Bischöfin Käßmann und der Krieg

Kommentar

Wenn eine Bischöfin politisch wird, muss sie das Echo vertragen können, und auch mir war die Kritik am deutschen Afghanistan-Einsatz in ihrer Neujahrspredigt  allzu undifferenziert. Irgendwann allerdings, für meinen Geschmack heute, ist das Maß voll: mit dem Käßmann-Bashing von Jan Fleischhauer, „Käßmanns kleine Geschichtsstunde“, dem kaum verklausulierten Vorwurf, die Bischöfin hätte in ihrem Radikalpazifismus sogar die Herrschaft Hitlers  über Europa in Kauf genommen.

Als Beweis dient Fleischhauer ein Interview mit Bischöfin Käßmann, das die Berliner Zeitung Heiligabend veröffentlichte. Darin erklärt die Bischöfin, für die EKD gebe es keinen gerechten Krieg, allenfalls Kriterien, mit denen man einen Krieg rechtfertigen könne – und was zur Zeit in Afghanistan geschehe, genüge diesen Kriterien nicht.

Die dann folgende Frage, wie man denn Hitler anders als mit Krieg hätte begegnen können, beantwortet Bischöfin Käßmann mit der Einschätzung, dass die Kriegsgegner Deutschlands die nichtkriegerischen Alternativen nicht ausgeschöpft hätten, eine Stärkung der Opposition beispielsweise. Das Scheitern der Appeasement-Politik, vom Interviewpartner ins Gespräch gebracht, genügt der Bischöfin offenbar nicht als Beweis ausreichenden Bemühens um nichtkriegerische Lösungen.

Ich weiß nicht, ob die Bischöfin Recht hat. Ihre Kritik am Fehlen von Strategien bei den späteren Kriegsgegnern Deutschlands ist jedenfalls nicht schon allein durch den Hinweis auf die mit Chamberlain verbundene Appeasement-Politik widerlegt. Denn eine einheitliche Appeasement-Politik hat es nicht gegeben – England und Frankreich zogen keineswegs immer am selben Strang.

Ganz sauer stößt Fleischhauers Verhöhnung des deutschen Widerstands auf („Nicht jedem fallen auf Anhieb die Zigtausenden im Widerstand ein, die nur auf ein Signal aus London oder Washington zum Losschlagen gewartet haben“), von dem man weiß, dass er sehr wohl auf Signale aus London gewartet hat – und ausgerechnet durch die Appeasement-Politik entmutigt wurde.

Angesichts von Hitlers Lebensraum-Ideologie fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass jener Führer früher oder später doch zum Eroberungskrieg geschritten wäre. Dennoch ist der Hinweis von Bischöfin Käßmann auf Versäumnisse der späteren Kriegsgegner Deutschlands grundsätzlich berechtigt, denn auch Engländern, Franzosen und vor allem Polen wäre womöglich bei einer nichtkriegerischen Eindämmung Deutschlands bzw. Hitlers viel Leid erspart geblieben.

Bischöfin Margot Käßmann warnt grundsätzlich vor Krieg und fordert das Anlegen strenger Maßstäbe vor der Entscheidung zum Gebrauch der Waffen. Auf diese Diskussion sollte man sich umso mehr einlassen, wenn man im Einzelfall anderer Meinung ist als die Bischöfin. Wer die Diskussion umgeht, indem er die Bischöfin zur Auschwitz-Relativiererin stempelt, erhöht die eigene Glaubwürdigkeit nicht.

„Bagatellkündigungen“ – maßlos und ungerecht?

Nicht nur Gewerkschafter waren empört, als das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg die fristlose Kündigung der Supermarktkassiererin Barbara E. („Emmely“) bestätigte: Sie wurde dringend verdächtigt, zwei von einem Kunden verlorene Pfandbons im Wert von zusammen 1,30 Euro an sich genommen und eingelöst zu haben.  Eine Reihe ähnlicher Fälle wurde im Laufe des Jahres 2009 bekannt, vor allem der „Maultaschen-Fall“ und der „Brotaufstrich-Fall“ – und der Gegensatz zwischen den jeweils geringen Beträgen, um die es ging, zu Millionenabfindungen für Bankmanager in der Finanzkrise, warf in der Tat für viele Bürgerinnen und Bürger die Frage auf: Ist das noch gerecht? Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen?

Inzwischen bemüht sich die SPD um eine Gesetzesänderung: Bei „Bagatelldelikten“ soll der Arbeitgeber zunächst zu einer Abmahnung verpflichtet sein und erst im Wiederholungsfall kündigen dürfen. Die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts verteidigte geltende Rechtslage und aktuelle Rechtsprechung – und zog massive Kritik auf sich.  Hat sie trotzdem recht?

„Eigentlich ist dieser Streit ein alter Hut“, meint Urs Peter Janetz, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Dozent für Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht, „das Bundesarbeitsgericht hat derartige Fälle schon vor Jahrzehnten abgehandelt und immer eine strenge Haltung eingenommen. Das ist logisch, denn auch kleine Diebstähle zerstören das Vertrauensverhältnis. Würde man das anders sehen, käme man von einem Problem zum nächsten: Bei welchem Wert ist Schluss? Brutto oder Netto? Einkaufs- oder Verkaufspreis? Letztlich stellt sich die Frage: Wie viel darf man quasi straffrei stehlen? Die Einführung einer Bagatellgrenze ins Gesetz würde die Rechtssicherheit in Wirklichkeit eher verringern. Im Übrigen eröffnet auch das Strafrecht die Möglichkeit, Bagatelldiebstähle zu verfolgen, und das wird auch gemacht.“

Dennoch sind Arbeitnehmer keineswegs der Willkür von Vorgesetzten ausgeliefert. „Im Einzelfall kann die Bewertung sehr unterschiedlich ausfallen“, erläutert Janetz, „was in einem Unternehmen Diebstahl ist, kann in einem anderen betriebsüblich sein – der Verzehr übriggebliebener Brötchen durch die Mitarbeiter zum Beispiel. Im Fall der Kündigung wegen mitgenommener Maultaschen lag dagegen ein ausdrückliches Verbot des Arbeitgebers vor, und in einem solchen Fall ist der Mitarbeiter wirklich selber schuld.“

Jede Kündigung wegen eines kleinen Diebstahls kann rechtmäßig sein. Aber nicht jede ist es:  Die Kündigungen gegen zwei Bäcker wegen unerlaubten Verzehrs eines Brotaufstrichs allerdings wurden am 9. März 2009 vom Dortmunder Arbeitsgericht bzw. vom Landesarbeitsgericht Hamm aufgehoben. Im Fall des einen Bäckers war der Betriebsrat nicht angehört worden, obwohl der Betroffene selbst Betriebsratsmitglied war, im Fall des anderen vermisste das Gericht angesichts seiner 20-jährigen Betriebszugehörigkeit die Verhältnismäßigkeit.

Wie ist es aber, wenn der gekündigte Mitarbeiter den Diebstahl, den man ihm vorwirft, überhaupt nicht begangen hat? Guntram Schneider, Vorsitzender des DGB in NRW, stört sich vor allem daran, dass „arbeitsrechtlich allein auf Grundlage eines Verdachts die Höchststrafe verhängt werden kann.“ Regelmäßig taucht zudem der Verdacht auf, Diebstahlsvorwürfe dienten vorwiegend dazu, gewerkschaftlich engagierte Beschäftigte loszuwerden. Von diesem Missbrauchsverdacht ist es nicht mehr weit bis zu der Vermutung, der Arbeitgeber wirke gegebenenfalls auf andere Mitarbeiter ein, damit sie gegen den Verdächtigten aussagen.

„Solche Verschwörungen können vorkommen“, räumt Urs Peter Janetz ein, „aber sie sind mit Sicherheit selten. Denn eine uneidliche Falschaussage wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft, ein Meineid sogar noch höher. Und auch für die Anstiftung dazu kann es mehrere Jahre Freiheitsstrafe geben. Hinzu kommt noch Prozessbetrug. Das dürfte eine erfolgreiche Kündigung den wenigsten Unternehmen wert sein.“

Im Fall der Supermarktkassiererin Barbara E. hat das Gericht diese Möglichkeit übrigens ausdrücklich geprüft und kleine Unterschiede zwischen den Zeugenaussagen zum Indiz genommen, dass keine Absprachen und folglich auch keine Beeinflussung durch den Arbeitgeber vorgelegen hätten. 

Ebenfalls ausdrücklich hat sich das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg mit dem Tatverdacht gegen Barbara E. befasst – für eine Kündigung müsse ein schwerwiegender Tatverdacht vorliegen: „Eine Verdachtskündigung ist dann zulässig, wenn sich starke Verdachtsmomente auf objektive Tatsachen gründen, die Verdachtsmomente geeignet sind, das für die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses erforderliche Vertrauen zu zerstören, und der Arbeitgeber alle zumutbaren Anstrengungen zur Aufklärung des Sachverhalts unternommen, insbesondere dem Arbeitnehmer Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hat. Dabei sind an die Darlegung und Qualität der schwerwiegenden Verdachtsmomente besonders strenge Anforderungen zu stellen, weil bei einer Verdachtskündigung immer die Gefahr besteht, dass ein “Unschuldiger” betroffen ist. Der notwendige, schwerwiegende Verdacht muss sich aus den Umständen ergeben bzw. objektiv durch Tatsachen begründet sein. […] Bloße auf mehr oder weniger haltbare Vermutungen gestützte Verdächtigungen reichen dementsprechend zur Rechtfertigung eines dringenden Tatverdachts nicht aus.“

Diese Bedingungen sah das Gericht im Fall der Supermarktkassiererin Barbara E. als erfüllt an. Trotzdem war ihre Klage auf Unwirksamkeit der fristlosen Kündigung damit noch nicht erledigt. Nach Auffassung des Gerichts spielt auch bei Vorliegen eines schwerwiegenden Verdachts oder auch eines Beweises für die Verhältnismäßigkeit einer Kündigung die Frage eine Rolle, welches künftige Verhalten vom Beschäftigten zu erwarten ist. Es ist grundsätzlich möglich, früheres Fehlverhalten durch spätere Vertragstreue auszugleichen.

Diesen Weg aber hatte sich Barbara E. mit der Begründung ihrer Klage versperrt.  Sie hatte vorgetragen, nach ihrer Auffassung könnten die Vorwürfe ihres Arbeitgebers eine Kündigung von vornherein nicht rechtfertigen: „Bagatellstraftaten gegen das Eigentum und das Vermögen des Arbeitgebers seien nicht so gravierend, als dass eine Kündigung überhaupt in Betracht käme.“ Sie fügte noch hinzu, im Übrigen sei gar nicht der Arbeitgeber geschädigt worden sondern der Kunde, der die Pfandbons verloren hatte. Das Gericht fand, eine solche Argumentation signalisiere dem Arbeitgeber, dass auch künftig ähnliche Vorfälle nicht auszuschließen seien – und hielt deshalb die fristlose Kündigung für angemessen.

„Das ist der einzige Teil der Urteilbegründung, der sich als problematisch erweisen könnte“, meint Fachanwalt Urs Peter Janetz, „denn während das Argument selbst inhaltlich schlüssig ist, steht keineswegs fest, dass der Arbeitgeber diese Haltung seiner Angestellten bereits zum Zeitpunkt der Kündigung kannte. Diese Frage wird in absehbarer Zeit das Bundesarbeitsgericht klären – es hat den Fall zur Revision angenommen.“

Unabhängig davon, was man persönlich über „Bagatellkündigungen“ denkt: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten gewarnt sein und im Zweifelsfall den Arbeitgeber fragen, bevor sie sich in Gefahr begeben. Die Rechtsprechung ist so eindeutig, dass man hinterher nie sagen kann, man hätte es vorher nicht besser gewusst.

Dennoch haben auch Arbeitgeber keineswegs einen Blankoscheck: Für die Verhältnismäßigkeit einer Kündigung interessiert sich im Zweifelsfall nicht nur das Gericht. Auch die Kunden können verärgert reagieren, wenn ihnen eine Kündigung maßlos erscheint; wenn es um Vertrauen geht, sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht unter sich.

Geschäft Abtreibung

Schwangerschaftsabbrüche sind nicht nur eine unzählig oft erlebte menschliche Tragödie, sondern inzwischen auch ein Milliardengeschäft. In ihrem Buch „Geschäft Abtreibung“ deckt die Journalistin Alexandra Maria Linder auf, wer von der Tötung ungeborener Kinder finanziell profitiert.

Ein bemerkenswertes Beispiel: Viren vermehren sich nur in lebenden Zellen. Wenn man also Impfstoffe gegen Virenerkrankungen wie Masern, Mumps und Röteln herstellen will, muss man auf lebende Organismen zurückgreifen. Linder fand heraus, dass die Hersteller vieler in Deutschland gängiger Impfpräparate Viren auf Zellen abgetriebener Kinder züchten.

Und ein weiteres, vielleicht noch erschreckenderes Beispiel: Für die kosmetische Faltentherapie wird häufig Kollagen benutzt. Kollagen ist ein Bestandteil der menschlichen Haut, der auch aus Rindern gewonnen werden kann. Linder macht darauf aufmerksam, dass verschiedene Hersteller von Anti-Aging-Produkten jedoch auf Kollagen aus Föten zurückgreifen.

„Dieses Buch möchte Sie aufklären über Fakten und Hintergründe, die Ihnen bisher nicht bekannt sein werden. Es wird Ihnen vielleicht Illusionen nehmen. Illusionen darüber, dass das Recht auf Leben und der Lebensschutz im Mittelpunkt staatlicher und internationaler Aktivitäten stehen und dass diese Rechte nicht für kommerzielle und ideologische Zwecke missbraucht werden. (…) Dieses Buch wird Ihnen zeigen, dass in unserer Zeit die Chance, das Licht der Welt zu erblicken, ein gefährdetes Privileg geworden ist.“, heißt es in der Einleitung.

Linder scheut deutliche Worte nicht. Auch im „richtigen Leben“ engagiert sie sich für das Lebensrecht. Im Gespräch mit Moralblog sagt die dreifache Mutter, was ihr dabei besonders am Herzen liegt: „Zum einen die Aufklärung und Hilfe für Frauen, die überwiegend nicht freiwillig und schon gar nicht ‚selbstbestimmt’ abtreiben, was uns bestimmte interessierte Kreise gerne erzählen möchten. Abtreibung ist unnatürlich und unmenschlich.

Zum anderen das Recht der Kinder auf ihr eigenes Leben. Es gibt nichts, was deren Tötung rechtfertigen kann. Wenn jeder das weiß und entsprechend handelt, können wir die meisten Kinder retten und die Frauen vor einem Trauma bewahren – unabhängig von der Gesetzeslage, auf die man sich leider nicht verlassen kann.“

Aus tiefer Überzeugung möchte Linder einer Frau in einer Konfliktsituation sagen: „Sie erlebt einen der faszinierendsten Momente, die ein Mensch überhaupt erleben kann: das Entstehen und die Entwicklung eines ganz neuen Menschen, ihres Kindes, dem sie auf die Welt helfen darf.

Sie leistet mit Schwangerschaft und Geburt unglaublich viel, sowohl körperlich wie geistig, ganz abgesehen von der Zeit, die darauf folgt. Und für diese Leistung hat sie das Anrecht, jede nur erdenkliche Hilfe von allen Seiten zu bekommen.

Schwangerschaft und Mutterschaft ist weder eine niedere Tätigkeit noch der Tod der Selbstverwirklichung oder der Lebensplanung, sondern das genaue Gegenteil davon.“

Linder, Alexandra M.: Geschäft Abtreibung, Augsburg, 2009, ISBN 987-3-86744-084-4, 18,90 Euro.

„Für mich soll niemand ausgeweidet werden“

Vom Mut zum Leben ohne Spenderherz

Alfred Garbens* Leben änderte sich nicht mit einem Schlag, sondern mit sechs. Genauer gesagt: in einer Nacht hatte er sechs Schlaganfälle und eine Thrombose an der Herzkammerwand. Das ist ziemlich genau drei Jahre her. Er hat es überlebt.

Der ehemalige Anwalt aus Düsseldorf musste seinen Beruf aufgeben. Obwohl er gesund wirkt, muss er damit rechnen, dass seine Ärzte ihm bald dringender zu einer Herztransplantation raten. Mit diesem Thema hat sich Alfred Garben jedoch schon auseinander gesetzt: „Ich möchte nicht, dass ein Mensch wegen mir künstlich am Leben gehalten und dann ausgeweidet wird. Mit einem solchen Organ könnte ich nicht leben.“

Ihm ist klar, dass sich seine Lebenserwartung um zwanzig bis dreißig Jahre verringert, wenn er auf die Transplantation verzichtet. Eine selbstbewusste Entscheidung, die vor allem seine Ehefrau nicht leicht akzeptieren kann.

Vor drei Jahren musste Alfred Garben durch Notärzte wiederbelebt werden. Die Schilderung seiner Nahtoderfahrung geht ihm noch immer sehr nah: „Ich sah das Licht und fühlte einen unendlichen Frieden. Alles war so friedlich, ich wollte nur noch dort bleiben.“

„Jetzt hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren.“, kann Alfred Garben heute sagen.

Seine Erfahrung, seinen Mut und sein Mitgefühl teilt er inzwischen täglich mit Menschen, die im Sterben liegen. Er hat sich als ehrenamtlicher Sterbebegleiter der deutschen Hospizbewegung angeschlossen.

Manchmal kommt es vor, dass diese Menschen sterben, während Alfred Garben gerade bei ihnen ist. „Ich halte ihre Hand, und die wird dann langsam kalt. Dann weiß ich, dass es vorbei ist und alles im Reinen.“

„Früher habe ich oft an die Zukunft gedacht. Das ist mir alles gleichgültig geworden. Ich lebe Tag für Tag. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass das Leben endlich ist.“, kann Alfred Garben heute gelassen sagen.

 

* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt, wird aber auf Wunsch der genannten Person nicht veröffentlicht.

5.000 Euro für ein Menschenleben

Kratzt man irgendwo ein bisschen an der Oberfläche, dann können sich Abgründe auftun. Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2008 insgesamt 114.484 Schwangerschaftsabbrüche registriert.

114.484 Babys, die nie geboren wurden. 114.484 Leben, die nie gelebt werden können. – Das sind Hunderte an jedem einzelnen Tag. In Deutschland.

Nach Schätzungen von Manfred Spieker, Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück, ist die tatsächliche Zahl der Schwangerschaftsabbrüche doppelt so hoch. Er führt das auf Ungenauigkeiten in der statistischen Datenerhebung zurück.

Welche Zahl nun gilt – sie muss erschrecken.

Aber hier geht es nicht um Statistiken, denn hinter jedem Schwangerschaftsabbruch steht eine Geschichte. Man wird unterstellen dürfen, dass die allerwenigsten Frauen diesen Schritt leichtfertig machen. Ein Abbruch ist schließlich kein Verhütungsmittel.

Brigitta Thurmaier spricht für das seit Oktober laufenden Projekt 1000plus: „Wir wollen in den nächsten Jahren tausend und mehr Frauen helfen, ihre Babys zu retten.“ Und dabei setzt das Projekt auf qualifizierte Beratung konsequent hin zum Leben. Die 1000plus-Beratung ist eine von wenigen „scheinfreien“ in Deutschland.

Nach § 218 StGB ist ein Schwangerschaftsabbruch zwar grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar, es gibt aber Ausnahmen. Eine davon ist die so genannte Beratungsregel, die besagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch der Schwangeren von einem Arzt durchgeführt werden kann, wenn die Schwangere durch eine Bescheinigung nachweist, dass sie mindestens drei Tage zuvor eine Schwangerenkonfliktberatung nach § 219 StGB in einer anerkannten Beratungsstelle bekommen hat.

1000plus stellt keine Beratungsscheine aus. Das würde nicht zum Selbstverständnis und zum klaren Bekenntnis zum Leben passen. Befürchtungen, dass 1000plus aus diesem Grund nicht genügend Frauen in Konfliktsituationen erreichen könnte, kann Brigitta Thurmaier sofort entkräften: „Wie müssen regelmäßig unsere Internet-Werbung abschalten lassen, weil sich mehr Frauen melden, als wir zur Zeit beraten können. Wir brauchen zuerst noch mehr Beraterinnen.“

Dass eine Frau sich nicht (uneingeschränkt) über ihre Schwangerschaft freut, kann viele Gründe haben. Beispielsweise, dass sie noch mitten in der Ausbildung oder im Studium ist, dass keine stabile Partnerschaft zum Vater des Kindes besteht oder dieser sie sogar zur Abtreibung drängt, dass sie sich wegen bereits geborener Kinder überfordert fühlt oder dass ihre Wohnung ungeeignet scheint.

In einer sensiblen und individuellen Beratung geht es an erster Stelle um die betroffenen Frauen. Ihre Probleme gilt es gemeinsam zu lösen und Wege zu finden, Krisen und Ängste zu überwinden. Erst dann können sie mit Herz und Verstand ja zu ihrem Baby sagen.

Neben der Beratung ist unmittelbare materielle Hilfe ganz wichtig. 1000plus bietet Frauen im Konflikt konkrete Unterstützung an. Beispielsweise hilft 1000plus bei der Suche nach einer größeren Wohnung, vermittelt auf Wunsch Plätze in Mutter-Kind-Heimen, stellt eine Tagesmutter zur Verfügung oder zahlt für die ersten Jahre Zuschüsse zum Lebensunterhalt für das Kind.

„Nach unserer Erfahrung brauchen wir etwa 5.000 Euro, um einer Frau zu helfen, damit sie sich für ihr Kind entscheiden kann.“, sagt Brigitta Thurmaier. Da 1000plus keine Steuerzuschüsse bekommt (weil keine Beratungsscheine ausgestellt werden), muss diese Hilfe komplett durch Projektpartner wie die STIFTUNG JA ZUM LEBEN und andere Unterstützer aufgebracht werden.

Frauen, die Hilfe suchen, werden in der Regel monatelang, manchmal sogar über Jahre, begleitet. „Die Erfahrung beweist, dass sich die überwältigende Mehrheit der Frauen – im Jahr 2008 waren es 84 Prozent – für ihr Baby entscheidet, wenn sie intensive Beratung und Begleitung bekommen.“, kann Brigitta Thurmaier berichten. Damit mehr Frauen im Konflikt geholfen werden kann, will 1000plus mehr Beraterinnen ausbilden, um das erfolgreiche „scheinlose“ Beratungskonzept auf ganz Deutschland auszuweiten. Dafür ist 1000plus auf der Suche nach Kooperationspartnern.

1000plus wünscht sich MitMACHER: Kommunikative Menschen, die sich klar für das Leben aussprechen, die hinsehen und protestieren, wenn Schwangerschaftsabbrüche irgendwo als normal dargestellt werden, die ihre Freude am (ungeborenen) Leben teilen und die zur Verbreitung der 1000plus-Botschaft beitragen.

Und natürlich geht es bei 1000plus auch um Geld – wie heutzutage fast überall. Aber nicht überall ist so leicht nachvollziehbar, wie Geld erfolgreich Menschen-Leben retten kann…

 1000plus für das Leben

Mehr Informationen über das Projekt 1000plus und die Möglichkeit, selbst MitMACHER zu werden, gibt es auf: www.1000plus.de

Rechtsstaat für alle

Kommentar: Religionsfreiheit ist nicht verhandelbar

In der Schweiz dürfen Moscheen jetzt nur noch ohne Minarett errichtet werden. Das ist das Ergebnis einer Volksabstimmung am 29. November, die weltweit Aufsehen erregt. Die Urteile gehen dabei weit auseinander: Empörung in vielen muslimischen Ländern, Sorge beim Heiligen Stuhl, Zustimmung bei Hendryk M. Broder  („Einer muss den Anfang machen“) und sogar Versuche, auch in Deutschland ein Volksbegehren gegen Minarette zu starten.

Dabei geht es natürlich nicht um Minarette. Minarette sind ein Symbol, im Fall der Schweizer Volksabstimmung ein Symbol für Islamismus und Islamisierung,  ein Symbol für die Gefahr, dass in 20 Jahren auch bei uns nur noch die Scharia gilt.

Und es ist ja auch wahr, dass nicht wenige muslimische Funktionäre in Deutschland immer wieder so klingen, als wären sie in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht wirklich zuhause. Und dass es Islamisten gibt, die sich erst wirklich wohl bei uns fühlen werden, wenn die Rechtslage in Deutschland ungefähr so ist wie in Saudi-Arabien – wobei schwer einzuschätzen ist, ob das mehr ist als eine lächerlich kleine Minderheit.

Recht haben auch Broder und andere mit dem Hinweis auf die Lage der Christen zum Beispiel in Saudi-Arabien und selbst in der laizistischen Türkei, wo es ein großer Fortschritt wäre, wenn wenigstens Kirchen ohne Türme gebaut werden dürften. Es ist wahr: Nicht jeder, der jetzt empört ist, gesteht den Christen in seinem Land zu, was er für die Muslime in unserem fordert.

Trotzdem haben die Befürworter des Minarettverbots grundsätzlich unrecht. Denn für eine Entscheidung darüber, ob man die in unserem Land lebenden Muslime in ihrer Religionsausübung auch nur einschränkt, ist nicht etwa wesentlich, wie anpassungsbereit diese Muslime sind, und auch nicht, wie gut in ihren Herkunftsländern die Christen behandelt werden (obwohl es angebracht ist, darüber zu sprechen, und zwar deutlich).

Wesentliche Voraussetzung für eine Einschränkung der hier lebenden Muslime in ihrer Religionsausübung wäre vielmehr, dass diese Maßnahme unseren Grundwerten entspräche. Wollen wir wirklich aus Angst oder zur Vergeltung unsere eigenen Prinzipien verraten?

Gilt nicht unser Grundgesetz für unser ganzes Land und für alle Menschen, die hier wohnen? Können wir wollen, dass andere Länder darüber entscheiden, wer in unserem Land welche Rechte ausüben darf? Bei konsequenter Anwendung des „Tit for tat“ (Broder) müsste ja sorgfältig unterschieden werden zwischen Muslimen aus Indonesien oder Syrien (relativ viele Rechte) und Muslimen aus Saudi-Arabien (Verhaftung bei Koranbesitz).

Es ist richtig, dass die Politik die Sorgen der Bürger vor einer Islamisierung ernster nehmen muss als bisher, indem sie zum Beispiel unsere Gesetze im ganzen Land durchsetzt. Vor allem aber muss sie besonnen bleiben. Der gesunde Menschenverstand ist ein guter Ratgeber. Das gesunde Volksempfinden nicht.

Was macht mein Geld, wenn ich nicht hinsehe?

Manfred* liebt diese kurzen ungewiss-spannungsvollen Augenblicke, in denen er vor seinem Briefkasten steht und noch nicht weiß was drinsteckt. Welche Überraschungen mag die Welt für ihn haben?

Vor kurzem fand er einen dicken Umschlag mit dem T-Logo drauf. Was mochte die Telekom noch von ihm wollen? Längst war er kein Kunde mehr. Zu oft war er von Service und Angeboten enttäuscht worden.

Das Rätsel um den Brief war schnell gelöst. Der Umschlag enthielt Manfreds Einladung zur Hauptversammlung des Unternehmens. Nach kurzem Besinnen fiel Manfred wieder ein, dass er vor Jahren T-Aktien gekauft hatte. Aber das hatte er inzwischen fast vergessen.

Alles hatte damit angefangen, dass seine Freunde, Kollegen und Bekannten plötzlich wie vom Börsen-Fieber befallen waren. Jeder wollte Shareholder sein, winzige Teile von Unternehmen besitzen und gutes, schnelles Geld „machen“. Ganz einfach. Selbst Manfreds Mutter gehörte dazu.

Im Jahr 2000 war der Halbleiterhersteller Infineon an die Börse gegangen. Und wegen des großen Medienrummels und des allgemeinen Aktien-Fiebers wollten die Menschen viel mehr von diesen Aktien kaufen, als es überhaupt gab. Manfreds Mutter gehörte zu den Überglücklichen, denen eine Handvoll Aktien zugeteilt wurden. Sie habe gewonnen, erzählte sie daraufhin stolz.

Manfred bezweifelte, dass seine Mutter überhaupt wusste, was Halbleiter sind und wofür man sie benutzt. Erst recht konnte er sich nicht vorstellen, dass sie eine Ahnung davon hatte, welche Stellung Infineon im Wirtschaftsgeschehen hat und wie die nahen und fernen Zukunftsprognosen aussahen.

Manfred ließ den Infineon-Zug abfahren ohne aufzuspringen. Er fühlte sich jedoch zunehmend als Außenseiter, als Miesmacher, als jemand, der die Zeit verschläft. Als seine Mutter dann auch noch wenige Wochen später berichtete, dass sie einen Teil ihrer Aktien wieder verkauft und durch die unglaubliche Kursentwicklung ihren ursprünglichen Einsatz schon wieder heraus bekommen hätte, da war Manfred sprachlos. Und weil er kein Argument mehr dagegen hatte, wollte er jetzt auch Aktien kaufen.

In diesem Moment fiel ihm die „Volksaktie“ ein. Die Deutsche Telekom vergab auch Aktien – an jeden, der welche haben wollte. Und die Telekom kannte Manfred. Telefonieren tat doch schließlich jeder. Und das würde auch immer so bleiben. Eine T-Aktie ist also eine solide Sache. Manfred ist ein Typ, der nicht gerne unnötige Risiken eingeht.

Für 751,20 Euro (damals natürlich noch als Äquivalent in D-Mark) kaufte er Telekom-Aktien. Und von diesem Tag an gehörte er zum Club. Er war nun Aktionär wie seine Freunde, Kollegen und Bekannten. Und wie seine Mutter.

Im Laufe der Zeit ebbte das Aktien-Fieber wieder ab. Glücklich waren inzwischen diejenigen, die nur mit Geld spekuliert hatten, dass sie im Grunde nicht benötigten. Manfred hörte von niemandem, dass der schnelle Reichtum eingetreten war. Und ganz allgemein wurde über Aktien nun wenig gesprochen.

Manfred hielt noch immer den Brief mit der Einladung in der Hand. Ohne in seinen Kalender zu sehen wusste er, dass er am Tag der Hauptversammlung etwas Besseres vorhaben würde. Genau wie auch in den Jahren zuvor.

Manfreds Geld arbeitete noch für die Telekom. Aber sein Bekannter Willi* nicht mehr. Denn dem wurde im Rahmen irgendeines Einsparprogramms gekündigt. Und wenn Manfred Fragen zu seinem Telefon hatte, dann rief er jetzt eine Servicenummer an, unter der er sofort einen echten Menschen erreichte, der ihm wirklich helfen konnte.

Da stimmt doch etwas nicht mehr, dachte sich Manfred. Bei der nächsten Gelegenheit machte er sich auf den Weg zu seiner Bank um zu erfragen, welchen Wert seine Telekom-Aktien heute haben. Immerhin 794,58 Euro. Er gehörte also nicht zu den Menschen, die in der Finanzkrise ihre Existenzgrundlage verloren hatten. Manfred war eben vorsichtig. Und die Telekom-Aktie eine solide Geldanlage.

Manfred ist nicht reich. Deshalb hat er weder viel Geld zu verschenken noch zu verschleudern. Aber er hat sein Geld aus den Augen gelassen. Das war ein Fehler, wie er im Nachhinein sagen muss. Sein Geld hat dazu beigetragen, dass es ein Unternehmen am Markt gibt, das ihn selber als Kunden im Stich lässt und seine Mitarbeiter auch.

Am gleichen Tag noch hat Manfred seine Telekom-Aktien verkauft. Letztlich hat er mit dieser Anlage zwar keinen Gewinn gemacht. Aber immerhin weiß er jetzt wieder wo sein Geld ist. Das macht ihn froh.

Und heute hat Manfred zwei Umschläge aus dem Briefkasten gezogen. Es sind Spendenaufrufe wie er sie in diesen Adventstagen beinah täglich erhält. Manfred öffnet sie. Er ist nicht reich. Und er hat wenig Geld zu verschenken. Aber ein bisschen eben doch. Und das tut er dort, wo er sein Geld ruhig aus den Augen lassen kann. Denn an manchen Orten muss Geld eben nicht nur arbeiten, sondern darf auch Gutes tun.

 

* Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt, werden aber auf Wunsch der genannten Personen nicht veröffentlicht.

Auszeichnung für die Beratungsstelle Nachtfalter

Der ktpBKK Solidaritätspreis belohnt Hilfe für Opfer von Menschenhandel

„Zwischen siebzig und einhundert Frauen gehen in Essen auf den Straßenstrich“, sagt Anika Wöhrle: „Etwa jede vierte ist drogenabhängig. Wahrscheinlich mehr als die Hälfte sind Opfer von Menschenhandel. Die meisten dieser Frauen kommen aus Bulgarien und Rumänien und gehören dort zu einer benachteiligten ethnischen Minderheit. Sie können weder lesen noch schreiben, und ihre Rechte kennen sie natürlich auch nicht.“

Anika Wöhrle spricht über die Arbeit der Beratungsstelle Nachtfalter. Bild: Christoph Grätz
Anika Wöhrle spricht über die Arbeit der Beratungsstelle Nachtfalter. Bild: Christoph Grätz

 

Anika Wöhrle ist Sozialpädagogin in der Essener Beratungsstelle Nachtfalter. Mit ihren Kolleginnen berät und betreut sie Prostituierte auf dem Straßenstrich und in den Bordellen. Allein im Jahr 2009 haben die Beraterinnen vom Nachtfalter 70 Frauen einen neuen Anfang ermöglicht. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Die Arbeit der Beraterinnen findet Anerkennung: Am 27. November 2009 erhielt die Beratungsstelle Nachtfalter den mit 2 500 Euro dotierten ktpBKK Solidaritätspreis. Mit diesem Preis zeichnet die 1836 von Alfred Krupp und seinen Arbeitern als „Hülfs-Krankenkasse“ gegründete ktpBKK jährlich eine Gruppe bzw. Einrichtung aus, die in beispielhafter Weise Solidarität übt.

Freuen sich über den ktpBKK Solidaritätspreis 2009 (von links): Stadtdechant Dr. Jürgen Cleve, Anika  Wöhrle vom Nachtfalter, Caritasdirektor Heinrich Verweyen, Oberbürgermeister Reinhard Paß, Reiner Geisler (Vorstandsvorsitzender der ktpBKK) und Stefanie Eickmeier (Vorstand ktpBKK). Bild: Christoph Grätz
Freuen sich über den ktpBKK Solidaritätspreis 2009 (von links): Stadtdechant Dr. Jürgen Cleve, Anika Wöhrle vom Nachtfalter, Caritasdirektor Heinrich Verweyen, Oberbürgermeister Reinhard Paß, Reiner Geisler (Vorstandsvorsitzender der ktpBKK) und Stefanie Eickmeier (Vorstand ktpBKK). Bild: Christoph Grätz

 

„Hier geht es um eine Art von Not, an die die meisten von uns kaum einen Gedanken verschwenden“, begründete der ktpBKK-Vorstandsvorsitzende Reiner Geisler die Auszeichung des Nachtfalters, „dafür verdienen alle, die den Nachtfalter fördern, Dank. Vor allem aber verdienen die mutigen Frauen Dank, die diese Arbeit jeden Tag machen. Es ist eine schwere Arbeit, bei der sie sehr viel Unrecht mitansehen müssen. Aber vor allem ist es eine gute Arbeit, mit der sie Menschen helfen können, die dringend Hilfe brauchen.“

„Solidarität besteht nicht aus Lippenbekenntnissen“, lobte Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß das Engagement der Beraterinnen, „nur wenn wir uns füreinander einsetzen, funktioniert unsere Gesellschaft – und Sie setzen sich ein!“

Stadtdechant Dr. Jürgen Cleve, zugleich Vorstand des Essener Caritasverbandes, beschrieb die Arbeit des Nachtfalters als Konkretisierung des Caritas-Leitspruchs „Not sehen und helfen“, als vorbildlichen christlichen Weg: „Wer Gott finden will, muss auf den Menschen schauen – Sie tun das.“

Die Beratungsstelle Nachtfalter wird vom Caritasverband für die Stadt Essen e. V. in Kooperation mit dem Gesundheitsamt der Stadt Essen getragen. Sie wird vom Land NRW unterstützt und arbeitet eng mit allen Behörden zusammen. Das macht vieles möglich, von der Krankenversicherung bis zur Aufenthaltsgenehmigung.

Eine Schlüsselrolle spielen bei der Betreuung der hilfesuchenden Frauen die Sprachmittlerinnen, Frauen im Dienst der Beratungsstelle Nachtfalter, die nicht nur sprachlich sondern auch kulturell übersetzen können. In die Arbeit dieser Sprachmittlerinnen fließt das Preisgeld von der ktpBKK – und es wird gebraucht.

„Wir sind immer da“, sagt Streetworkerin Evelyn Gebhard, „die Frauen wissen, dass wir ihnen helfen, wenn sie krank sind oder aussteigen wollen. Wir drängen uns nicht auf. Wir holen keine Frau raus, die nicht sagt, dass sie raus will. Wir tun nichts, was diese Frauen gefährdet. Deshalb vertrauen sie uns. Und irgendwann kommen sie zu uns.“

Oft ist eine Krankheit der Auslöser, denn nur die wenigsten der Frauen auf dem Straßenstrich sind krankenversichert. Manchmal ist es eine Schwangerschaft – die normale Form der Empfängnisverhütung auf dem Straßenstrich ist der Schwangerschaftsabbruch. Das Meiste, was sie miterleben, behalten die Beraterinnen vom Nachtfalter für sich.

„Wir haben schon eine Frau im neunten Monat direkt vom Straßenstrich in den Kreißsaal gebracht“, erinnert sich Evelyn Gebhard: „Das Kind wurde per Kaiserschnitt geboren, und zwei Tage später war die Mutter wieder auf dem Strich. Wir haben uns gefragt: Wo ist das Kind?“

Essen ist bei weitem nicht die Hauptstadt der Prostitution. Schätzungen der Berliner Prostituiertenberatung Hydra e. V. zufolge gibt es in Deutschland ungefähr 400 000 Prostituierte. Wirklich zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Dazu trägt auch bei, dass Prostituierte häufig die Stadt wechseln, weil neue Gesichter höhere Preise erzielen.

Jedenfalls ist Prostitution abgesehen von ihrem gesellschaftlichen Ansehen keine Randerscheinung. Zwar ist die Dokumentation schwierig, gerade im Bereich des Menschenhandels, aber Experten schätzen, dass bis zu 1,2 Millionen Männer täglich die Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch nehmen, und stufen 18 Prozent der Männer in Deutschland als regelmäßige Kunden („Freier“) ein. Die meisten von ihnen machen sich wohl nicht bewusst, was für eine Art von Geschäft sie unterstützen. Zum Leben der Frauen auf dem Straßenstrich gehören alltäglich Ausbeutung, Schläge und Vergewaltigung – und dabei ist noch nicht mitgezählt, was ihnen von gewalttätigen Freiern droht.

Die wenigsten Besucher des Straßenstrichs begrüßen wohl die bedrückende Lage der Prostituierten. Aber was können sie denn tun, wenn sie helfen wollen? „Mit den Frauen reden“, empfiehlt Anika Wöhrle, „die Kunden sind die einzigen, die mit diesen Frauen allein reden können. Wenn sie über mehr als nur das Geschäftliche mit diesen Frauen reden, merken sie schnell, wie es um deren Deutschkenntnisse bestellt ist. Wenn diese sehr gering sind, ist das ein guter Hinweis auf Menschenhandel. Das Fehlen einer Krankenversicherung übrigens auch. Aber bitte gehen Sie dann nicht zur Polizei! Der Polizei bleibt nichts anderes übrig als offiziell zu ermitteln. Und dabei kommt fast nie etwas heraus – Sie können sich nicht vorstellen, wie eingeschüchtert diese Frauen sind. Wenn die Frau nicht redet, muss das Verfahren eingestellt werden, und die Frau ist in Gefahr. Nur wenn die Frauen selbst zur Polizei gehen, kann die Polizei ihnen helfen.“

Was aber jeder Kunde tun kann ist auf die Beratungsstelle Nachtfalter hinweisen. Und darauf, dass sie einen Ausweg bieten kann. „Manchmal bringen Freier Frauen direkt zu uns“, berichtet Anika Wöhrle, „meistens sind das Frauen, die sie schon länger kennen, in die sie sich verliebt haben und denen sie helfen wollen. Das gelingt auch fast immer. Mit der Liebe wird es allerdings fast immer nichts – dafür haben die Frauen zuviel durchgemacht. Aber es bleibt eine gute Tat.“

Spendenkonto der Beratungsstelle Nachtfalter:
Caritasverband für die Stadt Essen e. V.
Pax Bank
BLZ 370 601 93
Kto. 200 165 101 6
Kostenstelle 625

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Der Eisvogel