Liebe oder Spiegelung?

Palmer

Buchbesprechung: Gesine Palmer, Der Tausch. Eine Elegie in Prosa, epubli, 256 Seiten, Eur 24,99

Wie sind Männer wirklich? Wie sind Frauen wirklich? Wenn Liebe zwischen ihnen so oft scheitert, ist sie dann überhaupt möglich? Gesine Palmer, die Ingeborg Bachmann und Paul Celan liebt, und Kafka mehr als alle anderen, lässt ihre Berliner Ich-Erzählerin an den Geliebten zurückdenken, der sie betrogen und verraten hat. Was in Wirklichkeit geschehen ist, erfährt der Leser nicht. Aber er versteht, was eigentlich geschehen ist.

Wer liebt, ist verwundbar. Wer lieben können will, muss sich erst verwundbar machen. Der Andere ist nur dann mehr als ein Spiegel, in dem wir uns selbst erblicken, wenn wir zulassen, dass er uns das Herz bricht.  Und wenn wir uns auf den Anderen einlassen, so dass unser Herz zerbrechlich wird, dann gibt es keine Garantie, dass der Andere das ebenfalls tut.

Aber wenn er es versucht und dann, plötzlich, Angst vor der eigenen Courage bekommt – und Angst vor uns, weil wir ja sein Herz brechen könnten, dann kann es passieren, dass er aus Angst Böses tut, Böseres als er ohne den Versuch getan hätte, sich zu entspiegeln und sein wahres Ich preiszugeben.

Gesinde Palmers „Der Tausch“ ist ein Intellektuellenroman, ein Künstlerroman. In der Welt ihrer Heldin ist das Plagiat das ultimative Verbrechen, in Verbindung mit Rufmord natürlich. Und wer jemals geistiges Eigentum geschaffen hat, der weiß, wie wahr das ist.

Ich persönlich habe Freude an Gesine Palmers Sprache, ihrem Sinn für Bilder (Spatz in der Hand contra Spatz auf dem Dach) und der Doppelbödigkeit, mit der sie Männer zu verstehen versucht, aber zugleich Frauen verstehbar macht.

 

 

 

 

Little Drummer Boy

„Komm‘ mit und schau‘ dir den neugeborenen König an! Und vergiss nicht ein schönes Geschenk mitzubringen, das eines Königs würdig ist!“ – Das haben sie mir gesagt. Aber, kleines Baby, ich bin selber nur ein armer Junge. Ich habe nichts, was ich dir schenken könnte. Soll ich Dir stattdessen vielleicht einfach auf meiner Trommel etwas vorspielen? Deine Mutter hat nichts dagegen. Also spiele ich für dich. Ich spiele so gut ich kann. Und was tust du? Du lächelst mich an, mich und meine Trommel.

Ich finde, dieser kleine Trommler in einem meiner Lieblingsweihnachtslieder* macht es genau richtig! Er lässt sich nicht einschüchtern von Menschen, die ihm sagen wollen, welche Opfer man Gott bringen soll, was man leisten muss, um Gott zu gefallen und was einen nach ihrer Ansicht würdig macht vor Gott zu stehen. Er überlegt einen Moment und besinnt sich dann auf ein Talent, das ihm gegeben ist, nämlich das Trommelspielen. Ein Lied ist kein handfestes Geschenk wie Weihrauch, Myrrhe und Gold, aber es ist doch nicht weniger kostbar. Und schüchtern zwar, aber doch voller Vertrauen geht er hin zum König und bringt seine Gabe dar. Er spielt sein Lied, und strengt sich dabei richtig an. Belohnt wird er dafür mit einem zufriedenen Lächeln von Gott selbst.

Wer will uns sagen, was des Königs würdig ist – außer dem König selbst? Gott kennt uns durch und durch. Er weiß um unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Na, und?! Er weiß, was wir haben und was wir nicht haben. Wer reich ist, kann mit seinem Geld Gutes tun. Und wer keins hat, ist deshalb noch lange nicht zur Tatenlosigkeit verdammt! Alles, was Gott von uns verlangt, ist, dass wir unsere Talente in Seinem Sinne gewinnbringend einsetzen und sie nicht verkommen lassen. Unser Bemühen in Seinem Namen ist gesegnet.

 

* „Little Drummer Boy“ von Katherine K. Davis, Henry Onorati und Harry Simeone, 1958.

Wer eine schöne Version davon hören möchte, findet sie hier.

 

(C) Caroline Stollmeier

 

 

(Freie Übersetzung und Foto: Caroline Stollmeier)

Das Gute im Feind

Feindschaft ist etwas aus der Mode gekommen. Wir reden nicht mehr gern darüber, vermeiden den Begriff, beinahe verschämt, sprechen, wenn nötig, von Gegnern, Kontrahenten, Partnern gar. Ob wir unsere Gegner besser behandeln als früher unsere Feinde, das ist eine andere Frage; vielleicht sogar schlechter, weil ihnen ja keine Feindesliebe mehr zusteht.

Feindesliebe: Gibt es ein missverstandeneres Konzept? Je romantischer, je gefühlsbetonter unser Liebesbegriff wurde, desto schwieriger war eine Liebe zu fassen, die unseren Gefühlen entgegen handelt.

Lassen Sie uns für ein paar Minuten annehmen, unsere Gegner wären Feinde, und wir wären richtig sauer auf sie. Vielleicht haben sie uns Unrecht getan, ja, ganz sicher haben sie das. Sie haben uns öffentlich bloßgestellt, offene Worte, die wir im kleinen Kreise sprachen, in die Zeitung gebracht, unsere Motive falsch dargestellt. Manche haben uns öffentlich den rechten Glauben oder die demokratische Gesinnung abgesprochen, andere haben uns beim Arbeitgeber angeschwärzt. Sie haben einiges auf dem Kerbholz, unsere Feinde.

Wenn wir sie nun im Fadenkreuz haben, metaphorisch natürlich, dann können wir zeigen, was wirklich in uns steckt. Schießen wir mit Vollmantelgeschossen, Teilmantelgeschossen oder gar Giftpfeilen? Wollen wir sie besiegen, oder kann uns am Ende nur ihre Vernichtung, ja die völlige Auslöschung auch der geringsten Erinnerung an sie, wahren Frieden verschaffen?

Nehmen wir einmal an, so ein Feind täte ausnahmsweise einmal etwas, das wir grundsätzlich lobenswert finden, die Bundeskanzlerin gegen Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik verteidigen zum Beispiel, oder den russischen Präsidenten kritisieren, im Dissens mit vielen seiner Freunde. Oder öffentlich scharfe Kritik an einem Theaterstück üben, in dem wir als Zombies dargestellt werden, die man ins Gesicht schießen muss. Oder, wie ein Feind, der schon lange tot ist, Edgar Jung, nach schweren Irrtümern und Mitschuld an der Machtergreifung öffentlich gegen Hitler auftreten und dafür mit dem Leben bezahlen.

Dann können wir natürlich sagen: „Der tut nur so. Das zählt doch nicht.“ Wir könnten aber auch sagen: „Donnerwetter! Ganz so schlimm, wie ich dachte, ist er wohl doch nicht. Ob er doch noch zu retten ist?“

Gar nicht genug warnen kann man vor einer dritten Reaktion: Enttäuschung, dass der Feind nicht gar so verdorben ist, wie wir geglaubt hatten. Eine solche Enttäuschung ist schon schlimm genug, wenn sie rein diesseitig begründet ist, in dem Wunsch, gegen einen böseren Feind auch gründlicher, vernichtender vorgehen zu können. Denn selbst im günstigsten Fall wird ein solches Vorgehen Opfer kosten, unschuldige vor allem. Gilt unsere Enttäuschung aber der Hoffung, der Feind möge dereinst in der tiefsten Hölle schmoren, dann ist zumindest eines garantiert: Der Feind wird dort Gesellschaft haben.

Zurück ins Diesseits: Auch wer weder an Gott noch an ein Jenseits glaubt, sollte die Idee der Feindesliebe ernst nehmen. Und sei es nur um seiner Freunde willen. Denn was wir sogar für unsere Feinde tun, das wird den Freunden dann im Überfluss zuteil; wir haben es ja geübt.

Der Feind ist ein richtig übler Typ. Er tut Böses, und er hegt böse Gedanken. Wir haben das Recht, ihm Böses mit Bösem zu vergelten. Wenn wir das einmal nicht tun, wenn wir ihm stattdessen aufrichtig Gutes wünschen, dann durchbrechen wir die Logik des Bösen. Wir bringen das in die Welt, was eine gewöhnliche Geschichte in eine ungewöhnliche verwandelt: das Unerwartete.

Osterkerze

Was man für ein gutes Sterben tun kann

In der „guten alten Zeit“ gehörte der Tod selbstverständlich zum Leben, hauptsächlich wegen der hohen Kindersterblichkeit. Es ist an sich gut, dass wir diese Selbstverständlichkeit verloren haben. Nicht so gut ist, dass sie durch Unsicherheit ersetzt wurde.

Viele Menschen sind gehemmt, wenn sie Sterbenden begegnen. Manche können es nicht über sich bringen, einen todkranken Nachbarn oder Freund zu besuchen – und haben dann für den Rest ihres Lebens ein schlechtes Gewissen. Sehr viele aber stehen unheilbar kranken Angehörigen oft über sehr lange Zeit bei. Und die meisten von uns tun, was sie können, auch wenn das „nie genug“ ist.

Sterben hat eine körperliche und eine seelische Seite. Auf der körperlichen Seite sind Schmerzen, Atemnot, Durst und Angst die Hauptprobleme. Gian Domenico Borasio, einer der Pioniere der Palliativmedizin in Deutschland, fordert unter anderem eine bessere Schmerztherapie für Todkranke, insbesondere mit Morphinen anstelle von Opiaten, um neben den Schmerzen selbst auch Angst und Atemnot zu bekämpfen.

Auf der seelischen Seite quälen sich Sterbende oft mit unbewältigten Handlungen, mit Versäumnissen und mit Zerwürfnissen, die sie bereuen; auch wer nicht an einen Gott glaubt, kann von Schuld erdrückt werden. Sterbebegleiter berichten immer wieder davon, wie Patienten erst sterben konnten, nachdem sie zum Beispiel über schreckliche Kriegserlebnisse gesprochen hatten, von denen ihre Familie nicht das Geringste wusste.

Angehörige und Freunde von Sterbenden können helfen, indem sie eigene Konflikte ansprechen, behutsam natürlich, und womöglich anbieten, Kontakt zu einem Menschen aufzunehmen, mit dem der Sterbende noch einmal sprechen möchte.

Irgendwann ist der Sterbende tot. Aber für die Angehörigen ist sein Sterben noch nicht zu Ende. Erstens gilt es nun, den Abschied zu organisieren, die Beerdigung vor allem, aber vieles mehr von der Abmeldung bei Versicherungen bis zur Wohnungsauflösung. Und zweitens geht so ein Sterbeprozess an den mittelbar Betroffenen nicht spurlos vorüber; pflegende Angehörige brechen nicht selten ihrerseits gesundheitlich zusammen, wenn ihre Aufgabe beendet ist. Sie sind die „Schattenkinder“ des Sterbens und man kann nicht früh genug auf sie aufpassen.

Ein Wort noch zum Abschied selbst: Als ich vor 15 Jahren, es war im November, hinter dem Sarg meines Vaters herging, da gab es einen einzigen Moment, in dem es mir gut ging. Das war, als ich mich umdrehte und sah, wie viele Menschen mit meinen Brüdern und mir gemeinsam Abschied nahmen. Also: Wenn ein Mensch gestorben ist, den Sie kannten – gehen Sie zur Beerdigung. Und wenn Sie können, sagen Sie den Hinterbliebenen etwas Gutes über den Menschen im Grab. Sie pflanzen damit einen Baum, der jahrzehntelang Früchte trägt.

Strauch
Bild: Agentur „Freunde von uns“

Eine Liebeserklärung – aber nicht an die DDR

Buchbesprechung: Christian Döring, Bibel statt Parteibuch. Mein Leben als Christ in der DDR, Francke, 158 Seiten, 12,95 Euro

Das Interview-Erinnerungsbuch Bibel statt Parteibuch von Christian Döring (Interviewer: Christian Heinitz) belegt nicht nur, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, es macht auch begreiflich, wie das Unrecht im Alltag funktioniert hat. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer vorgelegt, ist dieses Buch dennoch keine Abrechnungsliteratur. Im Gegenteil: Es ist eine Liebeserklärung an die Heimat und an die vielen Menschen, die sie trotz allem lebenswert gemacht haben.

Allen voran sind das Christian Dörings Mutter (sein Vater starb früh) und ihre Eltern, dicht gefolgt von den übrigen bessarabiendeutschen (und christlichen!) Einwohnern des mecklenburgischen Dorfes Serrahn, das in der DDR lag, aber wegen des Zusammenhalts der Serrahner nicht DDR war. Sie vor allem gaben dem jungen Christian die Kraft, seinen christlichen Glauben trotz aller Widrigkeiten zu bewahren und schließlich nicht nur auf eine Beförderung, sondern sogar auf einen komfortablen und gut bezahlten Arbeitsplatz zu verzichten, um stattdessen in einem Heim für behinderte Jugendliche zu arbeiten.

Die Partei und ihre vielen Arme, allen voran die Stasi, taten viel, um die Menschen unter ihrer Herrschaft zu willfährigen Untertanen zu machen, vor allem durch systematische Ungerechtigkeit zulasten von Abweichlern (S. 68: „Tja, Christian, wenn wir uns nicht auf dich verlassen können, dann wirst du auch nicht studieren können.“), wenn aus Sicht der Obrigkeit nötig, auch durch willkürliche Verhöre und mehrtägige Untersuchungshaft inklusive Verabreichung von Spritzen zur Erhöhung der Gesprächsbereitschaft. Es sind seine eigenen Erfahrungen, von denen Christian Döring berichtet, und es sind nicht die Erfahrungen eines politischen Aktivisten – alles, was er tat, war Artikel für die Kirchenzeitung zu schreiben.

In einer Atmosphäre beinahe totaler Überwachung waren große Unterschiede möglich. Erstens kam es darauf an, ob man es mit „Hundertprozentigen“ oder „Dreihundertprozentigen“ zu tun bekam. Zweitens konnte auch bei anscheinend Dreihundertprozentigen überraschend ein rechtschaffener Kern sichtbar werden, wie bei dem Stasi-Mitarbeiter, der die zur Anwerbung seines 18-jährigen Sohnes angerückten Kollegen aus seiner Wohnung warf (S. 156).

Bibel statt Parteibuch von Christian Döring sollte jeder lesen, der wissen möchte, wie es in der DDR wirklich war; Döring zeigt nicht die ganze Wahrheit (das beansprucht er auch nicht), aber einen Ausschnitt der Wahrheit, der ohne Bücher wie seines in Vergessenheit zu geraten droht. Das Buch liest sich leicht und flüssig, und am Ende macht es sogar Mut.

Männer: Ohne Christus nicht zu retten

Buchbesprechung: Beile Ratut, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag, 183 Seiten, 18,80 Euro

Beile Ratut Foto

Beile Ratuts Helden waren bislang ausschließlich Heldinnen. In den drei Erzählungen in Welt unter Sechs sind Männer die Hauptfiguren. Helden im klassischen Sinne sind sie nicht; dazu haben sie zuviel mit eigener Schuld zu kämpfen.

Mattei, der akademisch selbstbewusste Pfarrer in „Das Schandmal“, wird zum Aussätzigen und erkennt, wie verlogen er seine geistige Überlegenheit für geistliche ausgegeben und wie kaltherzig er seine ungebildete aber kluge Ehefrau wieder und wieder zurückgewiesen hat. Der Wissenschaftler Heinrich in „Heilige Nacht“ hat seinem engelhaften Sohn das „Wissen um die Mannbarkeit“ geschenkt, mit schrecklichen Folgen. Der obdachlose Ich-Erzähler in „Flut“ hat seine Geliebte zur Abtreibung gezwungen und seine Frau ihrem Mörder in die Arme getrieben.

Drei Männer stehen, jeder auf eigene Weise, jeder durch eigene Schuld, vor den Trümmern ihres Lebens. Und doch gehen alle drei Erzählungen gut aus. Dabei spielen Ehefrauen eine Rolle, die stärker sind, als sie scheinen. Letztlich aber, wie schon in Ratuts Romanen, ist die Quelle der Erlösung allein „ein reines Kind, das zu den Menschen gekommen war, um sich für sie zu opfern“ (S. 111).

Mit einer Bildsprache, die an Hermann Hesse erinnert, macht Beile Ratut das Böse und die Schuld so atemberaubend einfühlsam fassbar, dass man nicht aufhören kann weiterzulesen, obwohl man spürt, dass man lieber nicht wissen möchte, was als nächstes geschieht. Es ist ein Segen, dass diese begnadete Autorin sich für das Gute entschieden hat.

Haben Sie mal kurz Zeit?

Blöde Frage, ich weiß! 😉

Aber mal rein theoretisch angenommen, Sie hätten etwas Zeit, dann würde ich Ihnen ans Herz legen, sich diesen Vortrag unseres 1000plus-Vorsitzenden Kristijan Aufiero in Ruhe anzuhören. Sie würden überrascht, bewegt, begeistert sein. (Und wenn nicht, dann könnten Sie sich gerne bei mir beschweren.)

Im letzten Jahr wurden 2.191 Frauen von 1000plus beraten. Unser größter Wunsch ist es, dass das noch viele tausend mehr werden! Und deshalb geht 1000plus jetzt nach Bayern.

Die Rede von Kristijan Aufiero war Teil des 1000plus-Tags, der gleichzeitig der Auftakt für unsere neue Beratungsstelle war. Aber sie war so viel mehr als das … Sie erklärt, was 1000plus ist und warum.

Für den Aufbau unserer neuen Beratungsstelle für ungeplant Schwangere rechnen wir mit Kosten von 297.800 Euro für die ersten zwölf Monate (darin enthalten sind unter anderem die Gehälter für vier hochqualifizierte Beraterinnen, Ausbildungskosten, Miete, Einrichtung, technische Ausstattung und Telefon). Glücklicherweise hat eine kleine Gruppe von Großspendern versprochen, alle Spenden zu verdoppeln, die bis Ende Oktober 2015 für die Beratungsstelle Bayern eingehen, bis zu einer Summe von 148.500 Euro.

So könnten Sie dank unseres Bayern-Verdopplungsfonds also nicht nur rein theoretisch, sondern ganz praktisch helfen. Jeder Euro, den Sie auf unser Spendenkonto bei der Sozialbank München an

Pro Femina e.V.
IBAN DE90 7002 0500 0008 8514 02 | BIC BFSWDE33MUE
Verwendungszweck: Beratungsstelle Bayern

oder über unser Online-Spendenformular überweisen, hilft im Moment doppelt!

1000 DANK dafür!

 

Verdoppelungsfonds

 

 

 

 

(Bild „Verdopplungsfonds Bayern“: 1000plus)

Wunsch, Traum und Wirklichkeit

Irgendwie ist es ja ein großes Bisschen so, als wäre man dabei gewesen, wenn man das hier liest. Und das ist sehr tröstlich, wo doch am Samstag zwar mein Herz und meine Gedanken in Berlin waren, der Rest von mir aber am Niederrhein. Tröstlich ist, dass ich nicht gebraucht wurde, um die 7.000 Teilnehmer am „Marsch für das Leben“ voll zu machen. Und tröstlich ist es, dass diese Teilnehmer sich wieder einmal nicht haben einschüchtern lassen von den „kreativen, bunten Störaktionen“.

Aber wie auch in den vergangenen Jahren bin ich untröstlich über diese Unverständigkeit der Störer. Was passiert da eigentlich jedes Jahr aufs Neue in Berlin, wenn friedliche Menschen friedlich für das Leben demonstrieren? Wohl gemerkt: dafür! Nicht gegen Frauen, nicht gegen Selbstbestimmung, nicht gegen Sex oder was auch immer. Ist es denn wirklich so schwer zu ertragen, wenn Menschen nicht nur fordern, jammern und blockieren, sondern tatsächlich etwas tun möchten? In diesem Fall vorrangig ungeplant Schwangeren und ihren Babys zu helfen?

Und ich frage mich, wie auch in den vergangenen Jahren: Könnten wir nicht einfach zusammen arbeiten, bis wir all das in unserer Gesellschaft erreicht haben, was beide Seiten wollen: mehr Hilfe für Frauen, mehr echte Wahlfreiheit, mehr finanzielle Unterstützung, mehr Akzeptanz und die vielen anderen Dinge, in denen wir uns im Prinzip einig wären – wenn wir uns das denn endlich eingestehen würden? Und weiterstreiten könnten wir doch einfach danach.

Es ist richtig zu demonstrieren und das, was Tausenden von Frauen in unserem Land passiert, nicht unkommentiert zu lassen. Aber mal ehrlich, wem hilft dieser Streit auf den Straßen Berlins eigentlich? Das will mir nicht so richtig klar werden. Helfen jedoch wollen wir doch eigentlich alle – egal auf welcher Seite wir „marschieren“. Oder?

Wir sind die Menschen, denen es nicht egal ist. Und dass beide Seiten Energie und Ausdauer haben, haben sie gerade erst wieder bewiesen. Was könnte man damit nicht alles erreichen … Gemeinsam.

Kein Buch über Missbrauch

Nahhall Cover front

 

 

Buchbesprechung: Beile Ratut, Nachhall, Ruhland Verlag, 485 Seiten, 24,80 Euro

In Nachhall, Beile Ratuts zweiten Roman, spielt der Missbrauch eines siebenjährigen Mädchens durch einen pädophilen Nietzsche-Anhänger eine Schlüsselrolle. Trotzdem ist Nachhall kein Buch über Missbrauch. Es ist ein Buch über die Wahrheit.

Im Roman kommt die 30-jährige Espen Barthélemy in eine Stadt, von der aus sie ihr eigentliches Ziel zu erreichen hofft, das „Haus der Freude“ irgendwo im Norden der Stadt. Allerdings bezweifeln die Stadtbewohner, dass dieses Haus wirklich existiert. Sie senden Espen zur Grenzstation. Dort erfährt sie, dass sie auf einen Transport warten muss, und sie bleibt in der Stadt.

In dieser Stadt, deren Namen man sowenig erfährt wie den des Landes, in dem sie liegt, sind die Menschen verschlossen. Ihre Beziehungen zueinander sind oberflächlich, ihre Nöte behalten sie für sich. Das gilt auch für den Kurator des Völkerkundemuseums, der mit Espen eine heimliche Affäre hat: Was ihn belastet, behält er für sich.

Das oberste Gesetz in dieser Stadt scheint die Wahrung der Harmonie zu sein. Die wichtigste Bedingung dafür besteht im Verzicht auf eine allgemeingültige Wahrheit (und erst recht im Verzicht auf ein Jenseits). Die wenigen Menschen, die auf einer allgemeingültigen Wahrheit bestehen oder gar auf einem transzendenten Gott, ecken ebenso an wie die wenigen, die auf Defizite in der Wirklichkeit aufmerksam machen.

Espen, durch deren Gedanken der Leser diese Gesellschaft kennenlernt, tastet sich auf verschiedenen Erzählebenen vorwärts. Fragmentarisch erschließt sich ein Elternhaus mit einem distanzierten, wenngleich freundlichen Vater und einer unglücklichen Mutter und die geduldige Verführung der siebenjährigen Espen durch den Nietzsche-Verehrer Kobalt, dessen Nietzsche-Zitate zur Befreiung des Menschen durch den Tod Gottes durch das ganze Buch hallen.

Espen ist durch den Missbrauch verletzt, besudelt, verunsichert. Einer der Gründe dafür ist der Umstand, dass sie es ist, die in den Augen der Gesellschaft etwas verloren hat. Immer wieder wird sie aufgefordert, ihren Frieden mit dem Relativismus der Gesellschaft zu machen und ihre Suche nach der Wahrheit aufzugeben. Autoritätspersonen, die vorgeben, alles zu wissen, weisen ihr Schablonen zu. Andere, wie der Kurator, wollen zwar ihre Zustimmung, nicht aber ihr Verstehen. Nicht einmal die durchaus freundlichen Geistlichen, bei denen Espen Rat sucht, weisen über das Diesseits hinaus; mich erinnern Espens Dialoge mit diesen beiden an Sören Kierkegaards Parabel vom Geschäft mit dem Schild „Hier wird Wäsche gewaschen“ – es stellt sich heraus, dass dieses Geschäft nicht Wäsche wäscht sondern nur die entsprechenden Schilder herstellt. Trotzdem beraten diese Geistlichen Espen redlich. Ihren Weg muss sie allerdings selber gehen.

Beile Ratuts Roman Nachhall beschreibt eine Gesellschaft (unsere Gesellschaft!), die human sein will. Aber sie strebt Humanität um den Preis der Wahrheit an. Espens Weigerung, sich dieser Diktatur des Relativismus zu unterwerfen, sie ist identisch mit ihrer Weigerung, das ihr widerfahrene Verbrechen zu verdrängen, macht sie einsam. Aber sie bewahrt ihr die Fähigkeit, die eine Stimme zu hören, die nicht relativistisch ist. Diese „Stimme“ die in mehreren Kapiteln jeweils ganz allein erklingt, wird nicht identifiziert, aber was sie über sich sagt, legt den Verdacht nahe, dass es die Stimme Christi ist. Diese Stimme sagt: Du bist nicht belanglos. Ich bin für Dich gestorben.

Nachhall ist keine leichte Kost, weder inhaltlich noch stilistisch. Aber am Ende ist es, auch ohne eigentliches Happy-End, ein ermutigendes Buch. Hinzu kommt das meisterhafte Sprachgefühl Beile Ratuts: Auch ihren zweiten Roman konnte ich nicht weglegen, weil mich ihre Sprache gefesselt hat; sie selbst würde vielleicht sagen: gebannt.

Das Foto

Ich bin nicht alleine. Und das ist der einzige kleine Funke Hoffnung, den ich an diesem Tag habe, an dem ich gemeinsam mit der Welt fassungslos, wütend, traurig, fluchend, hilflos, sprachlos, verzweifelt und mit Tränen in den Augen unfreiwillig auf das Foto hier des im Mittelmeer ertrunkenen kleinen Jungen schaue. Ich bin nicht alleine in diesem Chaos an Gefühlen. Aber vor allem mit dem dringenden Wunsch, dass so etwas nie wieder passieren soll. Hoffentlich. Endlich.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich zu Fotos eine besondere Beziehung habe. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass man manche Bilder gesehen haben muss, damit man begreift – und nie mehr vergisst. Natürlich wäre es schön, wenn man die Wahl hätte und sich innerlich wappnen könnte (wie beispielsweise auf dieser Website hier, die ausschließlich nachts die Fotos abgetriebener Kinder freischaltet, damit man so etwas nicht beim zufälligen Vorbeisurfen sieht). Aber die neuen Medien funktionieren eben inzwischen anders.

Für mich als Mutter und als Mensch ist im Moment nicht entscheidend, welche die wahren Beweggründe der Migration dieser und anderer Familien sind (mit denen sich offensichtlich Ungebildete und/oder Herzlose eh besser auskennen… *Ironie off*) oder was da auf dem Mittelmeer genau passiert ist. Ich muss auch nicht das Gesicht des Jungen sehen. Und ich wundere mich auch nicht, dass die Fotografin den Auslöser gedrückt hat. Hier ist ein kleines Kind gestorben. Und das ist unendlich trauig. Punkt.

Jeder, der es gesehen hat, trägt nun das Foto des Jungen in sich. Das ist etwas, das bleibt. Und es ist so viel mehr als von den unzähligen anderen Kindern bleiben wird, die bisher auf der Flucht umgekommen sind und die zweifellos auch in der nächsten Zeit noch sterben werden.

Trauer lähmt und Wut blockiert, aber in all dem Schmerz steckt auch Kraft. Ich wünsche mir, dass wir, die vielen Menschen, die sich heute so fühle wie wir uns fühlen, diese Kraft erkennen und nutzen, damit wir in Zukunft keine ähnlichen Bilder mehr sehen müssen. Weil wir dazu beitragen können, dass so ein Unglück verdammt noch mal nicht wieder passiert!

 

#‎KiyiyaVuranInsanlik‬

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Der Eisvogel