Vergeben ist nicht menschlich

Von den vielen Wunderheilungen Christi ist die wohl interessanteste die, bei der ein Gelähmter von seinen vier Freunden durch das abgedeckte Dach zu Christus hinabgelassen wird (Mk 2, 1-12). Jesus bemerkt den Gelähmten und sagt zu ihm: „Deine Sünden sind dir vergeben.“
Als die Umstehenden murren, fragt er sie, was wohl schwieriger sei: zu heilen oder die Sünden zu vergeben? Und zum Beweis, dass er die Vollmacht zur Sündenvergebung hat, heilt er anschließend auch noch die Lähmung.

Vergebung ist für Christus sehr wichtig: „Siebenmal siebzigmal“ sollen seine Jünger vergeben (Mt 18, 22), und in dem Gebet, das er sie und uns gelehrt hat, ist das Vergeben die EINZIGE Bedingung, die wir zu erfüllen haben.

Auch die Sache mit der Vollmacht ist wichtig. Vergeben können nur der Betroffene und der allmächtige Gott; denn keiner kann verschenken, was ihm nicht gehört. Es ist schön und gut, wenn ich Dschingis Khan vergebe. Es nützt ihm aber nichts, wenn er mir gar nichts getan hat. Und wenn die kirchlichen Vorgesetzten, wie es ein Münsteraner Pfarrer kürzlich vorschlug, den Geistlichen verziehen, die des Missbrauchs schuldig geworden sind, dann wäre diesen Geistlichen nur wenig geholfen, denn der Löwenanteil ihrer Schuld besteht gegenüber ihren Opfern.

Die meisten Christen sind sich einig, dass Vergebung nicht den Verzicht auf Selbstschutz bedeutet und Wiedergutmachung nicht ausschließt. Was Vergebung konkret bedeutet, darüber wird aber viel zu wenig gesprochen. Viele Deutungen sind außerdem allzu gefühlsorientiert – als würde Vergebung bedeuten, dass man Vergebung fühlt, dass man den Menschen, von denen man Unrecht erlitten hat, so wohlgesonnen ist, als wäre nichts geschehen. Man versuche einmal, solche Gefühle in sich zu erzeugen – man wird merken, dass es nicht gelingt. Vielleicht schafft man es noch, wenn der Schuldige Reue zeigt. Aber viele Schuldige tun das gerade nicht, und trotzdem soll man ihnen vergeben. Wie kann das gelingen?

Christus macht es vor, am grausigen Tiefpunkt seines Lebens, am Kreuz (Lk 23, 34): „Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Es fällt nicht sofort auf, aber es ist bedeutsam: Christus sagt nicht etwa „Vater, ich vergebe ihnen.“ Es ist möglich, dass seine menschliche Natur ihm das unmöglich macht. Aber es ist sicher, dass seine göttliche Natur eine zuverlässige Lösung findet. Vor allem, was uns Gläubige betrifft, eine zulässige Lösung: Auch wir können, wenn es uns nicht gelingt, Vergebung zu fühlen, die Aufgabe, die uns nicht erlassen wird, durch Übertragung an Gott erfüllen. Was für einen Menschen unmöglich ist, das ist möglich mit Gott.

Dabei hilft es, wenn wir Vergebung vorrangig als Rechtsakt begreifen, genaugenommen als einen in Ewigkeit unwiderruflichen Rechtsakt. Wenn wir einmal „Vergib ihnen!“ zum allmächtigen Gott gesagt haben, dann ist diese Schuld von ihrem Konto gestrichen, und wenn sie eines Tages trotzdem nicht in den Himmel kommen, dann wird es nicht an uns gescheitert sein. Tatsächlich werden wir, wenn wir diesen Rechtsakt vollzogen haben, immer wieder einmal Groll spüren. Aber wir werden uns jedesmal daran erinnern, dass die Sache vor Gott aus der Welt ist: In dem Punkt, auf den es am meisten ankommt, in der Frage des ewigen Lebens, ist sie ein für allemal erledigt.

Wir brauchen also keine Vergebungsgefühle zu haben, um wirksam vergeben zu können. Das ist eine gute Nachricht für „Schuldiger“ und Vergebungsberechtigte – die meisten von uns sind ja beides. Wir dürfen nur eines nicht vergessen: Während jeder, der einen Christen um Vergebung bittet, darauf hoffen darf, ist das gleichwohl kein Anspruch, den ein Täter dem Opfer gegenüber hätte. Auf menschliche Vergebung gibt es keine Garantie.

Auf göttliche schon: Wer Gott im Ernst um Vergebung bittet, der wird sie erlangen – siebenmal siebzigmal.

 

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