Salz der Erde oder heiliger Rest?

Buchbesprechung: Rod Dreher, Die Benedikt Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft, aus dem Amerikanischen von Tobias Klein, fe-medienverlags-GmbH 2018

Machen wir uns nichts vor: Das Christentum hat seine Funktion als gesellschaftsprägende Kraft verloren. Liberalismus und Gender sind auf dem Vormarsch, und immer mehr Christen vertreten eine Light-Version des Glaubens, die Harmonie über Wahrheit stellt. Wir haben das Ende einer Entwicklung erreicht, die mit dem Nominalismus William von Ockhams begann. Vor Ockham hatte ein Gegenstand eine immanente Bedeutung. Nach Ockham hing die Bedeutung von der Zuschreibung Gottes ab. Heute, im Zeitalter von Gender, kann ein Mensch im Prinzip sogar jederzeit selbst entscheiden, welches Geschlecht er hat.
Für den amerikanischen Kolumnisten und Schriftsteller Rod Dreher stehen wir vor einer Zeitenwende wie beim Untergang des Römischen Reiches. Damals rettete der heilige Benedikt das Abendland. Heute, sagt Dreher, können wir das mit seiner Hilfe wieder tun – und mithilfe der Benediktsregel.
Der Schlüssel dazu ist die Bildung und Erhaltung christlicher Gemeinschaften, auch Klöster, vor allem aber Gemeinden, die wirklich zusammenleben (und sich nicht nur zum sonntäglichen Gottesdienst treffen. Zuvor muss man begreifen, dass der Versuch, eine christliche Gesellschaft über die (republikanische) Politik zu bewahren, nicht nur gescheitert ist, sondern vielleicht sogar ein Irrweg war. Politisches Engagement, sagt Dreher, sollte sich künftig auf die Bewahrung der Glaubensfreiheit konzentrieren – die ist in einer relativistischen Gender-Gesellschaft nämlich alles andere als gewährleistet.
Jeder Einzelne ist berufen, seine eigene Beziehung zu Christus lebendig und Christus seinen Kindern zugänglich zu machen – sowie Entscheidungen gegen den gesellschaftlichen Mainstream zu treffen und durchzuhalten. Das betrifft das Streben nach Reichtum, das zunehmend in Konflikt mit christlichen Bekenntnissen geraten wird, vor allem aber den Umgang mit Sexualität. Das christliche Menschenbild mit der Erschaffung als Mann und Frau und der Untrennbarkeit von Liebe, Sex und Ehe ist der ultimative Widerspruch zu einer Gesellschaft, die von jederzeit zugänglicher Pornographie und dem Bekenntnis zur Gleichwertigkeit aller Formen sexuellen Verhaltens geprägt ist.
Das schafft man nicht alleine, und man schafft es auch nicht, wenn man mit Gleichgesinnten nur in der Ferne verbunden ist: Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf. Wenn man es schafft, können solche Dörfer vielleicht schon in ein paar Jahrzehnten den Glauben wieder ausbreiten. Denn der nachchristlichen Gesellschaft, deren Entstehung wir erleben, gibt Dreher keine Zukunft. Ihre Kraft reicht aus, um Christen an den Rand zu drängen. Aber sie wird nicht ausreichen, um ein Erbe zu schaffen.
Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, auch wenn die amerikanischen Verhältnisse nicht deckungsgleich auf Deutschland zu übertragen sind. Drehers Analyse hat Wucht, und dann haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, was nach den erneuten Missbrauchsenthüllungen in den USA von den Strukturen der katholischen Kirche übrigbleiben wird. Aber steht seine Empfehlung zum Rückzug aus der Öffentlichkeit nicht im Widerspruch zu unserem Missionsauftrag? Müssen wir uns nicht als Christen in die Gesellschaft einbringen, um sie christlicher zu machen? Sind wir nicht das Salz der Erde?
Eigentlich ja. Aber wenn das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Insofern ist das Mindeste, was man sich schuldet, bevor man Rod Drehers Vorschlag („Entweltlichung“?) verwirft, eine gründliche Gewissenserforschung.

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