohne dessen Erlaubnis festzunehmen und außer Landes zu bringen?

Im Fall Pakistans lautet die Antwort möglicherweise Ja, weil Pakistan den USA in einem Geheimvertrag aus dem Jahr 2001 erlaubt haben soll, auf seinem Territorium gegen Terroristen vorzugehen; der damalige Präsident Musharraf dementiert diese Meldungen allerdings (Den Hinweis verdanke ich Herbert Pribyl). Wie sieht es aus, wenn ein solcher Vertrag nicht existiert?

Helmut Schmidt, in seiner Amtszeit als Bundeskanzler durchaus für pragmatische Lösungen zu haben, hat sich auf ein klares Nein festgelegt (aber Verständnis geäußert). Das entspricht dem klassischen Verständnis von Souveränität: Innerhalb seiner Grenzen hat jeder Staat das Gewaltmonopol.

Als Kind des Westens habe ich schon früh unter diesem Souveränitätsbegriff gelitten, wenn westliche Kritik an oft empörenden Menschenrechtsverletzungen frech als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ des kritisierten Staates zurückgewiesen wurde.

1999 führte die NATO unter deutscher Mitwirkung Krieg gegen den souveränen Staat Serbien, weil dieser auf seinem eigenen Territorium massivste Menschenrechtsverletzungen gegen seine eigenen Bürger organisierte. Die Frage, ob ein Staat das dürfe, trat angesichts der Größenordnung der Verbrechen in den Hintergrund. Hinzu kam, dass die NATO nur ein begrenztes Risiko einging: Serbien stand unter keinem atomaren Schutzschild, und der Erfolg des Kosovo-Krieges war von vornherein wahrscheinlich.

Wenn die NATO damals richtig gehandelt hat, ist dann das klassische Verständnis von Souveränität vielleicht falsch? Und wenn ja, wie etabliert man ein anderes? Wie ändert man das Völkerrecht?

Der amerikanische Politikwissenschaftler und langjährige Spitzenbeamte Philip Bobbit weist in seiner hochaktuellen Studie Terror and Consent darauf hin, dass in der völkerrechtlichen Praxis neben dem klassischen „opaken“ Verständnis von Souveränität ein transluzentes (EU: Staaten übertragen Souveränität durch Verträge) und ein transparentes (USA: Alle Rechte, die die Bürger dem Staat nicht ausdrücklich übertragen, bleiben bei ihnen selbst) Geltung haben.

Einschränkungen der Souveränität von Staaten sind nach Bobbit auf zwei Ebenen plausibel: Erstens hat kein Staat das Recht, andere Staaten bzw. ihre Bürger zu gefährden, sei es durch Bereitstellung einer Basis für Terroristen, sei es durch fahrlässigen Umgang mit einer tödlichen Epidemie. Zweitens hat kein Staat das Recht, seinen eigenen Bürgern die grundlegenden Menschrechte zu nehmen.

Für Bobbit ist die Etablierung dieser Vorstellungen, letztlich auf der Grundlage des transparenten Souveränitätsverständnisses der Verfassung der USA, notwendig und dringlich, weil in einer immer stärker globalisierten und vernetzten Welt kein Staat mehr allein prosperieren und kein Staat mehr mit den herkömmlichen Methoden seine Bürger wirksam schützen kann.

Die USA haben eine Schlüsselrolle sowohl bei der Verteidigung des Westens bzw. der „States of Consent“, in denen die Menschenrechte geschützt werden, als auch bei der Etablierung neuer völkerrechtlicher Regeln für die Grenzen staatlicher Souveränität. Entscheidungen ad hoc oder gar die Neigung der Bush-Regierung, den Rechtsstaatlichen Weg zu umgehen, kompromittieren diese Schlüsselrolle für Bobbit zutiefst.

Er empfiehlt Vereinbarungen zwischen den „States of Consent“, im Notfall auch die unilaterale Verkündung von Regeln und ihre konsequente Einhaltung. Dringend appelliert er an die USA, von der Missachtung des internationalen Rechts zur Reform des internationalen Rechts zu gelangen. Wenn sie das nicht tun, so Bobbit (auf Seite 504 der Penguin-Taschenbuchausgabe von 2009), „riskieren sie die Einheit der parlamentarisch-demokratischen Staaten und den Verlust all des Guten, das diese gemeinsam für die Welt bewirken können.“

Vorabtreibung.net – neues Angebot für ungewollt Schwangere online

 

Bin ich schwanger? Welche finanziellen Hilfen gibt es für werdende Mütter? Was passiert bei einer Abtreibung? Wer Rat und Hilfe im Internet sucht, hat jetzt eine neue, zuverlässige Anlaufstelle: Vorabtreibung.net

„Nach unseren Erfahrungen“, sagt Paula von Pro Femina, die Redakteurin von Vorabtreibung.net, „recherchieren Frauen, die ungeplant schwanger sind, häufig online. Außerdem suchen sie den anonymen Austausch mit anderen Betroffenen.“ Deshalb findet man nicht nur praktische Informationen, sondern auch ein Forum. Hier schreiben Betroffene, aber auch die erfahrenen Beraterinnen von Pro Femina sind ständig online.

Brigitte, die Moderatorin des Forums, sagt: „Jede Frau, egal in welcher Lebenslage, verdient unsere Wertschätzung – ohne wenn und aber.“ Als mehrfache Mutter weiß sie, welche Höhen und Tiefen ein Leben mit Kindern bereithalten kann.

Pro Femina steht dafür, dass keine Frau mehr gegen ihren Willen abtreiben muss. Hier können sich Schwangere darauf verlassen, dass sie nicht im Stich gelassen oder zu irgendetwas gedrängt werden.

 

Forum

 

 

Ein großer Wurf für die Menschheit

Rezension: Peter Singer, Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt und warum wir es nicht tun, aus dem Amerikanischen von Olaf Kanter, Arche Literaturverlag, Zürich-Hamburg 2010.

9783716026298

Ein Kleinkind fällt in einen Teich. Sie können sein Leben retten. Ihre neuen Schuhe gehen dabei drauf. Zögern Sie?

Die meisten Menschen, sagt der Philosoph Peter Singer, würden keine Sekunde zögern, dieses Kleinkind um den Preis ihrer neuen Schuhe und einiger weiterer Unannehmlichkeiten zu retten. Die meisten Menschen in den reichsten Ländern der Welt, ergänzt Singer, nehmen aber den genauso leicht zu verhindernden Tod von Kleinkindern in den ärmsten Ländern der Welt ohne Gewissensbisse hin. Und das können wir ändern.

Mit harten Fakten belegt Singer, dass eine nachhaltige Bekämpfung der Armut, ja sogar ihre Abschaffung, in unserer Reichweite liegt, und das ohne schmerzlichen Verzicht. Er stellt dabei nicht nur ebenso nützliche wie erfolgreiche Projekte vor sondern auch wirksame Initiativen, die sich der Bewertung und Verbesserung der Qualität von Hilfs- und Entwicklungsprojekten verschrieben haben, vorrangig GiveWell, und deren Bewertungen zudem öffentlich zugänglich sind.

Entwicklungshilfe lohnt sich, sagt Singer, und widerlegt den Mythos vom Fass ohne Boden durch einen kritischen Blick in das Fass: Es ist wahr, dass der Westen in den vergangenen 50 Jahren 2,3 Billionen Dollar an Entwicklungshilfe geleistet hat. Aber erstens sind das trotzdem nur 0,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der Geberländer, und zweitens ist der größte Teil davon gar nicht an die ärmsten Länder der Welt gegangen sondern an Länder, in denen der Westen strategische Interessen verfolgte. Das ist nichts Unmoralisches. Aber Geld, das in den Irak oder nach Kolumbien fließt, kann nun einmal nicht die Armut in Malawi bekämpfen.

Es geht Singer nicht um Politik, es geht ihm um das, was jeder Einzelne tun kann. Und wenn man bedenkt, dass die Rettung eines Menschenlebens in Ländern wie Malawi bei kritischer Bewertung nur 200 bis 500 Dollar kostet, dann macht, was der Einzelne tun kann, einen wirklich großen Unterschied. Und wenn es 1 000 Dollar wären: Wie oft geben wir Geld in solchen Größenordnungen für Dinge aus, die weniger wert sind als ein Menschenleben?

Neu ist an Singers Argumentation nicht diese Gegenüberstellung. Neu ist ihre Anwendung auf Menschen in Afrika, die wir niemals kennenlernen werden, auf Menschen, deren Schicksal uns im Allgemeinen nicht persönlich berührt. Singer hat recht: Diese Menschen sind genau so viel wert wie wir selbst, und wenn es wahr ist, dass wir sie retten können, dann haben wir eine ethische Verpflichtung, das auch zu tun.

Mir persönlich plagt sich Singer zu lange mit der Frage, ob wir gegebenenfalls verpflichtet sind, unsere eigenen Kinder zu opfern, um fremde zu retten (Singer sagt: Ja), und zu kurz mit der Frage, ob nicht die Abschaffung von Handelsbarriereren und Subventionen den ärmsten Ländern der Welt am meisten helfen würden (Singer sagt: Ja, ist aber nicht durchsetzbar). Aber Singer beweist nicht nur, dass jeder einzelne seiner Leser mit erträglichen Belastungen spürbare Verbesserungen für die Ärmsten erreichen kann, er legt auch ein plausibles und gar nicht rigides Modell dafür vor, wie man die eigenen Spendenpflichten berechnen kann. Und er belegt: Helfen macht den Helfer glücklicher, oder wie er den inzwischen verstorbenen Tierrechtsaktivisten Henry Spira zitiert (S. 228): „Ich glaube, jeder möchte am Ende in der Lage sein zu sagen, dass sein Leben mehr war, als zu konsumieren und Müll zu produzieren. Und ich denke, jeder möchte im Rückblick auf sein Leben gerne das Fazit ziehen, dass er alles gegeben hat, um diese Welt für andere besser zu machen.“

Weitere Informationen auf der internationalen Website zum Buch.

ARD-Kontraste: Kämpfer für die Meinungsfreiheit?

KOMMENTAR zur Sendung vom 14. April 2011: Comeback der Abtreibungsgegner – Wie Frauen in Not drangsaliert werden

Die Gehsteigberaterinnen leisten einen wertvollen Beitrag zum Schutz ungeborener Kinder. Und sie reichen Frauen in Not im buchstäblich letzten Moment eine helfende Hand. Dabei nehmen sie persönliche Nachteile – wie beispielsweise die unvorteilhafte Darstellung in dieser Sendung – in Kauf. Das ist bewundernswert.

Die Frage, ob Abtreibungen generell erlaubt oder verboten sein sollen, ist wenig relevant, wenn es darum geht, einer einzelnen Schwangeren in ihrem Konflikt beizustehen. Die Tötung ihres Kindes kann doch nicht die beste Lösung sein. Stattdessen muss es darum gehen, Schwangere richtig zu beraten, so dass sie Auswege und Alternativen sehen, mit denen alle gut leben können – im wahrsten Sinne des Wortes. In der Regel ist der Arzt nicht derjenige, der diese Beratung leisten kann.

Übrigens, diesen Kontraste-Bericht finde ich enttäuschend einseitig. Die Macher brüsten sich damit, gegen die Ausübung der Meinungsfreiheit zu kämpfen. Und das alles finanziert mit Zwangsbeiträgen der Fernsehzuschauer? Das ist nicht, was ich von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarte.

Zwischen Schwarz und Weiß

KOMMENTAR

zum Bericht Mehr als eine Minderheit

Was macht ein Wertkonservativer mit liberalen Tendenzen bei einer Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag im Sultan Hochzeitssaal? Am besten Zuhören. Und dann Aufatmen und erkennen: Zwischen multikultureller Blauäugigkeit und der Furcht vor der Machtergreifung entweder einer islamistischen Diktatur oder der Fünften Kolonne Erdogans gibt es noch eine dritte Option: die Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit ist so unvollkommen wie die Lautsprecheranlage im alten Hamborner Bahnhof. Aber wer genauer hinsieht bemerkt:

  • Es gibt immer mehr Erfolgsgeschichten.
  • Beim Internationalen Frauentag war Deutsch Verhandlungssprache: Deutsch haben alle Migranten gemeinsam. Und je mehr sie erkennen, wie viele von ihnen keine Türken sind, desto mehr kommt es auf diese Gemeinsamkeit an.
  • Zwar bringen die Migranten schwerwiegende Integrationshindernisse mit. Aber die Migranten selbst setzen sie auf die Tagesordnung.
  • Äußerlichkeiten können täuschen: Im Sultan Hochzeitssaal lauschten Frauen mittleren Alters mit langen Gewändern und Kopftuch öffentlicher Kritik an Zwangsehen und Mädchenbeschneidung.

Sicher: Auch 2012 wird mir die Duisburger Gleichstellungsbeauftragte nicht einleuchtend erklären können, inwiefern der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie die Frauenbefreiung oder die Integration fördert. Aber das dürfte ich mit den meisten der Zuhörer mit Migrationshintergrund gemeinsam haben. Ich gehe 2012 wieder hin.

Mehr als eine Minderheit

Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag in Duisburg

„Einhundert Jahre nach dem ersten Internationalen Frauentag 1911 gibt es immer noch viel zu tun“, rief Fatma Hatice Güler, Sprecherin der Initiative 100 Jahre Internationaler Frauentag, „noch immer müssen Frauen in Deutschland mit schlechterem Lohn für gleiche Arbeit und mit schlechteren Aufstiegschancen rechnen. Und weltweit sieht es noch viel schlimmer aus: Gewalt, Beschneidung und Zwangsehen prägen ein bedrückendes Bild.“

Unter dem Motto „Gleichheit und Gerechtigkeit“ fanden sich am 26. März 2010 im Sultan Hochzeitssaal im alten Bahnhof in Duisburg-Hamborn etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter mindestens 30 Kinder, zu einem bunten Fest der Kulturen mit politischem Kern zusammen.

Schirmherrin Doris Freer, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Duisburg, rief zu solidarischem Engagement für eine bessere Zukunft auf: „Es hat bedeutende Fortschritte gegeben seit 1911, aber sie mussten alle von den Frauen erkämpft werden, und das ist zum Teil noch gar nicht lange her – noch bis 1977 konnten Männer die Arbeitsverträge ihrer Frauen kündigen.“

Auf dem Podium rief FDP-Ratsfrau Betül Cerrah Frauen mit Migrationshintergrund zu mehr politischer Partizipation auf und bedauerte die Orientierung vieler junger Menschen mit türkischem Hintergrund an der Politik in der Türkei. Sladana Lucic, Koordinatorin des NRW-Mentorenprojekts für junge Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, zog eine detaillierte Bilanz der Arbeits- und Ausbildungssituation. Ihre Botschaft: Einerseits nähert sich die Lage der Migrantinnen der Lage der Deutschen an, andererseits ist noch viel zu tun; unter anderem bedeutet eine spürbar geringere Ausbildungsquote ein entsprechend höheres Arbeitslosigkeitsrisiko.

Dr. med. MBoyo Likafu vom Vorstand des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschland machte auf die oft übersehene aber beträchtliche Minderheit afrikanischer und arabischer Frauen aufmerksam Immerhin 200 000 der insgesamt etwa 500 000 Migranten aus Afrika in Deutschland sind Frauen. Die Situation dieser Afrikanerinnen ist nach dem Bericht von Dr. Likafu doppelt schwierig, weil sie nicht nur aus den üblichen Gründen sondern zusätzlich wegen äußerer Merkmale und wegen ihrer Namen Diskriminierung erfahren. Die Vielfalt der Sprachen und der Migrationsmotive von Flucht bis Studium erschwert dabei die notwendige Solidarisierung. Aber, so Dr. Likafu. „Wir gehören dazu! Wir sind aktiv und engagiert!“

Ein sehr offenes Wort richtete Hiltrud Limpinsel vom Verein „Frauen helfen Frauen“ an die Teilnehmerinnen des Frauentages: „Jede Frau hier im Saal hat schon einmal Gewalt erlebt – Duisburg ist mit zwei meist vollbesetzten Frauenhäusern und über 1 000 Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt im Jahr massiv betroffen. Wenn Sie sehen, dass einer Nachbarin, Freundin oder Verwandten Gewalt widerfährt, dann sehen Sie nicht weg.“

Trotz dieses politischen Kerns war die von Yasemin Yadigaroglu vom Hauptsponsor ESTA  Bildungswerk moderierte Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag im Sultan Hochzeitssaal im Stil keine politische Kundgebung: Tänze und Musik vom koreanischen Fächertanz bis zum Flamenco, machten einen großen Teil des Programms aus, ein vielfältiger Markt der Möglichkeiten mit Ständen u. a. des Migrantenunternehmervereins MUT, des Mädchenzentrums Mabilda, des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins, der Diakonie, der Dersim Gemeinde Rhein-Ruhr und der Stadt Duisburg bot Informationen und Kontakte, und bei gutem Essen plaudernde Eltern und spielende Kinder sorgten für die Atmosphäre eines Familienfestes. Es war in Duisburg das erste Fest seiner Art, der Stimmung nach zu urteilen aber lange nicht das letzte.

Internationaler Frauentag: Koreanischer Fächertanz
Internationaler Frauentag: Koreanischer Fächertanz
Internationaler Frauentag: Fatma Hatice Güler
Internationaler Frauentag: Fatma Hatice Güler
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Der Eisvogel