Hoffen auf höhere Gerechtigkeit

Kommentar

An einem Morgen im Juni 2009 ist eine Familie gemeinsam auf der A 59 bei Leverkusen unterwegs. Im Auto sind Vater, Mutter, Oma, zwei Kinder und ein Baby. Plötzlich kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen. Ohne Licht. Der Fahrer ist ein Auszubildender, der stark alkoholisiert von einem Grillfest kommt. Später wird er angeben, dass er sich an den Unfall nicht erinnern kann. Aber er lebt. Das kleine Mädchen, seine Mutter und die Oma nicht mehr.

Heute ist der junge Mann vom Amtsgericht Langenfeld verurteilt worden.

„Der Richter sagte dazu, man müsse zugunsten des Angeklagten berücksichtigen, dass er die Tat bereue und auch selbst mit den Folgen zu kämpfen habe. Der 23-Jährige war bei dem Unfall schwer verletzt worden. Außerdem habe er aufgrund der erheblichen Alkoholisierung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit am Steuer gesessen. Darüber hinaus habe er sich bis dahin im Straßenverkehr einwandfrei verhalten. Daher sei eine Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung tat- und schuldangemessen. Außerdem wurde angeordnet, dass der 23-Jährige vor Ablauf von vier Jahren seinen Führerschein nicht wieder zurückerhält.“, heißt es.

In einer Gesellschaft, in der Alkoholkonsum als kulturelle Errungenschaft gilt, in der Steuerhinterziehung mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet wird (§ 37o AO) und in der die Tötung eines Kindes im Mutterleib straffrei bleiben kann (§ 218 StGB), tut man gut daran, auf eine höhere Gerechtigkeit zu hoffen.

 In Deo confidimus.

Missbrauch: Das Ende der katholischen Kirche?

Ostersonntag 2010: Nicht nur für Katholiken ist die seit Wochen andauernde Debatte um Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen und durch katholische Geistliche eine schmerzliche Erfahrung. Aber Katholiken haben damit ein besonderes Problem – wegen eines doppelten Vertrauensbruchs: Erstens haben sich nicht Wölfe und nicht Räuber sondern ausgerechnet Hirten an den Lämmern vergriffen, und zweitens hat die Kirche als Ganzes diese Verbrechen mindestens nicht ausreichend bekämpft, möglicherweise aber sogar begünstigt. Ist das das Ende der Kirche, wie wir sie kennen?

In einer Hinsicht ja: Die heilige katholische und apostolische Kirche muss sich der Erkenntnis stellen, dass sie in einer Weise versagt hat, die für Organisationen typisch ist: Sie hat in zahlreichen Einzelfällen und vielleicht sogar systematisch die Interessen der Organisation über die Interessen der „Kunden“ gestellt. Das wäre nicht weiter überraschend, wenn die Kirche eine Einrichtung von Menschenhand wäre. Aber das ist ja nicht ihr Selbstverständnis: Sie ist von Christus eingesetzt, „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (Mt 16, 18).“

Das heißt: Sie hat einen höheren, strengeren Anspruch an sich selbst als jede andere Organisation, und diesem Anspruch ist sie in der Frage des Missbrauchs Schutzbefohlener bislang nicht gerecht geworden.

Natürlich gibt es nichts zu beschönigen: Es ist entsetzlich, wenn ausgerechnet ein Priester Kinder missbraucht, die ihm anvertraut sind. Aber wer mit der Unvollkommenheit der Menschen oder auch mit dem Begriff der Erbsünde vertraut ist, den konnte nicht überraschen, dass sogar so etwas möglich ist. Überraschen darf ihn, dass die Kirche selbst es offenbar nicht in hinreichendem Umfang für möglich gehalten hat.

Immerhin: Sie weiß es jetzt. Und sie selbst hat die aktuelle deutsche Debatte über Missbrauch von Priesterhand angestoßen – es war ein Geistlicher, Pater Klaus Mertes SJ, der wegen der Ereignisse an dem von ihm geleiteten Berliner Canisius-Kolleg an die Öffentlichkeit ging.

Und selbst die wüstesten Kirchenfeinde konnten den Katalog der von ihm angesprochenen Defizite nicht nennenswert erweitern (aus dem Brief des Rektors an die ehemaligen Schüler vom 20. Januar 2010):
Neben der Scham und der Erschütterung über das Ausmaß des Missbrauchs in jedem einzelnen Fall und in der – bisher sichtbaren – Anhäufung müssen wir uns seitens des Kollegs die Aufgabe stellen, wie wir es verhindern können, heute durch Wegschauen wieder mitschuldig zu werden. Wegschauen geschieht ja oft schon in dem Moment, wo man sich entscheidet, nicht wissen zu wollen, obwohl man spürt, dass man eigentlich genauer hinschauen sollte. Das ist eine Herausforderung für die persönliche Zivilcourage jedes
Einzelnen wie auch für die Überprüfung der Strukturen. Denn es drängt sich zugleich auch die Frage auf, welche Strukturen an Schulen, in der verbandlichen Jugendarbeit und auch in der katholischen Kirche es begünstigen, dass Missbräuche geschehen und de facto auch gedeckt werden können. Hier stoßen wir auf Probleme wie fehlende Beschwerdestrukturen, mangelnden Vertrauensschutz, übergriffige Pädagogik, übergriffige Seelsorge, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessenen Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen.

Priester und Laien sind bis ins Mark erschüttert – selbst in den Osternachtfeiern war das zu spüren. Aber: Priester und Laien sind auch entschlossen, die Mängel abzustellen, die Pater Klaus Mertes in seinem Brief vom 20. Januar 2010 anspricht. Wenn diese Therapie erfolgreich ist, wird man auch künftig nicht ausschließen können, dass es zu Untaten durch Geistliche kommt. Aber man wird weitgehend ausschließen können, dass die Täter, aus welchen Gründen auch immer, gedeckt werden.

Etwas anderes sollte sich nach Möglichkeit nicht ändern: Auch künftig werden Bischöfe mehr als nur vage Verdächtigungen verlangen, bevor sie einen Pfarrer suspendieren oder gar anzeigen. Kaum eine Straftat ist abscheulicher als Kindesmissbrauch. Entsprechend schnell und nachhaltig ist der Ruf eines Menschen ruiniert, wenn er unter Verdacht gerät. Und während sich alle Beteiligten einig sein sollten, dass die Kirche den Schutz der Opfer dem Schutz der Täter jederzeit überordnen muss, so sollte doch andererseits niemand bei dieser Gelegenheit den Rechtsstaat zur Disposition stellen.

Die gegenwärtige Situation ist eine gute Gelegenheit, einmal wieder Friedrich Spees Cautio Criminalis von 1631 zu lesen. Friedrich Spee von Langenfeld, vielleicht nicht zufällig wie Klaus Mertes Jesuit, übte damals scharfe Kritik an der verbreiteten Praxis, Hexereiverdächtigen wegen der besonderen Schwere des Delikts die üblichen Angeklagtenrechte zu verweigern, weswegen in der Regel schon eine anonyme Anzeige nicht nur beinahe automatisch einen Prozess sondern auch eine Verurteilung zur Folge hatte.

Die Analyse Friedrich Spees trug seinerzeit maßgeblich zum Abflauen der Hexenjagden bei. Der Grund hierfür dürfte weniger in abnehmendem Hexenaberglauben liegen – diese Frage lässt Spee völlig offen – als vielmehr in der Plausibilität seiner Warnung vor den Folgen der Abschaffung des Rechtsstaats: Niemand könne dann mehr sicher sein, dass er nicht der Nächste werde, denn niemand könne unter einem solchen Verdacht seine Unschuld beweisen.

Diese Warnung könnte auch den heutigen Kirchenkritikern in Politik und Medien gelten, die nicht nur mit gar nichts zufrieden sind, was Papst und Kirche jetzt unternehmen, sondern auch bereit sind, jeden Missbrauchs- oder Misshandlungsvorwurf zu veröffentlichen, wenn er sich nur gegen einen Geistlichen richtet. Sie alle sollten sich fragen, ob es wirklich im Interesse unserer Gesellschaft sein kann, die Kirche mit maßlosen Forderungen und maßloser Strenge zu einer Randgruppe zu machen. Und das gilt sogar dann, wenn die Kirche nur eine Organisation von Menschenhand ist.

Denn natürlich kann man, wenn man keinem Priester mehr traut, völlig sicher sein, dass man keinem zu Unrecht getraut hat. Aber selbst wenn die katholische Kirche eine Organisation von Menschenhand ist, müsste man doch all das Gute, was sie tut, auf andere Weise erst einmal zuwege bringen.

Wenn sie aber mehr ist – und Ostern ist ein guter Zeitpunkt sich zu fragen ob man das glaubt –, wenn sie nämlich im Auftrag des auferstandenen Christus Völker lehrt und Menschen fischt, dann ist sie trotz all ihrer Mängel wert, dass man ihr beisteht bei der Bewahrung eines Erbes, das der ganzen Menschheit zusteht. Meine persönliche Antwort auf diese Frage habe ich heute Nacht gegeben: Ich glaube.

Leben in Gottes Gegenwart

„Das hier macht keine für etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf – es geht immer nur um Gott.“, sagt Schwester Maria Adjutrix im Moralblog-Interview im niederländischen Ort Steyl. Die „rosa Schwester“ ist zwar durch ein hölzernes Gitter von ihren Gesprächspartnern getrennt, spricht jedoch offen und herzlich über ihr kontemplatives Leben in ständigem Gebet und die Dinge, die sie bewegen.

Die Gemeinschaft der Steyler Anbetungsschwestern, eigentlich der Dienerinnern des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung (SSpSAp), wurde 1896 durch den heiligen Arnold Janssen gegründet. Zuvor hatte er bereits die Kongregationen der Steyler Missionare und der Steyler Missionsschwestern ins Leben gerufen.

Die wegen der Farbe ihrer Ordenstracht so genannten „rosa Schwestern“ sollten durch ihre Fürbitten und Gebete die in der Welt aktiven Mitglieder der Steyler Familie bei ihrer Arbeit unterstützen und Rückhalt geben. Inzwischen gibt es etwa 400 Steyler Anbetungsschwestern in Deutschland, den Niederlanden, Polen, den USA, Argentinien, Brasilien, Indien, Indonesien, auf den Philippinen und in Togo.

„Werbung machen können wir nicht.“, sagt Schwester Maria Adjutrix, „Da muss Gott sich drum kümmern.“ So wie auch andere Ordensgemeinschaften haben die „rosa Schwestern“ zunehmend mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. „Früher waren die Frauen beim Eintritt 20 bis 25 Jahre alt, heute sind sie eher um die 30“, so Schwester Maria Adjutrix. Das ist aber kein Problem, denn die Gemeinschaft nimmt gerne Frauen auf, die schon gefestigt im Leben stehen und eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Wer unüberlegt oder aus den falschen Motiven ins Kloster geht, hält ein Leben wie das der „rosa Schwestern“ wohl auch nicht durch.

Die Schwestern leben in strenger Klausur. In der Regel verlassen sie ihr Kloster nicht. Von ihren Besuchern sind sie durch Gitter getrennt. Den Friedhof auf der anderen Straßenseite erreichen sie durch einen unterirdischen Tunnel. Sie verrichten Gartenarbeiten und andere Dienste im Haus. Rund um die Uhr wird das Allerheiligste angebetet. Dabei kniet immer mindestens eine Schwester vor der Monstranz. Gewechselt wird tagsüber halbstündlich und nachts nach einer Stunde.

Schwester Maria Adjutrix (SSpSAp)

Schwester Maria Adjutrix (SSpSAp) im Besucherzimmer des Anbetungsklosters in Steyl, NL (Foto: Caroline Stollmeier)

 
Die Steyler Anbetungsschwestern spüren die Gegenwart Gottes – nicht nur im Gebet. Deshalb wünscht sich Schwester Maria Adjutrix vor allem eins: „Dass die Menschen wieder mehr glauben und sich Gott wieder bewusster machen.“ Mit Sorge beobachtet sie die gesellschaftliche Entwicklung weg von der Religion. Sie betet darum, dass Gott Geduld mit den Menschen haben möge.

Ein bisschen ist es schon, als lebten die Schwestern in einer anderen Welt. Zwar verschließen sie sich technischen Errungenschaften wie dem Internet oder dem Fernsehen nicht, aber diese Dinge spielen eher eine kleine Nebenrolle in ihrem Leben. Trotzdem bleiben die Schwestern natürlich Menschen. So kann es vorkommen, dass ihre Gedanken beim Beten abschweifen. Und auf die Frage, ob eine Anbetungsschwester denn auch einmal flucht, wenn ihr ein Missgeschick passiert, antwortet Schwester Maria Adjutrix schmunzelnd: „Das sollte natürlich nicht sein.“

Jeder kann die Steyler Anbetungsschwestern um Fürsprache bei Gott in eigener Sache bitten. Ebenso stärkt es die Schwestern, wenn jemand für sie betet. Schwester Adjutrix ist sich sicher: „Jedes Gebet hilft. Was Gott daraus macht ist seine Sache.“

 

Kontakt:

Anbetungskloster Steyl
Postfach 2244
D-41309 Nettetal

Auf der Straße

„Bevor meine Frau gestorben ist, war es ein schönes Leben. Ich habe gearbeitet, hatte ein Haus und sechs Kinder.“, beginnt Axel Markowsky, als er im Moralblog-Interview über seine Zeit auf der Straße spricht.

Wie viele Menschen in Deutschland ohne festen Wohnsitz leben ist unklar, darüber gibt es keine verlässlichen Statistiken. Lediglich das Land Nordrhein-Westfalen veröffentlicht die Zahl der gemeldeten Obdachlosen. 2006 waren das beispielsweise in Duisburg sechsundneunzig. Aber vermutlich ist die wahre Zahl größer.

Axel dürfte in dieser Statistik zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr aufgetaucht sein. Denn das war das Jahr, als es in seinem Leben langsam wieder bergauf ging. Inzwischen lebt er in einem kleinen Apartment von Hartz IV und den Verkaufserlösen des Straßenmagazins fiftyfifty.

„Das mit meiner Frau war eine richtige Sandkastenliebe. Wir waren seit unserem zweiten Lebensjahr zusammen.“, erzählt Axel, „Wir haben uns zwar scheiden lassen als die Kinder groß waren, aber bald gemerkt, dass das nichts für uns war. Wir wollten wieder zusammen kommen. Aber dann ist meine Frau krank geworden und vier Wochen später gestorben.“

„Sie war eine tolle Frau. Und obwohl wir sechs Kinder hatten, war sie immer schlank. Aber als ich sie dann auf dem Sterbebett gesehen habe, bin ich zusammengebrochen. Ich habe das Haus verkauft und das Geld unter den Kindern aufgeteilt. Von da an habe ich auf der Straße gelebt.“, blickt Axel zurück. „Ich wollte gar nicht mehr leben. Mir war zu der Zeit alles egal.“ 

 

Axel bei der Arbeit - er verkauft Straßenmagazine in Duisburg (Foto: Caroline Stollmeier)

Axel bei der Arbeit:
Er verkauft Straßenmagazine in Duisburg-Neudorf
(Foto: Caroline Stollmeier)

 

Warum Menschen obdachlos werden, lässt sich nicht pauschal sagen. Axel berichtet von Professoren und Geschäftsführern, die von Schicksalsschlägen so aus der Bahn geworfen wurden, dass sie obdachlos wurden. Er kennt aber auch Menschen, die freiwillig gerne so leben möchten.

Axel kann auf 35 Jahre Berufsleben zurück blicken: „Ich habe eine Lehre als KFZ-Mechaniker gemacht. Danach habe ich Lokführer gelernt und zwei Jahre gearbeitet. Dann wurden Lokführer entlassen, weil alles mit Funk gemacht wurde. Dann habe ich als Dachdecker gearbeitet, fast 15 Jahre lang. Dann habe ich Auslieferungsfahrer gemacht. Zum Schluss habe ich als Schlosser gearbeitet. Da war ich auf Montage und habe das meiste Geld verdient. Das war ein schöner Job. Ich könnte mir heute in den Hintern beißen, dass ich den aufgegeben habe.“

Wenn möglich bis zur Rente möchte Axel nun weiter die Obdachlosenzeitung verkaufen. Manchmal wird er gefragt, warum er nicht wieder richtig arbeitet. „Ich bin bald 55 Jahre alt. Ich kriege keine Arbeit. Wenn ich mein Alter sage, dann kann ich gleich wieder nach Hause gehen.“, ist die Erfahrung, die Axel machen musste.

„Ich habe heute noch die Bilder von meiner Frau auf dem Sterbebett im Kopf. Ich kriege die auch nicht raus. Ich habe getrunken. Das hat nichts genutzt. Da habe ich wieder aufgehört. Ich habe sogar Drogen genommen. Die haben einen aber auch nur matschig gemacht. Da habe ich auch mit aufgehört.“, so Axel, „Zum Glück habe ich noch mal die Kurve gekriegt.“

Wenn Axel lacht, dann blickt er zur Seite oder kneift die Lippen zusammen. Axel erklärt: „Ich bin mehrmals überfallen worden und habe keine Zähne. Wenn ich das Geld dafür zusammen habe, dann gehe ich zum Zahnarzt. Ich hoffe, dass ich im Sommer wieder richtig mit den Menschen reden kann.“

Regelmäßig werden Obdachlose Opfer sinnloser Gewalt. Jugendliche schleichen sich an die schlafenden Menschen an und verprügeln sie. „Einem Kollegen haben sie den Schlafsack angezündet, als er drin gelegen hat.“, sagt Axel.

In Deutschland muss niemand obdachlos sein. Aber Axel bestätigt, dass man Hilfe auch annehmen muss. „In der Zeit, in der ich Drogen genommen und getrunken habe, habe ich mich abgeschottet. Aber dann bin ich durch einen Bekannten an die Zeitung gekommen. Und das war ein Glücksfall.“

„Durch die Zeitung habe ich meinen jetzigen Vermieter kennen gelernt. Er hat mich angesprochen, mir die Wohnung angeboten und alles für mich geregelt.“, erzählt Axel. „Erst durch die Zeitung habe ich wieder Kontakt zu anderen Menschen bekommen.“

 Axel hat inzwischen viele gute und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Jetzt möchte er selber anderen Menschen helfen. Im neuen fiftyfifty-Büro an der Koloniestraße kann er sich inzwischen nützlich machen, wenn eine neue Zeitungslieferung eingetroffen ist. Und er freut sich, wenn er kleine Arbeiten in Haus und Garten für Menschen übernehmen kann, die zu alt dafür geworden sind.

Inzwischen hat Axel auch wieder regelmäßig Kontakt zu seinen Kindern und Enkelkindern. „Und wenn ich mir etwas wünschen könnten, ganz ehrlich: Ich wünsche mir Weltfrieden. Ich wäre zufrieden, wenn jeder Hand in Hand mit anderen leben könnte – Mensch ist schließlich Mensch.“ Axel hat nicht aufgegeben: „Ich bin katholisch. Ich denke mir, Jesus ist immer bei mir. Mit ihm kann ich sprechen, er hilft mir immer. Dafür muss man nicht in die Kirche gehen. Die Kirche ist nur ein Haus. Jesus und Gott, die sind hier…“, sagt Axel und fasst sich an die Brust.

Pater Rainer van Doorn: Seelsorge für die Armen

„Leute in Not sind eher bereit die Hände zu falten und zu beten“, stellt Pater Rainer fest und etwas Warmes, Liebevolles liegt dabei in seiner Stimme.

Pater Rainer Wilhelm van Doorn OPraem ist Senior des Konvents der Prämonstratenser und als Ruheständler an der Filialkirche St. Franziskus in Duisburg-Hamborn im aktiven Dienst. „Hilfspriester“ nennt er sich selbst.

Im Gespräch mit Moralblog erzählt Pater Rainer von seinem Leben als Seelsorger für die Armen und seinen Träumen von einer besseren Welt.

Der inzwischen fast 80-jährige gebürtige Niederländer ist geprägt von den Kriegserlebnissen seiner Jugend. „Das war eine ganz, ganz schlimme Zeit. Wir haben als Kinder gesehen, wie Menschen erschossen wurden.“, erinnert er sich. „Die letzten Kriegsjahre haben wir fast jede Nacht im Keller verbracht aus Angst vor den Flugzeugen voller Bomben, die abgeschossen wurden und irgendwo runter gekommen sind. So etwas vergisst man nie. Die Ängste, die man hatte, haben einen total geprägt.“

Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden hat er damals überlegt, wie man die Welt besser machen könnte. „Priester zu werden erschien uns eine gute Möglichkeit. Da ist man Lehrer, Sozialarbeiter, alles zusammen.“, erzählt er. „Vier Leute aus meiner Klasse sind Priester geworden. Und alle waren in sozialen Bereichen tätig.“

Inspiriert wurden die jungen Männer damals vor allem auch durch ihren Gemeindepfarrer, einen konvertierten Juden, der später ins KZ gebracht wurde, weil er einem SS-Mann die Kommunion verweigert hat. „Als Kinder haben wir gesehen, wie er auf dem Wagen war, als er abgeholt wurde.“, berichtet Pater Rainer.

Rückblickend sagt Pater Rainer: „In kleinen Dingen hat es geklappt, die Welt besser zu machen. Wir haben hier auf dem Ostacker eine kleine Gemeinde, in der es Ansätze von Geschwisterlichkeit gibt. Unsere Gemeinde ist auch ein Zentrum für arme Leute geworden.“

Tatsächlich ist St. Franziskus am Ostacker etwas ganz Besonderes. Die Kirche hat die Gemeindereform des Bistums Essen zwar überlebt, aber „es ist fast nichts mehr da“, so Pater Rainer. „In der Gemeinde sind nur noch zwei-, dreihundert Leute.“

Heute ist Pater Rainer 35 Jahre dort. Der Stadtteil hat sich in dieser Zeit verändert. „Hier ist alles türkisch geworden.“, erzählt er. „Früher war hier ein sozial schwaches Gebiet. Messerstechereien und Kloppereien waren an der Tagesordnung. Heute ist hier Ruhe.“ Inzwischen gibt es sogar erste Ansätze von Zusammenarbeit mit islamischen Geistlichen. „In religiösen Fragen ist es zwar schwierig, aber die Moscheen haben Probleme die Jugendlichen anzusprechen, genau wie wir.“, sagt Pater Rainer.

„Verwahrloste Kinder sind unser größtes Problem. Jeden Tag gibt es bei uns mittags etwas zu essen für eine Gruppe von Kindern, und eine Schwester macht Schulaufgaben mit ihnen. Ein Mal konnten wir 15 Kinder für zwei Wochen nach Ameland schicken. Das war der erste Urlaub für sie. Und als sie zurück kamen haben sie mich voller Freude und Dank angesprungen.“, erzählt er lachend.

„Bis zu meinem 70. Geburtstag habe ich Schulstunden gemacht. Jetzt ist mein direkter Kontakt zu Jugendlichen nur noch sporadisch.“, so Pater Rainer. „Ich bin zu alt dafür.“ Zu alt ist er jedoch keineswegs für sein unermüdliches Engagement für die Bedürftigen im Duisburger Norden. Er und seine Haushälterin Fräulein Christel Plöderl helfen ganz praktisch: Am 4. Sonntag im Monat organisieren sie mit 15 ehrenamtlichen Helfern einen großen Mittagstisch für 120 Personen, und jeden Montagnachmittag gibt es eine Essensausgabe, zu der regelmäßig etwa 80 Bedürftige kommen. Außerdem haben sie ein „offenes Pfarrhaus“.

„Zu unserem Mittagstisch kommen viele Alleinstehende, aber auch Alleinerziehende mit ihren Kindern und Babys. Das hat sich geändert. Früher kamen Penner, jetzt Hartz-IV-Leute.“, erzählt Pater Rainer. „Und Fräulein Christel ist irgendwie die Mutter von allen. Es kommt vor, dass Menschen aus dem Knast kommen und sich bei ihr zurück melden.“

 

Pater Rainer und Fräulein Christel_klein

Fräulein Christel und Pater Rainer (Foto: Caroline Stollmeier)

 

Die Beiden leben Seelsorge. Sie kennen die bedürftigen Menschen, die immer wiederkommen, und ihre Geschichten. Wer an ihrer Tür klingelt, darf immer auf etwas zu Essen, ein Kleidungsstück und vor allem ein offenes Ohr hoffen.

Für das Mittagessen und bei der Essensausgabe bezahlen die Menschen einen Euro. „Das wollten die Leute selbst so.“, berichtet Pater Rainer, „Die wollen nichts geschenkt.“ Ansonsten wird alles ausschließlich spendenfinanziert.

„Meistens sind es materielle Probleme, die die Leute haben. Aber auch der Alkohol macht die Menschen fertig. Viele sterben früh. Wir machen viel Sterbebegleitung und Beerdigungen hier. Der Bischof hat uns die Erlaubnis gegeben jeden zu beerdigen, egal ob evangelisch, katholisch oder überhaupt getauft. Die Bedürftigen selber organisieren manchmal noch ein Kaffeetrinken, wenn einer von ihnen gestorben ist. Das ist dann immer sehr bewegend.“, erzählt er.

Aber Pater Rainer feiert auch gerne mit den Menschen, liebt die Gemeinschaft. Er genießt es nach den Proben des Kirchenchors noch bei einem Glas Wein oder Bier mit den Leuten zusammen zu sitzen. Natürlich hat er auch zu seinen Mitbrüdern in der Abtei einen engen Kontakt. Mindestens zur Vesper und zum Abendbrot ist er bei ihnen.

„Das ist das Schöne, wenn man in der Rente ist“, sagt er, „da hat man mehr Zeit. Mir sind meine Predigten und Ansprachen besonders wichtig. Die müssen jetzt nicht in einer halben Stunde fertig sein, sondern manchmal denke ich eine Woche lang jeden Tag darüber nach. Es ist eine Freude auf diese Weise wieder tiefer in das Leben Jesu zu geraten.“ Ab und zu sieht er jetzt auch fern.

Heute wirkt Pater Rainer durchweg ausgeglichen und zufrieden. Aber: „In jungen Jahren war es ein Problem, dass ich nicht geheiratet habe. Während des Studiums haben wir alle überlegt: Können wir das? Halten wir das durch? Und wenn man dann die Trauungen von fünf Geschwistern sieht, dann möchte man teilhaben an diesem Glück. Kinder fehlen und sich gemeinsam mit jemandem eine Zukunft aufzubauen. Als Seelsorger steht man fast immer alleine da.“

Fräulein Christel ist inzwischen seit 40 Jahren Pater Rainers Haushälterin und das „soziale Element“, wie er sagt. „Wir lieben uns nicht, aber wir verstehen uns.“, beschreibt er ihre Beziehung. „Sie ist für das Menschliche zuständig. Wenn man zölibatär zusammen lebt, dann ist da eine Distanz, aber es lässt sich auch Vieles machen.“

Beide haben schon einige Preise und Auszeichnungen für ihr beispielhaftes Engagement bekommen, zum Beispiel 1992 den Heinrich-Brauns-Preis für besondere Verdienste um die katholische Soziallehre für Pater Rainer. Sie freuen sich darüber, aber wichtig ist ihnen nur ihre Arbeit und dass sie den armen Menschen helfen können. „Was mir viel bedeutet, ist unsere Kirche.“, sagt er. „Die wurde nach dem Krieg von 60 Männern und Frauen innerhalb von zweieinhalb Jahren aus den zerstörten Häusern gebaut – ohne Architekt und ohne Geld. Die Kirche atmet immer noch diesen Geist des Wir-machen-das-selber.“

„Wichtig ist, dass die Menschen für einander da sind, damit alle gut leben können. Dann kann man auch in der Not mal lachen.“, sagt Pater Rainer, der eine Zeit lang in Brasilien gelebt hat und seitdem von der Theologie der Befreiung beeindruckt ist. „Beim einfachen Leben mit einfachen Menschen spürt man, was Jesus meint – das ist die frohe Botschaft.“

 

 

Spendenkonto:

Propstei St. Johann

Kontonummer.: 5137062125

Bankleitzahl: 35060386 (Volksbank Rheinruhr)

Verwendungszweck (bitte nicht vergessen!):

Mittagstisch St. Franziskus

 

Die Todesstatistik von Deutschland

Sie lieben Krimis? Sie sind mit den Tatorten dieser Welt vertraut und wissen, wie diverse fiktive Sondereinsatzkommandos mit unnatürlichen Todesfällen umgehen?

Statistiken hingegen finden Sie langweilig? Man kann ihnen sowieso nur trauen, wenn man sie selbst gefälscht hat?

Vielleicht habe ich dann hier etwas für Sie… Nein, keine selbstgefälschte Statistik! Sondern einen kurzen Blick auf bemerkenswerte Zahlen, hinter denen sich die wahren Todesfälle verbergen – buchstäblich vor Ihren Augen.

Das Statistische Bundesamt erhebt jährlich auf Basis der  Bescheinigungen leichenschauender Ärzte eine Statistik aller Todesursachen in Deutschland. Das dauert manchmal ziemlich lange, und zurzeit liegen die Daten nur bis zum Jahr 2007 vor.

„Im Jahr 2007 verstarben in Deutschland 827.155 Personen.“, heißt es in dem entsprechenden Bericht. 91 % dieser Menschen waren zum Zeitpunkt ihres Ablebens älter als 65 Jahre. 5.011 Personen verstarben in Folge eines Verkehrsunfalls, 461 durch die HIV-Krankheit.

Lassen Sie uns einen Moment innehalten. Der Tod gehört zum Leben. Das wissen wir. Das ist uns allen klar. Trotzdem, wenn ein Mensch stirbt, dann hinterlässt er immer eine Lücke. Dann gibt es andere Menschen, die hier geblieben sind, die trauern. Schön, wenn diese Menschen zum Trost sagen können: Aber er/sie hat ein erfülltes Leben gehabt…

Leider ist das nicht immer so. Wie vermutlich in den 9.402 Fällen, in denen Menschen durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ gestorben sind. Oder die 451 Personen, die Opfer eines tätlichen Angriffs waren.

Menschen, die sterben, hinterlassen Lücken. Dann fehlt jemand. Dann ist plötzlich jemand weg, der vorher da gewesen ist. Ein Mensch. Ein Jemand mit Eigenheiten, die einen in den Wahnsinn treiben konnten. Jemand, der sich immer um alles gekümmert hat. Jemand, der so leckeren Kuchen gebacken hat. Jemand, der ein Seelenverwandter war. Vielleicht jemand, den man nie vergessen möchte. Ein jeder einzelne von ihnen.

Wir haben diese Menschen gesehen, gehört. Wir haben mit ihnen geredet oder sie einfach nur im Fernsehen gesehen. Wir sind ihnen im Supermarkt begegnet oder im Büro. Und ihren Tod zu akzeptieren fällt uns schwer. Vielleicht suchen wir einen Schuldigen. Vielleicht hadern wir mit Gott. Aber würden wir sagen, weil es den Tod gibt, lohnt sich das Leben nicht?

Das Statistische Bundesamt erhebt noch eine weitere Statistik des Todes, nämlich über die Schwangerschaftsabbrüche in unserem Land. (Merkwürdigerweise sind die – unwiederbringlich – abgetriebenen Kinder nämlich in der oben genannten „Personen“-Zahl nicht enthalten.) Um jetzt nicht in den Verdacht zu geraten, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, lassen Sie uns gemeinsam einen Blick auf die Zahlen für 2007 werfen: 116.871 Kinder sind in diesem Jahr vor ihrer Geburt getötet worden.

Das Statistische Bundesamt verrät uns, dass 2007 bei 30.650 Personen eine „nichtnatürliche Todesursache“ festgestellt wurde. Nun wird man zugestehen müssen, dass das ungeborene Kind bei einem Schwangerschaftsabbruch nicht auf natürliche Weise ums Leben kommt. Statistisch gesehen erhöht sich die Zahl der nichtnatürlichen Todesfälle damit also um etwa 280 %.

Jeder Mensch, der stirbt, hinterlässt eine Lücke. Ob wir sein Gesicht kennen oder nicht – jeder Mensch ist von Anfang an einzigartig. Und ob es sich zu leben lohnt, sollte jeder einzelne Mensch selbst herausfinden dürfen.  

   

(Foto: Caroline Stollmeier)

(Foto: Caroline Stollmeier)

Bischöfin Käßmann und der Krieg

Kommentar

Wenn eine Bischöfin politisch wird, muss sie das Echo vertragen können, und auch mir war die Kritik am deutschen Afghanistan-Einsatz in ihrer Neujahrspredigt  allzu undifferenziert. Irgendwann allerdings, für meinen Geschmack heute, ist das Maß voll: mit dem Käßmann-Bashing von Jan Fleischhauer, „Käßmanns kleine Geschichtsstunde“, dem kaum verklausulierten Vorwurf, die Bischöfin hätte in ihrem Radikalpazifismus sogar die Herrschaft Hitlers  über Europa in Kauf genommen.

Als Beweis dient Fleischhauer ein Interview mit Bischöfin Käßmann, das die Berliner Zeitung Heiligabend veröffentlichte. Darin erklärt die Bischöfin, für die EKD gebe es keinen gerechten Krieg, allenfalls Kriterien, mit denen man einen Krieg rechtfertigen könne – und was zur Zeit in Afghanistan geschehe, genüge diesen Kriterien nicht.

Die dann folgende Frage, wie man denn Hitler anders als mit Krieg hätte begegnen können, beantwortet Bischöfin Käßmann mit der Einschätzung, dass die Kriegsgegner Deutschlands die nichtkriegerischen Alternativen nicht ausgeschöpft hätten, eine Stärkung der Opposition beispielsweise. Das Scheitern der Appeasement-Politik, vom Interviewpartner ins Gespräch gebracht, genügt der Bischöfin offenbar nicht als Beweis ausreichenden Bemühens um nichtkriegerische Lösungen.

Ich weiß nicht, ob die Bischöfin Recht hat. Ihre Kritik am Fehlen von Strategien bei den späteren Kriegsgegnern Deutschlands ist jedenfalls nicht schon allein durch den Hinweis auf die mit Chamberlain verbundene Appeasement-Politik widerlegt. Denn eine einheitliche Appeasement-Politik hat es nicht gegeben – England und Frankreich zogen keineswegs immer am selben Strang.

Ganz sauer stößt Fleischhauers Verhöhnung des deutschen Widerstands auf („Nicht jedem fallen auf Anhieb die Zigtausenden im Widerstand ein, die nur auf ein Signal aus London oder Washington zum Losschlagen gewartet haben“), von dem man weiß, dass er sehr wohl auf Signale aus London gewartet hat – und ausgerechnet durch die Appeasement-Politik entmutigt wurde.

Angesichts von Hitlers Lebensraum-Ideologie fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass jener Führer früher oder später doch zum Eroberungskrieg geschritten wäre. Dennoch ist der Hinweis von Bischöfin Käßmann auf Versäumnisse der späteren Kriegsgegner Deutschlands grundsätzlich berechtigt, denn auch Engländern, Franzosen und vor allem Polen wäre womöglich bei einer nichtkriegerischen Eindämmung Deutschlands bzw. Hitlers viel Leid erspart geblieben.

Bischöfin Margot Käßmann warnt grundsätzlich vor Krieg und fordert das Anlegen strenger Maßstäbe vor der Entscheidung zum Gebrauch der Waffen. Auf diese Diskussion sollte man sich umso mehr einlassen, wenn man im Einzelfall anderer Meinung ist als die Bischöfin. Wer die Diskussion umgeht, indem er die Bischöfin zur Auschwitz-Relativiererin stempelt, erhöht die eigene Glaubwürdigkeit nicht.

„Bagatellkündigungen“ – maßlos und ungerecht?

Nicht nur Gewerkschafter waren empört, als das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg die fristlose Kündigung der Supermarktkassiererin Barbara E. („Emmely“) bestätigte: Sie wurde dringend verdächtigt, zwei von einem Kunden verlorene Pfandbons im Wert von zusammen 1,30 Euro an sich genommen und eingelöst zu haben.  Eine Reihe ähnlicher Fälle wurde im Laufe des Jahres 2009 bekannt, vor allem der „Maultaschen-Fall“ und der „Brotaufstrich-Fall“ – und der Gegensatz zwischen den jeweils geringen Beträgen, um die es ging, zu Millionenabfindungen für Bankmanager in der Finanzkrise, warf in der Tat für viele Bürgerinnen und Bürger die Frage auf: Ist das noch gerecht? Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen?

Inzwischen bemüht sich die SPD um eine Gesetzesänderung: Bei „Bagatelldelikten“ soll der Arbeitgeber zunächst zu einer Abmahnung verpflichtet sein und erst im Wiederholungsfall kündigen dürfen. Die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts verteidigte geltende Rechtslage und aktuelle Rechtsprechung – und zog massive Kritik auf sich.  Hat sie trotzdem recht?

„Eigentlich ist dieser Streit ein alter Hut“, meint Urs Peter Janetz, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Dozent für Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht, „das Bundesarbeitsgericht hat derartige Fälle schon vor Jahrzehnten abgehandelt und immer eine strenge Haltung eingenommen. Das ist logisch, denn auch kleine Diebstähle zerstören das Vertrauensverhältnis. Würde man das anders sehen, käme man von einem Problem zum nächsten: Bei welchem Wert ist Schluss? Brutto oder Netto? Einkaufs- oder Verkaufspreis? Letztlich stellt sich die Frage: Wie viel darf man quasi straffrei stehlen? Die Einführung einer Bagatellgrenze ins Gesetz würde die Rechtssicherheit in Wirklichkeit eher verringern. Im Übrigen eröffnet auch das Strafrecht die Möglichkeit, Bagatelldiebstähle zu verfolgen, und das wird auch gemacht.“

Dennoch sind Arbeitnehmer keineswegs der Willkür von Vorgesetzten ausgeliefert. „Im Einzelfall kann die Bewertung sehr unterschiedlich ausfallen“, erläutert Janetz, „was in einem Unternehmen Diebstahl ist, kann in einem anderen betriebsüblich sein – der Verzehr übriggebliebener Brötchen durch die Mitarbeiter zum Beispiel. Im Fall der Kündigung wegen mitgenommener Maultaschen lag dagegen ein ausdrückliches Verbot des Arbeitgebers vor, und in einem solchen Fall ist der Mitarbeiter wirklich selber schuld.“

Jede Kündigung wegen eines kleinen Diebstahls kann rechtmäßig sein. Aber nicht jede ist es:  Die Kündigungen gegen zwei Bäcker wegen unerlaubten Verzehrs eines Brotaufstrichs allerdings wurden am 9. März 2009 vom Dortmunder Arbeitsgericht bzw. vom Landesarbeitsgericht Hamm aufgehoben. Im Fall des einen Bäckers war der Betriebsrat nicht angehört worden, obwohl der Betroffene selbst Betriebsratsmitglied war, im Fall des anderen vermisste das Gericht angesichts seiner 20-jährigen Betriebszugehörigkeit die Verhältnismäßigkeit.

Wie ist es aber, wenn der gekündigte Mitarbeiter den Diebstahl, den man ihm vorwirft, überhaupt nicht begangen hat? Guntram Schneider, Vorsitzender des DGB in NRW, stört sich vor allem daran, dass „arbeitsrechtlich allein auf Grundlage eines Verdachts die Höchststrafe verhängt werden kann.“ Regelmäßig taucht zudem der Verdacht auf, Diebstahlsvorwürfe dienten vorwiegend dazu, gewerkschaftlich engagierte Beschäftigte loszuwerden. Von diesem Missbrauchsverdacht ist es nicht mehr weit bis zu der Vermutung, der Arbeitgeber wirke gegebenenfalls auf andere Mitarbeiter ein, damit sie gegen den Verdächtigten aussagen.

„Solche Verschwörungen können vorkommen“, räumt Urs Peter Janetz ein, „aber sie sind mit Sicherheit selten. Denn eine uneidliche Falschaussage wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft, ein Meineid sogar noch höher. Und auch für die Anstiftung dazu kann es mehrere Jahre Freiheitsstrafe geben. Hinzu kommt noch Prozessbetrug. Das dürfte eine erfolgreiche Kündigung den wenigsten Unternehmen wert sein.“

Im Fall der Supermarktkassiererin Barbara E. hat das Gericht diese Möglichkeit übrigens ausdrücklich geprüft und kleine Unterschiede zwischen den Zeugenaussagen zum Indiz genommen, dass keine Absprachen und folglich auch keine Beeinflussung durch den Arbeitgeber vorgelegen hätten. 

Ebenfalls ausdrücklich hat sich das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg mit dem Tatverdacht gegen Barbara E. befasst – für eine Kündigung müsse ein schwerwiegender Tatverdacht vorliegen: „Eine Verdachtskündigung ist dann zulässig, wenn sich starke Verdachtsmomente auf objektive Tatsachen gründen, die Verdachtsmomente geeignet sind, das für die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses erforderliche Vertrauen zu zerstören, und der Arbeitgeber alle zumutbaren Anstrengungen zur Aufklärung des Sachverhalts unternommen, insbesondere dem Arbeitnehmer Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hat. Dabei sind an die Darlegung und Qualität der schwerwiegenden Verdachtsmomente besonders strenge Anforderungen zu stellen, weil bei einer Verdachtskündigung immer die Gefahr besteht, dass ein “Unschuldiger” betroffen ist. Der notwendige, schwerwiegende Verdacht muss sich aus den Umständen ergeben bzw. objektiv durch Tatsachen begründet sein. […] Bloße auf mehr oder weniger haltbare Vermutungen gestützte Verdächtigungen reichen dementsprechend zur Rechtfertigung eines dringenden Tatverdachts nicht aus.“

Diese Bedingungen sah das Gericht im Fall der Supermarktkassiererin Barbara E. als erfüllt an. Trotzdem war ihre Klage auf Unwirksamkeit der fristlosen Kündigung damit noch nicht erledigt. Nach Auffassung des Gerichts spielt auch bei Vorliegen eines schwerwiegenden Verdachts oder auch eines Beweises für die Verhältnismäßigkeit einer Kündigung die Frage eine Rolle, welches künftige Verhalten vom Beschäftigten zu erwarten ist. Es ist grundsätzlich möglich, früheres Fehlverhalten durch spätere Vertragstreue auszugleichen.

Diesen Weg aber hatte sich Barbara E. mit der Begründung ihrer Klage versperrt.  Sie hatte vorgetragen, nach ihrer Auffassung könnten die Vorwürfe ihres Arbeitgebers eine Kündigung von vornherein nicht rechtfertigen: „Bagatellstraftaten gegen das Eigentum und das Vermögen des Arbeitgebers seien nicht so gravierend, als dass eine Kündigung überhaupt in Betracht käme.“ Sie fügte noch hinzu, im Übrigen sei gar nicht der Arbeitgeber geschädigt worden sondern der Kunde, der die Pfandbons verloren hatte. Das Gericht fand, eine solche Argumentation signalisiere dem Arbeitgeber, dass auch künftig ähnliche Vorfälle nicht auszuschließen seien – und hielt deshalb die fristlose Kündigung für angemessen.

„Das ist der einzige Teil der Urteilbegründung, der sich als problematisch erweisen könnte“, meint Fachanwalt Urs Peter Janetz, „denn während das Argument selbst inhaltlich schlüssig ist, steht keineswegs fest, dass der Arbeitgeber diese Haltung seiner Angestellten bereits zum Zeitpunkt der Kündigung kannte. Diese Frage wird in absehbarer Zeit das Bundesarbeitsgericht klären – es hat den Fall zur Revision angenommen.“

Unabhängig davon, was man persönlich über „Bagatellkündigungen“ denkt: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten gewarnt sein und im Zweifelsfall den Arbeitgeber fragen, bevor sie sich in Gefahr begeben. Die Rechtsprechung ist so eindeutig, dass man hinterher nie sagen kann, man hätte es vorher nicht besser gewusst.

Dennoch haben auch Arbeitgeber keineswegs einen Blankoscheck: Für die Verhältnismäßigkeit einer Kündigung interessiert sich im Zweifelsfall nicht nur das Gericht. Auch die Kunden können verärgert reagieren, wenn ihnen eine Kündigung maßlos erscheint; wenn es um Vertrauen geht, sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht unter sich.

Geschäft Abtreibung

Schwangerschaftsabbrüche sind nicht nur eine unzählig oft erlebte menschliche Tragödie, sondern inzwischen auch ein Milliardengeschäft. In ihrem Buch „Geschäft Abtreibung“ deckt die Journalistin Alexandra Maria Linder auf, wer von der Tötung ungeborener Kinder finanziell profitiert.

Ein bemerkenswertes Beispiel: Viren vermehren sich nur in lebenden Zellen. Wenn man also Impfstoffe gegen Virenerkrankungen wie Masern, Mumps und Röteln herstellen will, muss man auf lebende Organismen zurückgreifen. Linder fand heraus, dass die Hersteller vieler in Deutschland gängiger Impfpräparate Viren auf Zellen abgetriebener Kinder züchten.

Und ein weiteres, vielleicht noch erschreckenderes Beispiel: Für die kosmetische Faltentherapie wird häufig Kollagen benutzt. Kollagen ist ein Bestandteil der menschlichen Haut, der auch aus Rindern gewonnen werden kann. Linder macht darauf aufmerksam, dass verschiedene Hersteller von Anti-Aging-Produkten jedoch auf Kollagen aus Föten zurückgreifen.

„Dieses Buch möchte Sie aufklären über Fakten und Hintergründe, die Ihnen bisher nicht bekannt sein werden. Es wird Ihnen vielleicht Illusionen nehmen. Illusionen darüber, dass das Recht auf Leben und der Lebensschutz im Mittelpunkt staatlicher und internationaler Aktivitäten stehen und dass diese Rechte nicht für kommerzielle und ideologische Zwecke missbraucht werden. (…) Dieses Buch wird Ihnen zeigen, dass in unserer Zeit die Chance, das Licht der Welt zu erblicken, ein gefährdetes Privileg geworden ist.“, heißt es in der Einleitung.

Linder scheut deutliche Worte nicht. Auch im „richtigen Leben“ engagiert sie sich für das Lebensrecht. Im Gespräch mit Moralblog sagt die dreifache Mutter, was ihr dabei besonders am Herzen liegt: „Zum einen die Aufklärung und Hilfe für Frauen, die überwiegend nicht freiwillig und schon gar nicht ‚selbstbestimmt’ abtreiben, was uns bestimmte interessierte Kreise gerne erzählen möchten. Abtreibung ist unnatürlich und unmenschlich.

Zum anderen das Recht der Kinder auf ihr eigenes Leben. Es gibt nichts, was deren Tötung rechtfertigen kann. Wenn jeder das weiß und entsprechend handelt, können wir die meisten Kinder retten und die Frauen vor einem Trauma bewahren – unabhängig von der Gesetzeslage, auf die man sich leider nicht verlassen kann.“

Aus tiefer Überzeugung möchte Linder einer Frau in einer Konfliktsituation sagen: „Sie erlebt einen der faszinierendsten Momente, die ein Mensch überhaupt erleben kann: das Entstehen und die Entwicklung eines ganz neuen Menschen, ihres Kindes, dem sie auf die Welt helfen darf.

Sie leistet mit Schwangerschaft und Geburt unglaublich viel, sowohl körperlich wie geistig, ganz abgesehen von der Zeit, die darauf folgt. Und für diese Leistung hat sie das Anrecht, jede nur erdenkliche Hilfe von allen Seiten zu bekommen.

Schwangerschaft und Mutterschaft ist weder eine niedere Tätigkeit noch der Tod der Selbstverwirklichung oder der Lebensplanung, sondern das genaue Gegenteil davon.“

Linder, Alexandra M.: Geschäft Abtreibung, Augsburg, 2009, ISBN 987-3-86744-084-4, 18,90 Euro.

„Für mich soll niemand ausgeweidet werden“

Vom Mut zum Leben ohne Spenderherz

Alfred Garbens* Leben änderte sich nicht mit einem Schlag, sondern mit sechs. Genauer gesagt: in einer Nacht hatte er sechs Schlaganfälle und eine Thrombose an der Herzkammerwand. Das ist ziemlich genau drei Jahre her. Er hat es überlebt.

Der ehemalige Anwalt aus Düsseldorf musste seinen Beruf aufgeben. Obwohl er gesund wirkt, muss er damit rechnen, dass seine Ärzte ihm bald dringender zu einer Herztransplantation raten. Mit diesem Thema hat sich Alfred Garben jedoch schon auseinander gesetzt: „Ich möchte nicht, dass ein Mensch wegen mir künstlich am Leben gehalten und dann ausgeweidet wird. Mit einem solchen Organ könnte ich nicht leben.“

Ihm ist klar, dass sich seine Lebenserwartung um zwanzig bis dreißig Jahre verringert, wenn er auf die Transplantation verzichtet. Eine selbstbewusste Entscheidung, die vor allem seine Ehefrau nicht leicht akzeptieren kann.

Vor drei Jahren musste Alfred Garben durch Notärzte wiederbelebt werden. Die Schilderung seiner Nahtoderfahrung geht ihm noch immer sehr nah: „Ich sah das Licht und fühlte einen unendlichen Frieden. Alles war so friedlich, ich wollte nur noch dort bleiben.“

„Jetzt hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren.“, kann Alfred Garben heute sagen.

Seine Erfahrung, seinen Mut und sein Mitgefühl teilt er inzwischen täglich mit Menschen, die im Sterben liegen. Er hat sich als ehrenamtlicher Sterbebegleiter der deutschen Hospizbewegung angeschlossen.

Manchmal kommt es vor, dass diese Menschen sterben, während Alfred Garben gerade bei ihnen ist. „Ich halte ihre Hand, und die wird dann langsam kalt. Dann weiß ich, dass es vorbei ist und alles im Reinen.“

„Früher habe ich oft an die Zukunft gedacht. Das ist mir alles gleichgültig geworden. Ich lebe Tag für Tag. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass das Leben endlich ist.“, kann Alfred Garben heute gelassen sagen.

 

* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt, wird aber auf Wunsch der genannten Person nicht veröffentlicht.

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Der Eisvogel