Regelrecht hingerichtet?

Haben Sie es auch gelesen? In einem westfälischen Dorf wurden zwei Männer erschossen aufgefunden. In der NRZ von heute heißt es unter Berufung auf die Nachrichtenagentur ddp zu den näheren Umständen wörtlich, dass die beiden „mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet worden sind.“ DER WESTEN schreibt: „Offenbar hat es in dem Dorf mit 2341 Einwohnern eine Hinrichtung gegeben.“

Ich kann mich an diese Wortwahl einfach nicht gewöhnen. Natürlich verstehe ich, was die Verfasser mit dem Ausdruck „hingerichtet“ sagen wollen: dass nämlich die Opfer völlig wehrlos gewesen seien.

Aber eine Hinrichtung ist ein klar definierter Vorgang: Ein Mensch wird von Staats wegen für ein schweres Verbrechen mit dem Tod bestraft. Das bedeutet unter anderem, dass in einem vorausgegangenen Strafprozess die Schuld des Angeklagten geprüft wurde. Zwar muss man einräumen, dass in vielen Ländern, in denen die Todesstrafe gilt, Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Strafprozesse angebracht sind, und darüber hinaus sind die meisten Journalisten, die in Mitteleuropa über Verbrechen berichten, mit Recht Gegner der Todesstrafe.

Aber erstens ist der Vollzug einer Todesstrafe immer noch etwas völlig anderes als zum Beispiel die Enthauptung einer Geisel im Irak, und zweitens würden wir den Vollzug einer Todesstrafe, an deren rechtsstaatlichem Zustandekommen begründete Zweifel bestehen, gerade nicht als Hinrichtung bezeichnen. Sondern als Justizmord.

Dabei haben die Redaktionen, die von einer Hinrichtung schreiben, anscheinend wenigstens den technischen Ablauf des Geschehens zutreffend erfasst. Die Frankfurter Neue Presse weiß demgegenüber, merkwürdigerweise ebenfalls unter Berufung auf ddp, von „einer Schießerei auf offener Straße.“ Setzt der Ausdruck „Schießerei“ nicht voraus, dass beide Seiten bewaffnet sind?

Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK ehrt afrikanische Ärzte

„Das Wichtigste bei unserer Arbeit ist das Vertrauen der Menschen, die wir beraten“, sagt die Ärztin Dr. MBoyo Likafu, „denn die Beschneidung der weiblichen Genitalien ist ein Tabu im Tabu. Keine Frau geht einfach zum Arzt und sagt, dass sie beschnitten ist. Und keine Kindergärtnerin kommt ein zweites Mal mit der Bitte um Hilfe für ein kleines Mädchen zu uns, wenn sie ihren Namen anschließend in der Zeitung sieht.“

Den meisten Afrikanern in Deutschland könnte es wesentlich besser gehen. Aber sie wissen es nicht: Sprachprobleme und kulturelle Barrieren bewirken einen Randgruppenstatus, der seinerseits die Überwindung von Bräuchen wie Kinderehen und die Beschneidung der weiblichen Genitalien erschwert. Auf diesem Gebiet engagieren sich die Mitglieder des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der BRD e. V. – und dafür konnten der Vereinsvorsitzende Dr. Abdelmoula Kangoum und Vorstandsmitglied Dr. MBoyo Likafu am 8. Juli 2010 den mit 2 500 Euro dotierten Duisburger Integrations­preis der Novitas BKK entgegennehmen. 

„Mit den hier verbreiteten Methoden“, erläutert Dr. Kangoum, „erreicht man bei Afrikanern und Arabern nicht das gewünschte Verständnis. Man muss bei der Aufklärung über Genital­be­schneidung die Familienstrukturen berücksichtigen und an die Männer beziehungsweise Väter herantreten. Nur dann hat man Erfolg. Für uns ist das natürlich leichter – auch aus sprachlichen Gründen.“

 „Geld ist nicht alles“, urteilte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, Schirmherr des neugestifteten Preises, „entscheidend ist das Engagement der Menschen. Der Deutsch-Afrikanische Ärzteverein ist durch sein humanes Engagement ein würdiger erster Träger dieses Preises.“ Herzlich dankte Oberbürgermeister Sauerland der Novitas BKK für ihre Initiative: „Dieser Preis passt zu unserer Stadt.“

 „Afrikanische Frauen zum Beispiel haben nichts von ihren Rechten und Möglichkeiten, wenn sie diese gar nicht kennen“; erklärte der Novitas BKK-Vorstandsvorsitzende Ernst Butz in seiner Laudatio, „im Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein haben diese Menschen einen kompetenten und engagierten Anwalt und Berater. Sie brauchen ihn dringend.“

Die Novitas BKK hat den Duisburger Integrationspreis gestiftet, um bürgerliches Engagement zu fördern, vor allem aber um durch öffentliches Reden über gute Beispiele möglichste viele Menschen zu eigenem Engagement zu ermutigen. Ernst Butz: „Wenn viele von uns kleine Hilfen leisten, dann tragen wir dazu bei, dass aus Fremden Mitbürger werden.“

Darf man Diktatoren töten?

Interview mit dem Moraltheologen Prof. Dr. Josef Spindelböck

Josef Spindelböck , geboren 1964, ist Priester und Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten sowie Gastprofessor für Moraltheologie und Ethik am Internationalen Theologischen Institut (ITI) Trumau. Er  studierte Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Stift Heiligenkreuz, promovierte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und habilitierte sich 2004 an der Katholischen Universität Lublin. Er ist Mitglied der Gemeinschaft vom heiligen Josef und Vorstandsmitglied der Johannes-Messner-Gesellschaft.

Moralblog: Herr Professor Spindelböck, ist Tyrannenmord ein Verbrechen oder eine Heldentat?

Josef Spindelböck: Ein Mord ist immer ein Verbrechen, egal gegen wen er sich richtet.
Worauf Ihre Frage jedoch abzielt, das ist die mögliche Erlaubtheit einer Tyrannentötung. Das muss tatsächlich diskutiert werden. Es handelt sich um ein Problem im Kontext des sowohl rechtlich als auch ethisch zu behandelnden Widerstandsrechts. Die Legitimität zum Widerstand gegenüber einem staatlichen Unrechtssystem wird von der christlichen Ethik grundsätzlich anerkannt.

Moralblog: Aber nur der gewaltlose Widerstand?

Josef Spindelböck: Primär geht es zuerst um Gehorsamsverweigerung gegenüber ungerechten Befehlen oder Gesetzen und in der Folge um einen organisierten gewaltlosen Widerstand, sofern ein solcher möglich und Erfolg versprechend ist. Dieser entspricht seiner Natur nach besser den Grundsätzen der christlichen Ethik und dem dahinter stehenden Menschenbild. In einem besonderen Fall und entsprechend bestimmten Kriterien ist jedoch auch ein aktiv-gewaltsamer Widerstand zulässig.

Moralblog: Was sind das für Kriterien?

Josef Spindelböck: Diese leiten sich ab sowohl aus dem natürlichen Sittengesetz als auch aus der sittlichen Weisung der Heiligen Schrift, wie sie von der kirchlichen Tradition und dem Lehramt der Kirche interpretiert wird. Primär geht es darum, dass dieser gewaltsame Widerstand ein Akt der gemeinsamen Notwehr sein muss. Es muss also wirklich ein schweres Unrecht vorliegen, das vonseiten der Träger der Staatsgewalt über eine längere Zeit hin ausgeübt wird und auf andere Weise nicht behebbar ist. Außerdem muss wirkliche Aussicht auf Erfolg bestehen, und die voraussichtlichen Schäden eines solchen gewaltsamen Widerstands dürfen nicht größer sein als das zu behebende Übel. All dies soll gemäß christlicher Vorgabe nicht in einem Geist des Hasses und der Rache geschehen, sondern motiviert vom „Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit“ und letztlich inspiriert von sozialer Liebe in echter Sorge und Verantwortung für das Gemeinwohl.

Moralblog: Hitler hätte man also töten dürfen?

Josef Spindelböck: Verantwortliche Personen haben dies, nach ausführlicher Analyse und kompetenter Beratung, so gesehen und darum das Attentat auf ihn durchgeführt (20. Juli 1944). Der Diktator wurde hier als Aggressor gegen das Gemeinwohl wahrgenommen, der schlimmstes Unheil über das deutsche Volk und die anderen Nationen brachte. Dem musste man gegensteuern. Da eine Ablöse auf demokratischem Weg nicht möglich war, schien es dieser Verschwörergruppe um Graf Stauffenberg als „ultima ratio“, also gleichsam als letzter Ausweg, gerechtfertigt, hier gewaltsam den Diktator auszuschalten, was dann leider misslungen ist. Aber im Prinzip war es – so scheint es auch mir – gerechtfertigt!
In einem demokratischen Staatswesen gibt es Gottseidank gegenüber Unrecht andere Wege, die zu beschreiten sind, um es zu beheben.

Moralblog: Indem man zum Beispiel demonstriert?

Josef Spindelböck: Das ist in einem freiheitlichen Rechtsstaat eine legitime Möglichkeit der Meinungsäußerung, die jedoch in Diktaturen und totalitären Systemen stark eingeschränkt oder ganz aufgehoben ist. Der reguläre Weg der Beeinflussung des politischen und sozialen Lebens ist die Wahrnehmung der politischen Verantwortung in Form der demokratischen Mitbestimmung und Mitarbeit, je nach den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten.

Moralblog: Wenn in einem demokratischen System gewaltfreie Aktionen des Protestes nichts nützen, darf man dann auch zur Waffe greifen?

Josef Spindelböck: Nein, keineswegs: Ein Rechtsstaat, wie es ja eine Demokratie sein sollte, ist grundlegend von einer Diktatur oder einem totalitären System zu unterscheiden. Eine gewaltsame Erhebung käme einem revolutionären Umsturz einer an sich gerechten Ordnung gleich. Und solange die Ordnung an sich gerecht ist, müssen auch konkret schwere Verletzungen der Gerechtigkeit ohne Gewalt und Umsturz behoben werden. Es gibt viele Wege, sich für das Gemeinwohl und die Verwirklichung des Guten einzusetzen. Manche Übel können wir jedoch nicht sofort beheben, so wünschenswert dies auch wäre.

Moralblog: Bleibt einem da nur zu beten?

Josef Spindelböck: Beten ist immer sinnvoll und wichtig. Die Alternative lautet aber nicht „Handeln“ oder „Beten“, sondern das Gebet soll stets unser Überlegen und Handeln begleiten, damit wir unsere politische und soziale Verantwortung besser wahrnehmen können.

Moralblog: Dürfen Nichtchristen schneller zur Waffe greifen?

Josef Spindelböck: Im Grunde nicht, sofern sie die Dinge richtig sehen. Das Prinzip der Gewaltlosigkeit hat auch unabhängig von der Kenntnis der göttlichen Offenbarung Vorrang, weil mit dem Einsatz von Gewalt zu viel auf dem Spiel steht und die Risiken – ausgenommen bei einer unmittelbar notwendigen Aktion der gewaltsamen Verteidigung – zu hoch sind, insbesondere für unschuldig Betroffene. Als inhaltlicher Orientierungsmaßstab hilft der Verweis auf das „Naturrecht“ als Inbegriff dessen, was dem Menschen sowohl als Bürger als auch als Gesetzgeber im Sinne eines ursprünglichen Gerechtigkeitsbezugs „vorgegeben“ ist.

Moralblog: Das Naturrecht steht aber in keinem Gesetzbuch. Manchmal scheinen geltendes Recht und Naturrecht sogar im Widerspruch miteinander zu stehen. Hat man die Wahl?

Josef Spindelböck: Nicht wenige Rechtsordnungen verstehen sich rechtspositivistisch. D.h. sie gehen von der unzutreffenden Annahme aus, der Mensch wäre letztlich nur sich selbst gegenüber verantwortlich und könne darum innerhalb eines konsistenten Systems das als Recht setzen, was ihm beliebe. Übersehen wird hier, dass es auch Unrecht gibt, das man auf diese Weise legitimieren könnte. Jede „positive“, d.h. menschlich gesatzte Rechtsordnung braucht einen Bezugspunkt in einer „überpositiven“ Ordnung der Gerechtigkeit, welche die Würde der menschlichen Person und das Gemeinwohl schützt. Ich möchte sogar noch etwas weitergehen: Ohne einen Gottesbezug, der nicht nur theoretisch bleiben darf, sondern auch praktisch im Sinne der Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun und Lassen einzulösen ist, wird es auch in der Gesetzgebung und in der Übernahme politischer Verantwortung nicht gehen.

Moralblog: Herr Professor Spindelböck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Buchtipp:
Aktives Widerstandsrecht. Die Problematik der sittlichen Legitimität von Gewalt in der Auseinandersetzung mit ungerechter staatlicher Macht. Eine problemgeschichtlich-prinzipielle Darstellung, EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien 1994

„Als Christ muss man helfen wo Hilfe gebraucht wird – egal was der Papst dazu sagt.“

Die katholische Kirche hat sich im Jahr 2000 aus der Schwangerenkonfliktberatung zurückgezogen. Dieser Schritt hat viele Menschen verärgert. Diplom-Pädagogin Ulla Beckers gehört dazu: „Ich habe sieben Jahre im Caritasverband gearbeitet und Frauen beraten. Und von heute auf morgen soll alles falsch gewesen sein, was ich bis dahin gemacht habe?“ Ihre Gefühle von damals beschreibt sie am liebsten bildhaft: „Unsere Bischöfe habe sich gewünscht, dass die Frauen standhaft sind und zugunsten ihres ungeborenen Kindes nicht den Forderungen ihrer Familien und Männer nachgeben. Aber genau zu dieser Standhaftigkeit waren sie selber nicht in der Lage und haben stattdessen das ungeliebte Kind ‚Schwangerenhilfe’ abgetrieben.“

„Als Christ muss man helfen wo Hilfe gebraucht wird – egal was der Papst dazu sagt.“, ist der Rentner Alois Bassier überzeugt. Ihm liegen die ungeborenen Kinder und die werdenden Mütter in Not am Herzen.

Als Ulla Beckers und Alois Bassier sich zufällig kennen lernen entsteht die Idee für die Beratungsstelle „Haus im Hof“, die inzwischen seit zehn Jahren erfolgreich in Duisburg-Marxloh Schwangere, Paare, Familien und Schüler berät und aufklärt. „Die Schwangerenberatung ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, aber ich komme auch immer wieder auf das Thema Verhütung zu sprechen. Sie können sich nicht vorstellen, was ich da manchmal zu hören kriege…!“, verrät Ulla Beckers im Moralblog-Interview.

Wer ungewollt schwanger ist darf unter bestimmten Bedingungen in Deutschland straffrei abtreiben. Dafür ist unter anderem der Nachweis einer staatlich anerkannten Konfliktberatung erforderlich. Im „Haus im Hof“ können Frauen diese Beratung bekommen. „Wenn wir keine Scheine ausstellen würden, dann käme doch keiner.“, meint Alois Bassier. Und Ulla Beckers stimmt ihm zu: „Das weiß ich aus Arbeitskreisen mit anderen Beratungseinrichtungen.“

Die typische Beratungssituation im „Haus im Hof“ gibt es nicht, weil die Erfahrungen und Lebensgeschichten der Frauen, die dort Hilfe suchen, zu individuell verschieden sind. „In vielen Fällen fühlen sich Frauen aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen; einer davon sind Depressionen.“, erzählt Ulla Beckers. „Es kommt vor, dass die Frauen von ihren Eltern oder ihrem Partner zur Abtreibung gedrängt werden. Und immer häufiger haben junge Frauen Angst um ihren Ausbildungsplatz oder ihre Arbeitsstelle.“

In der Beratung werden alle Möglichkeiten besprochen. Wie könnte das Leben mit oder ohne dieses Kind weiter gehen? Manchmal sind Dinge ausschlaggebend, die einem als Kleinigkeit erscheinen können: Begleitung bei Behördengängen oder Geld für einen Kinderwagen. Die Beraterinnen im „Haus im Hof“ kennen sich damit aus, welche Fördermöglichkeiten es gibt. Und dank treuer Spender und Unterstützer (übrigens auch aus Kirchenkreisen) können sie auch darüber hinaus einspringen, wenn es nötig ist.

„Mut macht den Frauen oft, dass jemand einfach sagt: Ich verstehe, dass du ein Problem hast.“, erzählt Ulla Beckers. „Wenn man beispielsweise jung schwanger wird, dann ist das nicht der gerade Weg. Aber es gibt Umwege und Schleifen, die man gehen kann. Und wir gehen mit.“, sagt sie.

Alois Bassier kümmert sich um das Fortbestehen der Beratungsstelle. Reparaturen am Haus erledigt er nach Möglichkeit selbst. Außerdem wirbt er unermüdlich um finanzielle Unterstützung und Akzeptanz für das „Haus im Hof“. Im Büro der Beratungsstelle ist er vor kurzem zufällig mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie hat ihm ihr Neugeborenes gezeigt und gesagt: „Das wäre ohne Sie nicht da.“ Ein unvergessliches Erlebnis. 

„Als Christ können wir nur unsere Hilfe anbieten, und das müssen wir auch. Entscheiden müssen die Frauen dann aber alleine. Das ist ihr Grundrecht. Und diese Entscheidung müssen wir akzeptieren.“, sagt Alois Bassier. „Und Jesus würde das auch so machen.“, fügt er hinzu.

 

 Haus im Hof

Kaiser-Wilhelm-Str. 278

47169 Duisburg-Marxloh

 

Spendenkonto:

KD-Bank e.G.

Konto: 101 3648 022

BLZ: 350 601 90

Hoffen auf höhere Gerechtigkeit

Kommentar

An einem Morgen im Juni 2009 ist eine Familie gemeinsam auf der A 59 bei Leverkusen unterwegs. Im Auto sind Vater, Mutter, Oma, zwei Kinder und ein Baby. Plötzlich kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen. Ohne Licht. Der Fahrer ist ein Auszubildender, der stark alkoholisiert von einem Grillfest kommt. Später wird er angeben, dass er sich an den Unfall nicht erinnern kann. Aber er lebt. Das kleine Mädchen, seine Mutter und die Oma nicht mehr.

Heute ist der junge Mann vom Amtsgericht Langenfeld verurteilt worden.

„Der Richter sagte dazu, man müsse zugunsten des Angeklagten berücksichtigen, dass er die Tat bereue und auch selbst mit den Folgen zu kämpfen habe. Der 23-Jährige war bei dem Unfall schwer verletzt worden. Außerdem habe er aufgrund der erheblichen Alkoholisierung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit am Steuer gesessen. Darüber hinaus habe er sich bis dahin im Straßenverkehr einwandfrei verhalten. Daher sei eine Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung tat- und schuldangemessen. Außerdem wurde angeordnet, dass der 23-Jährige vor Ablauf von vier Jahren seinen Führerschein nicht wieder zurückerhält.“, heißt es.

In einer Gesellschaft, in der Alkoholkonsum als kulturelle Errungenschaft gilt, in der Steuerhinterziehung mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet wird (§ 37o AO) und in der die Tötung eines Kindes im Mutterleib straffrei bleiben kann (§ 218 StGB), tut man gut daran, auf eine höhere Gerechtigkeit zu hoffen.

 In Deo confidimus.

Missbrauch: Das Ende der katholischen Kirche?

Ostersonntag 2010: Nicht nur für Katholiken ist die seit Wochen andauernde Debatte um Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen und durch katholische Geistliche eine schmerzliche Erfahrung. Aber Katholiken haben damit ein besonderes Problem – wegen eines doppelten Vertrauensbruchs: Erstens haben sich nicht Wölfe und nicht Räuber sondern ausgerechnet Hirten an den Lämmern vergriffen, und zweitens hat die Kirche als Ganzes diese Verbrechen mindestens nicht ausreichend bekämpft, möglicherweise aber sogar begünstigt. Ist das das Ende der Kirche, wie wir sie kennen?

In einer Hinsicht ja: Die heilige katholische und apostolische Kirche muss sich der Erkenntnis stellen, dass sie in einer Weise versagt hat, die für Organisationen typisch ist: Sie hat in zahlreichen Einzelfällen und vielleicht sogar systematisch die Interessen der Organisation über die Interessen der „Kunden“ gestellt. Das wäre nicht weiter überraschend, wenn die Kirche eine Einrichtung von Menschenhand wäre. Aber das ist ja nicht ihr Selbstverständnis: Sie ist von Christus eingesetzt, „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (Mt 16, 18).“

Das heißt: Sie hat einen höheren, strengeren Anspruch an sich selbst als jede andere Organisation, und diesem Anspruch ist sie in der Frage des Missbrauchs Schutzbefohlener bislang nicht gerecht geworden.

Natürlich gibt es nichts zu beschönigen: Es ist entsetzlich, wenn ausgerechnet ein Priester Kinder missbraucht, die ihm anvertraut sind. Aber wer mit der Unvollkommenheit der Menschen oder auch mit dem Begriff der Erbsünde vertraut ist, den konnte nicht überraschen, dass sogar so etwas möglich ist. Überraschen darf ihn, dass die Kirche selbst es offenbar nicht in hinreichendem Umfang für möglich gehalten hat.

Immerhin: Sie weiß es jetzt. Und sie selbst hat die aktuelle deutsche Debatte über Missbrauch von Priesterhand angestoßen – es war ein Geistlicher, Pater Klaus Mertes SJ, der wegen der Ereignisse an dem von ihm geleiteten Berliner Canisius-Kolleg an die Öffentlichkeit ging.

Und selbst die wüstesten Kirchenfeinde konnten den Katalog der von ihm angesprochenen Defizite nicht nennenswert erweitern (aus dem Brief des Rektors an die ehemaligen Schüler vom 20. Januar 2010):
Neben der Scham und der Erschütterung über das Ausmaß des Missbrauchs in jedem einzelnen Fall und in der – bisher sichtbaren – Anhäufung müssen wir uns seitens des Kollegs die Aufgabe stellen, wie wir es verhindern können, heute durch Wegschauen wieder mitschuldig zu werden. Wegschauen geschieht ja oft schon in dem Moment, wo man sich entscheidet, nicht wissen zu wollen, obwohl man spürt, dass man eigentlich genauer hinschauen sollte. Das ist eine Herausforderung für die persönliche Zivilcourage jedes
Einzelnen wie auch für die Überprüfung der Strukturen. Denn es drängt sich zugleich auch die Frage auf, welche Strukturen an Schulen, in der verbandlichen Jugendarbeit und auch in der katholischen Kirche es begünstigen, dass Missbräuche geschehen und de facto auch gedeckt werden können. Hier stoßen wir auf Probleme wie fehlende Beschwerdestrukturen, mangelnden Vertrauensschutz, übergriffige Pädagogik, übergriffige Seelsorge, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessenen Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen.

Priester und Laien sind bis ins Mark erschüttert – selbst in den Osternachtfeiern war das zu spüren. Aber: Priester und Laien sind auch entschlossen, die Mängel abzustellen, die Pater Klaus Mertes in seinem Brief vom 20. Januar 2010 anspricht. Wenn diese Therapie erfolgreich ist, wird man auch künftig nicht ausschließen können, dass es zu Untaten durch Geistliche kommt. Aber man wird weitgehend ausschließen können, dass die Täter, aus welchen Gründen auch immer, gedeckt werden.

Etwas anderes sollte sich nach Möglichkeit nicht ändern: Auch künftig werden Bischöfe mehr als nur vage Verdächtigungen verlangen, bevor sie einen Pfarrer suspendieren oder gar anzeigen. Kaum eine Straftat ist abscheulicher als Kindesmissbrauch. Entsprechend schnell und nachhaltig ist der Ruf eines Menschen ruiniert, wenn er unter Verdacht gerät. Und während sich alle Beteiligten einig sein sollten, dass die Kirche den Schutz der Opfer dem Schutz der Täter jederzeit überordnen muss, so sollte doch andererseits niemand bei dieser Gelegenheit den Rechtsstaat zur Disposition stellen.

Die gegenwärtige Situation ist eine gute Gelegenheit, einmal wieder Friedrich Spees Cautio Criminalis von 1631 zu lesen. Friedrich Spee von Langenfeld, vielleicht nicht zufällig wie Klaus Mertes Jesuit, übte damals scharfe Kritik an der verbreiteten Praxis, Hexereiverdächtigen wegen der besonderen Schwere des Delikts die üblichen Angeklagtenrechte zu verweigern, weswegen in der Regel schon eine anonyme Anzeige nicht nur beinahe automatisch einen Prozess sondern auch eine Verurteilung zur Folge hatte.

Die Analyse Friedrich Spees trug seinerzeit maßgeblich zum Abflauen der Hexenjagden bei. Der Grund hierfür dürfte weniger in abnehmendem Hexenaberglauben liegen – diese Frage lässt Spee völlig offen – als vielmehr in der Plausibilität seiner Warnung vor den Folgen der Abschaffung des Rechtsstaats: Niemand könne dann mehr sicher sein, dass er nicht der Nächste werde, denn niemand könne unter einem solchen Verdacht seine Unschuld beweisen.

Diese Warnung könnte auch den heutigen Kirchenkritikern in Politik und Medien gelten, die nicht nur mit gar nichts zufrieden sind, was Papst und Kirche jetzt unternehmen, sondern auch bereit sind, jeden Missbrauchs- oder Misshandlungsvorwurf zu veröffentlichen, wenn er sich nur gegen einen Geistlichen richtet. Sie alle sollten sich fragen, ob es wirklich im Interesse unserer Gesellschaft sein kann, die Kirche mit maßlosen Forderungen und maßloser Strenge zu einer Randgruppe zu machen. Und das gilt sogar dann, wenn die Kirche nur eine Organisation von Menschenhand ist.

Denn natürlich kann man, wenn man keinem Priester mehr traut, völlig sicher sein, dass man keinem zu Unrecht getraut hat. Aber selbst wenn die katholische Kirche eine Organisation von Menschenhand ist, müsste man doch all das Gute, was sie tut, auf andere Weise erst einmal zuwege bringen.

Wenn sie aber mehr ist – und Ostern ist ein guter Zeitpunkt sich zu fragen ob man das glaubt –, wenn sie nämlich im Auftrag des auferstandenen Christus Völker lehrt und Menschen fischt, dann ist sie trotz all ihrer Mängel wert, dass man ihr beisteht bei der Bewahrung eines Erbes, das der ganzen Menschheit zusteht. Meine persönliche Antwort auf diese Frage habe ich heute Nacht gegeben: Ich glaube.

Leben in Gottes Gegenwart

„Das hier macht keine für etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf – es geht immer nur um Gott.“, sagt Schwester Maria Adjutrix im Moralblog-Interview im niederländischen Ort Steyl. Die „rosa Schwester“ ist zwar durch ein hölzernes Gitter von ihren Gesprächspartnern getrennt, spricht jedoch offen und herzlich über ihr kontemplatives Leben in ständigem Gebet und die Dinge, die sie bewegen.

Die Gemeinschaft der Steyler Anbetungsschwestern, eigentlich der Dienerinnern des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung (SSpSAp), wurde 1896 durch den heiligen Arnold Janssen gegründet. Zuvor hatte er bereits die Kongregationen der Steyler Missionare und der Steyler Missionsschwestern ins Leben gerufen.

Die wegen der Farbe ihrer Ordenstracht so genannten „rosa Schwestern“ sollten durch ihre Fürbitten und Gebete die in der Welt aktiven Mitglieder der Steyler Familie bei ihrer Arbeit unterstützen und Rückhalt geben. Inzwischen gibt es etwa 400 Steyler Anbetungsschwestern in Deutschland, den Niederlanden, Polen, den USA, Argentinien, Brasilien, Indien, Indonesien, auf den Philippinen und in Togo.

„Werbung machen können wir nicht.“, sagt Schwester Maria Adjutrix, „Da muss Gott sich drum kümmern.“ So wie auch andere Ordensgemeinschaften haben die „rosa Schwestern“ zunehmend mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. „Früher waren die Frauen beim Eintritt 20 bis 25 Jahre alt, heute sind sie eher um die 30“, so Schwester Maria Adjutrix. Das ist aber kein Problem, denn die Gemeinschaft nimmt gerne Frauen auf, die schon gefestigt im Leben stehen und eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Wer unüberlegt oder aus den falschen Motiven ins Kloster geht, hält ein Leben wie das der „rosa Schwestern“ wohl auch nicht durch.

Die Schwestern leben in strenger Klausur. In der Regel verlassen sie ihr Kloster nicht. Von ihren Besuchern sind sie durch Gitter getrennt. Den Friedhof auf der anderen Straßenseite erreichen sie durch einen unterirdischen Tunnel. Sie verrichten Gartenarbeiten und andere Dienste im Haus. Rund um die Uhr wird das Allerheiligste angebetet. Dabei kniet immer mindestens eine Schwester vor der Monstranz. Gewechselt wird tagsüber halbstündlich und nachts nach einer Stunde.

Schwester Maria Adjutrix (SSpSAp)

Schwester Maria Adjutrix (SSpSAp) im Besucherzimmer des Anbetungsklosters in Steyl, NL (Foto: Caroline Stollmeier)

 
Die Steyler Anbetungsschwestern spüren die Gegenwart Gottes – nicht nur im Gebet. Deshalb wünscht sich Schwester Maria Adjutrix vor allem eins: „Dass die Menschen wieder mehr glauben und sich Gott wieder bewusster machen.“ Mit Sorge beobachtet sie die gesellschaftliche Entwicklung weg von der Religion. Sie betet darum, dass Gott Geduld mit den Menschen haben möge.

Ein bisschen ist es schon, als lebten die Schwestern in einer anderen Welt. Zwar verschließen sie sich technischen Errungenschaften wie dem Internet oder dem Fernsehen nicht, aber diese Dinge spielen eher eine kleine Nebenrolle in ihrem Leben. Trotzdem bleiben die Schwestern natürlich Menschen. So kann es vorkommen, dass ihre Gedanken beim Beten abschweifen. Und auf die Frage, ob eine Anbetungsschwester denn auch einmal flucht, wenn ihr ein Missgeschick passiert, antwortet Schwester Maria Adjutrix schmunzelnd: „Das sollte natürlich nicht sein.“

Jeder kann die Steyler Anbetungsschwestern um Fürsprache bei Gott in eigener Sache bitten. Ebenso stärkt es die Schwestern, wenn jemand für sie betet. Schwester Adjutrix ist sich sicher: „Jedes Gebet hilft. Was Gott daraus macht ist seine Sache.“

 

Kontakt:

Anbetungskloster Steyl
Postfach 2244
D-41309 Nettetal

Auf der Straße

„Bevor meine Frau gestorben ist, war es ein schönes Leben. Ich habe gearbeitet, hatte ein Haus und sechs Kinder.“, beginnt Axel Markowsky, als er im Moralblog-Interview über seine Zeit auf der Straße spricht.

Wie viele Menschen in Deutschland ohne festen Wohnsitz leben ist unklar, darüber gibt es keine verlässlichen Statistiken. Lediglich das Land Nordrhein-Westfalen veröffentlicht die Zahl der gemeldeten Obdachlosen. 2006 waren das beispielsweise in Duisburg sechsundneunzig. Aber vermutlich ist die wahre Zahl größer.

Axel dürfte in dieser Statistik zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr aufgetaucht sein. Denn das war das Jahr, als es in seinem Leben langsam wieder bergauf ging. Inzwischen lebt er in einem kleinen Apartment von Hartz IV und den Verkaufserlösen des Straßenmagazins fiftyfifty.

„Das mit meiner Frau war eine richtige Sandkastenliebe. Wir waren seit unserem zweiten Lebensjahr zusammen.“, erzählt Axel, „Wir haben uns zwar scheiden lassen als die Kinder groß waren, aber bald gemerkt, dass das nichts für uns war. Wir wollten wieder zusammen kommen. Aber dann ist meine Frau krank geworden und vier Wochen später gestorben.“

„Sie war eine tolle Frau. Und obwohl wir sechs Kinder hatten, war sie immer schlank. Aber als ich sie dann auf dem Sterbebett gesehen habe, bin ich zusammengebrochen. Ich habe das Haus verkauft und das Geld unter den Kindern aufgeteilt. Von da an habe ich auf der Straße gelebt.“, blickt Axel zurück. „Ich wollte gar nicht mehr leben. Mir war zu der Zeit alles egal.“ 

 

Axel bei der Arbeit - er verkauft Straßenmagazine in Duisburg (Foto: Caroline Stollmeier)

Axel bei der Arbeit:
Er verkauft Straßenmagazine in Duisburg-Neudorf
(Foto: Caroline Stollmeier)

 

Warum Menschen obdachlos werden, lässt sich nicht pauschal sagen. Axel berichtet von Professoren und Geschäftsführern, die von Schicksalsschlägen so aus der Bahn geworfen wurden, dass sie obdachlos wurden. Er kennt aber auch Menschen, die freiwillig gerne so leben möchten.

Axel kann auf 35 Jahre Berufsleben zurück blicken: „Ich habe eine Lehre als KFZ-Mechaniker gemacht. Danach habe ich Lokführer gelernt und zwei Jahre gearbeitet. Dann wurden Lokführer entlassen, weil alles mit Funk gemacht wurde. Dann habe ich als Dachdecker gearbeitet, fast 15 Jahre lang. Dann habe ich Auslieferungsfahrer gemacht. Zum Schluss habe ich als Schlosser gearbeitet. Da war ich auf Montage und habe das meiste Geld verdient. Das war ein schöner Job. Ich könnte mir heute in den Hintern beißen, dass ich den aufgegeben habe.“

Wenn möglich bis zur Rente möchte Axel nun weiter die Obdachlosenzeitung verkaufen. Manchmal wird er gefragt, warum er nicht wieder richtig arbeitet. „Ich bin bald 55 Jahre alt. Ich kriege keine Arbeit. Wenn ich mein Alter sage, dann kann ich gleich wieder nach Hause gehen.“, ist die Erfahrung, die Axel machen musste.

„Ich habe heute noch die Bilder von meiner Frau auf dem Sterbebett im Kopf. Ich kriege die auch nicht raus. Ich habe getrunken. Das hat nichts genutzt. Da habe ich wieder aufgehört. Ich habe sogar Drogen genommen. Die haben einen aber auch nur matschig gemacht. Da habe ich auch mit aufgehört.“, so Axel, „Zum Glück habe ich noch mal die Kurve gekriegt.“

Wenn Axel lacht, dann blickt er zur Seite oder kneift die Lippen zusammen. Axel erklärt: „Ich bin mehrmals überfallen worden und habe keine Zähne. Wenn ich das Geld dafür zusammen habe, dann gehe ich zum Zahnarzt. Ich hoffe, dass ich im Sommer wieder richtig mit den Menschen reden kann.“

Regelmäßig werden Obdachlose Opfer sinnloser Gewalt. Jugendliche schleichen sich an die schlafenden Menschen an und verprügeln sie. „Einem Kollegen haben sie den Schlafsack angezündet, als er drin gelegen hat.“, sagt Axel.

In Deutschland muss niemand obdachlos sein. Aber Axel bestätigt, dass man Hilfe auch annehmen muss. „In der Zeit, in der ich Drogen genommen und getrunken habe, habe ich mich abgeschottet. Aber dann bin ich durch einen Bekannten an die Zeitung gekommen. Und das war ein Glücksfall.“

„Durch die Zeitung habe ich meinen jetzigen Vermieter kennen gelernt. Er hat mich angesprochen, mir die Wohnung angeboten und alles für mich geregelt.“, erzählt Axel. „Erst durch die Zeitung habe ich wieder Kontakt zu anderen Menschen bekommen.“

 Axel hat inzwischen viele gute und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Jetzt möchte er selber anderen Menschen helfen. Im neuen fiftyfifty-Büro an der Koloniestraße kann er sich inzwischen nützlich machen, wenn eine neue Zeitungslieferung eingetroffen ist. Und er freut sich, wenn er kleine Arbeiten in Haus und Garten für Menschen übernehmen kann, die zu alt dafür geworden sind.

Inzwischen hat Axel auch wieder regelmäßig Kontakt zu seinen Kindern und Enkelkindern. „Und wenn ich mir etwas wünschen könnten, ganz ehrlich: Ich wünsche mir Weltfrieden. Ich wäre zufrieden, wenn jeder Hand in Hand mit anderen leben könnte – Mensch ist schließlich Mensch.“ Axel hat nicht aufgegeben: „Ich bin katholisch. Ich denke mir, Jesus ist immer bei mir. Mit ihm kann ich sprechen, er hilft mir immer. Dafür muss man nicht in die Kirche gehen. Die Kirche ist nur ein Haus. Jesus und Gott, die sind hier…“, sagt Axel und fasst sich an die Brust.

Pater Rainer van Doorn: Seelsorge für die Armen

„Leute in Not sind eher bereit die Hände zu falten und zu beten“, stellt Pater Rainer fest und etwas Warmes, Liebevolles liegt dabei in seiner Stimme.

Pater Rainer Wilhelm van Doorn OPraem ist Senior des Konvents der Prämonstratenser und als Ruheständler an der Filialkirche St. Franziskus in Duisburg-Hamborn im aktiven Dienst. „Hilfspriester“ nennt er sich selbst.

Im Gespräch mit Moralblog erzählt Pater Rainer von seinem Leben als Seelsorger für die Armen und seinen Träumen von einer besseren Welt.

Der inzwischen fast 80-jährige gebürtige Niederländer ist geprägt von den Kriegserlebnissen seiner Jugend. „Das war eine ganz, ganz schlimme Zeit. Wir haben als Kinder gesehen, wie Menschen erschossen wurden.“, erinnert er sich. „Die letzten Kriegsjahre haben wir fast jede Nacht im Keller verbracht aus Angst vor den Flugzeugen voller Bomben, die abgeschossen wurden und irgendwo runter gekommen sind. So etwas vergisst man nie. Die Ängste, die man hatte, haben einen total geprägt.“

Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden hat er damals überlegt, wie man die Welt besser machen könnte. „Priester zu werden erschien uns eine gute Möglichkeit. Da ist man Lehrer, Sozialarbeiter, alles zusammen.“, erzählt er. „Vier Leute aus meiner Klasse sind Priester geworden. Und alle waren in sozialen Bereichen tätig.“

Inspiriert wurden die jungen Männer damals vor allem auch durch ihren Gemeindepfarrer, einen konvertierten Juden, der später ins KZ gebracht wurde, weil er einem SS-Mann die Kommunion verweigert hat. „Als Kinder haben wir gesehen, wie er auf dem Wagen war, als er abgeholt wurde.“, berichtet Pater Rainer.

Rückblickend sagt Pater Rainer: „In kleinen Dingen hat es geklappt, die Welt besser zu machen. Wir haben hier auf dem Ostacker eine kleine Gemeinde, in der es Ansätze von Geschwisterlichkeit gibt. Unsere Gemeinde ist auch ein Zentrum für arme Leute geworden.“

Tatsächlich ist St. Franziskus am Ostacker etwas ganz Besonderes. Die Kirche hat die Gemeindereform des Bistums Essen zwar überlebt, aber „es ist fast nichts mehr da“, so Pater Rainer. „In der Gemeinde sind nur noch zwei-, dreihundert Leute.“

Heute ist Pater Rainer 35 Jahre dort. Der Stadtteil hat sich in dieser Zeit verändert. „Hier ist alles türkisch geworden.“, erzählt er. „Früher war hier ein sozial schwaches Gebiet. Messerstechereien und Kloppereien waren an der Tagesordnung. Heute ist hier Ruhe.“ Inzwischen gibt es sogar erste Ansätze von Zusammenarbeit mit islamischen Geistlichen. „In religiösen Fragen ist es zwar schwierig, aber die Moscheen haben Probleme die Jugendlichen anzusprechen, genau wie wir.“, sagt Pater Rainer.

„Verwahrloste Kinder sind unser größtes Problem. Jeden Tag gibt es bei uns mittags etwas zu essen für eine Gruppe von Kindern, und eine Schwester macht Schulaufgaben mit ihnen. Ein Mal konnten wir 15 Kinder für zwei Wochen nach Ameland schicken. Das war der erste Urlaub für sie. Und als sie zurück kamen haben sie mich voller Freude und Dank angesprungen.“, erzählt er lachend.

„Bis zu meinem 70. Geburtstag habe ich Schulstunden gemacht. Jetzt ist mein direkter Kontakt zu Jugendlichen nur noch sporadisch.“, so Pater Rainer. „Ich bin zu alt dafür.“ Zu alt ist er jedoch keineswegs für sein unermüdliches Engagement für die Bedürftigen im Duisburger Norden. Er und seine Haushälterin Fräulein Christel Plöderl helfen ganz praktisch: Am 4. Sonntag im Monat organisieren sie mit 15 ehrenamtlichen Helfern einen großen Mittagstisch für 120 Personen, und jeden Montagnachmittag gibt es eine Essensausgabe, zu der regelmäßig etwa 80 Bedürftige kommen. Außerdem haben sie ein „offenes Pfarrhaus“.

„Zu unserem Mittagstisch kommen viele Alleinstehende, aber auch Alleinerziehende mit ihren Kindern und Babys. Das hat sich geändert. Früher kamen Penner, jetzt Hartz-IV-Leute.“, erzählt Pater Rainer. „Und Fräulein Christel ist irgendwie die Mutter von allen. Es kommt vor, dass Menschen aus dem Knast kommen und sich bei ihr zurück melden.“

 

Pater Rainer und Fräulein Christel_klein

Fräulein Christel und Pater Rainer (Foto: Caroline Stollmeier)

 

Die Beiden leben Seelsorge. Sie kennen die bedürftigen Menschen, die immer wiederkommen, und ihre Geschichten. Wer an ihrer Tür klingelt, darf immer auf etwas zu Essen, ein Kleidungsstück und vor allem ein offenes Ohr hoffen.

Für das Mittagessen und bei der Essensausgabe bezahlen die Menschen einen Euro. „Das wollten die Leute selbst so.“, berichtet Pater Rainer, „Die wollen nichts geschenkt.“ Ansonsten wird alles ausschließlich spendenfinanziert.

„Meistens sind es materielle Probleme, die die Leute haben. Aber auch der Alkohol macht die Menschen fertig. Viele sterben früh. Wir machen viel Sterbebegleitung und Beerdigungen hier. Der Bischof hat uns die Erlaubnis gegeben jeden zu beerdigen, egal ob evangelisch, katholisch oder überhaupt getauft. Die Bedürftigen selber organisieren manchmal noch ein Kaffeetrinken, wenn einer von ihnen gestorben ist. Das ist dann immer sehr bewegend.“, erzählt er.

Aber Pater Rainer feiert auch gerne mit den Menschen, liebt die Gemeinschaft. Er genießt es nach den Proben des Kirchenchors noch bei einem Glas Wein oder Bier mit den Leuten zusammen zu sitzen. Natürlich hat er auch zu seinen Mitbrüdern in der Abtei einen engen Kontakt. Mindestens zur Vesper und zum Abendbrot ist er bei ihnen.

„Das ist das Schöne, wenn man in der Rente ist“, sagt er, „da hat man mehr Zeit. Mir sind meine Predigten und Ansprachen besonders wichtig. Die müssen jetzt nicht in einer halben Stunde fertig sein, sondern manchmal denke ich eine Woche lang jeden Tag darüber nach. Es ist eine Freude auf diese Weise wieder tiefer in das Leben Jesu zu geraten.“ Ab und zu sieht er jetzt auch fern.

Heute wirkt Pater Rainer durchweg ausgeglichen und zufrieden. Aber: „In jungen Jahren war es ein Problem, dass ich nicht geheiratet habe. Während des Studiums haben wir alle überlegt: Können wir das? Halten wir das durch? Und wenn man dann die Trauungen von fünf Geschwistern sieht, dann möchte man teilhaben an diesem Glück. Kinder fehlen und sich gemeinsam mit jemandem eine Zukunft aufzubauen. Als Seelsorger steht man fast immer alleine da.“

Fräulein Christel ist inzwischen seit 40 Jahren Pater Rainers Haushälterin und das „soziale Element“, wie er sagt. „Wir lieben uns nicht, aber wir verstehen uns.“, beschreibt er ihre Beziehung. „Sie ist für das Menschliche zuständig. Wenn man zölibatär zusammen lebt, dann ist da eine Distanz, aber es lässt sich auch Vieles machen.“

Beide haben schon einige Preise und Auszeichnungen für ihr beispielhaftes Engagement bekommen, zum Beispiel 1992 den Heinrich-Brauns-Preis für besondere Verdienste um die katholische Soziallehre für Pater Rainer. Sie freuen sich darüber, aber wichtig ist ihnen nur ihre Arbeit und dass sie den armen Menschen helfen können. „Was mir viel bedeutet, ist unsere Kirche.“, sagt er. „Die wurde nach dem Krieg von 60 Männern und Frauen innerhalb von zweieinhalb Jahren aus den zerstörten Häusern gebaut – ohne Architekt und ohne Geld. Die Kirche atmet immer noch diesen Geist des Wir-machen-das-selber.“

„Wichtig ist, dass die Menschen für einander da sind, damit alle gut leben können. Dann kann man auch in der Not mal lachen.“, sagt Pater Rainer, der eine Zeit lang in Brasilien gelebt hat und seitdem von der Theologie der Befreiung beeindruckt ist. „Beim einfachen Leben mit einfachen Menschen spürt man, was Jesus meint – das ist die frohe Botschaft.“

 

 

Spendenkonto:

Propstei St. Johann

Kontonummer.: 5137062125

Bankleitzahl: 35060386 (Volksbank Rheinruhr)

Verwendungszweck (bitte nicht vergessen!):

Mittagstisch St. Franziskus

 

Die Todesstatistik von Deutschland

Sie lieben Krimis? Sie sind mit den Tatorten dieser Welt vertraut und wissen, wie diverse fiktive Sondereinsatzkommandos mit unnatürlichen Todesfällen umgehen?

Statistiken hingegen finden Sie langweilig? Man kann ihnen sowieso nur trauen, wenn man sie selbst gefälscht hat?

Vielleicht habe ich dann hier etwas für Sie… Nein, keine selbstgefälschte Statistik! Sondern einen kurzen Blick auf bemerkenswerte Zahlen, hinter denen sich die wahren Todesfälle verbergen – buchstäblich vor Ihren Augen.

Das Statistische Bundesamt erhebt jährlich auf Basis der  Bescheinigungen leichenschauender Ärzte eine Statistik aller Todesursachen in Deutschland. Das dauert manchmal ziemlich lange, und zurzeit liegen die Daten nur bis zum Jahr 2007 vor.

„Im Jahr 2007 verstarben in Deutschland 827.155 Personen.“, heißt es in dem entsprechenden Bericht. 91 % dieser Menschen waren zum Zeitpunkt ihres Ablebens älter als 65 Jahre. 5.011 Personen verstarben in Folge eines Verkehrsunfalls, 461 durch die HIV-Krankheit.

Lassen Sie uns einen Moment innehalten. Der Tod gehört zum Leben. Das wissen wir. Das ist uns allen klar. Trotzdem, wenn ein Mensch stirbt, dann hinterlässt er immer eine Lücke. Dann gibt es andere Menschen, die hier geblieben sind, die trauern. Schön, wenn diese Menschen zum Trost sagen können: Aber er/sie hat ein erfülltes Leben gehabt…

Leider ist das nicht immer so. Wie vermutlich in den 9.402 Fällen, in denen Menschen durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ gestorben sind. Oder die 451 Personen, die Opfer eines tätlichen Angriffs waren.

Menschen, die sterben, hinterlassen Lücken. Dann fehlt jemand. Dann ist plötzlich jemand weg, der vorher da gewesen ist. Ein Mensch. Ein Jemand mit Eigenheiten, die einen in den Wahnsinn treiben konnten. Jemand, der sich immer um alles gekümmert hat. Jemand, der so leckeren Kuchen gebacken hat. Jemand, der ein Seelenverwandter war. Vielleicht jemand, den man nie vergessen möchte. Ein jeder einzelne von ihnen.

Wir haben diese Menschen gesehen, gehört. Wir haben mit ihnen geredet oder sie einfach nur im Fernsehen gesehen. Wir sind ihnen im Supermarkt begegnet oder im Büro. Und ihren Tod zu akzeptieren fällt uns schwer. Vielleicht suchen wir einen Schuldigen. Vielleicht hadern wir mit Gott. Aber würden wir sagen, weil es den Tod gibt, lohnt sich das Leben nicht?

Das Statistische Bundesamt erhebt noch eine weitere Statistik des Todes, nämlich über die Schwangerschaftsabbrüche in unserem Land. (Merkwürdigerweise sind die – unwiederbringlich – abgetriebenen Kinder nämlich in der oben genannten „Personen“-Zahl nicht enthalten.) Um jetzt nicht in den Verdacht zu geraten, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, lassen Sie uns gemeinsam einen Blick auf die Zahlen für 2007 werfen: 116.871 Kinder sind in diesem Jahr vor ihrer Geburt getötet worden.

Das Statistische Bundesamt verrät uns, dass 2007 bei 30.650 Personen eine „nichtnatürliche Todesursache“ festgestellt wurde. Nun wird man zugestehen müssen, dass das ungeborene Kind bei einem Schwangerschaftsabbruch nicht auf natürliche Weise ums Leben kommt. Statistisch gesehen erhöht sich die Zahl der nichtnatürlichen Todesfälle damit also um etwa 280 %.

Jeder Mensch, der stirbt, hinterlässt eine Lücke. Ob wir sein Gesicht kennen oder nicht – jeder Mensch ist von Anfang an einzigartig. Und ob es sich zu leben lohnt, sollte jeder einzelne Mensch selbst herausfinden dürfen.  

   

(Foto: Caroline Stollmeier)

(Foto: Caroline Stollmeier)

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