Denkmal für Ungeborene

Denkmäler für Fürsten, Krieger und Politiker gibt es zuhauf. Mahnmale für die Opfer staatlichen Unrechts gibt es zumindest in Deutschland. Denkmäler für ungeborene Kinder muss man lange suchen. Eines steht seit Oktober 2010 in Jerusalem. Aufgestellt hat es ein deutscher Franziskaner.

„Mortem obiit prae nativitate“ – frei übersetzt: „Vor der Geburt gestorben.“ So lautet die Inschrift des Denkmals an der Kirche Dominus flevit auf dem Ölberg in Jerusalem. „Dominus flevit“ heißt „der Herr weinte“ – an dieser Stelle soll Christus geweint haben, als er die Zerstörung Jerusalems voraussagte (Lukas 19, 41-44). Die tränenförmige Kirche aus dem Jahr 1955 steht auf den Fundamenten einer byzantinischen Kirche aus dem sechsten Jahrhundert. Sie gehört dem Franziskanerorden.

Foto: P. Robert Jauch OFM

„Das Denkmal schmückt tatsächlich das Grab eines im Mutterleib gestorbenen Kindes, einer sogenannten Fehlgeburt“, berichtet Pater Robert Jauch OFM, von 2007 bis 2010 Hüter der Kirche Dominus flevit, „wir konnten auf Wunsch der Eltern die Bestattung des Kindes ermöglichen – ähnlich wie in Deutschland enden totgeborene Kinder unter 500 Gramm Körpergewicht auch in Israel sehr oft im Klinikabfall.“ 

Foto: P. Robert Jauch OFM

(Fotos: P. Robert Jauch OFM)

Das Denkmal auf dem Grab hat die Form einer abgebrochenen Säule. Wie das Leben der ungeboren verstorbenen Kinder ist sie zu kurz. „Das Denkmal gilt allen Kindern, die vor ihrer Geburt gestorben sind“, sagt Pater Robert, „aber ganz besonders gilt es den unzähligen Opfern von Schwangerschaftsabbrüchen. Viel zu oft wird vergessen, dass diese Kinder genauso Menschen sind wie alle anderen, für die wir auf den Friedhöfen beten. Also beten wir auch für sie.“

Der größte Fehler meines Lebens: ein Erfahrungsbericht

Eine junge Frau und ein junger Mann verlieben sich. Die Beziehung ist kompliziert. Er will sich von ihr trennen. Aber so ganz kommen sie nicht von einander los. Dann ist sie plötzlich schwanger. Er jedoch will von seinem Kind nichts wissen und verlässt sie endgültig …

Melanie Berdowski hat diese Geschichte erlebt und schildert sie eindringlich in ihrem autobiographischen Bericht „Der größte Fehler meines Lebens“. Gegenüber Moralblog sagt sie: „Mein Buch zu veröffentlichen kostete enorme Überwindung – allein der Gedanke hat mich angetrieben, damit anderen Frauen helfen zu können.“

Die anfängliche Freude über das Kind weicht schnell tiefer Verzweiflung und innerer Zerrissenheit, als Melanie merkt, dass ihr Freund nicht zu ihr stehen wird. „Das kleine Lebewesen in meinem Bauch hat kein Mitspracherecht und war von seinem Vater bereits zum Tode verurteilt worden.“, schreibt sie.

Sie fühlt sich für die Situation und für das Kind verantwortlich. Neues strömt auf sie ein. Rückhalt findet sie in ihrer Familie, aber dennoch glaubt sie sich allein. Sie möchte ihrem Kind eine gute Mutter sein, ihm einen Vater geben können. Doch das kann sie nicht. Nichts ist so, wie sie es sich erträumt hat.

Melanie glaubt zunächst, dass sie es auch alleine schaffen kann. Doch im letzten Moment verlässt sie der Mut. Die Abtreibung ihres Kindes bezeichnet sie heute als den größten Fehler ihres Lebens.

Inzwischen ist Melanie Berdowski glücklich verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Trotzdem kann sie ihr erstes Kind nicht vergessen. Ihren Schmerz über seinen Verlust hat sie inzwischen als Teil ihres Lebens akzeptiert. In ihm bleibt die Erinnerung an ihr Kind lebendig. Und in ihrem Buch.

 

 

 

Berdowski, Melanie: Der größte Fehler meines Lebens, Gelnhausen, 2010, € 8,90.

Bistum Essen: Integration durch Einladung

Gehört der Islam zu Deutschland? Das darf diskutiert werden, je nachdem, was dabei mit dem Islam gemeint ist. Die vier Millionen Muslime aber, die in Deutschland leben – sie gehören auf jeden Fall dazu. Und immer mehr Deutsche mit mehr oder weniger christlicher Prägung erleben sie als Nachbarn. Ob Integration gelingt oder nicht, das geht auf Dauer alle an.

„Integration funktioniert nicht nur durch Forderungen an die Einwanderer“, sagt Volker Meißner, Referent des Bistums Essen für Migration, Integration und interreligiösen Dialog, „sondern auch durch aktive Leistungen unserer Gesellschaft. Wir in der Kirche nehmen diese Aufgabe ernst – und sie begegnet uns ständig im eigenen Haus, zum Beispiel wenn muslimische Kinder katholische Kindergärten besuchen oder muslimische Patienten in katholischen Krankenhäusern behandelt, in Einrichtungen der Caritas beraten werden.“

Das Bistum Essen schult deshalb regelmäßig Beschäftigte im Umgang mit Menschen anderer Religion. Die Regeln sind dabei einheitlich, unabhängig von der Religion des Betreffenden, wobei es in der Praxis fast ausschließlich um Muslime geht. Grundlage des Vorgehens ist ein Konzilsdokument.

In seiner Erklärung Nostra Aetate hat das Zweite Vatikanische Konzil das Wahre und Gute in den anderen Religionen als Grundlage für brüderliche Zusammenarbeit anerkannt und ausdrücklich jede Diskriminierung auch aus religiösen Gründen verworfen. Von den Muslimen beispielsweise spricht das Dokument „mit Hochachtung.“

Heißt das nun, dass alle Religionen gleichwertig sind und folglich, dass es auf die Unterschiede nicht mehr ankommt? „Keineswegs“, sagt Volker Meißner, „Voraussetzung für den interreligiösen Dialog ist die Treue zum eigenen Glauben. Für Christen heißt dies, dass sich Gott auf unüberbietbare Weise in Jesus Christus offenbart hat und dass wir ihn als Erlöser bekennen und verkünden. Aber jede Verkündigung, jede Mission hat die Glaubensfreiheit des einzelnen Menschen zu achten. Und sie hat zu berücksichtigen, dass Juden und Muslime aus kirchlicher Sicht mit uns den einen Gott anbeten, wie es ebenfalls das Konzil formuliert.“  Es gibt also beides: Grundlegende Gemeinsamkeiten im Glauben an den einen Gott und unüberbrückbare Unterschiede im Gottesbild. Was das für Konsequenzen hat, zeigt das Modell des Friedensgebets von Assisi, wie es Papst Johannes Paul II. entwickelt hat: Die verschiedenen Glaubensgemeinschaften beten dort in einem gemeinsamen Raum aber sie sprechen die Gebete nicht gemeinsam, sondern jeder betet nacheinander mit Formulierungen aus seiner Tradition.

„Wenn wir zum Beispiel zu einen Friedensgebet der Religionen einladen“, erläutert Meißner, „dann beten wir nicht alle miteinander erst ein Vaterunser, dann das Schma’ Israel und dann die Fatiha. Sondern wir hören gemeinsam zuerst eine christliche Lesung, und die Christen sprechen ein christliches Gebet, dann folgt eine jüdische Lesung, und die Juden sprechen ein jüdisches Gebet, und schließlich eine muslimische Lesung, nach der die Muslime ein muslimisches Gebet sprechen. Das schließt ein, dass der katholische Geistliche bei einer solchen Gelegenheit nicht etwa harmonieversessen auf Lesungen verzichtet, in denen spezifisch Christliches zum Ausdruck kommt, und natürlich auch nicht etwa beim Gebet die trinitarische Formel weglässt.“

Ist ein solcher Umgang mit anderen Religionen nicht trotzdem zu defensiv? Müsste man nicht stärker missionieren? „Den christlichen Glauben  bezeugen wir ja gerade in der Begegnung, im Dialog mit Gläubigen anderer Religionen“, sagt Volker Meißner, der im übrigen auf eine Stelle im ersten Petrusbrief verweist, wo es heißt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Die den Christen aufgetragene missionarische Haltung bedeutet seiner Meinung nach  weder feindselig noch aufdringlich zu sein. Wenn sich Muslime für den christlichen Glauben interessieren, dann  stehen vor einer Taufe sicher zahlreiche persönliche Gespräche und eine gründliche Einführung in das Christentum. Solche Gespräche mit einem Muslimen schließen selbstverständlich den Hinweis ein, dass er beim Empfang der Taufe zwar nicht mit Lebensgefahr, eventuell aber mit Ablehnung im Familien- und Freundeskreis rechnen muss.

In eigener Sache: Ein Jahr Moralblog

Am 1. Advent 2009 ging das Moralblog mit seinem ersten Bericht online. Ein Jahr und weit über 10.000 Klicks später feierten Redaktion, Freunde und Leser im Duisburger Gabrielhaus bei Kaffee, Kuchen und Weihnachtsplätzchen.

Zu sagen hatte das Moralblog in seinem ersten Jahr viel: zur Integration, zu Bagatellkündigungen, zur Prostituiertenberatung, zum Lebensrecht und immer wieder zu außergewöhnlichen Menschen.

Gut und Böse sind real, meistens in Form guter oder böser Taten, auch unterlassener. Über solche Taten und ihre Bewertung berichtet und diskutiert das Moralblog. Gute Taten, gute Menschen und übrigens auch gute Bücher erscheinen dabei umso mehr erwähnenswert, als sie eben nicht selbstverständlich sind.

Die Moralblog-Redaktion ist nicht im Besitz der Wahrheit über Gut und Böse. Aber wir sind sicher, dass es eine gibt und dass es sich lohnt, um ihre Erkenntnis zu ringen. Zeitungen und Rundfunkanstalten haben ein Monopol und sie benutzen es: Nur im Ausnahmefall lassen sie Leser, Zuhörer oder Zuschauer zu Wort kommen. Im Internet ist das anders. Auch deshalb gibt es das Moralblog.

Während unserer Arbeit ist uns eine gute Sache ganz besonders ans Herz gewachsen, nämlich das 1000plus-Projekt: Hochqualifizierte Beratung hilft ungewollt schwangeren Frauen, mit ihrer schwierigen Situation umzugehen. Der Kontakt kommt meist über das Internet zustande, da viele Frauen in ihrer Not dort nach Hilfe suchen. Etwa 70 Prozent der betroffenen Frauen können sich nach einer Beratung durch 1000plus für ihr Kind entscheiden. Wir finden das großartig!

Wir freuen uns, dass wir nach der Vorstellung von 1000plus auf unserer Geburtstagsfeier eine Spende in Höhe von 300 Euro überweisen konnten und danken von Herzen allen Freunden und Lesern, die sich daran beteiligt haben! Diese Unterstützung ist für 1000plus umso wichtiger, als sich das Projekt ausschließlich aus Spenden finanzieren muss.

Wir wünschen unseren Lesern auch im neuen Moralblog-Jahr ein anregende Lektüre und freuen uns auf zahlreiche Diskussionsbeiträge!

Caroline & Harald Stollmeier, Moralblog-Redaktion

Klare Linie, klare Sprache

Buchbesprechung: Josef Spindelböck, Christlich glauben und leben. Ein Leitfaden der katholischen Moral

Spindelböck: Christlich glauben und leben

Wie soll ein Christ sein Leben gestalten? Josef Spindelböcks neues Buch beantwortet diese Frage umfassend, gründlich und präzise, und das auf nur 110 Seiten einschließlich Literaturverzeichnis. Die erste Hälfte des Buches erklärt die Grundlagen der christlichen Moral, die zweite Hälfte macht ihre Konsequenzen für den Einzelnen und die Gesellschaft anhand der Zehn Gebote deutlich. In stets verständlicher Sprache beweist der Autor dabei, dass die katholische Moral nicht nur jeden angeht sondern auch für grundsätzlich jeden anwendbar ist.

Josef Spindelböck, Priester der Diözese St. Pölten und ordentlicher Professor für Moraltheologie, deckt dabei immer wieder überraschende Konsequenzen der Gebote auf, die allesamt nicht nur heute noch gültig sind sondern auch alles andere als weltfremd. So schließt das fünfte Gebot, „Du sollst nicht töten“, neben dem vollen Schutz ungeborener Menschen auch den Schutz von Tieren und Pflanzen ein, und das siebte und das zehnte Gebot, die Spindelböck zusammen bespricht, schützen nicht nur den Besitzenden vor Diebstahl sondern auch den Arbeiter vor Ausbeutung. 

Dieses Buch bietet, was immer noch viele Menschen von der katholischen Kirche erwarten: Orientierung. Die Klarheit der Sprache dient der Klarheit der Botschaft, und diese unterscheidet nicht zwischen populär und elitär sondern zwischen richtig und falsch. „Die christliche Ethik sagt ein großes ‚Ja’ zum Menschen und seiner Würde. Um dieses ‚Ja’ zu schützen, braucht es auch verschiedene kleine ‚Nein’ zu Einstellungen und Verhaltensweisen, die eben dieses ‚Ja’ in Frage stellen würden“(S. 11).

In Fragen der Lehre macht der Autor keine Kompromisse: Bestimmte Handlungen sind, wenn auch in unterschiedlicher Weise, gemäß katholischer Lehre objektiv schwere Sünden, nicht nur Mord, sondern zum Beispiel auch Ehebruch. Liegen die klare Erkenntnis der Sündhaftigkeit und die volle Freiwilligkeit vor, handelt es sich um „Todsünden“. Doch auch diese kann und will Gott vergeben, echte Reue als Abwendung vom Bösen vorausgesetzt. Die Kirche hilft vor allem durch das Bußsakrament bei der Umkehr zu Gott. Diese Hilfe gilt allen Sündern, und damit allen Menschen ohne Ausnahme, denn, so Spindelböck, „außer von Jesus Christus selbst […] und der seligsten Jungfrau Maria […] kann von niemand gesagt werden, er sei ohne Sünde“ (S. 53/54). 

Josef Spindelböcks nützliches Buch Christlich glauben und leben ist 2010 im Verlag St. Josef, Kleinhain, erschienen und kostet 8,90 Euro. Wert ist es mehr.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

KOMMENTAR

„Da war doch noch nichts“, sagte mir neulich die 19-jährige Sandra* über ihre zwei Schwangerschaften, die durch Abtreibungen nach wenigen Wochen endeten. Und eine Beraterin*, die häufig mit ungewollt Schwangeren zu tun hat bestätigt: „Es gibt die wildesten Theorien, mit denen vor allem junge Schwangere versuchen, eine Abtreibung zu rechtfertigen. Dadurch werden sie innerlich hart.“

Das Lehrbuch sagt: Die Entwicklung eines Menschen beginnt mit der Befruchtung. **

Ein Mensch ist ein Mensch ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung von männlicher und weiblicher Keimzelle. Es gibt keine nachvollziehbaren Gründe, von einem früheren oder späteren Zeitpunkt auszugehen. Inzwischen gibt es Bilder***, die dies eindrucksvoll zeigen. Bei der Befruchtung wird ein neuer menschlicher Organismus gebildet. Dieser ist nicht nur von Anfang an ein Mensch, sondern auch von Anfang an ein bestimmter, einzigartiger Mensch. Was ihn einzigartig macht, steckt in der kleinen Struktur von Zellen in den ersten Tagen im Mutterleib genau so wie in dem fertigen Körper eines Neugeborenen.

Obwohl sie ihre damaligen Beweggründe nach wie vor für überzeugend hält, sagt Sandra heute: „Natürlich bin ich traurig, weil wegen mir zwei fröhliche Kinder nicht leben dürfen.“

Einen Menschen zu töten ist mit wenigen Ausnahmen – wie zum Beispiel Notwehr – ein Verbrechen. Und obwohl die Tötung eines Menschen, der noch nicht geboren ist, in Deutschland unter bestimmten Umständen straffrei ist, bleibt auch sie ein Unrecht.

 

 * Der richtige Name ist der Redaktion bekannt, wird jedoch aus Gründen der Diskretion nicht veröffentlicht.

** Sadler, Thomas W./Langman, Jan: Medizinische Embryologie: die normale menschliche Entwicklung und ihre Fehlbildungen, 10. Aufl., Stuttgart, 2003, S. 2.

*** Nilsson, Lennart, u.a.: Wie ein Kind entsteht, München, 2009.

Vom Daseinszweck des Staates

„Der Schutz des menschlichen Lebens ist die erste Aufgabe des Staates. Sie ist die Bedingung seiner Legitimität.“, sagt Manfred Spieker, Professor der Christlichen Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück. Im Moralblog-Interview ärgert er sich darüber, dass sich die Bundesrepublik Deutschland zwar im Grundgesetz zur Unantastbarkeit der Menschenwürde bekennt und das Recht auf Leben bejaht, aber insbesondere im Umgang mit den schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft – den ungeborenen Kindern –  völlig inkonsequent ist.

„Der Staat tritt seinen eigenen Grundsatz, dass er unschuldiges Leben schützen muss, mit Füßen. Ein Rechtsstaat beruht darauf, dass er gewaltsame Konflikte zwischen Privatpersonen löst. Und dabei muss er den Schwächeren schützen. Der Schwächere ist diesem Fall das ungeborene Kind“, so Spieker. „In Deutschland überlässt jedoch der Staat Privatpersonen die Lösung eines Konfliktes. Er ermöglicht nämlich Frauen gemeinsam mit ihren Ärzten, Gewalt gegenüber unschuldigen Kindern auszuüben.“, erläutert er.

Skandalös findet Spieker auch wie offensichtlich der Staat wider seine eigenen Bekenntnisse handelt: „Im Schwangerschaftskonfliktgesetz ist geregelt, dass der Staat Abtreibungseinrichtigen flächendeckend vorhalten muss. Flächendeckend bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es keiner Frau zumutbar ist irgendwo zu übernachten, weil sie eine Abtreibung vornehmen lassen möchte.“

Und ein weiterer Aspekt ist die Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen. „Es ist einfacher, Sozialhilfe für eine Abtreibung zu bekommen als wenn man unter schwierigen Umständen sein Kind durchbringen möchte“, beklagt Spieker, „die Frauen dürfen mehr verdienen, um einen Anspruch zu haben. Und außerdem wird das Einkommen des Mannes nicht mitberücksichtigt. Es ist also möglich, dass eine Frau mit einem Millionär verheiratet ist, und die Steuerzahler  müssen trotzdem für die Abtreibung dieser Frau aufkommen.“ Insgesamt geben die Bundesländer jedes Jahr etwa 42 Millionen Euro Steuergelder für die Tötung ungeborener Kinder aus.*

Spieker bedauert den Paradigmenwechsel, der in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stattgefunden hat und der bewirkt, dass das Selbstbestimmungsrecht abtreibungswilliger Frauen über das Lebensrecht ungeborener Kinder gestellt wird: „Der Rechtsstaat missachtet seine konstituierende und legitimierende Existenzbedingung, die darin besteht, das Leben Unschuldiger zu schützen und das Tötungsverbot unter seinen Bürgern durchzusetzen“.*

Aktuell freut sich Prof. Spieker auf einen Besuch bei seinem 14. und die bevorstehende Geburt seines 15. Enkelkindes.

  

*Spieker, Manfred: Gescheiterte Reformen, Zur Problematik des Lebensschutzes in Deutschland, Kirche und Gesellschaft, Nr. 306, Köln, 2004.

Moralblog: Wir sind 1000plus-Botschafter

„Siebzig Prozent der Frauen, die wir beraten, entscheiden sich für ihr Kind – und das beweist: Das Phänomen der massenhaften Abtreibung in Deutschland ist in Wirklichkeit ein Phänomen der massenhaften unterlassenen Hilfeleistung“, sagte Projektleiter Kristijan Aufiero am 2. Oktober 2010 bei der Auftaktveranstaltung zur neuen 1000plus-Kampagne in Heidelberg.

1000plus hat sich zum Ziel gesetzt, in jedem Jahr 1000 und mehr Müttern im Schwangerschaftskonflikt beizustehen. Durch vertrauensvolle Beratung und tatkräftige Unterstützung erfahren verzweifelte Schwangere realistische Alternativen zu einem Schwangerschaftsabbruch. Die Projektpartner sind Pro Femina e.V., die Stiftung Ja zum Leben, die Birke e.V. sowie zahlreiche ehrenamtliche MitMACHER.

Eine Besonderheit von 1000plus ist die Kommunikation im Internet. „Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt suchen Rat und Hilfe heute bei Google“, erläutert Brigitte Stelzle, Leiterin der Online-Beratung, „und sie posten ihre Sorgen in verschiedenen Foren. Wir sind im Internet präsent, und wir bieten in solchen Foren unsere Hilfe an.“

Ist ein Kontakt über das Internet zustande gekommen, nehmen sich die Beraterinnen von pro Femina und Birke viel Zeit, um gemeinsam mit den betroffenen Frauen nach Lösungen zu suchen. Die entscheidende Hilfe besteht dabei erstaunlich oft nicht in Geld, obwohl die Beraterinnen auch finanzielle Unterstützung vermitteln. Entscheidend sind vielmehr häufig vermeintlich kleine Aktivitäten wie die Hilfe bei der Wohnungssuche oder bei der Formulierung eines Briefes an Eltern oder Schwiegereltern, die beispielsweise durch hochgesteckte Karriereerwartungen dazu beigetragen haben, dass die ungeplante Schwangerschaft wie eine Katastrophe erschien.

Für die nahe Zukunft ist geplant im gesamten Bundesgebiet Beratungsstellen sowie ein eignes Internetforum einzurichten. Da 1000plus ganz bewusst darauf verzichtet, Beratungsscheine nach § 219 StGB auszustellen und somit keine Steuerzuschüsse erhält, muss die Arbeit alleine aus Spenden finanziert werden.

Moralblog teilt die Vision von einer deutschlandweit verfügbaren, echten Beratung, die es Müttern trotz schwieriger Umstände möglich macht ein klares Ja zum Leben ihres Kindes zu sagen. Deshalb sind wir Moralblog-Redakteure, Caroline und Harald Stollmeier, ab jetzt 1000plus-Botschafter.

Start With Why: Simon Sineks Rezept für nachhaltigen Erfolg

Ein Topmanager sagte einmal zu mir: „Unsere Mitarbeiter wollen in erster Linie einen sicheren Job. Alles Andere ist ihnen egal.“ Ein anderer Topmanager benannte vor anderthalb Jahrzehnten einmal öffentlich die drei Ziele unternehmerischen Handelns: „Profit, Profit, Profit.“ Ist das wirklich alles? Kommt wirklich erst das Fressen, und dann immer noch keine Moral? 

Was bringt Sie dazu, morgens zur Arbeit zu gehen? Nur das Geld? Hauptsächlich das Geld? Was macht Menschen treu, Mitarbeiter loyal, Kunden zu Fans? Qualität, niedrige Preise, attraktive Extras, aufwendige Werbung?

Nein, sagt Simon Sinek, Werber und Unternehmensberater in New York, all das ist zwar mehr oder weniger nützlich, langfristig aber bedeutungslos, weil all das auch der Wettbewerb kann. Entscheidend, sagt Sinek, ist allein, dass man von Anfang an weiß und sagt, wozu man da ist, und sich darin treu bleibt. Dann kann man Menschen inspirieren: Mitstreiter, Angestellte, Kunden.

In seinem Buch Start With Why stellt er sein auf nicht einmal ganz neuen neurologischen Erkenntnissen aufgebautes Modell menschlichen Handelns vor: den Goldenen Kreis. Genaugenommen sind es drei konzentrische Ringe. Ganz innen steht das Warum/Wozu, das unser Wesen ausmacht. Im nächsten Ring folgt das Wie: Wie setzen wir unser Wesen in die Tat um, was sind unsere Methoden? Ganz außen schließlich steht das Was: Was tun wir, was stellen wir her, was bieten wir den Menschen an? Der Warum-Kreis und der Wie-Kreis entsprechen den archaischeren Teilen des menschlichen Gehirns, dem Stamm- und dem Zwischenhirn. Das Was spielt sich auf der Ebene des Groß- bzw. Stirnhirns ab. 

Sineks Paradebeispiel für ein Unternehmen, das mit dem Warum beginnt, ist Apple: Von Anfang an verstand sich Apple als Vorkämpfer des Individuums gegen das Establishment. Das ist Apples Warum. Apples Wie besteht darin, auf jedem denkbaren Gebiet den Status quo in Frage zu stellen, herkömmliche Sichtweisen zu überprüfen, anerkannte Fakten aus neuen Perspektiven zu betrachten. Apples Was waren ursprünglich Computer. Inzwischen hat das Unternehmen erfolgreich auch in anderen Branchen das Establishment das Fürchten gelehrt.

Die entscheidende Kommunikation mit den Kunden findet dabei auf der Warum-Ebene statt. Diese kaufen die Produkte nicht aus den meist vorgetragenen analytischen Gründen wie Qualität, Extras und Preis, sondern weil der Hersteller sich in Wort und Tat zum selben Glauben bekennt wie sie. Dann, und nur dann drückt der Kunde durch Kauf und Besitz des Produkts sein eigenes Wesen aus. Oder durch Teilnahme an Veranstaltungen, Unterstützung von Kampagnen, persönliche Freundschaft. Deshalb sind Unternehmen (nicht nur kommerzielle) mit einem klaren Warum profitabler als Unternehmen ohne eines.

Diesen Weg kann jeder gehen: Jedes Unternehmen, jeder Politiker, jedes Individuum. Es ist wahr, dass viele das schon tun: Sie bilden die starken Marken, sie sind die Menschen mit Charisma. Aber selten zuvor hat jemand so griffig erklärt, wie das funktioniert. Entschuldigung: Warum das funktioniert.

Start With Why: How Great Leaders Inspire Everyone To Take Action ist am 29. Oktober 2009 bei Portfolio in englischer Sprache erschienen und kostet bei Amazon neu 18,60 Euro. Eine Taschenbuchausgabe ist für 2011 in Vorbereitung; ein Termin für eine deutsche Übersetzung steht noch nicht fest.

Anders geht es auch

 

In Amazonien, im Bundestaat Pará im Norden Brasiliens, liegt die kleine Gemeinde Alenquer. Dort traf Moralblog Pater Manuel Lopes Rodrigues (SVD), um mit ihm über eines der größten gesellschaftlichen Probleme der Region zu sprechen: ungewollte Schwangerschaften.

Etwa die Hälfte der Menschen in Pater Manuels Gemeinde leben nicht in der Stadt, sondern teilweise mehrere Tagesreisen über die Flüsse von ihr entfernt. Insbesondere diese Menschen sind es, von denen er spricht.

 

Pater Manuel (SVD)

Pater Manuel (SVD), Foto: Caroline Stollmeier

„Dass Mädchen früh schwanger werden ist natürlich und erstmal kein Problem. Das Problem entsteht, weil fast niemand heiratet, sondern die Partnerschaften oft wechseln. Daraus resultieren viele Schwierigkeiten. Beispielsweise wollen Söhne sich von ihren Stiefvätern nichts sagen lassen. Oder die Männer schlafen mit ihren Stieftöchtern. Es wird offen damit umgegangen, dass es keine leibliche Beziehung zwischen Vätern und Kindern gibt. Obwohl fast alle getauft sind, glauben die Menschen, dass heiraten Unglück bringt.“, berichtet Pater Manuel.

Auf die Frage nach Verhütungsmitteln bricht Pater Manuel spontan in Lachen aus: „Machen Sie Witze?! Selbst die Kirche verteilt hier bei uns Kondome, aber niemand benutzt sie.“

Trotzdem sind Schwangerschaftsabbrüche in Alenquer kein Thema. „Es gibt keine Abtreibungen.“, sagt Pater Manuel, „Nur reiche Leute könnten ihre Mädchen nach Manaus schicken.“ Aber davon gibt es nicht viele. „Die Großmütter nehmen die Kinder auf und ziehen sie groß – so gut es eben geht.“, so Pater Manuel. 

Pater Manuel arbeitet in einem von Missionsschwestern geführten Hospital, in dem es ein Haus für werdende Mütter gibt. Dort können Schwangere die letzten Wochen vor der Geburt ihres Kindes verbringen, alle Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen und den verantwortungsbewussten Umgang mit einem Neugeborenen erlernen, bevor sie die Stadt wieder verlassen. Kostenlos.

 

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

(Das Gespräch mit Pater Manuel führte Caroline Stollmeier am 8. Juni 2010.)

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