Mehr Kröten für den Klapperstorch

In NRW protestieren die Hebammen. Sie wollen mehr Geld. Das kann man achselzuckend abtun mit einem: „Wer will das nicht?!“ Oder ist die Situation der Hebammen doch etwas Besonderes?

Bereits im letzten Jahr gab es bundesweit zahlreiche Protestaktionen der Hebammen. Hintergrund war vor allem der stark angestiegene Beitrag zur Haftpflichtversicherung für diejenigen unter ihnen, die tatsächlich noch unmittelbar an Entbindungen beteiligt sind. Hebammen, die ausschließlich Vor- und Nachsorge anbieten, waren nicht betroffen, haben sich aber solidarisch gezeigt.

„Ich zahle im Jahr jetzt fast 3.700 Euro für meine Haftpflichtversicherung; das ist doppelt so viel wie vor der Erhöhung“, beklagt eine Beleghebamme aus Duisburg. „Unterm Strich bleibt mir ein Stundenlohn von etwa 7 Euro“, rechnet sie vor.

Florian Lanz, Pressesprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, ist verwundert über den Zeitpunkt der neuen Proteste. „Im letzten Jahr ist die Vergütung für Hebammen zwei Mal erhöht worden; die zweite Erhöhnung wurde von den Hebammenverbänden aufgrund der gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung ausgehandelt. Die aktuelle Vergütungsvereinbarung gilt noch bis Jahresende. Außerdem prüft das Gesundheitsministerium gerade, ob die Vergütung für Hebammen ganz allgemein unzureichend ist. Das Gutachten soll im Sommer fertig sein.“, sagt er gegenüber Moralblog.

Die Beträge und Pauschalen, die sie mit den Krankenkassen abrechnen können seien immer noch viel zu niedrig, beklagen hingegen unter anderem die heute in der Essener Innenstadt streikenden Hebammen. „Wenn noch mehr von uns ihren Beruf aus finanziellen Gründen aufgeben müssen, dann ist bald nicht mehr sichergestellt, dass die Frauen überall wählen können wo und wie sie ihre Kinder zur Welt bringen möchten“, erläutert eine von ihnen die möglichen Folgen.

„Es hat viel zu lange gedauert, bis sich etwas bewegt hat. Wir Hebammen sind einfach nicht so gut organisiert. Das liegt an unseren Arbeitszeiten. Aber vor allem haben wir kein Druckmittel“, sagt eine der Essener Streikenden. Sie betont: „Das hier ist auch kein richtiger Streik. Denn wenn wir einfach bis auf einen Notdienst alle unsere Arbeit niederlegen würden, dann träfe das genau die Falschen. Und das wollen wir nicht“

Und damit sind wir beim wahren Grund der Proteste angekommen: Hebammen tragen eine große Verantwortung gegenüber Frauen, Kindern und der Gesellschaft. Und sie wollen, dass sich diese Verantwortung auch in angemessener Bezahlung widerspiegelt.

„Es geht nicht nur um die Haftpflichtversicherung. Beispielsweise sind die Kosten für unsere Anfahrten auch immer ein Thema. Nicht zu vergessen die Zeit, die wir im Auto verplempern. Und wenn wir Fortbildungen machen, dann können wir die hohen Gebühren dafür zwar von der Steuer absetzen, aber es bleibt immer noch genug übrig. Und vor allem können wir in der Zeit nicht arbeiten, haben also außerdem einen Verdienstausfall“, erläutert die Duisburger Hebamme.

 „Jede Mutter, die von einer guten Hebamme betreut wurde, sieht diese Hilfe als sehr, sehr wertvoll an. In der turbulenten Phase, in der das eigene Leben von der Ankunft eines Kindes völlig auf den Kopf gestellt wird, ist die Hebamme manchmal der einzige ruhende Pol“, sagt die Mutter von zwei kleinen Kindern, die sich in Essen zu den Streikenden gesellt, „Rat und Tat meiner Hebammen während der Geburt und auch in den ersten Wochen danach waren für mich unbezahlbar. Ich fände es sehr schade, wenn andere Frauen diese Hilfe nicht mehr bekommen würden.“.  

Eine Alternative wäre, dass sich Frauen, die von einer Hebamme betreut werden, mehr als bisher an den Kosten beteiligen. Damit sind die Hebammen aber nicht einverstanden: „Wir ärgern uns selber, dass man überall immer mehr zuzahlen soll. Deshalb wollen wir da eigentlich nicht mitmachen.“ Und sie ergänzen: „Für viele Frauen wäre das auch nicht so einfach. Die könnten sich das nicht leisten.“

Für Hebammen ist der Beruf eher Berufung. Aber leben können müssen sie davon trotzdem. Möglich, dass das ausstehende Gutachten des Gesundheitsministeriums ihren Forderungen Nachdruck verleiht. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Deshalb bringen die Hebammen ihr Anliegen momentan erneut auf die Straße. Was eine Hebamme für Frauen und Neugeborene tut kann kein Anderer genauso gut. Eine Hebamme trägt wesentlich dazu bei, dass der Start ins Leben glückt. Dafür gebührt ihr Dank – und entsprechende Entlohnung.

 

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(Mit einer Postkartenaktion wirbt der Hebammenverband NRW um Unterstützung)

Integration: Nicht alle Muslime sind gleich

„Die Deutschen sind keine Rassisten“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und in Wirklichkeit ist es für Einwanderer ganz einfach, mit ihnen in Frieden zu leben: Man muss sich unauffällig kleiden, man muss einigermaßen gut Deutsch sprechen, und man muss sich an ein paar einfache Regeln halten. Die wichtigste davon heißt: Nicht laut reden.“

Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wie viele Afrikaner ist er Muslim – und sieht darin keinen Widerspruch zu Menschenrechten, Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben. „Im Koran steht ausdrücklich“ sagt Dr. Kangoum, „wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit. Das finden Sie in der fünften Sure. Wer sich zur Rechtfertigung von Gewalt auf den Koran beruft, tut Unrecht.“

Für Islamisten hat Dr. Kangoum nicht viel übrig – schon allein wegen der schrecklichen Dinge, die sein Volk von der islamistischen Diktatur in Khartum erdulden muss –, und die beste aller Welten ist die islamische Welt von heute für ihn nicht. Als Vorsitzender des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschand engagiert er sich seit Jahren für eine bessere medizinische Versorgung von Afrikanern in Afrika und Europa. Dazu gehört die Bekämpfung der oft fälschlich mit dem Islam begründeten Genitalverstümmelung von Mädchen. Kritik an Missständen findet Dr. Kangoum berechtigt.

„Aber es beginnt mir auf die Nerven zu gehen“, sagt er, „dass ich als Muslim immer mehr unter Rechtfertigungsdruck stehe und dass immer mehr Menschen in Deutschland den Islam mit Barbarei gleichsetzen. Das ist trotz der vielen schlechten Nachrichten aus der islamischen Welt ein großes Unrecht. Muslime gehören zu einer Kultur, die der abendländischen lange überlegen war und schon vor über 1000 Jahren den Grundstein für die Naturwissenschaften von heute legte. Selbst unter gebildeten Europäern wissen nicht viele, was die Welt muslimischen Forschern wie al-Chwarizmi, Ibn Sina und Ibn Rushd verdankt. Und auch wenn das lange her ist, gehört es zu einem vollständigen Bild des Islam unbedingt dazu.“

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Als Abdelmoula Kangoum nach Deutschland kam, war er ein Exot – ein willkommener Exot. „Es ist oft vorgekommen“, erinnert er sich, „dass ich in der Gaststätte mein Abendessen bezahlen wollte und der Kellner zu mir sagte: Die Menschen an dem Tisch dort haben für Sie bezahlt.“ Noch heute fühlt er sich in Deutschland wohl, wird regelmäßig freundlich gegrüßt und angelächelt. Sorgen macht er sich um die Afrikaner, die unter oft abenteuerlichen Bedingungen nach Deutschland kommen und dann, zum Teil illegal, unter erbärmlichen Bedingungen leben.

„Diese Menschen haben es schon schwer genug“, sagt er, „auch ohne dass die Regierungschefin dieses Landes sich den Kampfbegriff Multikulti zu eigen macht. Mit der Aussage „Multikulti ist gescheitert“ ruft sie ja nicht zu mehr Differenzierung auf, sondern sie ermutigt Abgrenzung und Feindseligkeit. Dabei gewinnen auch die Deutschen nicht. Natürlich darf Deutschland von seinen Einwanderern Integrationsbereitschaft verlangen.

Aber die Einwanderer sind darauf angewiesen, dass man sie als Individuen ernst nimmt, anstatt ihnen mit Schubladendenken zu begegnen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist eine wichtige Eigenschaft, aber man darf Menschen nicht darauf reduzieren. Ein Freund von mir ist ein gutes Beispiel dafür, wie kontraproduktiv das sein kann: Als er nach Deutschland kam, trank er Whiskey, flirtete mit Frauen und war in religiösen Dingen tolerant. Aber man akzeptierte nicht, dass er so war, fragte ihn immer wieder, ob er nicht als Muslim anders sein müsse. Heute ist mein Freund ein strenggläubiger Muslim, der es mit den Geboten sehr genau nimmt.“

Moralblog veröffentlicht einen Aufsatz von Abdelmoula Kangoum über den muslimischen Beitrag zur modernen Wissenschaft.

Hochkultur Islam

Eine Stellungnahme von Abdelmoula Kangoum

Dr. Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wenn man die täglichen Nachrichten schaut oder in Zeitungen liest, die über das niemals endende Elend und die Gewalt in der islamischen Welt berichten, ist es kein Wunder dass viele Menschen in Westen die Kultur dieser Länder als rückständig betrachten und ihre Religion im besten Fall als konservativ bezeichnen, diese jedoch häufig als gewaltbereit und extremistisch einordnen.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass die westlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Welt Dank schulden. Ich nenne ein paar Beispiele:

Im 8. Jahrhundert, als sich Europa noch im dunklen Mittelalter befand, erstreckte sich das islamische Reich der Abbassiden über ein Gebiet, welches den Mittleren Osten, Gross-Persien, Teile Afrikas und Spaniens umfasste. Dieses Reich war so mächtig und einflussreich, dass während seiner 700-jährigen Dauer arabisch – die Sprache des Korans – internationale Wissenschaftssprache war.

Der bekannteste Herrscher Bagdads  Abu Jaafar al-Mamun (786 –833) halb Araber, halb Perser, der von 813 bis zu seinem Tod im Jahr 833 regierte, war der Kalif, dem es beschieden war, zu dem größten Unterstutzer der Wissenschaften zu werden; er war auch derjenige eine Periode der  Forschung und Gelehrsamkeit ermöglichte, wie es sie seit dem antiken Griechenland nicht mehr gegeben hatte.

Unter al-Mamuns Schirmherrschaft und im damals vorherrschenden Geiste der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen, die er förderte, kamen viele Gelehrte aus allen Teilen des Reiches nach Bagdad. Er schickte Boten in den entferntesten Teil der Welt, um alte wissenschaftliche Texte zu sammeln .Von den Herrschern besiegter Länder verlangte er als Tribut lieber Bücher als Gold. Die so von ihm geschaffene Institution „Bayt al Hikma“, Haus der Weisheit, wurde als erste Akademie der Wissenschaft in der ganzen Welt bekannt.

In den Büchern, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigen, findet man nur die großen Leistungen der griechischen Antike und die ihr folgende europäische Renaissance mit Namen wie Kopernikus und Galileo im 16. Jahrhundert. Aber die Errungenschaften, die die  muslimischen Wissenschaftler und Philosophen zu ihrer Zeit erreicht haben, sind ebenso bedeutsam wie die der griechischen Antike und der Renaissance.

Der Gelehrte Ibn Sina ( Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker und Astronom), der in Europa als Avicenna bekannt ist, war der größte Arzt des Mittelalters. Sein Kanon der Medizin (Qanun al-Tibb) blieb bis zum 17.Jahrhundert das Standardwerk der Medizin in Europa.

Muhammed ibn Zakariya al-Razi (in Europa bekannt als Razes) führte im 10. Jahrhundert den Gebrauch von Chemikalien wie Kupfer-, Quecksilber- und Arsensalze sowie Kalk, Teer und Alkohol für medizinische Zwecke ein. Damit ist er der Vater der Chemotherapie.

Man hat uns beigebracht, dass der englische Arzt William Harvey im Jahr 1616 als erster die Blutzirkulation korrekt beschrieben hat. Er war jedoch nicht der erste, denn bereits im 13. Jahrhundert hat dies schon der muslimische Arzt Ibn al Nafees dargestellt.

Niemand bezweifelt das Genie eines Kopernikus, der das Zeitalter der modernen Astronomie eingeleitet hat, jedoch ist nicht allgemein bekannt, dass er auf dem aufbaute, was muslimische Astronomen schon einige Jahrhunderte vor ihm entdeckt hatten. Kopernikus entnahm viele seiner Berechnungen dem Werk des Ibn al-Shatir, der im 14. Jahrhundert in Andalusien lebte.

Abu Rayhan Al Biruni (bekannt in Europa als Alberonius) war ein hervorragender Philosoph, Mathematiker, Astronom, Linguist, Historiker, Geograph, Apotheker und Arzt, der in diesen Fachgebieten einen wirklichen Durchbruch erzielte.

Er war einer der ersten Vertreter einer experimentellen Untersuchungsmethode, und hat diese Methode in die Mechanik, Mineralogie, Psychologie, und Astronomie eingeführt. Daher ist er  auch als der Vater der Geologie und Anthropologie zu betrachten.

Newton ist der unbestrittene Vater der modernen Optik. Jedoch stand er auf den Schultern eines geistigen Riesen, der 700 Jahre früher lebte, dies war ohne Zweifel der muslimische Wissenschaftler Ali Hassan Ibn al-Haytham (geb. 965 n.Chr.),  bekannt im Westen als Alhazen, Alhacen, oder Alhazeni. Er war auch der erste Forscher, der nachprüfbare Experimente  einführte, um Hypothesen   überprüfen zu können. Er hat  dadurch die  „wissenschaftliche Methode“ bereits vor mehr als 200 Jahren vor europäischen Gelehrten – die später von ihm gelernt haben –  entwickelt. Ali Hassan Ibn al-Haytham- wird daher als der erste Physiker der Welt und als Vater der modernen wissenschaftlichen Methode betrachtet- lange vor Renaissancegelehrten wie Bacon und Descartes.

Ein anderes Genie war der Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi. Er wirkte in der Zeit von 800 bis 850 . Sein größtes Vermächtnis ist sein außergewöhnliches Buch: „Kitab Hisab al-Jabr w’al Muqäbala“ (Das Buch der Vollziehung). Bekanntermaßen wird ja  das Wort  „Algebra “ aus dem Titel dieses Buches abgeleitet. In diesem Buch beschreibt er als Erste die Regeln und Schritte, wie algebraische Gleichungen zu lösen sind. Algebra ist aus dem arabischen Wort „al-jabr“ abgeleitet. Das Wort Algorithmus leitet sich von der lateinischen Übersetzung  (Algoritmi) seines Namens ab.

Abu Nasr al-Farabi, der im Westen als Alpharabius bekannt ist, hatte ebenfalls  mehrere Jahrhunderte lang großen Einfluss auf die Wissenschaft und Philosophie. Im weltweiten Ansehen rangierte er direkt nach Aristoteles (Darauf wies auch sein Titel  „der Zweite Lehrer“ hin). Seine Arbeit zielte auf die Synthese zwischen Philosophie und Sufismus ab. Er setzte die Islamisierung der griechischen Philosophie fort und die auf ihn folgenden Fackelträger waren zwei Männer, die in Europa großes Ansehen erreichten und viele Renaissancedenker nachhaltig beeinflussten. Dies waren Ibn Sina (980-1037) und Ibn Rushd (1126-1198),  die in Europa den meisten Menschen unter ihren latinisierten Namen vertrauter sind: Avicenna und Averroës.

Abu Uthman al-Jahith, der afro-arabische Zoologe, entwickelte im 8. Jahrhundert eine rudimentäre Theorie der natürlichen Auslese – und zwar eintausend Jahre vor Darwin. In seinem Werk Kitab al-HayawanDas Buch der Tiere“ führt  Jahith seine Gedanken aus, wie Umweltfaktoren die Eigenschaften der Arten beinflussen können, wie der Zwang zu Anpassung  auf die Tierwelt wirkt,  und wie sie ihre veränderten Charakteristika an die auf sie folgenden Generationen ihrer Art weitergeben.

Die Musa-Brüder, drei schillernde Persönlichkeiten, waren ebenfalls mit dem bereits oben erwähnten Haus der Weisheit verbunden.

Mohammad, dem Ältesten, sagt man nach dass er der erste war, der annahm, dass Himmelskörper wie der Mond und die Planeten denselben Gesetzen der Physik unterworfen waren, die auch auf der Erde vorherrschten. Diese Erkenntnis markierte einen klaren  Bruch gegenüber dem bis dahin anerkannten Aristotelischen Bild des Weltalls. Mohammad Musas Buch über die Bewegung der Himmelskörper gibt seine Gedanken und Vorstellungen über diese Kräfte wieder, obwohl sie noch nicht so umfassend waren wie die späteren Gesetze Newtons. Die Brüder sind wahrscheinlich eher für ihre großartigen Erfindungen im Bereich der Technik bekannt. Ihr berühmtestes Werk war ihr Buch „von den Genialen Geräten“ (Kitab al-Hiyal), welches im Jahr 850 veröffentlicht wurde.

Das war eine große illustrierte Arbeit, die von mechanischen Geräten, Automaten, Rätsel und magische Tricks handelte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele war eine programmierte Maschine: ein automatisierter Flötenspieler.

Der Nordafrikaner Ibn Khaldun (1332-1406) ist der Begründer mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen: Bevölkerungsstatistik, Kultur- und  Sozialgeschichte, Historiographie, Philosophie der Geschichte und Soziologie. Er wird auch von vielen als Wegbereiter der modernen Volkswirtschaft betrachtet. Mit seinem berühmten Buch „Muqaddimah“ (Die Einführung) nahm er bereits viele Elemente der oben genannten Disziplinen vorweg – lange bevor sie in Europa begründet wurden.

Sicherlich hätte diese wissenschaftliche Revolution innerhalb der muslimischen Zivilisation nicht so stattgefunden, hätte es den Islam nicht gegeben. Trotz der Ausbreitung des Christentums während der vorangegangenen Jahrhunderte hat es in der christlichen Welt zu dem frühen Zeitpunkt keine ähnliche Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens gegeben. Der Charakter des Islam zwischen dem Anfang des 9. Jahrhunderts und dem Ende des 11. Jahrhunderts war geprägt von dem Geist des freien Denkens, der Toleranz und des Rationalismus. Das Goldene Zeitalter der Islamischen Wissenschaft verlangsamte  sich nach dem 11. Jahrhundert. Hierfür  war ursächlich die allmähliche Zersplitterung des Abbassidenreiches und das Desinteresse der nachfolgenden Kalifen an Wissenschaft und Forschung.

Warum ist es wichtig, dass wir uns heute diese geschichtlichen Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen?

In Zeiten zunehmender kultureller und religiöser Spannungen, Missverständnisse und Intoleranz sollten Deutschland und das restliche Europa einmal versuchen, die islamische Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Rufer nach „unserer jüdisch-christlichen Zivilisation“ übersehen, dass es eine gemeinsame menschliche Zivilisation gibt, zu der die islamische Welt einen wertvollen Beitrag geleistet hat und weiterhin leisten kann.

Die PID-Entscheidung: Eine Chance für unsere Gesellschaft

OFFENER BRIEF AN ALLE BUNDESTAGSABGEORDNETEN

Sehr geehrte Frau Bundestagsabgeordnete, sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter,

die bevorstehende Entscheidung über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ist etwas Besonderes,

  • weil es keine klaren Fronten gibt;
  • weil es für Pro und für Contra humanitäre Argumente gibt
  • und weil ein Nein unserer Gesellschaft eine Chance geben kann, humaner zu werden.

Man kann gegen die PID sein,

  • obwohl man grundsätzlich für straffreie Abtreibung ist;
  • obwohl man gegen Spätabtreibungen ist;
  • obwohl man für In-Vitro-Fertilisation ist
  • und obwohl man allen Eltern gesunde Kinder wünscht.

Man sollte gegen die PID sein,

  • weil sie nicht der Heilung des untersuchten Patienten dient;
  • weil sie nur genetisch bedingte Behinderungen erkennt (und diese machen nur einen Teil der angeborenen Behinderungen aus)
  • und weil sie das Lebensrecht behinderter Menschen beeinträchtigt.

Einige Politiker sagen: Lieber PID als Spätabtreibungen! Das heißt: Wenn man ein ungeborenes Kind wegen einer angeborenen Behinderung töten will, dann soll man das so früh wie möglich tun – nur darum geht es. Aber in beiden Fällen wird das Kind getötet.

Natürlich sind Spätabtreibungen eine barbarische Praxis, und noch dazu widersinnig, weil gleich alte Kinder ohne Behinderung als Frühchen mit dem vollen Einsatz der modernen Medizin gerettet werden – und das mit Recht.

Aber wer die PID mit ihren Konsequenzen erlaubt, schafft dadurch die Spätabtreibungen ja nicht ab. Im Gegenteil: Er trägt zu ihrer Erleichterung bei, weil man ja Eltern, die erst spät in der Schwangerschaft mit einer Diagnose wie dem Down-Syndrom konfrontiert werden, nicht gut verweigern kann, was man Eltern mit künstlicher Befruchtung erlaubt: die möglichst frühzeitige Eliminierung eines behinderten Kindes, damit Platz für ein (jedenfalls erblich) gesundes geschaffen wird.

Bitte bedenken Sie: Jedes ungeborene Kind, auch vor der Implantation, ist ganz ohne Zweifel ein Mensch wie Sie und ich, nicht etwa ein Zellhaufen, wie immer wieder unbedacht oder auch bedacht geschrieben wird. Und selbst wenn man diesem ungeborenen Menschen erheblich weniger Rechte zumisst als allen geborenen: Können die Vorteile für die Gesellschaft oder auch für die Eltern den gewaltsamen Tod eines unschuldigen Menschen aufwiegen?

Ich habe Menschen mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen persönlich kennengelernt, und während einerseits ihre Behinderung unübersehbar war, galt das andererseits auch für ihre Lebensfreude. Die Selbstverständlichkeit, mit der unsere Gesellschaft diesen Menschen ein geringeres Recht zu leben zuweist als Ihnen und mir, sollte nicht das letzte Wort behalten.

Ich bitte Sie: Nehmen Sie sich Zeit für die Vorbereitung Ihrer Entscheidung, legen Sie sich selbst Rechenschaft ab über die Gründe für Ihre Entscheidung, denken Sie Ihre Entscheidung zu Ende. Es spricht sehr viel dafür, dass eine Entscheidung gegen die Zulassung der PID unserer Gesellschaft eine Chance gibt, unseren Umgang mit den Schwächsten zu überdenken. Bitte geben Sie unserer Gesellschaft diese Chance.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Harald Stollmeier

Das Spenden-Experiment – ein Selbstversuch

Angeregt von Peters Singers Buch „Leben retten“ haben mein Mann und ich beschlossen, einen Selbstversuch zu wagen. Unser Ziel ist es, mehr Geld als bisher für die Rettung von Menschenleben zu spenden. Und weil wir leider nicht über das Einkommen eines Bill Gates verfügen und mal eben mehrere Milliarden US-Dollar wohltätigen Zwecken zuführen können (wobei das große Anerkennung verdient und Nachahmung auch), haben wir uns zwei einfache Regeln überlegt, nach denen wir ab heute ein Jahr lang leben wollen:

1. Die Hälfte des Betrags, den wir für Luxus-Güter (also Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen und die man nur kauft, weil sie Freude machen) ausgeben, wollen wir spenden.

2. Wenn wir im Alltag mit vertretbarem Aufwand Geld sparen können, spenden wir davon die Hälfte.

Singers These ist kurz gesagt, dass man die Armut auf der ganzen Welt abschaffen kann, wenn jeder einen relativ kleinen Teil seines Einkommens abgibt (und dafür hat er sogar eine Formel entwickelt). Wir sind nicht mit allem einverstanden, was Singer schreibt. Aber wir denken wie er, dass es besser ist mit den eigenen Mitteln zu helfen, statt nur mit dem Finger auf Andere zu zeigen oder die Schlechtigkeit der Welt zu beklagen.

Wir sind selbst gespannt, was wir im Laufe des Experiments lernen können – über uns und über Andere. Wird sich unser (Kauf-) Verhalten ändern? Werden wir für verrückt erklärt? Schaffen wir es, unser Ziel ohne schmerzhaften Verzicht zu erreichen? Gibt es irgendwelche Nebenwirkungen? Wir werden es herausfinden.

 

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(Foto: Caroline Stollmeier)

Was macht Guttenberg zur Lichtgestalt?

KOMMENTAR

Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg hat zu Recht seine Ämter niedergelegt. Und obwohl  schon Politiker trotz weit schlimmerer nachträglich aufgedeckter Verfehlungen im Amt bleiben konnten (wie Joschka Fischer), sind auch schon Minister aus weit ehrenvollerem Anlass zurückgetreten (wie Rudolf Seiters).  All das ist unbestreitbar.

Trotzdem hat sich außerhalb der politischen Klasse eine beachtliche Bewegung zu seiner Verteidigung gebildet, und nach der Rücktrittserklärung bildete sich über Nacht ein Solidaritäts-Tsunami: Weniger als 36 Stunden nach ihrer Eröffnung zählt die Facebook-Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“ über 450.000 Mitglieder. Was geschieht da eigentlich?

Die technische Seite ist mit der flächendeckenden Verbreitung von Facebook leicht erklärt. Nicht so leicht erklärt ist das inhaltliche Rätsel: Warum ist Karl Theodor zu Guttenberg zu einer solchen Lichtgestalt geworden? Am Heiligenschein kann es ja nicht liegen.

Wie kann es sein, dass ein so junger Mann ohne nennenswerte Verdienste, wenngleich von gutem Auftreten, zur Heilsfigur für Hunderttausende, ja zum Gegenentwurf für das gesamte politische System erhoben wird?

Und wie kann es sein, dass so viele Menschen einem wertkonservativ auftretenden Politiker eine Verfehlung verzeihen, die mit ihrer Missachtung der akademischen Redlichkeit an sich jeden Wertkonservativen schmerzen muss?

Die Erklärung liegt in Guttenbergs Unabhängigkeit, vor allem aber in einer Schwäche unseres Wahlsystems, durch die diese Unabhängigkeit zu einer Rarität wird: Das modifizierte Verhältniswahlrecht der Bundesrepublik Deutschland macht mindestens die Hälfte der Bundestagsabgeordneten (für die Landtage gilt das im Prinzip auch) stärker vom Wohlwollen ihrer Parteiführung als vom Wählerwillen abhängig. Denn die Parteiführung hat großen, meist entscheidenden Einfluss auf den Listenplatz eines Kandidaten. Die vom Grundgesetz vorgesehene Gewissensfreiheit der Parlamentarier wird dadurch weitgehend aufgehoben.

Das gilt mit Einschränkungen auch für die Abgeordneten, die ihr Mandat im Wahlkreis errungen haben: Sie sind zwar nicht in ihrer Existenz, wohl aber in ihren Aufstiegsmöglichkeiten von der Parteiführung abhängig, weil diese ja die Mehrheit der Fraktion lenken kann. Solche Abhängigkeiten zwingen den Aufrichtigsten zu Kompromissen, mit denen er nicht glücklich sein kann, und es liegt auf der Hand, dass solche Bedingungen vor allem stromlinienförmigen Politikern förderlich sind. Und da die Wählerinnen und Wähler klüger sind, als es ihnen die Experten gewöhnlich zutrauen, haben sie das auch bemerkt.

Karl Theodor zu Guttenberg ist von der Wählermehrheit seines Wahlkreises in den Bundestag entsandt worden, verdankt sein Mandat also nicht vorrangig der Partei. Wirtschaftlich unabhängig, muss er zudem das Ausscheiden aus der Politik weniger fürchten als die meisten anderen Parlamentarier. Im Hinblick auf den weiteren politischen Aufstieg allerdings galt auch für ihn, dass man nicht die Hand beißen sollte, von der man gefüttert wird.

Der dramatische Aufstieg von Karl Theodor zu Guttenberg in der Gunst der öffentlichen Meinung datiert  von seinem öffentlichen Widerspruch gegen die Staatshilfen für Opel. Mit diesem prinzipiell begründeten Widerspruch riskierte er den Zorn der Bundeskanzlerin und des CSU-Vorsitzenden, aber er demonstrierte (vielleicht zu einem klug gewählten Zeitpunkt), dass er sich den Luxus einer eigenen Meinung nicht nur leisten kann sondern auch will.

Seine über 450.000 Facebook-Fans und wohl auch viele andere Anhänger müssen eine solche Demonstration ersehnt haben wie ein Verdurstender frisches Wasser, und sie verzeihen Guttenberg seine unsaubere Doktorarbeit, weil sie von einem Politiker, vor allem einer politischen Führungskraft, nicht Heiligkeit erwarten sondern Klarheit und Mut. Es ist nicht Guttenbergs Schuld, dass er als nahezu einziger Politiker diese Erwartung zu erfüllen scheint.

Es ist durchaus nicht sicher, dass Karl Theodor zu Guttenberg die Erwartungen seiner Fans wirklich erfüllen kann. Aber es ist sicher, dass diese Erwartungen bleiben werden, auch wenn Guttenberg geht – und dass sie eine Herausforderung für unsere Demokratie sind. Im Grunde gibt es nur zwei Lösungen für dieses Problem. Die erste besteht in dem Versuch, die Wählerinnen und Wähler davon zu überzeugen, dass ihre Vorstellung von Führung mit einer Demokratie nicht vereinbar ist und sie sich bescheiden müssen.

Die zweite bestünde in einer Veränderung des Wahlrechts hin zu einem mehr oder weniger reinen Mehrheitswahlrecht. Das hätte natürlich den Nachteil, dass in jedem Wahlkreis die Stimmen für die Verlierer unter den Tisch fielen. Es hätte aber den Vorteil, dass alle Abgeordneten wirklich nur noch ihrem Gewissen verpflichtet wären – und natürlich ihren Wählern.

Für die Parteiführungen wäre eine solche Reform mit einem schmerzlichen Verzicht auf Kontrolle verbunden, und für die Abgeordneten, die ihr Mandat über eine Landesliste erhalten haben, wäre es wahrscheinlich das Ende ihrer politischen Laufbahn. Ihre Zustimmung wäre somit Ausdruck beachtlicher Selbstlosigkeit. Grundsätzlich traue ich diese Selbstlosigkeit einer überwältigenden Mehrheit der deutschen Parlamentarier zu.

Gesucht: 575 Menschen für Dresden

Als Reaktion auf die angestrebten Veränderungen des § 218 im Jahr 1971 schrieb die damals 14-jährige Barbara Witzgall einen Artikel für ihre Schülerzeitung. Darin ging es um den Vorgang einer Abtreibung aus Sicht des heranwachsenden Babys. Sie wollte zeigen, dass sich ein Kind im Mutterleib vermutlich nur eines wünscht, nämlich geboren zu werden.

Die Leidenschaft für das Leben hat seither Barbara Witzgalls Leben geprägt. Seit 2009 unterstützt sie das Internet-Team von Pro Femina. „Früher wusste ich nicht, wie ich zu den Frauen, die in einer konkreten Situation Hilfe brauchen am besten Kontakt aufnehmen kann“, beschreibt sie die einschneidenden Veränderungen durch Online-Beratung, „jetzt habe ich sie in meinem Wohnzimmer“.

Viele schwangere Frauen suchen täglich nach Informationen im Internet. Pro Femina e. V. konnte zahlreichen von ihnen helfen. Der größte Vorteil ist die Anonymität im Internet, die es Betroffenen erleichtert, sich zu öffnen und Dinge zu erzählen, die sie manchmal ihrer besten Freundin nicht anvertrauen würden. Auch der Beraterin erleichtert das die Arbeit, denn sie kann schnell zu den eigentlichen Problemen vordringen.

„Mit unserem Projekt 1000plus möchten wir die bundesweite Beratung und Hilfe für Schwangere stärker vernetzen und ausbauen. Der nächste konkrete Schritt soll die Eröffnung einer Beratungsstelle in Dresden sein“, sagt Witzgall. Notwendig ist dieser Schritt, da sich aus den Online-Kontakten und Telefonaten mit Betroffenen oft ein Beratungsgespräch vor Ort ergibt. Und das geht bisher nur in Heidelberg.

Barbara Witzgall steht nun vor der schwierigen Aufgabe, die finanziellen Mittel für den Ausbau der Schwangerenberatung zusammen zu bringen. Die Arbeit von Pro Femina wird nämlich rein aus Spenden finanziert. „Ich brauche 575 Menschen, die bereit sind 10 Euro pro Monat zu spenden, damit wir die erste Beraterin einstellen können“, rechnet Witzgall.

„Ich begegne in den Internetforen so großer Not… Früher dachte ich, dass manche Frauen dem Leben eine andere Bedeutung beimessen als ich, dass ihnen das Leben einfach nicht so viel wert ist wie mir. Aber das ist nicht so. Die Frauen wissen, dass es um ihr Baby und nicht um einen Zellklumpen geht. Tatsächlich treiben aber ganz viele Frauen unfreiwillig ab, weil sie unter enormem Druck stehen. Und diesen Frauen müssen wir helfen, und können wir helfen“, beschreibt Witzgall ihre persönliche Motivation sich unermüdlich für Mütter und ihre ungeborenen Kinder einzusetzen.

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Pro Femina e.V. in DRESDEN | Projekt 1000plus
Spendenkonto 88 514 | BLZ 850 205 00 | Sozialbank Dresden

Ist ein demokratisches Ägypten wünschenswert?

KOMMMENTAR

Der Aufstand in Ägypten lässt keinen von uns kalt. Und fast alle haben wir Sympathie für die Aufständischen angesichts der beinahe unvorstellbaren Armut, in der die Mehrheit der Ägypter lebt. Alle hoffen und viele glauben, dass der Aufstand im Ergebnis gut für die Ägypter ist.

Aber ist er auch gut für uns? Ist er gut für den Frieden in der Region, für den Frieden zwischen den Religionen? Wird am Ende eine ägyptische Demokratie mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung stehen oder eine Islamische Republik Ägypten mit schlimmerer Unterdrückung als zuvor nach innen und militantem Dschihad nach außen? Was sollen wir uns wünschen? Was sollen wir den Ägyptern wünschen? Was soll aus Ägypten werden?

Nichts ist wohlfeiler in diesen Tagen als Kritik an der realpolitischen Praxis des Westens, nichtislamistische Diktaturen zu hofieren, um islamistische Diktaturen zu verhindern. Es ist sogar ein bisschen peinlich, wie schnell sich in der Sprache der Medien der Präsident Mubarak in den Diktator Mubarak verwandelt hat, obwohl die Verfassungswirklichkeit in Ägypten unverändert ist.

Wer jetzt Realismus durch Idealismus ersetzt, fährt den falschen Kurs, auch wenn er die richtigen Werte vertritt. Natürlich haben wir das Recht, uns ein Ägypten zu wünschen, dass mit uns in Frieden lebt. Die Israelis haben ein noch größeres Recht, sich das zu wünschen – sie wohnen gleich nebenan.

Andererseits müssen wir den Ägyptern das Recht zugestehen, ihre Verfassung selbst zu bestimmen, jedenfalls wenn wir unsere eigene ernst nehmen. Wenn also die Ägypter eine islamische Republik wollen, mit Scharia und Steinigung, ist das dann nicht ihre Sache? Müssten wir nicht sogar, frei nach Voltaires Diktum „Ich lehne Deine Meinung ab, aber ich werde Dein Recht, sie zu äußern, bis in den Tod verteidigen“ aktiv dafür eintreten, dass die Ägypter ihren Willen auch bekommen? Müssen wir? Nein.

Denn die Demokratie ist zwar ein hohes Gut. Das höchste Gut ist sie für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aber nicht. Das Grundgesetz schließt seine eigene Abschaffung durch Mehrheitsbeschluss ausdrücklich aus, jedenfalls im Kernbereich der Grundrechte und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Das heißt: Nicht die Demokratie ist für uns im Zweifelsfall unabdingbar. Unabdingbar, „alternativlos“ sind für uns vielmehr die Menschenrechte.

Alle Menschen sind gleich viel wert, ungeachtet solcher Faktoren wie Geschlecht, Rasse oder Religion, eigentlich ungeachtet aller Faktoren. So sieht es das Grundgesetz, und die Werte, zu denen es sich damit bekennt, sind allgemeingültig. Sie gelten auf der ganzen Welt und folglich auch in Ägypten. Deshalb haben die Ägypter in der Tat genau wie wir das Recht, ihre Verfassung selbst zu bestimmen. Aber unseren Beifall können sie dafür nur unter einer Bedingung verlangen: In dieser Verfassung sind alle Menschen gleich viel wert.

Eine solche Verfassung wäre natürlich keine Friedensgarantie. Aber zumindest Glaubenskriege und Ähnliches würde sie weder nach innen noch nach außen rechtfertigen. Eine solche Verfassung wünsche ich den Ägyptern und den Menschen, die in Ägypten leben – allen.

Unplanned – Vom bemerkenswerten Sinneswandel der Abby J.

Sie leitet eine Abtreibungsklinik, um Frauen zu helfen. Eines Tages assistiert sie zufällig bei einer ultraschallüberwachten Abtreibung. An diesem Tag wird ihr klar, dass sie auf der „falschen Seite des Zaunes“ steht.

In „Unplanned“ erzählt Abby Johnson ihre eigene Geschichte, die sicher jeden – egal ob pro-choice oder pro-life – beeindrucken muss.

Als Studentin in Texas arbeitet sie ehrenamtlich für Planned Parenthood, eine Organisation, die übrigens mit pro familia Deutschland verwandt ist. An „Abtreibungstagen“ muss Abby Frauen vom Parkplatz in die Klinik geleiten. Das geschieht, damit diese möglichst unbehelligt an den Pro-Life-Aktivisten vorbei kommen, die regelmäßig vor der Klinik beten, mahnen und ihre Hilfe anbieten.

Nach ihrem Studium macht Abby Karriere bei Planned Parenthood. Sie wird innerhalb weniger Jahre zur Leiterin der Klinik, in der sie bereits als Studentin im Einsatz war, und zur Mitarbeiterin des Jahres. Sie fühlt sich wohl mit der Gewissheit, Frauen durch Aufklärung, Beratung und das Bereitstellen von Verhütungsmitteln vor ungewollten Schwangerschaften schützen zu können. Immerhin hatte man ihr auch zu Beginn ihrer Tätigkeit gesagt: „Planned Paranthood ist dafür da, die Abtreibungszahlen zu senken.“

Als Klinikleiterin ist Abby nicht nur für die Motivation des Personals und die gute interne Organisation zuständig, sondern auch für die Bilanz. Und die sieht zunehmend schlecht aus, da Abby Aufklärungsarbeit anstatt Abtreibungen fördert, wie sie es für selbstverständlich hält. Aber so kann man eben kein Geld verdienen. Und ihre Vorgesetzten sagen zu ihr: „Du musst deine Prioritäten klären“, und meinen damit, dass sie für mehr Abtreibungen in ihrer Klinik sorgen soll. Ihren Standpunkt fassen sie zusammen: „Abby, nonprofit is a tax status, not a business status.“

Und dann kommt der Tag, an dem Abby zufällig während einer Abtreibung das Ultraschallgerät bedienen soll. Und was sie da sieht, macht ihr erstmals vollends bewusst, was bei einer Abtreibung wirklich geschieht. Unzählige Male hat sie Frauen bei ihrer Entscheidung zwischen Mutterwerden, Adoption und Schwangerschaftsabbruch geholfen, hat Abtreibungstermine koordiniert und, wie ihr wieder klar wird, zwei ihrer eigenen Babys vor der Geburt getötet.

Es ist eben nicht nur ein „Fötus“, der da stirbt, sondern ein Kind. Und Abby beschreibt eindrucksvoll wie schon die gezielte Wortwahl, auf die Planned Parenthood großen Wert legt, das wahre Geschehen verharmlosen und das Gewissen überlisten kann.

Mehr oder weniger Hals über Kopf kündigt sie wenige Tage später ihren Job und wechselt – zunächst heimlich – in das Pro-Life-Lager. Planned Parenthood versucht gerichtliche Schritte, die aber im Sande verlaufen. Erschreckender ist für sie, wie sich vermeintliche Freunde verhalten, die sich nämlich plötzlich von ihr zurückziehen oder gar gegen sie sind. Gleichzeitig versteht sie, dass die Leute auf der anderen Seite des Klinikzauns sie trotz ihrer gegensätzlichen Positionen in der Abtreibungsfrage stets geschätzt haben und nun verlässliche Partner sind.

Abbys Weg war und ist kein einfacher. Über ihre Zeit bei Planned Parenthood sagt sie: „Right reasons, wrong choices.“ Am Ende jedoch hat die Wahrheit gesiegt.

 

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(Foto: Abby Johnson)

Johnson, Abby: Unplanned: The Dramatic True Story of a Former Planned Parenthood Leader’s Eye-Opening Journey across the Life Line, Salt River, 2010.

Verhütung ja – Abtreibung nein!?

Viele Menschen haben sich entschlossen zu verhüten, um ihre Sexualität unbeschwert ausleben zu können. Bei einer ungewollten Schwangerschaft käme eine Abtreibung für sie persönlich jedoch nicht in Frage.

Aber gibt es eine klare Grenze zwischen Schwangerschafts-verhütung und einem Schwangerschaftsabbruch? Worauf muss man achten, um ethisch „auf der sicheren Seite“ zu sein?

Auf den ersten Blick ist das ganz einfach: Wenn gar nicht erst eine Schwangerschaft entsteht, gibt es auch keinen Schwangerschaftsabbruch. Manche Frauenärzte sprechen von einer Schwangerschaft erst nach der Einnistung der Zygote in der Gebärmutter. Das ist praktikabel aber ungenau.

Die Schwangerschaft und somit der Beginn eines neuen menschlichen Lebens beginnt im Moment der Vereinigung von Samen- und Eizelle. Alles, was diese Vereinigung verhindert, gilt als Verhütung. Jedes Eingreifen danach kommt einer Abtreibung gleich.

Bei der Wahl eines geeigneten Verhütungsmittels spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die Zuverlässigkeit, die leichte Handhabung, mögliche Auswirkungen auf Körper und Gesundheit, aber eben auch die Vermeidung eines Schwangerschaftsabbruchs.

Kondome können bei geübter Anwendung relativ zuverlässig das Eindringen von Spermien in den Körper der Frau verhindern und schützen zusätzlich vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Aber insbesondere in einer stabilen Partnerschaft können sie auch als störend empfunden werden. Für andere mechanische Verhütungsmittel, wie das Pessar, braucht man viel Übung in der Anwendung.

Es gibt verschiedene hormonelle Verhütungsmittel, wie die Spirale oder die Pille. Diese haben meistens drei Auswirkungen: der Eisprung wird unterdrückt, und die Konsistenz von Zervixschleim und der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut verändern sich.

Hier lohnt es sich genau hinzusehen. Wird der Eisprung unterdrückt, kann keine Eizelle befruchtet werden. Belegt ist jedoch, dass es trotz korrekter Einnahme der Verhütungspille zum Eisprung kommen kann.*

Der Zervixschleim erschwert während der meisten Tage des weiblichen Zyklus durch seine zähe Konsistenz, dass Spermien, in Gebärmutter und Eileiter aufsteigen. Nur in der Zeit um die fruchtbaren Tage der Frau verflüssigt sich der Schleim und wird durchlässig. Unter Verwendung der Pille bleibt der Zervixschleim jedoch zäh.

So genannte Minipillen unterdrücken den Eisprung nicht. Aber auch bei anderen Pillen (und Spiralen) besteht immer ein Risiko, dass eine Eizelle befruchtet wird. Sollte es dazu gekommen sein, verhindert die künstlich hervorgerufene Veränderung der Gebärmutterschleimhaut, dass sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet. Als Folge dessen stirbt er ab. Spüren kann man das nicht.

Wer (unbemerkte) Schwangerschaftsabbrüche verhindern möchte, muss wirksam die Verschmelzung von Samen- und Eizelle verhindern. Möglich ist das mit Hilfe der Natürlichen Familienplanung (NFP). Dabei beobachtet die Frau relevante Veränderungen an ihrem Körper im Laufe ihres Zyklus: Temperatur, Zervixschleim, Lage des Gebärmutterhalses.

„Mit fachgerechter Anleitung verhüten Paare mit der Natürlichen Familienplanung genau so sicher wie mit der Pille. Das besagen auch neueste Studien.“, erläutert NFP-Beraterin Adelaide Dechow. Und ihre Klientinnen bestätigen, dass die NFP bereits nach kurzer Zeit ganz einfach anzuwenden ist.

„Viele Frauen finden es spannend, ihren Körper noch besser kennenzulernen“, sagt Dechow, „die bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Fruchtbarkeit und Weiblichkeit wirkt sich positiv auf ihre Sexualität aus. Nebenwirkungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen, wie sie beispielsweise von der Pille hervorgerufen werden, gibt es bei der NFP nicht. Und sollte sich später doch ein Kinderwunsch einstellen, hilft das Wissen um die fruchtbaren Tage, diesen ganz schnell zu erfüllen.“

 

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Unbemerkt schwanger trotz Pille? (Foto: Caroline Stollmeier)

 

* Süßmuth, Roland (Hrsg.): Empfängnisverhütung – Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen, 2000.

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