Das Gute, das Böse und unsere Optionen

Der Lkw-Mordanschlag von Berlin hat zwölf Menschen das Leben gekostet – Menschen, die in wenigen Tagen Weihnachten feiern wollten, und das Leid der Verletzten sollte man auch nicht vergessen. Es steht noch nicht fest, dass der Anschlag das Werk von Islamisten ist, aber die Analogie zum Anschlag von Nizza macht das wahrscheinlich. Wie gehen wir damit um?
Am leichtesten haben es die mutmaßlichen Urheber, die Da’esh-Barbaren. Sie brauchen sich nur zu dem Anschlag zu „bekennen“ und zu hoffen, dass ihre Saat aufgeht. Auch führende AfD-Politiker brauchen sich nicht mit Nachdenken aufzuhalten: Sie wissen schon, dass die Bundeskanzlerin schuld ist.
Mehr aber und Weiseres erwarte ich von jenen Mitmenschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und das mit dem Bekenntnis zu unseren Werten und unserer Freiheit zeigen. Ich erwarte Weiseres von ihnen als die achselzuckende Feststellung, absolute Sicherheit könne es nicht geben. Sollten wir mehr nicht zu bieten haben als tapferes Nichtstun? Ich glaube, gar so hilflos sind wir nicht.

Erstens betrifft das die Frage der Sicherheit: Die wenigsten Mitmenschen fordern „absolute“ Sicherheit. Die meisten wären mit „nennenswert mehr“ Sicherheit zufrieden, und mehr Sicherheit bedeutet vor allem: mehr Polizisten. Das kostet Geld, und es geht nicht von einem Tag auf den anderen. Im Gegensatz zu schärferen Gesetzen, deren Einhaltung sowieso nicht flächendeckend sichergestellt werden kann, bringt es aber nachhaltigen Nutzen.

Zweitens haben wir alle, wirklich alle, Einfluss auf die Aufmerksamkeitsökonomie, in deren Rahmen Terrorismus stattfindet und überhaupt nur eine Wirkung hat. Terrorismus ist Kommunikation, und das Ziel dieser Kommunikation ist in diesem Fall die Zerstörung des inneren Friedens. Die Da’esh-Terroranschläge in Europa wollen den Bürgern das Vertrauen in den Rechtsstaat nehmen und Muslimen und Nichtmuslimen das Vertrauen zueinander. AfD & Co. wirken bei diesem Projekt als nützliche, vielleicht auch willige Idioten mit. Dasselbe gilt aber auch für Muslime, egal ob privat oder in einem Verbandsamt, die keine Gelegenheit vorüberstreichenlassen können, sich und ihre Glaubensgeschwister als unterdrückt zu zelebrieren.

Keine Frage: Natürlich müssen Probleme angesprochen werden. Aber wer immer nur die Probleme beschreibt (oder anklickt!) und niemals die Lösungen, der macht die Arbeit der Terroristen. Erinnern Sie sich noch an die „Scharia-Polizei“? Ein halbes Dutzend Jugendlicher mit improvisierten Kostümen belästigen ein paar Dutzend Passanten und werden zum Top-Nachrichtenereignis. Oder erst kürzlich: Ein Berliner Busfahrer schickt eine Halbstarke mit Kopftuch nach wiederholter Ermahnung wegen Döneressens aus dem Bus (vielleicht unnötig rigide) – und wird als „Rassist“ zum Gegenstand eines Shitstorms.

Wenn bei guten Taten und geglückten Projekten das Verhältnis von Aufwand und öffentlicher Aufmerksamkeit ähnlich wäre, mal im Ernst: Würden dann nicht echte und weniger echte Diskriminierungen von Muslimen (und anderen Minderheiten) ebenso wie die meisten islamistischen Aktivitäten als das behandelt, was sie sind, nämlich Ausnahmen in einer Gesellschaft, in der erstaunlich viel friedlich gelingt? Natürlich würde es dann immer noch islamistische Terrormorde geben. Aber den meisten von uns wäre klar, dass die zwar möglicherweise etwas mit dem Islam zu tun haben, aber ziemlich sicher nichts mit den Muslimen, denen wir auf der Straße oder in der S-Bahn begegnen. Auch weil denen wiederum nicht nur wie schon heute klar ist, dass sie unschuldig sind, sondern auch, dass sie keinen größeren Feind haben als die Fanatiker, die in ihrem Namen morden.

„Bad news are good news“, heißt es bei Zeitungsverlegern und natürlich auch bei Twitter und Facebook. Aber für wen? Und vor allem: Durch wen? Ich denke, durch uns. Und das muss nicht so bleiben.

 

Wie in einer Todeszelle

„Vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft. Ich hatte heute einen Abtreibungstermin und bin auch dort erschienen. Jedoch als ich die wartenden Frauen im Wartezimmer gesehen habe, fühlte ich mich wie in einer Todeszelle. Ich bin wieder gegangen und hab mich für das Kind entschieden. Nochmals vielen Dank!“

Diese unglaubliche Nachricht hat heute eine meiner Kolleginnen, eine Beraterin von Pro Femina, bekommen. Obwohl sie jeden Tag mit verzweifelten Schwangeren zu tun hat, sind es diese Nachrichten, die sie – und uns alle – zutiefst bewegen, unsere Herzen überströmen und in Jubel ausbrechen lassen, die uns aber gleichzeitig schockieren.

„Wie in einer Todeszelle“ hat sich die junge Frau noch vor wenigen Stunden gefühlt. Aber sie hat die Kraft, den Mut und die Stärke gefunden, um das Wartezimmer zu verlassen – mit ihrem Kind. Wie viele der anderen Frauen, die dort saßen, konnten das nicht? Wie viele von ihnen waren so verzweifelt, geängstigt und unter Druck, dass sie keinen Ausweg gesehen haben, als eine Abtreibung? Heute. Vor wenigen Stunden. Gerade jetzt? Wir beten für diese Frauen – und sind unendlich traurig.

Jede Frau und alle Kinder, die vor einer Abtreibung bewahrt werden können, sind jede unserer Anstrengungen wert. Es kann so viel Leid auslösen, wenn eine ungeplante Schwangerschaft entdeckt wird oder alles nicht so läuft, wie erhofft. Vor allem für die Mutter. Aber gleichzeitig gibt es so viele Wege zu helfen. Wenn man sich dazu entschließt nicht wegzusehen, diese Frauen in ihrer Not alleine zu lassen und sie vielleicht sogar ver(vor)urteilt, sondern stattdessen ansprechbar ist und seine bedingungslose Unterstützung anbietet.

Wenn eine Frau sich für eine Abtreibung „entscheidet“, dann geschieht das meistens nicht frei und unbeeinflusst. Aus unserer Beratung wissen wir, dass die meisten Frauen einem enormen Druck durch ihren Partner oder ihr Umfeld ausgesetzt sind. Sie sind geschockt von der ungeplanten Schwangerschaft und sehen im ersten Moment keine Perspektive für ein Leben mit ihrem Kind. Aber immer wieder stellt sich heraus, dass nicht das Kind das „Problem“ ist, sondern die Lebensumstände der Schwangeren.

Keine Frau wünscht sich eine Abtreibung. Aber mehr als 100.000 Frauen pro Jahr sehen keinen anderen Ausweg. Sie müssen von da an mit dem Wissen leben, dass sie ein Kind hatten, das nicht mehr da ist. Und es wird nie wieder so sein, als hätte es dieses Kind nicht gegeben. Wie furchtbar ist es, damit leben zu müssen, dass man nicht stark genug war, um für sein Kind zu kämpfen? Und wie sehr brauchen gerade diese Frauen unsere Liebe und unser Gebet.

Was ist das für eine Gesellschaft, die schweigt, wenn unzählige Frauen jährlich durch eine Abtreibung zutiefst verletzt und erschüttert werden? Was sind das für Menschen, die einer verzweifelten Frau sogar noch zuraten durch diese „Todeszelle“ zu gehen, in der sie immer auch einen Teil von sich selbst zu verlieren? Wer eine Schwangere „neutral“ alleine lässt, ist kein Freund. Er nimmt ihr die Chance mit der guten Gewissheit aus der Krise gestärkt hervor zu gehen: „Ich habe mich für mein Kind entschieden. Vielen Dank“ – und nie mit Reue zurück blicken zu müssen.

Neuer Rekord bei 1000plus

Im Jahr 2009 ist das Projekt 1000plus / Pro Femina e.V. mit der kühnen Vision angetreten, bald 1.000 und mehr Frauen im Schwangerschaftskonflikt zu beraten und ihnen die Informationen und die konkrete Hilfe zur Verfügung zu stellen, die sie brauchen, um Ja zu ihrem Baby sagen zu können. Innerhalb von nur sechs Jahren stiegen die jährlichen Beratungszahlen von 277 auf 2.439. Und Mitte November wandte sich die dreitausendste Frau des Jahres 2016 an die Beratung von Pro Femina!

1000plus ist eine überkonfessionelle Frauenhilfsorganisation, die aus Gewissensgründen keine Beratungsscheine ausstellt, wie sie in Deutschland Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung sind. Deshalb wir 1000plus weder aus Kirchensteuermitteln noch staatlich finanziert.

Um immer mehr Schwangere zu erreichen und ihnen eine Perspektive für das Leben zu eröffnen, geht 1000plus schon seit Jahren in die technische Offensive. Die 328.000 Euro umfassende Spendenkampagne zur Finanzierung dieses Ausbaus wurde Mitte Oktober erfolgreich abgeschlossen. Gleichzeitig meldeten sich im selben Monat so viele Schwangere wie noch nie, so dass die bereits erweiterten Beratungsabteilungen kurz vor der Überlastungsgrenze standen. Schon wenige Wochen später wurde so das Jahresziel von 3.000 Beratungsfällen übertroffen.

Durchschnittlich berät 1000plus derzeit circa 290 Frauen im Monat – mehr als noch 2009 innerhalb eines ganzen Jahres. „Die Verzweiflung und Einsamkeit dieser Frauen in ihrer Notlage ist immer wieder aufs Neue erschütternd. So froh und dankbar wir sind, sie erreichen und beraten zu können, so sehr drängt es uns, diese Hilfe noch mehr Schwangeren im Konflikt zur Verfügung zu stellen“, so Kristijan Aufiero, Initiator und Leiter von 1000plus.

Die Beratungsorganisation möchte deshalb die technischen Maßnahmen und ihre Kapazität weiter ausbauen und auf diese Weise im Jahr 2017 mindestens 4.500 und bis zum Jahr 2020 jährlich 10.000 Schwangeren Beratung und Hilfe zur Verfügung stellen.

1000plus wird jetzt schon getragen von vielen tausend Menschen, die sich mit Spenden, Gebeten und tatkräftiger Mithilfe gemeinsam für ungewollt Schwangere einsetzen. Um die Vision wahr werden zu lassen, dass in unserem Land keine Schwangere mehr gegen ihren eigentlichen Willen abtreiben muss, werden noch viel mehr von uns gebraucht. Sind Sie dabei?

 

Der Tag nach Halloween

Wir haben in unserer Familie einen selbstetablierten Brauch zu Allerheiligen: Wir suchen gemeinsam mit unseren Kindern einen Friedhof aus, den wir gemeinsam besuchen, sobald es dunkel wird. „Bewaffnet“ sind wir dabei mit Taschenlampen und einer ganzen Kiste voller Grablichter (die mit dem Blechdeckel drauf).

Bereits Tage vorher beginnen unsere Vorbereitungen. Es gilt zu entscheiden, welcher Friedhof es in diesem Jahr werden soll. Gelegentlich ist es einer, auf dem Gräber von verstorbenen Angehörigen sind. Aber das ist nicht ausschlaggebendes Kriterium. Früher war es etwas leichter, als wir noch neben einem Friedhof gewohnt haben. Aber die letzten Jahre haben uns auch auf Friedhöfe geführt, auf denen wir nie zuvor gewesen sind. Wir besorgen die Lichter, suchen nach unseren Taschenlampen und besprechen erneut den Plan.

Wenn wir unterwegs sind, halten wir alle Ausschau nach verwilderten, offensichtlich ungepflegten Gräbern. Natürlich wissen wir nichts über die Menschen, die dort begraben sind, und ihre Angehörigen. Aber wir sprechen darüber, dass es nicht unbedingt Nachlässigkeit oder Groll sein muss, weswegen sich niemand um diese Gräber kümmert.

Es könnte ja auch einfach sein, dass die Menschen gestorben sind, ohne Angehörige und Freunde zu hinterlassen – was sehr traurig wäre. Oder die Familien wohnen inzwischen einfach zu weit weg. Auf manchen Friedhöfen gibt es über 100 Jahre alte Gräber. Das sind vielleicht die letzten Spuren dieser Menschen in dieser Welt – von anderen existieren oft nicht einmal welche. Auch das ist irgendwie eine traurige Vorstellung.

Aber alles in allem ist es trotzdem jedes Mal ein schönes Erlebnis für uns. Denn wir zünden auf den verwahrlosten Gräbern unsere Lichter an, und freuen uns, wenn inmitten des Gestrüpps eine kleine Flamme aufleuchtet. Manchmal schließen wir damit die einzige dunkle Lücke in einem Gang voll geschmückter, erleuchteter Gräber und heben so für ein paar Stunden den vergessenen Eindruck auf, den dieses Grab macht.

Wir stellen uns vor, wie später am Abend vielleicht doch noch ein alter Freund des Verstorbenen vorbei kommt und froh ist, das er nicht der einzige ist, der das Grab besucht. In manchen Fällen hat der oder die Verstorbene es nach menschlichen Maßstäben vielleicht sogar verdient, vergessen zu werden. Aber auch davon wissen wir ja nichts. Wir wünschen uns einfach, dass niemand verloren geht. Und gerade deshalb zünden wir diese Lichter an.

Wir glauben nicht, dass die Verstorbenen wirklich in den Gräbern liegen. Aber die Symbolik von Gräbern und Friedhöfen ist einfach da. Doch es gibt noch so viel mehr als an Allerheiligen teuren Blumenschmuck auf die Gräber zu legen (oder ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil man sich den nicht leisten kann oder gerade absolut keine Zeit dafür hat).

Bei unseren Allerheiligen-Friedhofbesuchen fühlen wir uns Gott und den Verstorbenen für kurze Zeit besonders nah. Es ist schön, Licht zu sein in dieser Welt. Und es macht Spaß, etwas von dieser Liebe auszugießen, die kein Ziel hat und keinen Anlass. Das verstehen sogar schon die Kinder mit einer Intuition, die viele Erwachsene verloren haben.

Natürlich ist es nach Einbruch der Dunkelheit auch ein bisschen gruselig auf dem Friedhof. Aber an Allerheiligen ist man dort nie alleine und kann auch manchmal etwas beobachten, das auf den ersten Blick mindestens so verwunderlich scheint, wie unsere eigene Aktion: Familien, die am Grab ihrer Angehörigen picknicken und bunte Laternen aufgehängt haben, zum Beispiel. Und die Kinder rechnen doch irgendwie immer noch ein bisschen damit, einem kleinen Gespenst zu begegnen…

Sex und Selbstverwirklichung

Kürzlich habe ich ein bemerkenswertes Buch gelesen: „Pornographie – die größte Illusion der Welt“. Darin beschreibt Shelly Lubben autobiografisch wie sie zunächst zur Prostituierten und dann zur gefragten Porno-Darstellerin wurde. Nichts für schwache Nerven! Aber was das Buch auf jeden Fall lesenswert macht, ist die neue Perspektive, die sich eröffnet. Fragt sich der Ottonormal-Pornokonsument eigentlich jemals, wie es hinter den Kulissen aussieht? Das bezweifle ich einfach mal! Denn wer darüber nachdenkt, dem vergeht doch die Lust (es sei denn er ist vielleicht Sadist).

Lubben beschreibt eindrücklich und glaubhaft, wie es am Porno-Set von sexueller Nötigung, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch und Krankheiten nur so wimmelt.  Und dabei macht sich jeder, der sich Pornos ansieht, selber die Finger schmutzig in diesem dreckigen Geschäft. Egal, wie gut die Lust geschauspielert wird und was man sich selber beim Zuschauen vielleicht vormacht!

Kaum einer macht sich klar, welchen Schaden die eigene Sexualität nehmen kann, wenn man zu früh oder zu oft oder überhaupt Pornos angeschaut hat – egal ob Mann oder Frau. Und wie sehr wird das eigene (Sex-) Leben schon fremdbestimmt? Jeder, der behauptet, nicht porno-süchtig zu sein, obwohl er regelmäßig konsumiert, sollte einfach mal den Selbsttest machen: wie lange halte ich es ohne aus? Das könnte manch überraschende, wenn auch nicht durchweg angenehme Erkenntnis bereiten. Aber mal Hand aufs Herz: ist es wirklich das, was Ihr wollt – Sex im Kopf anstatt im Bett?!

Dazu passt auch gut, was kürzlich von der bekannten Schauspielerin Pamela Anderson zu lesen war: „Einfach ausgedrückt müssen wir uns selbst und unseren Kindern beibringen, dass Pornos etwas für Verlierer sind – eine langweilige, schmutzige Sackgasse für Menschen, die zu faul sind, sich auf den aussichtsreichen Weg hin zu einer gesunden Sexualität zu machen.“ Sehr deutlich sagt sie hier, was sie von Porno-Konsumenten hält. Gerade sie, die inzwischen wahrscheinlich ganze Generationen in ihre feuchten Träume begleitet hat. Das gefällt mir sehr. Und ich hoffe, dass Andersons Worte nachhallen, wenn mal wieder jemand begehrlich auf ihre Oberweite starrt.

Pornos sind nicht harmlos. Das spricht sich zum Glück langsam herum. Sie sind nicht harmlos für die Darstellerinnen und Darsteller. Und sie sind nicht harmlos für die Konsumenten. Außerdem beeinträchtigen sie auch Dritte, die auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben: Ehefrauen, die – zumindest in Gedanken – betrogen werden, Opfer von Verkehrsunfällen, die von abgelenkten LKW-Fahrern verursacht wurden, Partner von Schauspielerinnen, die sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben, Kinder, die nicht wirksam vor der Pornosammlung des Vaters geschützt wurden und von Anfang an mit einem verdrehten Männer- und Frauenbild aufwachsen…

Ein anderes Thema, aber artverwandt, ist die Prostitution. Auch hier: Gewalt, Drogen und Missbrauch an der Tagesordnung. Die Opfer wie so häufig: überwiegend Frauen. Und die „Täter“, die Männer: machen sich vor, dass es den Frauen auch noch gefällt! Jede Prostituierte, die ihren „Job“ so gut macht, dass der Freier ihren Widerwillen nicht bemerkt hat (oder nicht bemerken musste), trägt noch dazu bei, dass der Mythos von Freiwilligkeit lebendig bleibt.

Ich fand es sehr unschön, was sich da kürzlich in unserem Gesetzgebungsverfahren abgespielt hat. Und ich frage mich: was spricht dann eigentlich gegen ein Gesetz, das im Zweifelsfall den Freier bestraft und nicht die „Dienstleisterin“? Wenn alles tatsächlich so easy ist, wie immer gesagt wird, dann gibt es ja gar keinen Streit und die Männer haben nichts zu befürchten. Die Prostituierte, die ihren Herzensfreier (und die 13 anderen in dieser Nacht) mit Schmetterlingen im Bauch empfängt, wird ja wohl etwas Besseres zu tun haben, als ihn anzuzeigen, wenn er sich mal wieder mehr genommen hat, als vereinbart gewesen ist. Ja, ja, als Außenstehende kann man gut reden. Aber für mich passt da einiges nicht zusammen. Würde es wirklich um den Schutz und die Rechte der Frauen gehen, dann hätte man noch ganz andere Möglichkeiten, um sie stark zu machen…

Porno und Prostitution – zwei Bereiche, in denen Lob und Anerkennung bestimmt so manche Frau zu Dingen verlocken, zu denen sie normalerweise nie bereit gewesen wäre, wenn sie echte Chancen im Leben bekommen hätte. Stattdessen ist es irgendwem irgendwann gelungen den Frauen nicht nur zu sagen, dass sie „darin“ besonders gut wären, sondern auch, dass sie zu nichts anderem taugten. Es ist ein Teufelskreis – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich zurückdenke an die Gespräche meines Erwachsenwerdens, dann kann ich mich nicht daran erinnern, dass es je ein Mädchen gegeben hätte, das gerne Pornostar oder Prostituierte geworden wäre. Treue galt als Ideal, das nicht immer zu erreichen war. Enthaltsamkeit bis zur Ehe war kein Thema, Liebe schon. Und eine Partnerschaft war auf Dauer ausgelegt, nicht auf Egoismus. Ich glaube, daran hat sich nichts Wesentliches geändert. Aber an welcher Stelle im Leben kommt die Weiche, an der man sich entscheiden muss: halte ich fest an meinen Idealen, oder lasse ich mich auf Abwege bringen?

Es ist nicht erwachsen, sich irgendwann mal Pornos anzuschauen. Das ist doch gerade heutzutage überhaupt keine Herausforderung mehr! Echt Erwachsensein ist doch so viel mehr als das. Es bedeutet, Dinge zu erkennen, die einem selber schaden und den Mut zu haben, diese Dinge zu unterlassen – auch wenn man damit (scheinbar) gegen den Strom schwimmt. Und es ist überhaupt keine Schande, sich von echten Freunden ermutigen zu lassen – nicht zu einem gemeinsamen Bordellbesuch oder Porno-Abend, sondern zu dem, was viel schwieriger ist: standhaft „nein“ zu sagen angesichts diverser Verlockungen.

In unserem Land, das der Puff Europas geworden ist, und in dem unglaubliche Zugriffszahlen auf pornografische Inhalte belegt sind, wird es Zeit, gegen den Strom zu schwimmen! Als Frau ist es relativ leicht, sich bei diesen Themen zu positionieren, aber wirklich schwer, etwas zu bewirken. Wer ein kleines, aber unübersehbares Zeichen setzen möchte, dem kann ich nur empfehlen am „Walk for Freedom“ teilzunehmen. Eine Stunde „in ihren Schuhen“ kann die eigene Sicht auf die Dinge für immer verändern – und macht öffentlich wirklich Eindruck.

Männer könnten so viel mehr tun – wenn sie nur wollten. Es fängt damit an, dass sie aufhören könnten „sexuelle Dienstleistungen“ in Anspruch zu nehmen. (Okay, ich weiß, es hat ja eh keiner von Euch nötig „dafür“ zu bezahlen, aber sagt es doch bitte auch Euren Kumpels weiter…). Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist bei Pornos nichts anders als im Privatfernsehen allgemein: wenn die Quoten nicht stimmen, wird abgesetzt. Es liegt also in Eurer Hand! Wer konsumiert ist Teil des Problems, egal, welcher Lüge er glaubt.

Jeder Mensch möchte doch mit Achtung und Respekt behandelt und geliebt werden. Und auf dieser Basis ist auch der Sex am schönsten – wer das noch nicht wusste, sollte es vielleicht einfach mal ausprobieren. (Aber das ist eine Mutprobe, die vielen vielleicht doch etwas zu weit geht, oder?).

Und kommen wir mal zurück aufs Erwachsensein. Vielleicht haben wir in unserer Jugend etwas Falsches gelernt. Von unseren Eltern oder den falschen Freunden. Das mag sein. Aber wenn wir älter werden, dann kommen wir in die Lage, genau das zu erkennen. Und wie Anderson gesagt hat: „wir müssen uns selber (…) beibringen“ was erfüllte Sexualität ist, sollten wir auf Abwegen sein. Das kann kein Anderer für uns machen. Du machst mit dem besten Entwöhnungsprogramm niemanden zum Nichtraucher, der das nicht selber will. Genauso ist es hier: Wer wieder clean sein will, wer sich zurückbesinnen möchte, auf das, wovon er früher überzeugt war, wer seine eigenen Träume und Ideale zurück erobern möchte, der muss das selber tun. Sein eigenes Herz zu schützen ist eine der wichtigsten und auch der schwierigsten Aufgaben. Aber hierin liegt die wahre Selbstverwirklichung.

 

Das Rätsel der verschwundenen Geier

(Zuerst erschienen als Gastbeitrag auf „Faszination Geier“)

 

Tatort: Erlebnis Zoo Hannover. Bereits vom Parkhaus aus bemerken wir mit Schrecken, dass die große Gänsegeiervolliere fast vollständig demontiert ist, drum herum nichts als Baustelle. Wo zum Geier sind die Geier?

Beim letzten Besuch in Hannover gab es dort noch mehrere Arten, nun keine mehr.

Im Laufe des Tages verwickeln wir einige Zoomitarbeiter in nette Gespräche. Sie wirken kompetent in ihren jeweiligen Bereichen, können aber größtenteils nur die wenig überraschende Auskunft geben: die Geier sind weg. Wohin? Wissen sie auch nicht genau.

Endlich finde ich eine Trainerin, die mir erzählt: „Alle Geier sind nach Walsrode umgezogen.“

Hm, ich finde es erstaunlich, dass der Weltvogelpark so viel freien Platz gehabt haben soll. Aber glücklicherweise waren wir in Hannover ja nur auf der Durchreise nach Walsrode. Und so hatten wir bald Gelegenheit der Fährte der Geier zu folgen…

Einen Tag später im Weltvogelpark Walsrode: Wir sehen viele verschiedene Geier – auch an der beeindruckenden Flugshow nehmen welche Teil. Aber sind darunter die Geier aus Hannover?

Endlich gelingt es auch hier ein paar Tierpfleger und -trainer ins Gespräch zu verwickeln. Jedoch: „Geier aus Hannover? – Haben wir nicht!“ Mein komisches Bauchgefühl war also berechtigt.

Was nun?

Das Rätsel um die verschwundenen Geier ließ unserer ganzen Familie keine Ruhe. Natürlich haben wir auch die ganze Zeit „Schwestie“ Bettina auf dem Laufen gehalten, die natürlich sehr besorgt war.

Wieder zuhause schrieb ich eine E-Mail an den Erlebnis Zoo Hannover, die innerhalb weniger Tage beantwortet wurde:

„Leider haben Sie bei der Auskunft über den Umzug unserer Geier keine korrekten Informationen erhalten, daher möchten wir Ihnen gerne im Folgenden die neuen Aufenthaltsorte bzw. den Verbleib unserer Greifvögel mitteilen:

Unsere vier Gänsegeier wurden Anfang März 2016 an den Artis Zoo in Amsterdam abgegeben. Der letzte bei uns verbliebende Bartgeier verließ den Erlebnis-Zoo bereits im Oktober 2014 und zog in die Greifvogelstation in Haringsee (Österreich).

Von unseren beiden Andenkondoren starb das weibliche Tier im Juni 2013 (mit beinahe 53 Jahren), der männliche Kondor wurde im März 2015 an den Vogelpark Irgenöd (Ortenburg) in Bayern abgegeben.“

Zumindest die Information über den Verbleib des Bartgeiers konnte Bettina inzwischen überprüfen und bestätigen. Damit konnte das Rätsel um die verschwundenen Geier von Hannover also doch noch gelöst werden.

Bleibt noch eine Bitte an Euch alle, Leute: Jeder Tierpfleger, den ich bisher kennen gelernt habe, weiß Geschichten darüber zu erzählen, wie sich Besucher geradezu unverantwortlich benommen und damit das Leben von Zootieren gefährdet haben. Lasst das einfach! Den (meisten) Zoos und ihren Mitarbeitern liegt das Wohl der Tiere sehr am Herzen. Und Euch doch auch, oder?! Kein Füttern, kein Streicheln, nicht in die Gehege fassen oder klettern. Ihr richtet vielleicht selber keinen Schaden an. Aber Ihr könntet beobachtet werden von Anderen, die sich von Euch „anstecken“ lassen und weniger vorsichtig sind. Und manchmal ist einem vielleicht auch gar nicht klar, dass man die Tiere großen Risiken aussetzt, obwohl man es doch nur gut meint (z.B. wenn man einen Pinguin mit dem Fisch füttert, der eigentlich für die Pelikane gedacht war oder schädliche Verunreinigungen durch seine Schuhen in die Gehege bringt).

Geier und viele andere Tiere sind bedroht. Zoos können wirksam zu deren Arterhaltung beitragen und fühlen sich dieser Aufgabe (zumeist) verpflichtet. Lasst uns sie unterstützen anstatt sie zu sabotieren!

(C) Caroline Stollmeier

Papst Franziskus empfängt 1000plus

In der vergangenen Woche empfing der Heilige Vater, Papst Franziskus, eine sechsköpfige Delegation von 1000plus zu einer Privataudienz – was für eine Ehre! Die Organisation, die sich seit sieben Jahren wirksam für Schwangere in Not einsetzt, wurde dabei vertreten durch den Vorstand, die Beratungsleitung, ein 2-jähriges Mädchen mit seiner Mutter und den Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz, der 1000plus seit langem kennt und unterstützt. Das zweijährige Mädchen ist eines der zahlreichen Kinder, die dank der Beratung und der ganz konkreten Hilfe von 1000plus das Licht der Welt erblicken konnten.

Papst Franziskus nahm sich die Zeit, sich von Kristijan Aufiero, dem Vorsitzenden von 1000plus, Einzelheiten über das Hilfsangebot erläutern zu lassen. Während Aufieros Ausführungen „in herrlich klingendem Italienisch“ (wie eine Ohrenzeugin berichtete) lobte der Papst den Dienst von 1000plus mit den Worten :“Was für eine wunderschöne Arbeit.“

Besonders angetan war der Papst auch von den sogenannten Babyflaschenaktionen. Dabei werden Babyflaschen zu Sammeldosen umfunktioniert, mit denen dann in Gemeinden um Spenden gebeten wird. Diese Aktionen tragen wesentlich zur Finanzierung der Beratung und Hilfe für Schwangere durch 1000plus bei.

Papst Franziskus bedankte sich ausdrücklich für alles, was 1000plus leistet, und spendete anschließend der kleinen Delegation inklusive des „1000plus-Babys“ stellvertretend für die gesamte Organisation seinen päpstlichen Segen.

Es ist bekannt, dass Schwangere in Not und ihre ungeborenen Babys Papst Franziskus besonders am Herzen liegen und er sich mehr konkreten Beistand für sie wünscht. Bereits 2013 betonte er in seinem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium: „Es ist nicht fortschrittlich, sich einzubilden, die Probleme zu lösen, indem man ein menschliches Leben vernichtet.“ Vergangene Versäumnisse eingestehend heißt es weiter: „Doch es trifft auch zu, dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden, wo der Schwangerschaftsabbruch ihnen als eine schnelle Lösung ihrer tiefen Ängste erscheint, besonders, wenn das Leben, das in ihnen wächst, als Folge einer Gewalt oder im Kontext extremer Armut entstanden ist.“ Und er fragt: „Wer hätte kein Verständnis für diese so schmerzlichen Situationen?“ [214]

Vor diesem Hintergrund ist das Lob durch das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht hoch genug zu bewerten, drückt es doch aus, dass 1000plus genau auf dem verständnisvollen Weg ist, den der Papst sich für seine Kirche im Umgang mit Schwangeren in Not wünscht.

Cornelia Lassay, Leiterin der Direktberatung von 1000plus, steht noch ganz unter dem Eindruck des Papstbesuchs: „Irgendwie habe ich angefangen, Zeit anders zu rechnen: in die Zeit davor und in die Zeit danach.“ Mit ihr dürften sich nun auch alle katholischen Unterstützer freuen, denn „der päpstliche Segen bestärkt uns alle sehr in dem, was wir tun.“


Papst Franziskus zeigt sich begeistert von der Babyflaschen-Aktion des Projekts 1000plus. Mit im Bild: Dr. Markus Arnold (stellvertretender Vorsitzender des Vorstands von Pro Femina e.V.), Monika Aufiero (Vorstandsmitglied), Weihbischof Thomas Maria Renz (Diözese Rottenburg-Stuttgart), Kristijan Aufiero (Vorsitzender des Vorstands, v.l.n.r.).
(C) Pro Femina e.V.

Die Durex-Botschaft

Vor einigen Tagen war hier ausnahmsweise der Fernseher an, und ich habe zufällig mittags gegen zwölf eine Kondom-Werbung gesehen…

„Hmm, Liebling…“
Ich liebe dich.
„Jaa, Süße?“
„Sollten wir nicht ein Kondom benutzen?“
Hast Du eins…?
„Ach, da passiert schon nichts.“
Ich kann rechzeitig aufhören…

Fast alle 5 Minuten entscheidet sich eine Frau in Deutschland für eine Abtreibung.
Sex ohne zuverlässige Verhütung kann zu ungewollten Schwangerschaften führen.
Informiere dich!
Verwende zuverlässigere Verhütungsmethoden.

Diese Botschaft wird unterstützt von Durex.

Kennen Sie den Spot auch? Zugegeben, ich habe kein Ahnung was gerade wann und auf welchem Sender beworben wird. Aber man hört ja so viel… Deshalb war ich gar nicht allzu verwundert oder entsetzt. Im Gegenteil, eigentlich war ich im ersten Moment sogar erfreut über diesen Spot! Immerhin steht hier ein „Ich liebe dich“ am Anfang der Bettgeschichte…

Außerdem begegnet mir nicht oft, dass die „normalen“ Medien so (relativ) un-beschönigend mit dem Thema Schwangerschaftsabbrüche umgehen (das war ja nicht auf Bibel-TV oder so, wo man es vielleicht erwarten könnte).

Zur Sicherheit habe ich nachgerechnet:
60 min x 24 h x 365 Tage = 525.600 min ./. 5 min = 105.120

Die Zahl der offiziell gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche 2015 in Deutschland beträgt: 99.237. Berücksichtigt man dann noch die bekannten, jedoch in der Höhe kaum näher bestimmbaren „Ungenauigkeiten“ wie beispielsweise Abtreibungen, die (aufgrund größzügigerer Fristen) im Ausland durchgeführt wurden oder aus welchem Grund auch immer mit einem falschen ICD-Code verschlüsselt wurden und deshalb nicht in der Statistik auftauchen, muss man wirklich sagen, dass Durex nichts schönrechnet.

Eine Abtreibung alle fünf Minuten ist eine realistische statistische Größe. Und wenn es schon mittags im Fernsehen gesagt wird, dann kann doch wirklich NIEMAND mehr behaupten, er hätte nichts davon gewusst!

So weit, so gut…

Aber wir kommen schnell zu dem Punkt, an dem meine Freude über diesen Werbespot einen großen Knacks gekriegt hat, denn was sind schon Statistiken?! Hinter jedem dieser „Fälle“ steckt eine Frau, die für sich und ihr Baby keine andere Möglichkeit gesehen hat, als eben diese Abtreibung.

Behauptet wird: „Alle 5 Minuten e n t s c h e i d e t sich eine Frau…“ Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich diese „Information“ vielleicht einfach hinnehmen. Aber von einer freien Entscheidung kann doch nun wirklich bei den unzähligen Schwangeren nicht die Rede sein, die entweder alleine gelassen werden in ihrer Not oder sogar noch zur Abtreibung gedrängt werden, obwohl sie unentschlossen sind oder ihr Herz ihnen längst etwas ganz anderes gesagt hat.

Und der Hinweis „informiere dich… verwende zuverlässigere Verhütungsmethoden“ irritiert mich auch. Ich dachte immer, es sei vollkommen klar, dass der Coitus interruptus keine Verhütungsmethode ist, weil er absolut unzuverlässig und eine echte Spaßbremse ist. Das hat man doch schon „zu meiner Zeit“ aus dem Biologieunterricht gewusst lange bevor es überhaupt zum ersten Kuss oder Händchenhalten kam.

Vielleicht kann man auch wirklich nicht oft genug erklären, dass Sex zu Schwangerschaften führen kann… Irgendwie bin ich ja für diesen Punkt hier fast schon wieder dankbar. Wie leicht wird manchmal vergessen, dass Sex eben nicht nur Spaß und Erfüllung und jede Menge toller Gefühle bringen kann, sondern eben auch Babys.

Die logische Konsequenz (nicht blöd sein, besser verhüten -> dann gibt es auch keine Babys!) gefällt mir allerdings schon wieder nicht. Noch konsequenter wäre nämlich zu sagen: „Wenn du absolut kein Baby willst, dann hab‘ einfach keinen Sex.“ Aber damit ließe sich wahrscheinlich kein einziges Kondom zusätzlich verkaufen. 😉

Unter dem Strich ziehe ich meinen Hut vor denjenigen, die die Aussagen im Spot so formuliert haben, dass eine Kritik daran praktisch unmöglich ist. Und ich freue mich über jeden, der hinter einer Zahl den Menschen sieht – und hinter der „Entscheidung“ für eine Abtreibung die wahre Not.

 

 

Das Moralblog wird zum Eisvogel

Im siebten Jahr seines Bestehens benennen wir das Moralblog um in Der Eisvogel. Natürlich wollen wir jetzt nicht weniger moralisch werden. Nur bescheidener: Wir decken nicht die ganze Moral ab. Eher erbeuten wir ab und zu für unsere Leser ein Fischchen Wahrheit im großen Gewässer der Nachrichten und Meinungen.
Außerdem ist der Eisvogel mit seiner Schönheit und seiner Seltenheit eine Erinnerung daran, dass es in dieser Welt mehr gibt, als wir mit Worten erfassen können. Wer einmal einen Eisvogel gesehen hat, und meist ist das nur ein kurzer Anblick, der vergisst das nie mehr.

Es grüßen herzlich aus der Redaktion
Caroline und Harald Stollmeier

Die Meinungsfreiheit und ihr Preis

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Der Preis, den wir für unsere eigene Meinungsfreiheit zahlen, besteht darin, dass wir die Meinungen der Anderen ertragen müssen – und die bisweilen heftigen Reaktionen auf unsere eigenen Aussagen: Anfeindungen, Shitstorms, Vertragsauflösungen. Normalerweise sind diese Reaktionen nämlich von den Rechten der handelnden Personen gedeckt, auch wenn sie in der Sache falsch oder zumindest unverhältnismäßig sind. Wer öffentlich Stellung nimmt, muss wissen, dass er Contra bekommen kann.

Ein Sonderfall sind Anfeindungen, die sich gar nicht auf die gemachten Aussagen selbst beziehen, sondern auf ihre Umgebung, auf den Anlass, den Ort oder das Medium, insbesondere dann, wenn Aussagen und Umgebung nicht inhaltlich deckungsgleich sind. Wie geht man damit um?

Ein Beispiel ist der katholischen Philosoph und Blogger Josef Bordat, der die Links zu seinen (durchweg grundgesetzkonformen) Blogbeiträgen unter anderem auch in dem umstrittenen Portal gloria tv publiziert. Schon seit Jahren weigert sich deshalb das seinerseits auch nicht unumstrittene Portal kath net, Beiträge von ihm zu veröffentlichen. Bordat, einer der meistgelesenen katholischen Blogger, sieht zudem schwere Defizite in der Debattenkultur von gloria tv. „Aber jedes Mal, wenn ich dort aussteigen will“, berichtet er, „schreibt mir irgendjemand und droht mir, mich umzubringen, wenn ich da nicht sofort aussteige. Und deshalb muss ich natürlich drin bleiben. Schon aus Prinzip.“ Darüber hinaus sieht er in der Publikation in „feindlichen“ Medien eine Missionsmöglichkeit und hält sich deshalb diese Option ausdrücklich offen.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume schreibt jahrelang in dem libertären Magazin eigentümlich frei. Er hält es lange aus, dass er damit einem gewissen Generalverdacht unterliegt; er weiß ja, dass er „unschuldig“ ist; Beschimpfungen zum Beispiel als „Muslimfreund“ und „von den USA bezahlt“ bestätigen ihm, dass er im Blatt nicht auf dem rechten Flügel steht. Aber im Dezember 2015 ist für ihn das Maß voll: Eskalierende Beschimpfungen der immerhin demokratisch gewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Berufung von Thilo Sarrazin zum Kolumnisten sind für ihn der Anlass, sich öffentlich von eigentümlich frei loszusagen. Für so etwas wolle er nicht werben.

Die finnische Schriftstellerin Beile Ratut (u. a. Das schwarze Buch der Gier) schreibt regelmäßig Essays für Die Tagespost. Im Sommer 2015 wirbt sie in einem zweiteiligen Interview mit dem Magazin Blaue Narzisse für die Ehe und ihre Unauflöslichkeit. Das Echo ist unerwartet. „Die Kritik war überraschend und auch schmerzlich, bis hin zum Abbruch von Kontakten“, sagt Beile Ratut, „aber dabei ging es nie um das, was ich geschrieben, sondern ausschließlich darum, dass ich in diesem Magazin publiziert hatte.“ Die Schriftstellerin hatte die Problematik des Publikationsortes völlig unterschätzt. „Was ich geschrieben habe, entsprach meiner Überzeugung. Ich hielt es nicht für nötig, zu prüfen, ob das auch für alles andere gilt, was in diesem Magazin steht. Es schien mir auch vielversprechend, meine Gedanken in einem Medium zu formulieren, dessen Publikum wahrscheinlich ganz andere Denkvoraussetzungen hat. Inzwischen kann ich reinen Gewissens sagen: Manchem stimme ich zu, vielem nicht, aber besonders die Art und Weise, wie in der Blauen Narzisse über Politik diskutiert wird, halte ich für schädlich. Ich trete für das Recht der Autoren ein, diese Dinge zu schreiben. Aber ich möchte nicht für einen Fan dieses Argumentationsstils gehalten werden. Dieses Missverständnis kann ich nur verhindern, indem ich dort nicht mehr publiziere.“

Wo stehe ich selbst? Wenn ich Menschen politisch einordne, konzentriere ich mich auf ihre eigenen Aussagen; eine Einordnung aufgrund des Umfeldes allein wäre  bestenfalls vorläufig. Und wenn ich eines Tages in Ungnade falle, dann soll es wegen meiner eigenen Überzeugungen sein. Ich schließe für mich nicht aus, in einem Magazin zu publizieren, dessen Linie der meinen zuwiderläuft, wenn ich, wie es Josef Bordat erhofft, dort für meine eigene Haltung werben kann. Trotzdem müssen mir zwei Gefahren bewusst sein. Die eine könnte Beile Ratuts Problem werden: beim Versuch, für die Ehe zu werben, wo es nur geht, von der Blattlinie „kontaminiert“ zu werden. Kann ich diese Skylla umrunden, droht mir die Charybdis, die Michael Blume vermied: zum Feigenblatt für ein Magazin zu werden, mit dem man in der Sache über Kreuz liegt.

Als Autor muss ich berücksichtigen, dass viele Leser „vorsortieren“ – ich will ja richtig verstanden werden; als Leser aber kann und will ich dieses Vorsortieren bewusst beschränken und grundsätzlich jeden Autoren als Individuum wahrnehmen und seine Argumente für sich zur Kenntnis nehmen und prüfen. Natürlich ist das Medium eine Orientierungshilfe und manchmal eine Warnung. Aber auch der „Feind“ kann einmal recht haben; auch vom „Feind“ kann ich einmal lernen.

 

 

 

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Der Eisvogel